15 Oktober 2005

Onkel Ho und die Kunst ein Motorrad zu warten

Auf in die Heimat der Vogelgrippe und das letzte Refugium der südostasiatischen 2-Takter-Arbeitsbiene, der Minsk 125: Vietnam. Bis zum 28. Oktober sind wird dort auf Recherche - und unter anderem mit den Rough Riders des legendären Minsk Club Hanoi unterwegs.


Mal sehen, was so alles passiert. Vogelmärkte und das Tragen von Indianer-Kostümen mit Hühner-Federschmuck werden wir beim Fahren mit Sicherheit meiden.


© Jochen Vorfelder

14 Oktober 2005

Hybrid-Motorräder: Neues aus dem Land des (Be)Lächelns?

Während hier zu Lande mit den letzten Sonnenstrahlen eines goldenen Oktobers eine erfolgreiche Motorradsaison zu Ende geht - die Bilder und Notizen den sommerlichen Alpendurchquerung auf einer fast historischen XT 500 werden bald ausgewertet und verarbeitet, versprochen - also während hier der Winterschlaf von Mensch und Maschine immer näher rückt, denkt man im Land des Lächelns schon über die zukünftigen Modelle nach.

Konkret: Yamaha stellt neben anderen Maschinen auf der am 22. Oktober beginnenden Tokyo Motor Show die "GEN-RYU" vor, die weltweit erste Studie eines "High Performance Hybrid"-Motorrads und erste Verbindung eines klassischen Verbrennungsmotors mit einem Elektromotor auf zwei Rädern.

Zusammengeschraubt haben die Yamaha-Techniker dabei das leichtgewichtigen YZF-R&600 Kubik-Motor und ein eigens entwickeltes Elektroaggregat; das Ganze werkelt aufgehängt in einem Aluminiumrahmen mit extrem langem Radstand, der dem Gefährt die Anmutung eines Cruisers der Elefanten-Klasse gibt.

Unter den überladenen Verkleidungsblechen soll sich Hightech verbergen - Abstand-Warnmelder, Cornering-Lichtsystem, anpassbare Windabweiser, Voice-Navigation, eingebautes Intercom, Bluetooth-Mobile-Verbindung und an Stelle des Rückspiegels eine mit Cockpit-LCD verbundene Heck-Camera. Wirkliche Details über das spacige Teil sind bisher noch nicht zu haben; das erste Bild allerdings erinnert doch stark an ein Batman-Mobile gepaart mit einem Straßenkreuzer der 30er Jahre.

Ist das jetzt etwas zum Lächeln? Stay tuned.

© Jochen Vorfelder

08 Oktober 2005

Venedig - Gedanken aus der Ferne

Mit zwei Wochen Abstand - ja, so lange ist das schon wieder her - geht mir Venedig noch einmal durch den Kopf. Die spannende Frage, die ich hin und her wälze: Hat diese Stadt eine Zukunft?

Venedig ist zweifellos eine museale, rückwärts gewandte Veranstaltung, ein Gemeinwesen, dessen Zentrum schon vor Jahrhunderten definiert wurde und dessen Herz seit dieser Zeit im Gleichklang schlägt: gegründet auf rotten Holzpfählen, durchschnitten von Kanäle, umgeben von anderen totflachen Inseln inmitten einer versalzenen Lagune - schon seit Jahrhunderten hat sich hier grundlegend nichts verändert. Stillstand.

Und die Zukunft sieht nicht rosig aus: Versinkt die Stadt aus Gründen der Schwerkraft im eigenen Morast, oder steigt der Meeresspiegel im Klimawandel so weit an, dass die Straßen irgendwann permanent überflutet werden? Was bleibt den Städtern, wenn die Touristen nicht durch die Fluten waten wollen und irgendwann ganz ausbleiben?

Die melancholischen Momente aus Thomas Manns "Tod in Venedig" - wenn Gustav von Aschenbach nach endlosen Wanderungen durch die verworrenen Gassen am Lido-Strand seufzend seinen letzten Atemzug verhaucht - so weit hergeholt sind sie nicht.

Doch halt: Was auf den ersten Blick morbide und altertümlich wirkt, könnte zukunftsweisend sein. Die radikale Abwesenheit von Verbrennungsmotoren - die notgedrungen Verbannung des Individualverkehrs nach der atemlosen Verschwendung von fossilen Energien - wird in nicht all zu weiter Zukunft die Norm in unseren Innenstädten sein. Die Stadt, die nachts in fast qualvolle Stille fällt, lebt von der Kraft und der Kreativität des täglichen babylonischen Stimmengewimmels - und die Besucher, die über den Stadtflughafen einschweben, machen die alte Seefestung inzwischen zu einem festen Bestandteil einer künftigen, noch globalen Ökonomie. Sie wird heute schon geprägt von der massiven Arbeitsteilung - produziert wird in China, Urlaub machen die Chinesen in Old Europe.

Venedig, das fast alle seine früheren Handelsverbindungen in den fernen Osten verloren hat, hat sich erfolgreich neu erfunden als eine Stadt des Spektakels, als Heimat der Künste, als Hort der Biennale und der Kreativität. Die visionären Videos - auch von chinesischen Künstlern - laufen mit gutem Grund im historischen Waffenlager, dem Arsenale.

Und es geht weiter voran, zurück in die Zukunft: Wie vor Jahrhunderten, als Stoffe aus dem Morgenland allemal in der Adria-Stadt anlandeten, drängt Venedig wieder ins Geschäft mit der Haute Couture. In Mestre, dem venezianischen Industriezentrum am Festland, soll ein Mode- und Designzentrum in Konkurrenz zum bislang übermächtigen Mailand entstehen.

"Made in Venezia" als Gütesiegel für die Symbiose von Anachronismus und Avantgarde? Eine interessante Perspektive.

Auf dem Weg zum Airport - mit dem Bummelboot - passieren wir einen alten Gondoliere. Der in Ehren ergraute Macho stochert elegant mit einer Hand durch den Kanal. Singen kann er gerade nicht, weil er wie selbstverständlich in sein Mobile parliert. Die Venezianer - um die muß man sich keine Sorgen machen.

© Jochen Vorfelder

04 Oktober 2005

Amadeus, Amadeus - 250 Jahre Mozart versetzen Salzburg in einen Komponistentaumel

Salzburg feiert seinen Liebling: Im Januar 2006 wird Mozart 250 Jahre alt.

Ich bin den Spuren des Musikgenies bis ins Salzkammergut gefolgt. Herausgekommen ist dabei eine Geschichte über Marzipan-Nougat-Kugeln, gewieftes Marketing und den Unterschied zwischen echt und original ...

... Am Fuß der Festung Hohensalzburg, wo die Salzach träge zwischen Mönchsberg und Mirabellgarten mäandert, liegt seine Stadt. Im historischen Quartier mit den barocken Patrizierhäusern und Palais, den verwunschenen Wandelgängen und dem strengen Dombezirk wurde er geboren. Dort hat er gelebt und gewirkt.

Am 27. Januar 1756 erblickte in Salzburg ein Kind das Licht der Welt, das als Wolfgang Amadeus Mozart zum Komponisten aller Komponisten wurde. Ein einfaches Leben hatte er nicht. Das musikalische Genie verzweifelte an seiner Geburtsstadt; Mozart musste weg, denn die feinen Herrschaften liebten den Freigeist nicht.

Doch heute, fast 250 Jahre nach seiner Geburt, ist Mozart den Salzburgern wieder ihr "Wolferl", der Sohn aller Söhne. Vereinnahmt und überall präsent, wird er eifersüchtig verteidigt gegen die Konkurrenz aus Wien. Zum Wunderkind ernannt und durch den frühen Tod zusätzlich verklärt, ist er aus dem öffentlichen Leben der Provinzmetropole nicht mehr wegzudenken: Goethe war in Weimar; Marco Polo kam aus Venedig. Mozart IST Salzburg.

"Oh, mein Gott, es ist so hinreißend, so bezaubernd. Wir müssen unbedingt so ein Bild haben!" Mary Stairs aus San Diego, Kalifornien, tänzelt um die Staffelei des Landschaftsmalers, der in der Getreidegasse die Fassade von Haus Nummer 9 aufs Tuch wirft. Na ja, mit der Realität hat das Werk wenig zu tun: An Stelle der mittelalterlichen Hofeinfahrt, die der Künstler mit flinker Hand in verträumtes Abendlicht legt, buhlen Halogenscheinwerfer, Edelstahlvitrinen und Bauchläden um zahlende Kundschaft aus Asien und Übersee. Marys Mann Peter, Rechtsanwalt und etwas skeptisch, was die Qualität des Aquarells angeht, lächelt gequält. Seine Miene ersetzt ein kapitulierendes Schulterzucken. Da muss man durch, wenn man Salzburg und ein "Mozart-Package" bucht.

Sicher, es gibt sie, die beschaulichen Winkel: drüben etwa am anderen Salzachufer, im Park von Schloss Mirabell unter den alten Kastanien, oder auf dem Friedhof St. Sebastian, wo Mozarts Witwe Constanze, sein Vater Leopold und andere Familienmitglieder begraben liegen. Dort unter den alten Arkaden flanieren die wenigen Besucher so andächtig und still, dass man unwillkürlich lauscht, ob an der nahe gelegenen Musikhochschule Mozarteum wieder fleißig geübt wird und ein Klavierkonzert zur Erbauung herüberweht. Dann legen sich die unsterblichen Melodien wie Zuckerguss über die verwitterten Familiengruften ...


Weiter geht die Reise auf Mozarts Spuren im ADAC traveller Nr. 5, der am 29. November 2005 an den Kiosk kommt. Dann mehr zum Thema Mozart.

© Jochen Vorfelder

02 Oktober 2005

Terror: Bali revisited

Nach fast 3 Jahren Ruhe ist der Terror heute nach Bali zurückgekehrt. In Jimbaran und Kuta sind drei Bomben hochgegangen - 23 Menschen wurden getötet, inklusive der drei Selbstmordattentäter.

Die Machart der Attentate erinnert fatal an die Explosion vom 12. Oktober 2002, bei der insgesamt 202 getötet und 209 zum Teil schwer verletzt wurden.

Daß es nun wieder zu Anschlägen auf Touristen gekommen ist, wird Bali in seinen Grundfesten erschüttern. Der Unglaube und die Verzweiflung, die nach dem ersten Anschlag herrschten, wird ebenfalls zurückkehren. Und bleiben. Bali wird nie wieder so sein, wie es war.

Damals, 2002, habe ich Bali zwei Monate nach dem Attentat besucht und darüber geschrieben. Meine Eindrücke wären heute sicher kaum anders.

Trübe Aussicht unter den Palmen

"Zwei Monate nach dem Bombenattentat auf Bali sind die Touristen verunsichert und viele Einheimischen verzweifelt.

Candi Dasa war bis vor 15 Jahren ein winziges, völlig unbedeutendes Fischerdorf im Osten von Bali, an dessen weisse Strände sich kaum eine Touristenseele verirrte. Dann kamen nach den Backpackern die Scouts der Freizeitbranche und die Dinge überschlugen sich: erst kleine Pensionen, dann grosse Hotels, unzählige Andenkenläden, pralles Nachtleben, das volle Programm.

Die Götter sind uns wohlgesonnen, dachten die Einheimischen, opferten weiter fleissig an ihren Hausaltaren, und erfreuten sich am jährlichen Wachstum, das ihr Dorf zu einem prosperierenden Flecken werden liess. Vorbei die guten Zeiten. Seit dem 12. Oktober 2002, dem Tag, an dem zwei verheerende Bomben in den balinesischen Diskos Paddy's Cafe und Sari Club über 200 Menschenleben auslöschten, ist Candi Dasa auf dem Weg zurück zum Fischerdorf. Die Auslegerboot haben statt Taucher und Ausflügler wieder Netze und Langleinen an Bord. Die Ausbeute auf See ist allerdings so gering wie der Umsatz der Tourismusbranche vor Ort - die Dorfstrasse liegt verlassen da, die Hotels stehen leer, keine Gäste in Sicht.

"Es ist eine Katastrophe", sagt Made Waring Putra, der im Puri Bagus Hotel an der Rezeption arbeitet, "in den ersten Dezemberwochen haben wir in Candi Dasa sonst Belegraten von rund siebzig Prozent. Jetzt liegen wir bei rund fünfzehn Prozent." Fünfzehn Prozent auf einer Insel, auf der fast 80 Prozent des Einkommens vom Tourismus generiert wird und 40 Prozent der Bevölkerung von der Branche abhängig sind. Mit fünfzehn Prozent, das muss man sich klarmachen, ist die balinesische Wirtschaft de facto kollabiert.

Schnelle Besserung ist kaum abzusehen: Der Anschlag hat Reiseveranstalter wie Fernreisende tiefgehend verunsichert. Das Vertrauen in die Sicherheit in Südostasien allgemein und auf der "Insel des Lächelns" im Speziellen ist erschüttert. Nach Reisewarnungen in weltweit 17 Ländern und direkten Aufforderungen, Indonesien zu meiden, hat es seit Mitte Oktober keine nennenswerten Neubuchungen, sondern nur noch Stornierungen gegeben." Bali Pauschal" ist vor Weihnachten bei den grossen Reisediscountern aus den Katalogen gestrichen und im Internet bei den Last-Minute-Anbietern schwer verkäuflich.

Nicht nur in Kuta, wo die Bomben hochgingen, im Künstlerzentrum Ubud oder in Candi Dasa, sondern auch in Nusa Dua, wo die grossen Hotels nebeneinander am Strand stehen und alle Reiseveranstalter dieser Welt ihre amerikanischen, japanischen, australischen und europäischen Pauschaltouristen unterbringen, hat die Krise voll durchgeschlagen. Die Liegen an den Pools sind verwaist. Restaurants sind gähnend leer, jeder Gast wird fürstlich begrüsst und ist von dienstbaren Geistern umringt.

Im Sheraton Laguna, sagt uns der PR-Manager, sei die Lage im Vergleich zur Konkurrenz noch erträglich. Man halte sich mit speziellen Packages über Wasser und habe neben Wochenendausflüglern aus Jakarta überraschend viel Russen im Anmarsch. Aber auch er gibt zu: "Lange können wir das nicht durchhalten, kein Resort kann auf Dauer überleben,wenn vier Fünftel des Umsatzes wegbricht."

Man redet über Entlassungen, ok, nicht heute, und nicht in absehbarer Zeit, aber wenn sich die Lage in sechs Monaten nicht halbwegs stabiliert haben sollte, droht vielen kleineren Betrieben das Aus; Schätzungen gehen davon aus, dass die zwei Bomben direkt und indirekt rund 700.000Arbeitsplätze kosten werden. Manchen Beobachter befürchten bereits kommende Unruhen, denn die Auswirkungen der Detonationen in den touristischen Randzonen pflanzen sich schockwellenartig ins Inselinnnere fort.

"Mister, please, have massage, please..." Wayan Mitra, die am Strand von Kuta massiert und Früchte verkauft, ist ein typischer Fall. Normalerweise verdient sie um die 70.000 Rupiah knapp 8 Euro ˆpro Tag; heute kann sie ihre Familie in einem Bergdorf nördlich vom Inselzentrum Ubud kaum noch ernähren. Alle sind betroffen wie sie: Ihre Nachbarfamilie hat plötzlich viele Abnehmer für das biologisch angebaute Gemüse verloren. In den Dörfern um Ubud sind Dutzende von Schnitzern und Silberschmieden ansässig; plötzlich bleiben die Reisebusse aus. Überall spielen sich kleine Tragödien ab: Hier wird eine Hochzeit verschoben, da ein Neubau gestoppt, dort ein Kind von der Schule genommen, weil das Schulgeld fehlt.

Auch an der Internationalen Schule in der Inselhauptstadt Denpasar, wo Jugendliche und eine gestorbene Lehrerin betrauert werden, die bei dem Anschlag ums Leben kamen, sind die Auswirkungen einschneidend. "In manchen Klassen sind plötzlich 30 Prozent weniger Schüler. Viele Eltern, die es sich leisten können, haben ihre Kids auf Internate in Australien oder in Singapore geschickt; andere sind mit Kind und Kegel ausgereist", sagt der Engländer Mark, der einen Sohn und eine Tochter auf der Schule hat. Viele der älteren Schüler waren Stammgäste in Paddy's Cafe, auch sein eigener Sohn war Samstagsagends manchmal dort. "Nein, wir bleiben hier, jetzt erst recht" sagt er fast trotzig.

Diese Haltung, und der Wille, die schlechten Zeiten durchzustehen, ist bei vielen Westlern, aber auch die meisten Balinesen zu spüren. Die Versuche, dem dramatischen Niedergang entgegen zu steuern, haben schon wenige Tage nach dem ersten Schock begonnen. Nach den gemeinsamen Gebeten, den hinduistischen Prozessionen, und den rituellen Reinigungen greifen nun die ersten Versuch, die Besucherzahlen wieder auf das alte Niveau zu hieven.

Der Vorsitzende der balinesischen Handelskammer I Gde Wiratha, ihm gehörte auch das zerstörte Paddy's Cafe, hat mit anderen Gastronomen eine Initiative gestartet, die vor wenigen Tagen mit ersten Veranstaltungen an die Öffentlichkeit gegangen ist. "Was wir brauchen, sind Durchhaltevermögen und ein Bündel von internationalen Events, Wettbewerben, Konferenzen sowie Kunst- und Kulturveranstaltungen, die potentiellen Gästen signalisiert Bali ist sicher und lässt sich so schnell nicht unterkriegen," sagt Wiratha.

Den langen Atem wird Wiratha – und Bali überhaupt – dringend brauchen: Erfahrungen mit ähnlichen Situationen wie die Anschläge auf Touristen in Ägypten zeigen, dass sich touristische Ziele nach solchen Desastern frühestens nach etwas 12 Monaten wieder erholen.

Wie viele Balinesen bis dahin ihre Arbeit und ihr Lächeln verloren haben, wer weiss. Die Angst grassiert, dene Etwas schwebt wie eine Giftwolke in der Luft: ein weiterer Anschlag. Das wäre das Ende, glauben viele.

Legian, Mitte Dezember 2002

© Jochen Vorfelder



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