Seit heute ist die neue Ausgabe No. 5 des ADAC travellers an den Kiosken - mit dem Schwerpunkt "Kreuzfahrten". Auch im Heft meine längere Reportage über die Suche nach Wolfgang Amadeus Mozart im Salzburger Land. Den Original-Text kann man hier lesen.
Weiter gibt es zum Thema Mozart eine Dia-Show, die zeigt, wo genau in Salzburg die besten Eindrücke über das Leben des berühmten Tonmeisters zu orten sind.
Warum sich jetzt alle auf Mozart stürzen? Ganz einfach: Ganz Österrreich feiert am 27. Januar 2006 den 250. Geburtstag des wohl bekanntesten Landeskinds. Wohl an also:
Im Zeichen der Mozart-Kugel
Am Fuß der gewaltigen Festung Hohensalzburg, wo die Salzach träge zwischen Mönchsberg und Mirabellgarten mäandert, liegt seine Stadt. Im historischen Quartier mit den wunderbar barocken Patrizierhäusern und Palais, den verwunschenen Wandelgängen und dem gestrengen Dombezirk wurde er geboren. Dort hat er gelebt, dort hat er gewirkt.
Am 27. Januar 1756 erblickte in Salzburg ein Kind das Licht der Welt, das als Wolfgang Amadeus Mozart zum Komponisten aller Komponisten wurde. Es war kein einfaches Leben. Das musikalische Genie verzweifelte an seiner Geburtsstadt; Mozart mußte weg, denn die feinen Herrschaften liebten den Freigeist nicht.
Doch heute, fast 250 Jahre nach der Geburt, ist Mozart den Salzburgern wieder ihr "Wolferl", der Sohn aller Söhne. Vereinahmt und omnipräsent, wird er eifersüchtig verteidigt gegen die Konkurrenz aus Wien. Zum apollonischen Wunderkind verklärt durch den frühen Tod, und als halb-göttliche Instanz aus dem öffentlichen Leben der Provinzmetropole nicht wegzudenken: Goethe war in Weimar; Marco Polo kam aus Venedig. Mozart IST Salzburg.
"Oh, mein Gott, es ist so hinreißend, so bezaubernd. Wir müssen unbedingt so ein Bild haben!" Mary Stairs aus San Diego, Kalifornien, tänzelt um die Staffelei des Landschaftsmalers, der in der Getreidegasse die Fassade von Haus Nummer 9 auf's Tuch wirft. Na ja, mit der Realität hat das Werk wenig zu tun: An Stelle der mitteralterlichen Hofeinfahrt, die der Künstler mit flinker Hand in warmes, verträumtes Abendlicht legt, buhlen Halogenscheinwerfer, Edelstahlvitrinen und Bauchläden um zahlende Kundschaft aus Asien und Übersee. Marys Mann Peter, Rechtsanwalt und auch skeptisch, was die Qualität des Aquarells angeht, lächelt gequält. Seine Miene ersetzt ein kapitulierendes Schulterzucken. Da muss man durch, wenn man Salzburg und ein "Mozart-Package" bucht.
Sicher, es gibt sie, die beschaulichen Winkel: Drüben etwa am anderen Salzach-Ufer, im Park von Schloss Mirabell unter den alten Kastanien, oder auf dem Friedhof St. Sebastian, wo Mozarts Witwe Constanze, sein Vater Leopold und andere Familienmitglieder begraben liegen. Dort unter den alten Arkaden flanieren die wenigen Besucher so andächtig und still, dass man unwillkürlich lauscht, ob an der nahegelegenen Musikhochschule Mozarteum wieder fleißig geübt wird und ein Klavierkonzert zur Erbauung herüberweht. Dann legen sich die unsterblichen Melodien wie Zuckerguss über die verwitterten Familiengruften und verzaubern das Herz.
In der wuseligen Getreidegasse hingegen, da verdichtet sich der Komponisten-Taumel schon vor Beginn des Jubeljahres 2006 in ein akutes Mozart-Fieber: "You have 15 minutes!" Schnatternde Menschentauben werden aus dem Geburtshaus des Meisters direkt ins Multimedia-Wachs-Museum "Next to Mozart" gelotst und verschubt. Mit dem Slogan "Viva! Mozart" läßt sich im "Mozart-Shop", einem riesigen Devotionalien-Bazaar, jeder erdenkliche Kitsch vermarkten. Die Kreditkarten glühen für abstruse Geschmacksverirrungen: gräusliche Bierhumpen, Jogginghose und Baby-Strampler mit Konterfei, Geigen-Imitationen made in Taiwan in fünf Größen, das Zerrbild des jungen Meisters als 1000er-Puzzle, und natürlich das süssliche Eau de Toilette "Amadeus" im bezaubernden Barockflacon.
"Ein Geruchswässerl aus aktuellem Anlass? Ich bitt Sie, mein Herr, das hat keinen Stil", schmäht ein grauhaariger Brillenträger, Typ Kommerzialrat a.D., am Stammtisch. Im Café Tomaselli, einer Institution am Alten Markt, haben sie kein Verständnis für modische Aufgeregtheiten. Hier sitzen seit 1705 die Besserwisser, Spötter und Grantler bei einem Einspänner, lassen sich einen Strudel oder eine Sacher von der Mamsell mit gestärkter Schürze servieren, und erörtern nach Studium der einschlägigen Blätter wahlweise Stadtpolitik oder Weltlage. Hier haben sie ihre Bleibe gefunden, die Vertreter des flatterhaften Geistes und des pathetischen Gestus dieses alpenländischen Fleckens, der mit Abendkleid und Avantgarde wie kaum ein anderer spießig und weltoffen zugleich ist.
Im Tomaselli, inmitten dieser liebenswerten und sinnesfreudigen Salzburger Melange der Schlawiner, hat zu seiner Zeit auch Mozart gesessen - nach Stand der Forschung nun wahrlich auch kein Kind von Traurigkeit. Und während der Klassik-Star in seinem eigenen musikalischen Universum schwebend seine Klangfolgen schuf, ließ er seinen Blick schweifen: rüber zum Residenzplatz am frühbarocken Dom, wo heuer die offenen Viaker für die "Mozart-Tour" stehen, und weiter zum alten Michaeler-Exerzierfeld, das heute seinen Namen trägt, und das schon weiland 1842 mit dem Mozart-Denkmal geschmückt wurde. Schon damals hatte Salzburg den Wert des Komponisten als touristisches Zugpferd erkannt: "Pfeifen, Brot oder Wein, selbst Hotelzimmer - alles wird mit dem edlen (und gewinnbringenden) Etikett 'Mozart' versehen", schrieb ein Chronist.
Auch die "Festspiele", Salzburgs großer Besuchermagnet und schillernde Projektionsfläche für Finanz- und Hochadel, funktionieren seit ihren Anfängen unter Max Reinhardt, Hugo von Hoffmannsthal und Richard Strauss in einträchtiger Symbiose mit dem berühmtesten aller Tonmeister: Im Jahr 1922, als erstmals Opern auf dem Festspiel-Programm stehen, wurden mit Don Giovanni, Der Hochzeit des Figaro, Cosi fan tutte und der Entführung aus dem Serail vier Mozart-Werke gegeben. Zum Jubiläum 2006 rollt der Noch-Intendant Peter Ruzicka den roten Teppich aus für's theatralische Gesamtwerk: Von Juli bis Ende August kommen alle 22 Opern, Singspiele und szenischen Fragmente des Komponisten auf die Bühne. Manche Aufführungen ("La Traviata") und die edleren Etablissements zur Logis der Schönen und Reichen, "... die mit etwas Kultur ihr Dasein behübschen", ätzt "Die Welt", sind jetzt schon ausgebucht.
In Lofer im Pinzgau, ganz im Westen des Salzburger Landes, sind noch viele Betten frei. Na Gott sei Dank. Denn sechs Stunden auf dem Radl macht rechtschaffen müde. Abfahrt in Kufstein, am Walchsee vorbei, dann gegen Süden nach Kirchdorf, über Erpfendorf nach Waidring, und zum Abschluss durch's lauschige Haselbachtal nach Lofer - der Tagesritt auf dem Tourenrad ist eine der Etappen auf dem "Mozart-Radweg". Den haben wir gewählt, um uns abseits des Kulturhochbetriebs tief im Salzburgischen auf Spurensuche zu begeben.
"Nehmen Sie sich die Zeit", hatte Dr. Steckenbauer von der Salzburger-Land Promotion geworben, "das lohnt sich. Und wenn Sie genau hinschauen, finden's den Mozart überall entlang der Strecke. Spuren hat er überall hinterlassen, er war ja schon früh im Leben viel unterwegs." Wie das? "Na ja, meist stellt man sich Mozart als den erwachsenen Komponisten vor. Aber Mozart, das war ja auch das frühreife Wunderkind, das fast seine gesamte Jugend auf Konzertreisen und in Kutschen verbracht hat."
Danke, Dr. Steckenbauer, für Ihre Überzeugungsarbeit; es hat sich gelohnt. Der "Mozart-Radweg" führt über 450 Kilometer durch die traumhaft schöne Landschaft des Salzkammergut und die beschauliche Seelandschaft im Flachgau, macht einen Abstecher nach Bayern, und touchiert auf dem Rückweg nach Salzburg die Ausläufer der Alpen mit ihren Dreitausendern. Und entlang der Route: Erholung pur, ländliche Ruhe nach dem Salzburger Rummel, und tatsächlich die historisch verbürgten Mozart-Punkte.
In Lofer haben sich die Wolken, die uns den ganzen Tag gedroht haben, zu einer Gewitterfront aufgetürmt, und die ersten wüsten Tropfen fallen. Natürlich Gegenwind. Aber wir werden gebührend empfangen: "Radfahrer willkommen!" An allen Pensionen und Gasthäusern entlang der Ortseinfahrt flattern diese Wimpel; an den Biergärten grüßt die Spaß-Variante: "Gaudi-Radler! Ende der Durststrecke!"
Wir entscheiden uns für die Übernachtung im Gasthof "Zur Post" - gerade noch rechtzeitig vor dem Wolkenbruch - und sammeln damit ein weiteres Stück unseres ganz persönlichen Mozart-Puzzles: Auf seiner ersten Italienreise im Dezember 1769 machte der junge Mozart - damals gerade 13 Jahre alt - mit Vater Leopold und Schwester Nannerl in Lofer Halt. Genächtigt wurde in der heutigen "Post" - damals das Wohnhaus des Rechtspflegers Johann Chrysostomus Helmreichen zu Brunfeld.
Vater Mozart beschrieb die Übernachtung in einem Brief an seine Frau: "Um sieben Uhr abend langten wir in Lofer an. Nachdem ich das Essen angeordnet, sind wir den Herrn Pfleger besuchen gegangen, welcher sehr übel mit uns zufrieden war, weil wir nicht gleich bey ihm abstiegen. Weil wir ihm Wirtshaus schon Speisen angefrimt hatten, so ließen wir solche in die Pflege bringen, aßen dort, schwätzten bis 10 Uhr und wurden alda mit einem schönen Zimmer mit gutem Bethe bedient."
Spuren zu einem Gasthof "Zur Post" führen auch in St. Gilgen, dem "Mozart-Dorf" am Wolfgangsee und rund eine Autostunde von Salzburg entfernt. "Seine Mutter wurde hier geboren und seine Schwester in der Pfarrkirche getraut", referiert Franz Mayrhofer, Obmann des lokalen Tourismusverbands, der eine kleine Musikergedenkstätte im ehemaligen Bezirksgericht eingerichtet hat, und jetzt noch pünktlich zum Jubeljahr das Geburtshaus der Mutter restaurieren läßt. "Und ihre Hochzeitgesellschaft abgehalten haben Nannerl und ihr Mann im Gasthof Post. Das war damals 1784." Heute ist der Gasthof "Post" am St. Gilgener Dorfplatz ein architektoni-sches Schmuckstück mit historischer Fassade, hinter der sich noble Designer-Zimmer und geschicktes Nannerl-Marketing verbergen.
Auch schräg gegenüber neben dem Rathaus und dem Mozart-Brunnen in der Konditorei Dallmann macht Besitzer Franz Mayrhofer vor, was man mit dem Namen Mozart alles auf die Beine stellen kann: Er backt und vertreibt weltexklusiv die "Mozart Reisetorte" - angeblich ein altes St. Gilgener Rezept aus Nüssen, Marzipan, Orangade und Marzipan. Die Konditorei wird von japanischen Reisegruppen quasi überrannt, seit sie neuerdings auch Mozartkugel-Seminare anbietet. Dann herrscht unter der Führung von Mayrhofer-San großes Gedränge in der Backstube, aber nach rund 30 Minuten meistert selbst der unbedarfteste Tourist mit zwei linken Händen die Kunst der Herstellung der "Echten St. Gilgener Mozartkugeln". Trotz heftiger Schokospuren auf der Schürze darf jeder Teilnehmer ein Diplom mitnehmen. Mayrhofer: "Die Besucher sollen das Mozartdorf bleibend in Erinnerung behalten." Ja, wenn's dem Mozart-Kult dient.
"Natürlich ist der Mayerhofer damit auf einen fahrenden Zug gesprungen, aber das ist ja völlig legitim, das haben wir ja auch gemacht", sagt Juniorchef Martin Fürst von der Konditorei Fürst in Salzburg. Auch in dem Traditionsunternehmen in der Brodgasse, vis à vis zum Café Tomaselli, sind Name und Bild des Künstlers allgegenwärtig; bei Fürst werden in der fünften Generation die "Original Salzburger Mozartkugeln" hergestellt. Jede der kleinen Kalorienbomben wird auf einem Holzspießchen handgetunkt. Der Gründervater Paul Fürst habe die Schleckerei quasi erfunden, meint der junge Konditor: "Es war einfach eine geniale Marketing-Idee, eine Pistazien-Nougat-Praline unter dem Label 'Mozart' zu vertreiben." In der Tat. Inzwischen werden von einem Dutzend Hersteller weltweit rund 80 Millionen Stück pro Jahr verkauft; Tendenz steigend.
So funktioniert's halt in Salzburg: Den Mozart lieben sie jetzt alle, weil er lange tot und gleichwohl unsterblich ist. Und 250 Jahre nach der Geburt hält Mozart wie zäher Nougat barocke Tradition und kulturelle Moderne vor Ort zusammen und schwebt wie ein guter Geist schützend über der Salzach-Metropole.
Wie ein guter Geist? Nein, eher wie eine Kugel. Das passt schon zu diesem Salzburg und seinen Salzburgern, daß sie ihren Stadtheiligen in Gestalt eines kitschsüssen, mit Edelschokolade überzogenen Pistazienklumpens verehren. Mozart hätte sich gekugelt vor Lachen.
© Jochen Vorfelder


