
Nach fast 3 Jahren Ruhe ist der Terror heute nach Bali zurückgekehrt. In Jimbaran und Kuta sind drei Bomben hochgegangen - 23 Menschen wurden getötet, inklusive der drei Selbstmordattentäter.
Die Machart der Attentate erinnert fatal an die Explosion vom 12. Oktober 2002, bei der insgesamt 202 getötet und 209 zum Teil schwer verletzt wurden.
Daß es nun wieder zu Anschlägen auf Touristen gekommen ist, wird Bali in seinen Grundfesten erschüttern. Der Unglaube und die Verzweiflung, die nach dem ersten Anschlag herrschten, wird ebenfalls zurückkehren. Und bleiben. Bali wird nie wieder so sein, wie es war.
Damals, 2002, habe ich Bali zwei Monate nach dem Attentat besucht und darüber geschrieben. Meine Eindrücke wären heute sicher kaum anders.
Trübe Aussicht unter den Palmen"Zwei Monate nach dem Bombenattentat auf Bali sind die Touristen verunsichert und viele Einheimischen verzweifelt.Candi Dasa war bis vor 15 Jahren ein winziges, völlig unbedeutendes Fischerdorf im Osten von Bali, an dessen weisse Strände sich kaum eine Touristenseele verirrte. Dann kamen nach den Backpackern die Scouts der Freizeitbranche und die Dinge überschlugen sich: erst kleine Pensionen, dann grosse Hotels, unzählige Andenkenläden, pralles Nachtleben, das volle Programm.
Die Götter sind uns wohlgesonnen, dachten die Einheimischen, opferten weiter fleissig an ihren Hausaltaren, und erfreuten sich am jährlichen Wachstum, das ihr Dorf zu einem prosperierenden Flecken werden liess. Vorbei die guten Zeiten. Seit dem 12. Oktober 2002, dem Tag, an dem zwei verheerende Bomben in den balinesischen Diskos Paddy's Cafe und Sari Club über 200 Menschenleben auslöschten, ist Candi Dasa auf dem Weg zurück zum Fischerdorf. Die Auslegerboot haben statt Taucher und Ausflügler wieder Netze und Langleinen an Bord. Die Ausbeute auf See ist allerdings so gering wie der Umsatz der Tourismusbranche vor Ort - die Dorfstrasse liegt verlassen da, die Hotels stehen leer, keine Gäste in Sicht.
"Es ist eine Katastrophe", sagt Made Waring Putra, der im Puri Bagus Hotel an der Rezeption arbeitet, "in den ersten Dezemberwochen haben wir in Candi Dasa sonst Belegraten von rund siebzig Prozent. Jetzt liegen wir bei rund fünfzehn Prozent." Fünfzehn Prozent auf einer Insel, auf der fast 80 Prozent des Einkommens vom Tourismus generiert wird und 40 Prozent der Bevölkerung von der Branche abhängig sind. Mit fünfzehn Prozent, das muss man sich klarmachen, ist die balinesische Wirtschaft de facto kollabiert.
Schnelle Besserung ist kaum abzusehen: Der Anschlag hat Reiseveranstalter wie Fernreisende tiefgehend verunsichert. Das Vertrauen in die Sicherheit in Südostasien allgemein und auf der "Insel des Lächelns" im Speziellen ist erschüttert. Nach Reisewarnungen in weltweit 17 Ländern und direkten Aufforderungen, Indonesien zu meiden, hat es seit Mitte Oktober keine nennenswerten Neubuchungen, sondern nur noch Stornierungen gegeben." Bali Pauschal" ist vor Weihnachten bei den grossen Reisediscountern aus den Katalogen gestrichen und im Internet bei den Last-Minute-Anbietern schwer verkäuflich.
Nicht nur in Kuta, wo die Bomben hochgingen, im Künstlerzentrum Ubud oder in Candi Dasa, sondern auch in Nusa Dua, wo die grossen Hotels nebeneinander am Strand stehen und alle Reiseveranstalter dieser Welt ihre amerikanischen, japanischen, australischen und europäischen Pauschaltouristen unterbringen, hat die Krise voll durchgeschlagen. Die Liegen an den Pools sind verwaist. Restaurants sind gähnend leer, jeder Gast wird fürstlich begrüsst und ist von dienstbaren Geistern umringt.
Im Sheraton Laguna, sagt uns der PR-Manager, sei die Lage im Vergleich zur Konkurrenz noch erträglich. Man halte sich mit speziellen Packages über Wasser und habe neben Wochenendausflüglern aus Jakarta überraschend viel Russen im Anmarsch. Aber auch er gibt zu: "Lange können wir das nicht durchhalten, kein Resort kann auf Dauer überleben,wenn vier Fünftel des Umsatzes wegbricht."
Man redet über Entlassungen, ok, nicht heute, und nicht in absehbarer Zeit, aber wenn sich die Lage in sechs Monaten nicht halbwegs stabiliert haben sollte, droht vielen kleineren Betrieben das Aus; Schätzungen gehen davon aus, dass die zwei Bomben direkt und indirekt rund 700.000Arbeitsplätze kosten werden. Manchen Beobachter befürchten bereits kommende Unruhen, denn die Auswirkungen der Detonationen in den touristischen Randzonen pflanzen sich schockwellenartig ins Inselinnnere fort.
"Mister, please, have massage, please..." Wayan Mitra, die am Strand von Kuta massiert und Früchte verkauft, ist ein typischer Fall. Normalerweise verdient sie um die 70.000 Rupiah knapp 8 Euro ˆpro Tag; heute kann sie ihre Familie in einem Bergdorf nördlich vom Inselzentrum Ubud kaum noch ernähren. Alle sind betroffen wie sie: Ihre Nachbarfamilie hat plötzlich viele Abnehmer für das biologisch angebaute Gemüse verloren. In den Dörfern um Ubud sind Dutzende von Schnitzern und Silberschmieden ansässig; plötzlich bleiben die Reisebusse aus. Überall spielen sich kleine Tragödien ab: Hier wird eine Hochzeit verschoben, da ein Neubau gestoppt, dort ein Kind von der Schule genommen, weil das Schulgeld fehlt.
Auch an der Internationalen Schule in der Inselhauptstadt Denpasar, wo Jugendliche und eine gestorbene Lehrerin betrauert werden, die bei dem Anschlag ums Leben kamen, sind die Auswirkungen einschneidend. "In manchen Klassen sind plötzlich 30 Prozent weniger Schüler. Viele Eltern, die es sich leisten können, haben ihre Kids auf Internate in Australien oder in Singapore geschickt; andere sind mit Kind und Kegel ausgereist", sagt der Engländer Mark, der einen Sohn und eine Tochter auf der Schule hat. Viele der älteren Schüler waren Stammgäste in Paddy's Cafe, auch sein eigener Sohn war Samstagsagends manchmal dort. "Nein, wir bleiben hier, jetzt erst recht" sagt er fast trotzig.
Diese Haltung, und der Wille, die schlechten Zeiten durchzustehen, ist bei vielen Westlern, aber auch die meisten Balinesen zu spüren. Die Versuche, dem dramatischen Niedergang entgegen zu steuern, haben schon wenige Tage nach dem ersten Schock begonnen. Nach den gemeinsamen Gebeten, den hinduistischen Prozessionen, und den rituellen Reinigungen greifen nun die ersten Versuch, die Besucherzahlen wieder auf das alte Niveau zu hieven.
Der Vorsitzende der balinesischen Handelskammer I Gde Wiratha, ihm gehörte auch das zerstörte Paddy's Cafe, hat mit anderen Gastronomen eine Initiative gestartet, die vor wenigen Tagen mit ersten Veranstaltungen an die Öffentlichkeit gegangen ist. "Was wir brauchen, sind Durchhaltevermögen und ein Bündel von internationalen Events, Wettbewerben, Konferenzen sowie Kunst- und Kulturveranstaltungen, die potentiellen Gästen signalisiert Bali ist sicher und lässt sich so schnell nicht unterkriegen," sagt Wiratha.
Den langen Atem wird Wiratha – und Bali überhaupt – dringend brauchen: Erfahrungen mit ähnlichen Situationen wie die Anschläge auf Touristen in Ägypten zeigen, dass sich touristische Ziele nach solchen Desastern frühestens nach etwas 12 Monaten wieder erholen.
Wie viele Balinesen bis dahin ihre Arbeit und ihr Lächeln verloren haben, wer weiss. Die Angst grassiert, dene Etwas schwebt wie eine Giftwolke in der Luft: ein weiterer Anschlag. Das wäre das Ende, glauben viele.
Legian, Mitte Dezember 2002
© Jochen Vorfelder
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