23 Mai 2005

Ratespiel: Hundert Jahre Neugierde

Geboren in Paris, erzogen in Paris, verzogen nach San Remo, vorgedrungen in die letzten „Weissen Flecken“ auf den Karten Persiens und der saudi-arabischen Halbinsel – unser Forschungsreisende/r hat in erfüllten hundert Lebensjahren viel erlebt.

Obwohl, ja, obwohl er seit seiner Jugend „an schwacher Gesundheit“ laborierte, sich Masern, Malaria und Denguefieber zuzog, und auf seinen Reisen mehrere Herzattacken erlitt.

Schuld an der unstillbaren Reise- und Entdeckungslust war ein italienischer Kapuzinermönch, den Traveller in San Remo kennenlernte, und von dem er Arabisch lernte. 1927 begann die erste Reise nach Osten; in den Libanon, ins Land der Drusen. Nach sieben Monaten war klar: “Ich werde meine Zukunft neu planen müssen.“

Zwei Jahren später kehrt er in die Levante zurück – und taucht als Kostgänger einer Schumacherfamilie tief in das arabischen Leben ein. Traveller lernt neben Arabisch auch fließend Persisch, organisiert vor Ort zwei sensationelle archäologische Ausgrabungen am Kaspische Meer und schreibt sein erstes Buch mit dem deutschen Titel „I...................r“.

Als er in den Dreißiger Jahren nach England zurückkehrte, wurde er von der Royal Geographic Society hoch dekoriert. Von einer anderen Royal ..... Society erhielt Traveller die Burton-Medaille und den Auftrag zu zwei neuen Expeditionen in das „leere Viertel“ des südliche Arabiens, um frühe Zentren des „Gewürz- und Weihrauchhandels“ zu erforschen.

Wie viele britische Traveller seiner Zeit arbeitet unsere gesuchte Person im Zweiten Weltkrieg für den britischen Geheimdienst – er ist an der Gründung der „Brüder und Schwestern der Freiheit“, einer clandestinen pro-britischen Organisation, in Ägypten beteiligt.

Auch in den Sechziger, Siebziger und Achziger Jahren ist die Wanderlust ungebrochen: Türkei, Syrien und immer wieder Persien. Traveller ist Ende Siebzig, als die BBC ihn zu einer großen Euphrat-Expedition einlädt. Ihre eigenen Reisepläne führen sie gar noch weiter – bis Afghanistan und Nepal. Traveller ist sechsundachtzig, als er auf dem Rücken eines Pferdes das Annapurna-Basecamp erreicht.

Kurz vor dem Tod 1993 – wieder in den Bergen nahe San Remo - schreibt der hundertjährige Traveller: „Die Natur des Entdeckens ist noch immer einer der inspirierendsten Leitsterne des menschlichen Geistes.“

Wer war da unterwegs?

Viel Spaß beim googlen.

© Jochen Vorfelder

15 Mai 2005

Ratespiel: Tod auf dem Strom

Wer im 18. Jahrhundert als siebtes Kind eines schottischen Weizenbauers geboren wird, dem ist die Reiselust und eine Karriere als Forschungsreisende/r nicht zwangsläufig in die Wiege gelegt.

Doch durch ihre medizinischen Studien kam unsere gesuchte Person in Kontakt mit dem berühmten Botaniker und Entdeckungsreisenden Sir Joseph Banks, der schon mit Captain James Cook die Erde umsegelt hatte.

Banks beschaffte Traveller zunächst eine Passage als Schiffsarzt nach Samutra, bevor er ihn beauftragte, den noch unbekannten Verlauf eines Flusses zu erforschen.

Fünf Jahre vor der Jahrhundertwende kam Traveller in Westafrika an und machte sich auf eine erste beschwerliche Reise ins Landesinnere – begleitet von einem Diener namens Johnson, einem freigelassenen Sklaven als Führer, zwei Eseln und einem Pferd. Sie kamen nicht weit.

Nach vier Monaten Gefangenschaft in der Hand eines feindseligen Dorfoberen gelangen es Traveller und Johnson, zu fliehen – durch Dschungelgebiete, aber auch durch sandigen Steppen, die von Traveller’s Namensvettern in Erdhöhlen, die zur Familie der Ichneumons gehören, bewohnt werden.

Travellers Reisebeschreibung „T...........a“, von der die erste Auflage in kürzester Zeit vergriffen war, machte ihn zu einer reichen Persönlichkeit; mit dem Honorar von 1000 Pfund eröffnet er eine Arztpraxis in seinem Heimatort. Doch das Scheitern in Afrika verwandt unsere gesuchte Person nie.

Zehn Jahre später startete Traveller einen weiteren Anlauf zur Quelle des Flußes – diesmal mit 40 weiteren Weißen, darunter 30 Soldaten zum Schutz. Auch dieser Expedition war kein glückliches Ende beschert: Nach 6 Monaten und 1000 Meilen über Land und auf dem Strom waren außer Traveller nur noch 4 Weiße am Leben; die anderen waren durch Durchfall geschwächt an Gelbfieber gestorben oder den Kugeln von Heckenschützen zum Opfer gefallen.

Wann Traveller selbst sein Leben verlor, ist nicht überliefert: Sicher ist nur, daß er 1806 als einer der Letzten der Expedition in seinem Schicksalsstrom ertrank. Seine Lebensgeschichte inspirierte einen amerikanischen Schriftsteller, der außer einem naheliegenden Werk über das Ertrinken auch den Bestseller „W...... ........k“ veröffentlicht hat.

Wer war da unterwegs?

Viel Spaß beim googlen.

© Jochen Vorfelder

04 Mai 2005

Waldmeisters Traum

Den Dingen ihren Lauf lassen. Nicht eingreifen, auch wenn’s schwer fällt. Träumen muss man Zeit geben. Diesem Wald auch.

Eine Geschichte über die Gesetze der Wildnis im Nationalpark Bayerischer Wald. Über Männer, die zuschauen können.


Acht Uhr, ein Tag Anfang September; es ist noch ziemlich frisch und diesig, aber Mario Schmid liebt diese Zeit des Tages ganz besonders. Dann hängen die Nebelschwaden wie hingetupft über dem Latschensee bei den Hochmooren und hüllen die alten Sommerweiden in ein unwirkliches Licht. Ein erster Lichtstrahl kommt tastend durch, die Sonne sucht vorsichtig den Weg auf die Erde. Gelegentlich klopft ein Specht.

Wanderer trifft man selten, im Winter kommt fast nie einer her, oft liegen zwei Meter Schnee von November bis April. Schmid sagt, hier oben gebe es Luchse und drüben auf der böhmischen Seite auch wieder Wölfe. Hier oben, im Nationalpark Bayerischer Wald entlang der Grenze zur Tschechischen Republik, liegt eines der letzten Urwaldgebiete Deutschlands.

Mario Schmid kennt diesen Wald – rund 24250 Hektar zwischen Bayerisch Eisenstein im Norden und Mauth im Süden – wie nur wenige. Mit 17 Jahren hat er sich beworben beim Forstamt Zwiesel, an der Motorsäge gearbeitet und jahraus, jahrein Holz gemacht. Jetzt ist er 30 und hat sein Leben völlig auf den Kopf gestellt. Seit er 1999 zur Nationalparkwacht wechselte, ist er einer von zwei Dutzend Rangern, die seit der späten Gründung im Nationalpark Bayerischer Wald patrouillieren und nach dem Rechten sehen. Natürlich zu Fuß oder im Winter auf Skiern, will Schmid vermerkt wissen und rechnet aus, dass er bei einem normalen Tagespensum von zehn Kilometern noch zweimal um die Erde marschieren wird, bevor er in den Ruhestand geht.

So schreitet er ruhig aus. Beobachtet Schleuser und Schmuggler an der Grenze, hilft verirrten Wanderern und bringt den Besuchern die Idee des Nationalparks näher: zuschauen, nicht eingreifen, Natur wieder Natur sein lassen. Im Wald komme es auf einen Tag nicht an, sagt Schmid.

Wenn der Mann auf seinen einsamen Routen auf Wanderer trifft, sucht er das Gespräch wie ein Evangelist und erzählt aus vollem Herzen: von den Hochmooren und den Aufichtenwäldern unten im Tal, von Rot- und Schwarzwild, vom Marder und vom Fischotter, von mehr als 50 Waldvogelarten wie dem Auerhahn und dem scheuen Schwarzstorch. Er erklärt in einfachen Worten die komplexe Dynamik des Ökosystems als Ort des Werdens und Vergehens und spricht davon, wie überholt die alten Vorstellungen vom ordentlichen, aufgeräumten „Deutschen Wald“ inzwischen seien. Während seiner Zeit beim Forstamt hat Schmid selbst noch daran geglaubt, im Nationalpark gelten sie nicht mehr. Erst 1970 wurde der alte Teil als erster von inzwischen 13 deutschen Nationalparks eröffnet, 1997 kam das Erweiterungsgebiet hinzu.

Hier soll aus dem Forst wieder Wildnis und aus der Wildnis wieder Urwald werden. Das will auch Schmid, und deshalb macht er seine Sache gut – manchmal mit mehr Dialekt als Dialektik, aber immer mit Liebe zum Wald. Für ihn sind Tage im Park mehr als Arbeit, und der Wald ist mehr als ein Arbeitsplatz, ist Heimat.

Zehn Uhr, es hat etwas aufgeklart. Forstamtmann Reinhold Gaisbauer kommt in seinem betagten Geländewagen vom Höllbachgepreng herunter. Diese Schlucht mit ihren haushohen Wasserfällen und überhängenden Felsabstürzen am Fuß des Großen Falkensteins gehört zu den ursprünglichsten Flecken im Park. Seit Gaisbauers Revier beim Forstamt Zwiesel in den Nationalpark aufgegangen ist, betreut der Förster die Infrastruktur im Erweiterungsgebiet. Er steht also der Schreinerei vor und sorgt unter anderem dafür, dass die Wander- und Radwege in Ordnung sind.

Über mehr als 300 Kilometer können die Besucher sich die kleinen Sensationen des Nationalparks erwandern, in drei Berggaststätten in der Sonne rasten oder sich auf den Weg zur offenen Grenze nach Böhmen und in den angrenzenden tschechischen Nationalpark ëSumava machen. Alle Wege sind markiert, für Radfahrer wurden eigens 200 Kilometer im Park reserviert. Tiersymbole wie der Luchs, der Bär oder der Auerhahn auf gelbem Grund kennzeichnen Rundwege zwischen einer und sechs Stunden Fußmarsch; weiße Plaketten verweisen auf Verbindungen zwischen zwei Zielen. Auch der Europäische Fernwanderweg zwischen der Ostsee und der Adria führt durch den Park.

Reinhold Gaisbauers nächstes Ziel auf der Kontrollfahrt ist der Hans-Watzlik-Hain, einer der sechs Nationalpark-Lehrpfade und geführten Rundgänge in speziellem Freigelände. Hier will er den Zustand der Informationstafeln unter die Lupe nehmen. Nein, einfach sei das alles nicht gewesen damals bei der Erweiterung des Nationalparks, da hätten schon einige stark gezweifelt, ob man so riesige und produktive Waldflächen sukzessive bis 2017 aus der Nutzung nehmen und dem Naturschutzgedanken opfern solle, sagt Gaisbauer: „Doch im Grunde hat der Nationalpark dem Bayerwald in den letzten 30 Jahren die großen Fortschritte gebracht.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Innere Bayerische Wald nämlich eine äußerst strukturschwache Region und eines der Armenhäuser der jungen Republik. Im Winter, wenn der Schnee den Wald für Hirten und Holzarbeiter fast unpassierbar machte, waren oft vier Fünftel der Männer arbeitslos. So gesehen war die Gründung des Nationalparks 1970 das wohl erfolgreichste strukturpolitische Programm, das jemals von einer bayerischen Landesregierung aufgelegt wurde. Heute kommen Jahr für Jahr 2,5 Millionen Touristen, die im Schnitt pro Person und Tag 60 Euro zurücklassen. In den Nationalparkgemeinden, wo sich einst Fuchs und Hase Gute Nacht sagten, ist eine florierende Tourismus-Industrie entstanden: Die „Waldler“-Gegend, wie die Einheimischen sagen, steht heute blendend da.

So blendend wie der wohl einmalige Watzlik-Hain. Gaisbauer erläutert, dass die zwölf Hektar große Fläche nach den glaubhaften Unterlagen der Forstämter seit rund 400 Jahren nicht mehr wirtschaftlich genutzt werde und damit wohl das Areal im Nationalpark sei, das einem unberührten Bergwald am nächsten komme.

Und was gibt es zu sehen? Das Waldstück ist mit sehr wenig Unterholz überraschend licht. Pflanzen aller Entwicklungsstufen eines gesunden Waldes leben und modern hier einträchtig mit- und nebeneinander. Gewaltige Buchen gibt es hier und Tannen mit zwei Meter Durchmesser in Brusthöhe. Gestürzte Riesen haben breite Schneisen geschlagen, in ihrem Verhau wachsen neue Pflänzlinge im Moos und drängen zum Licht. Im Watzlik-Hain werden die in Menschenjahren nicht fassbaren Zeithorizonte von Naturwäldern sichtbar. Um solche Gegenden wie den Watzlik-Hain ranken Mythen, Erinnerungen und Sehnsüchte der Einheimischen. Im Bayerischen Wald spielen auch Adalbert Stifters Bergwaldsagas. Hier bildete sich der echte „Waldler“, dieser ganz eigene Menschenschlag, heraus. Bis 1995 der Borkenkäfer kam und der Wald auf einen Schlag starb.

Dreizehn Uhr: Auf geht’s, ruft Forstoberrat Wolfgang Bäuml, wirft sich die Fleece-Jacke über die Schulter und richtet den grünen Filzhut: Über dem Park erstreckt sich ein strahlend blauer Himmel. Kaiserwetter. Ja, auf geht’s auf den Lusen-Gipfel. Bäuml ist lokales Urgestein, seit gut 20 Jahren steht er in Diensten des Nationalparks. Mittlerweile ist er der Mann für alle Informationszentren und Museen und daher, wie er mit leidender Miene sagt, am Schreibtisch festgenagelt.

Abmarsch. Vom großen Parkplatz für die erdgasbetriebenen Igelbusse, die Besucher des Hans-Eisenmann-Hauses über das Dorf Waldhäuser zum Fuß des Berges bringen, führt der Weg in den Bergfichtenwald. Weiter geht’s durch alte Bestände mit genügsamen Vogelbeeren hoch zur steilen Himmelsleiter, bevor das Gipfelkreuz des Lusen auf der nackten, 1373 Meter hohen Granitkuppe lockt.

Nackt ist am Lusen nicht nur der Gipfel. Der grandiose Rundblick weit von den Donauauen über den mächtigen Großen Rachel mit seinen 1453 Metern bis tief hinein nach Böhmen enthüllt, dass von der einstigen Waldpracht, von den wogenden Teppichen aus grünen Wipfeln nichts übrig geblieben ist. Weil nach regelmäßigen kleineren Attacken 1996 die schlimmste Borkenkäferplage seit Menschengedenken ausbrach, ragen auf rund 3600 Hektar – das sind fast 15 Prozent der Gesamtfläche des Parks – nur noch die Stümpfe gebrochener Bäume aus den Hängen.

Anfang der neunziger Jahre geriet das über Jahrzehnte hinweg ausgewogene Verhältnis zwischen dem Borkenkäfer und seinem Wirt, der Fichte, nicht zuletzt durch Umweltfaktoren in Schieflage. Kürzere Winter, veränderte Regenperioden, einige trockene Sommer und eine Klimaerwärmung in den Hochlagen um 0,6 Grad über das letzte Dutzend Jahre verstärkten den Stress für die sensiblen Fichten und bereiteten den Boden für eine explosionsartige Vermehrung des Käfers. Millionen von etwa drei Millimeter kleinen Fliegern schwärmten aus, um sich in die Borke von geschwächten Fichten zu bohren und ihre Brut in der Nährstoff-führenden Basthaut zu hinterlassen. Nach sechs Wochen ist der Baum dem Tod geweiht, die nächste Käfer-Generation geschlüpft und zur Reproduktion bereit. Aus Millionen werden schlagartig Milliarden von Bohrern und Fressern, die über den Wald herfallen.

„Als sich in den Jahren 1996 bis 1998 die Hänge von Rachel und Lusen durch die verdorrenden Fichtennadeln weithin sichtbar graugrün bis rostrot färbten und der ,Wald vor Schmerz blutete‘, da stand ich“, sagt Bäuml, „mit meinen Kollegen öffentlich am Pranger.“ Warum schauten die tatenlos zu, wie aus dem wogenden Hochwald ein Waldfriedhof wurde? Warum griffen die nur im Randbereich des Parks ein, wo das Übergreifen der Plage auf Staatsforste und wirtschaftlich genutzte Privatwälder durch konsequente Einschläge erfolgreich verhindert wurde?

Die Parkler waren in arger Bedrängnis. Nicht wenige in der Region prophezeiten, dass die Touristen ausbleiben würden,
dass es aus sei mit dem Broterwerb, dass der Wald nie mehr kommen würde, die Heimat nie wieder Heimat sein würde. Es waren bekannte und wohl gelittene Gesichter darunter, Förster im Ruhestand und ehemalige Abgeordnete mit nicht wenig Einfluss in der Münchner Staatskanzlei. Sie machten Front gegen die Nationalparkverwaltung, gegen tatsächliche Umweltschützer und vermeintliche „Öko-Faschisten“. Die Bürgerbewegung, die das Fällen und den Abtransport der Bäume sowie das Verbrennen der Borke einklagte, spaltete Familien und ganze Dörfer. Einige verloren die Nerven, etwa als ein Gebäude der Nationalparkwacht nach einem Brandanschlag in Flammen aufging und örtliche Fürsprecher der bedrängten Parkler bedroht wurden.

Doch die Zeit der zerstochenen Reifen, sagt jedenfalls Wolfgang Bäuml, sei vorbei. Die Käferpopulationen sind längst wieder eingebrochen, und die Argumente für ein Festhalten an der Nationalpark-Idee waren letztlich stärker – weil aus der Katastrophe ein neues Ökosystem entsteht und der Wald wieder wächst. Langsam zwar, aber allen Unkenrufen zum Trotz und zur Beruhigung der Wanderer, die meist geschockt sind, wenn sie zum ersten Mal einen Wald in diesem Entwicklungsstadium sehen. Doch wer genau hinschaut auf dem Waldfriedhof, wo die silbergrauen Stümpfe und Stangen liegen wie ein Mikado für Riesen, kann die Kinderstube des neuen Waldes erkennen.

Wenige Minuten vor dem letzten Gipfelanstieg über die Himmelsleiter hat die Nationalparkverwaltung den geführten Hochwaldsteig angelegt, hier schlängelt sich ein Bohlenweg besucherfreundlich durch das neu entstehende Unterholz. Schon ein paar Jahre nach dem Käferbefall sind der Neubewuchs und die entstandene Artenvielfalt beeindruckend: Insekten schwärmen, überall krabbelt es, Eidechsen huschen in die Sonne. Weidenröschen blühen, Himbeer- und Heidelbeersträucher wuchern. Pionierbäume wie Birken, Salweiden, Zitterpappeln, Vogelbeeren und Bergahorne gedeihen prächtig. Sie bereiten den Weg für eine neue Generation von Fichten, die wie Orgelpfeifen sprießen, weil beim Zerfall der gestürzten Vorfahren über Jahrhunderte gesammelte Nährstoffe freigesetzt werden. Für Wolfgang Bäuml, den alten Praktiker, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Fichten wieder das Regiment übernehmen. So zwischen 60 und 100 Jahre, schätzt er, wird es dauern, bis sich ein Bergwald ohne menschliche Eingriffe gebildet hat. Kann schneller gehen, kann länger dauern, aber Sorgen macht Bäuml sich deswegen nicht. „Was soll schon anderes wachsen im Wald als Wald“, grummelt er.

Siebzehn Uhr, Nationalparkverwaltung Grafenau. Wer Karl Friedrich Sinner hinter seinem Schreibtisch beobachtet, wie er nach einem langen Arbeitstag mit leichtem Augenblinzeln hinter der Brille durch Berichte und Statistiken blättert, sollte sich keine Sekunde lang täuschen lassen. Der Mann ist hellwach. Als Anfang 1998 der bitter geführte Streit um die richtige Antwort auf den Borkenkäfer-Befall seinen Höhepunkt erreicht hatte, schickte das bayerische Staatsministerium niemand anderen als Sinner als den Leitenden Forstdirektor nach Grafenau.

Er war der richtige Mann am richtigen Ort. In Nürnberg hatte er die Umwandlung eines stadtnahen Forstes in einen naturnahen Wald unter den Augen einer kritischen Öffentlichkeit erfolgreich über die Bühne gebracht. Selbst seine Gegner attestieren ihm, dass er aus hartem Holz geschnitzt ist und Beharrlichkeit in der Sache zu seinen hervorstechenden Eigenschaften gehört. Auf zahllosen Bürgerveranstaltungen, in endlosen Gesprächen am runden Tisch und bei wiederholten Ortsterminen im Wald gelang es ihm, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Bürgermeister der Nationalpark-Gemeinden hat er auf seine Seite gezogen und die Wogen so geglättet, dass er sich inzwischen seiner Hauptaufgabe zuwenden kann: modernem Nationalpark-Management.

Sinner führt ein Dienstleistungs- und Service-Unternehmen mit einem Verwaltungsbüro, fünf Sachgebieten und 200 festen Angestellten. Das „Unternehmen Nationalpark“ hat dafür gesorgt, dass in der Region touristische Infrastruktur entstand. Es gibt inzwischen ein exzellentes Angebot an Gastronomie, Übernachtungsmöglichkeiten und Freizeiteinrichtungen von Museen über Bäder bis hin zu Golfplätzen. Dazu kommt ein überragendes Nationalpark-Programm.

Beispiel Hans-Eisenmann-Haus: Rund um das Informationszentrum in Neuschönau mit seinen Dauerausstellungen, Multimedia-Räumen, einer Bibliothek und immer wieder neu gestalteten Erlebnisräumen für Kinder könnte eine Familie gut eine Woche Urlaub machen. Es sind nur wenige Minuten bis zum Felswandergebiet und gar nur wenige Schritte bis zum Eingang des großen Tierfreigeländes. Hier wird auf 200 Hektar und auf Rundwegen die Tierwelt des Parks in Freigehegen und Volieren vorgestellt.

Dieses breit gefächerte Angebot – beispielhaft für viele andere deutsche Nationalparks – hat seinen Preis. Die jährlichen Unterhaltungskosten liegen bei mehr als elf Millionen Euro – eine nicht ganz unwesentliche Summe. „So viel kosten zwei neue Autobahnkilometer“, gibt Sinner lächelnd zurück, bevor er zum Kern der Frage kommt: Natürlich rechne es sich, den Nationalpark Bayerischer Wald aus Steuermitteln zu unterhalten. Wer sonst ist besser geeignet als Behörden in reichen Industrieländern, ein Beispiel zu setzen, das natürliche Erbe zu erhalten und gleichzeitig einen anderen Blick auf Ereignisse wie die Borkenkäfer-Katastrophe zu eröffnen.

„Falsche Perspektive“, sagt Sinner und weigert sich, das Wort Katastrophe in den Mund zu nehmen. Für ihn ist das Auftreten des Borkenkäfers ein Jahrhundertereignis. Und dann spricht der Mann plötzlich vom Farbenspiel im Grau abgestorbener Stämme, vom Glimmen des modernden Holzes in feuchten Wintern und von der seltenen Chance, Zeuge einer tief greifenden Veränderung zu werden.

Sie nimmt nur alle 200 oder 300 Jahre ihren Anfang zwischen Atlantik und Ural: die Geburt einer neuen Wildnis. Also, jetzt auf zum Lusen! Wer möchte am ersten Tag einer langen Schöpfungsgeschichte nicht selbst dabei gewesen sein?

© Jochen Vorfelder