30 August 2006

Multidesert: Rumschmuddeln mit dem Edelhobel

Fahrer der klassischen Ducatis sind in der überwiegenden Mehrzahl ja dafür bekannt, dass sie ihre Edelhobel bei drohendem Regen oder der Gefahr, dass ein aufgewirbeltes Stäubchen den Glanz des Signalrots trüben könnte, gerne in der temperierten Garage lassen und ersatzweise zum Zweitfahrzeug greifen.

Doch was für die Königswellen-Fans und die Supersportler-Piloten der 999er Klasse gilt, kann man über die Besitzer eines Produkts aus der Multistrada-Familie - sei es die 620er oder die 1000er - nur bedingt behaupten: Es sollen schon Fälle von Fernfahrten bei Wind und Wetter ohne anschließendes Zerlegen, Waschen, Putzen, Zerstäuben und Polieren vorgekommen sein. Sagten jedenfalls ernstzunehmende Quellen....

Nun liegen die unumstößlichen Beweise vor: Bild 1 bis Bild 3.

Zu Dokument 1 zitieren wir: "Took off on Thursday from San Francisco for a 4 day tour (1000 miles) to the Lost Coast. Having just sold my GS and now a Duc owner I was a bit nervous about the relability and the offroad worthiness of the new machine. I am happy to report that the s1000 Duc blew away the over weighted larger GS's. Very quick and great in the twisties of the northern redwoods. I was sure that I would be happy with the pavement but my real surprise was when we hit the dirt. We traveled around 400 miles of dirt fireroads and various single tracks along the coast. Many creek crossings and long sand rides." Hört sich an, als ob man in Californien noch relativ ungestört Moppet fahren könnte.

Die nötige Gerätschaft, wenn man es richtig angehen will (Siehe Bild 2), gibt es im Angebot auf der Website von Ducati Parma. Die Schrauber dort haben 2004 eine erste 1000er Multi in eine so genannte "Multidesert" umgebaut: hochgelegter Kotflügel vorne, Tripmaster im Cockpit, Schlagschutz für die Lenkerenden, Alu-Schlagschutz für den Motorblock, veränderter Öl-Kühler, neue Auspuff-Anlage, Zusatzbehälter für Werkzeug und Kleinteile und vor allem ein Conti-Reifensatz für den Geländeeinsatz.

Die Ducatisti aus Parma bauen Serienmaschinen auf Anfrage "für den Einsatz in der Sahara" um, aber haben derzeit auch eine modifizierte Maschine gebraucht im Angebot. Über die Straßenzulassung schweigt man sich aus. Wer 12.000 Euro übrig hat zum Motocrossen, kann sich hier jedenfalls in eine eigene, exklusive Klasse einkaufen (siehe Bild 3) ...

© Jochen Vorfelder

28 August 2006

XT500: Die Mutter aller Enduros wird 30 Jahre alt

Im Mai waren wir mal wieder in den Alpen unterwegs; meine alte Liebe und ich. Dort trafen wir am Stilfser Joch auf einen Schnösel mit einer R 1200 GS Adventure, der hochnäsige Blicke rüberwarf: "Wie, das Ding hat nicht mal einen Elektrostarter?" Nein, hat sie nicht, die gute XT 500. Hatte sie nie in den letzten 30 Jahren, aber auch das hat sie nicht daran gehindert, die Ur-Ahnin der GS und Mutter aller Reiseenduros zu werden.

Die ersten Exemplare - zum Stückpreis von 4995 Mark - waren im Juli 1976 noch Re-Importe der 1E6-Serie aus den USA mit untenliegendem Auspuff-Krümmer und 33 PS; die offizielle Markteinführung mit der auf die deutsche Versicherungs-Einstufung zugeschnittene 27 PS-Drosselung wurde erst im September 1976 auf der IFMA in Köln gefeiert. Das Debut für eine lange Karriere - zwischen 1976 und 1991 thronte sie in den Schauräumen der Händler.

Was dort von Yamaha ausgestellt wurde, war nicht nur atemberaubend schön und stark, sondern revolutionär: der klassische Dampfhammer mit der satten Kraft aus dem halben Liter, den die Engländer Jahrzehnte lang gebaut, aber nie weiterentwickelt hatten. Hier stand er plötzlich von einem japanischen Hersteller, der bisher fast nur Zweitakter entwickelt hatte, und war rundum erneuert: mit Fünfgang-Getriebe, obenliegender Nockenwelle und kurzem Hub.

Im Grunde technisch nichts Neues, aber der bollernde Eintopf begründete eine völlig neue Zweirad-Philosophie und wirbelte den Muff im Motorrad-Establishment gehörig auf. Schluss mit dem Schaukeln auf Boxer-Dickschiffen, kein Heizen mehr auf nervös kreischenden Zweitakthobeln. Rein in die Kiesgrube, auf in die Freiheit! Wer es schaffte, den Mörderkolben der XT per Kick zur Arbeit zu bewegen, galt als harter Hund und war ultracool. Janis Joplin sang zur gleichen Zeit: "Freedom 's just another word for nothing left to loose". Rucksack und Zelt aufgeschnallt! Abseits der Autobahn und unter dem Pflaster lag der Strand. Mit XT und schwarzer Barbour-Jacke machte man neben den großen Hondas eine gute Figur und selbst in Frankfurter Sponti-Kreisen konnte man sich sehen lassen.

Die XT definierte innerhalb kürzester Zeit eine komplette neue Motorrad-Klasse. Sie war mit ihren vollgetankten 155 Kilo wendig und agil - ein echtes Stadt- und Kurvenschwein auch auf den groben Bridgestone-Stollenreifen, die bei Schräglage des Piloten gutmütig rubbelnd den kritischen Bereich ankündigten. Sicher nicht gebaut für den extremen Gelände-Einsatz, aber beweglich genug für unbefestigte Feldwege und die langen Schottergeraden auf dem Weg zum Nordkap. Die XT mauserte sich - kaum auf dem Markt - zur Fährtensucherin für alle kommenden R 80 G/S, Africa Twins und Varaderos dieser Erde. Die XT bewies, dass die lang gehegten Träume machbar waren - Legionen von Motorradfahrern begaben sich, ausgerüstet mit Zusatztanks und großen Alu-Koffern von Spezialhändlern wie Wunderlich oder Kedo, auf den Weg durch die algerische Wüste nach Tamanrasset und zum sagenumwobenen Timbuktu. Selbst in Djanet - definitv das Ende der Welt für den durchschnittlichen Zweiradfahrer - gab es Mitte der Achtziger einen schwunghaften Handel mit XT-Ersatzteilen.

Überhaupt, die XT und die Sahara, das war eine eigene symbiotische Geschichte. Schon während der ersten Rallye Paris - Dakar zur Jahreswende 78/79 bewies der 21jährige Franzose Cyril Neveu mit dem ungefährdeten Gesamtsieg auf einer erstaunlich seriennahen Maschine, wer die Königin der Wüste war.

Das Flair der Offroad-Queen und ihrer harten Kerle machte sich zügig auch die damals noch hemmungslos werbende Zigaretten-Industrie zu Nutze. Im Jahr 1985 etwa setze Reemtsma in Anzeigenkampagnen für die filterlose Marke "Reval" auf "Starke Typen auf der Suche nach dem Ausbruch aus dem Alltag": dreckverspritzte Models lehnten lässig an ihren XT - mit einer brennenden Reval im Mundwinkel. Die Werbeagentur, die Reval zu dieser Zeit betreute, hatte noch andere abstruse Ideen. So gab es etwa die Anfrage bei Greenpeace in Hamburg, ob man attraktive Aktivisten nach Blockade eines Verklappungsschiffes auf der Nordsee mit einer einer Reval ablichten könne - gegen ein angemessene, sechsstellige Spende selbstverständlich. Greenpeace lehnte dankend ab - obwohl einige der Umweltschützer XT fuhren.

Rund 25.000 XT500 wurden in 15 Jahren in Deutschland verkauft; das Ur-Modell wurde bis 1991 zwar im Detail regelmäßig weiter entwickelt, aber nie grundsätzlich modifiziert. Warum auch? Die XT war ein genialer Wurf; von den verkauften Maschinen sind heute noch 9.500 angemeldet;nach 30 Jahren eine erstaunliche Bilanz. Grund genug also für den Kult-Status. Auch ohne Kickstarter. Oder gerade deswegen.

© Jochen Vorfelder

Bild Reval-Werbung: © Museum der Arbeit/Werbemittelarchiv Reemtsma

23 August 2006

"Steilpässe": VII. Loiblpass - Fronarbeit vor der Vernichtung

Von aus Österreich führen viele Wege über die Karawanken nach Slowenien; einer der ältesten Nord-Süd-Verbindungen ist der Loibl-Pass über 1367 Meter zwischen Ferlach in Kärnten und dem slowenischen Trzic.

Die heutige Passstrasse mit zwei Dutzend Serpentinen auf österreichischer Seite folgt einer Trasse aus dem 15. Jahrhundert - von Ferlach aus windet sich der Asphalt durch einige kleinere Dörfer und ein enges Tal mit wenig Verkehr, denn der Transit wird heute durch den fast parallel verlaufenden Loibltunnel der Autobahn E 652 abgewickelt.

Seit die Strecke durch den Berg - die vor dem Zerfall Jugoslawien neben dem Wurzenpass eine der wichtigsten Verbindungen zum Autoput und den Süd-Osten Europas war - freigegeben wurde, ist die alte Passstraße verkehrtstechnisch obsolet - und dadurch die richtige Strecke für die Multistrada, die sich vor allem auf den kurzen Beschleunigungsstrecken zwischen den Kehren vor keinem Supersportler verstecken muß.

Wer der alten Trassenführung folgt, passiert kurz nach der Grenzstation zwischen Österrreich und Slowenien eine Gedenkstätte, die an die KZ-Insassen erinnert, die zwischen März 1943 und Mai 1945 während des Baus des 1570 Meter langen Tunnels dort im Außenlager Ljubelj-Süd des KZs Mauthausen interniert waren. (Auf österreichischer Seite gab es ein zweites Außenlager.)

Von den Anlagen auf der heute slowenischen Seite, in denen die bis zu 1600 Gefangenen aus ganz Europa als Arbeitssklaven gehalten wurden, sind heute nur noch einige wenige Grundmauern, Reste der Wäscherei und der Latrinen, die Umrisse einiger Baracken sowie einige Mauern des räumlich ausgegliederten Krematoriums erhalten.

Nachdem den Fronarbeitern unter unmenschlichen Bedingungen - im Winter fiel die Temperatur regelmäßig auf minus 20 Grad - der provisorische Durchstich durch den Berg im Dezember 1943 gelungen war, wurde die Zahl der Insassen reduziert: durch Rückverlagerung nach Mauthausen und durch Fälle von Euthanasie.

Die Überlebenden mußten das schmale Tunnel-Profil, das zunächst nur eine maximale Fahrzeuggröße von unter 2 x 3 Metern zuließ, im folgenden Jahr erweitern. Am 7. Mai 1945 schließlich befreiten sich die letzten 950 Gefangen selbst und stießen in dem Tal, das sich gen Süden nach Slowenien öffnet, zu jugoslawischen Partisanen.

Offen: Ganzjährig
Wertungspunkte : *** (3 von 6)

© Jochen Vorfelder

15 August 2006

Stunts: Double Backflip - Nix für die Straße

Der gemeine Zweiradpiloteur ist im Allgemeinen ja froh, wenn er sich im hektischen Stadtverkehr auf der Maschine halten kann. Der Amerikaner Travis Pastrana dagegen - der zugegebenermaßen sein Geld damit verdient - fällt gerne und oft auf die Schnauze. Jedenfalls im Übungsstadium.

Später allerdings versucht er, selbst selbstmörderische Sprünge wie den Double Backflip - die zweifache Rolle rückwärts - auf der Maschine zu (über)stehen. Manchmal gelingts sogar. Aber Achtung: Nix für die Straße, nix für zarte Nerven, selbst bei der grobpixeligen Auflösung zieht einem doch hart und kalt den Rücken runter...



Der Platzwart

14 August 2006

Tibet: Viertakt-Nomaden

Heute vor einer Woche hat die gute Süddeutsche in ihrer englischen Montagsbeilage einen interessanten Blick auf die Verkehrslage bei den Nomaden in der Weite der tibetanischen Steppe eröffnet.

Da wird detailliert und liebevoll beschrieben, wie der chinesische Viertakter dem Pony den Spitzenplatz oben auf der Wunschliste des Hirten streitig macht - so abseitige Geschichten liebe ich.

Nachteil wie üblich: Online ist das Stück von Jim Yardley nur für die Abonnenten der New York Times oder gegen Bares in Form von Micro Payment ohne Layout und Bildmaterial zugänglich.

Doch manchmal weiß die Linke nicht, was die Rechte tut: Die International Herald Tribune IHT hat den Text bereits am 25. Juli in voller Länge veröffentlicht...

Viel Spaß beim Lesen.

Und hier noch das Original-Bild dazu, welches inzwischen auf einem chinesischen Server liegt....

Der Platzwart

Mysterien: Warum gibt es noch Antriebsketten?

Die Motorradtechnik als solch ist nun wirklich kein Hexenwerk. Denn grundsätzlich hat sich seit der Erfindung des motorisierten Zweirads nichts daran geändert, dass der Motor über eine feste Verbindung das Hinterrad antreibt.

Ok, der Kardan macht sich neben der traditionellen Kette immer breiter; der Zahnriemen gewinnt ebenfalls Freunde. Die Frage ist allerdings: Warum gibt es überhaupt noch Ketten? Ketten, die ölen, mit Fett schmeissen, nach 1000 Kilometern schlabbern und nachgestellt werden müssen? Ketten, die entweder von unten auf die Schwinge schlagen, bei jeder Gasveränderung ruckeln und die Antriebswelle sinnlos belasten?

Keiner hat mir bisher eine vernünftige Antwort darauf gegeben; weder die Pressesprecher diverser Hersteller, noch die PR-Leute, noch gewiefte Werkstechniker bei Ducati.

Warum haben die einen Hersteller noch die Gliederketten, warum sind die anderen in der Evolution schon eine Stufe höher geklettert? Am Ost-West-Gefälle kann es nicht liegen - die guten alten Moto Guzzis etwa liegen schon lange mit dem eigenen Kardan im Rennen, während es bei den Japanern quer durch den Garten geht und bei Ducati und HD noch eifrig gekettelt wird. Bei den Amis ist es ohnehin unübersichtlich - HD hat noch Ketten, während die Tochter Buell schon länger mit dem genialen Zahnriemen mit Gegenrad arbeitet.

Übrigens hat sich das MTB-Team von Honda USA diesen überaus spannenden Antrieb einfallen lassen, der offensichtlich zwar noch eine Kette nutzt, aber ein Beispiel für die Innovationsfreude des japanischen Unternehmens ist.

Also: Warum muß ich an meiner Multistrada noch die Kette nachspannen, während moderne Moutainbikes bereits ohne das Verschleißteil auskommen?

Bitte um Antwort und einen Zahnriemen für meine Multistrada.

© Jochen Vorfelder

Bloggen II: Peter (geriatric1927) macht weiter

Am Freitag gab's hier den ersten Hinweis auf die erfrischenden Beiträge des 78jährigen englischen Rentners Peter bei YouTube. Er erzählt mit leiser Stimme - still vor der Kamera sitzend, die Augen meist geschlossen - Geschichten aus seinem Leben; aus seiner Kindheit im England der Dreissiger Jahre, vom Zweiten Weltkrieg, und den Jahren danach. Eine willkommene Abwechslung zu dem enervierenden Geblubbel, das die Blog-Szene durchzieht.

Inzwischen haben sich die Clips, die Peter unter dem Namen geriatric1927 hochlädt, mit 79.000 Sichtungen zu einem Renner bei YouTube entwickelt - und die Plattform wird zu einem Instrument mit Zweiweg-Charakter: Viele User posten Kommentare - inzwischen über 1400 - und uploaden Antwort- und Kommentarclips. Das bleibt natürlich auch den konventionellen Medien nicht verborgen - Peter macht inzwischen Schlagzeilen in Hongkong und Neuseeland.

Have a look.

Der Platzwart

11 August 2006

Bloggen: modischer Kram für die ganz jungen Hunde

Ja, Ja, ich hör schon die Kommentare - das ganze Geblogge und Video-Hochgelade ist doch eine kurzfristige, bei weitem überschätzte Modeerscheinung, eine kleine Schneelawine in der heissen Sonne, losgetreten von hippen Mediengestaltern und pathologisch Geltungssüchtigen. Technikkram halt von pickligen Anfangszwanzigern und so weiter und so fort.

Stimmt ja alles, aber auch wieder nicht. Beim Aufräumen der Mailbox nach dem Dolomiten-Österrreich-Slowenien-Trip mit der Multistrada (lief bis auf einen Unfall - nicht meinerseits - und mehrere Regentagen Spitze, aber dazu später mehr...) fiel mir doch der Link zu folgendem Video bei Youtube entgegen. Soviel zum Thema Jugendding im Allgemeinen und zum Thema Liebe zu Motorräder im Speziellen.



Peter hat versprochen mehr über sein Leben und englische Motorräder zu erzählen - ich halte euch auf dem Laufenden.

© Jochen Vorfelder