29 August 2005

Ein Abend mit kessen Sprüchen und flotten Bienen

Alles begann damit, daß die Klassenlehrerin der Moskauer Schule "712" den Eltern des jungen Wladimir den Erwerb eines Klaviers empfahl. Dann passierten viele mysteriöse Dinge in einer Russendisko zwischen durch und als den bisherigen Höhepunkt der Geschichte kann man durchaus den 25. August dieses Jahres erachten. Was geschah an diesem Donnerstag?

An diesem lauschigen Sommerabend versammelten sich auf Berlins Eventmeile "Unter den Linden" eine repräsentative Mischpoke der Schönen und Schlauen unserer Hauptstadt im ehemaligen Quartier der Berliner Stadtkommandanten - heute die gemeinsame Repräsentanz der Bertelsmann AG und der Bertelsmann Stiftung - und lauschten den Erzählungen einer russischen Plaudertasche.

Wladimir Kaminer, ein begnadeter russischer Schlawiner, Discjockey und Selbstvermarkter, stellte sein bisher letztes Werk, den DJ-Roman ""Karaoke", vor.

Das übliche Programm. Junge Damen mit leuchtenden Augen und schwarzen Hornbrillen himmelten, alte Literaten mit Schlips und Cordjacke neideten. Und Kaminer ging seiner Lieblingsbeschäftigung nach - der ausschweifenden Beantwortung existenzieller Fragen des Lebens:

Wieso funktioniert der Kassettenrekorder Romantiker 306, ein Wunderwerk sowjetischer Technologie gebaut aus Abfällen der Raketenindustrie, nur auf heimischem Territorium? Warum bekommt der kleine Wladi statt des Klaviers eine Sperrholzgitarre? Und wie tanzt man als Pinguin »Die Eroberung des Nordpols« im Volksballett-Kollektiv?

Nach rund einer Stunde Lesung, dem anschließenden lustigen Fragen-Anwort-Spiel und dem opulenten Buffet waren wir schlauer: Gott ist ein DJ. Die Details lesen wir im Buch. Und Lachsröllchen passen hervorragend zu gefüllten Nudeln und kaltem Chardonnay.

PS: Für Freunde des gehobenen deutschen Liedguts (Ja, für so etwas haben wir heutzutage einen Russen...) empfehlen wir Wladimir Kaminers Adaption von "Biene Maja".

© Jochen Vorfelder

17 August 2005

Die Wirklichkeit - besser als Werner Herzog

Da sitzt man nun am Gardasee im schönen Garten von Gabriele d'Annunzio und kommt zur folgenden Erkenntnis: Jeder Künstler trifft irgendwann zwangsläufig seine Nemesis.

Doch von vorne: Der französische Maler Jean-Louis-Ernest Meissonier, ein Meister von Pinsel und Palette und berühmt für historisches Schlachtengetümmel, wurde nicht nur in Ehren gehalten ob seiner ergreifenden Todesszenen, sondern auch wegen der naturgetreuen Wiedergabe von Pferden - und dabei vor allem ihres Galopps.

Im Jahr 1879 hatte Meister Meissonier in Paris schließlich die Gelegenheit, die Bilder eines gewissen Eadward Muybridge zu studieren. Der Mann aus dem fernen Kalifornien war ebenfalls ein Spezialist für Pferde; arbeitete allerdings mit einer völlig anderen Technik. Muybridge, später als Vater der modernen Fotografie gefeiert, war es 1872 als Erstem gelungen, mit extrem kurzen Verschlußzeiten seiner Kamera den Bewegungsablauf eines Galoppers in einzelne Schritte und Aufnahmen aufzuteilen.

Muybridge produzierte Bilder, die seine Zeitgenossen wie ein Droge in den Bann zogen; eine visuelle Revolution - auch für Meissonier: "Dreißig Jahre lang haben mich meine Augen getäuscht", erklärte er in schierer Verzweiflung, und erwog, nie mehr einen Pinsel anzufassen. So schlimm kam es nicht, aber der Franzose machte sich demütig daran, selbst an seinen berühmtesten Bildern die Fußstellung der gallopierenden Schlachtrösser zu korrigieren.

Mit ebenso halluzinierenden Aufnahmen hat der Regisseur Werner Herzog wiederum 1982 in seinem Werk Fitzcarraldo den Wahn des Opernliebhabers Fitzgerald (gespielt vom in Sachen Wahn auch höchst kompetenten Klaus Kinski) bebildert und die Geschichte erzählt, wie ein durchgeknallter weißer Pflanzer mit Hilfe von stoischen Indios einen Frachtdampfer durch den peruanischen Dschungel und über die Anden ziehen läßt.

Was bitte, mag sich der geneigte Leser fragen, haben nun Messonier und Muybridge mit Herzog und Kinski vor allem mit Gabriele d'Annunzios Garten am Gardasee zu tun?

Dieser Garten, ach, dieser Garten. wie er wuchert voll Grün und erblüht in italienischer Eleganz und Grandezza. Angesichts dieses Gartens würde der Visionen nicht gänzlich abholde deutsche Filmemacher seufzend in die Knie sinken und sein Haupt ebenso demütig senken wie weiland Meissonier, denn hier hat Herzog seinen persönlichen Muybridge und in Gestalt von Gabriele d'Annunzio seinen wahren Meister gefunden.

Denn besagter d'Annunzio, ein begnadeter Phantast, Hochstapler, Ehebrecher vor dem Herrn, Dandy und notorischer Querulant, hat eine monumentale Schiffsverschiebung schon im Jahr 1925, also fast fünfzig Jahre vor Herzog und Kinski, durchexerziert. Was die beiden Cineasten als Methapher für das "Scheitern des europäischen Tatmenschen in den Tropen" (Joseph Conrad) inszenierten, hat sich die multiple Persönlichkeit d'Annunzio, der sowohl als italienischer Heimatdichter, konservativer Parlamentarier und romantischer Nationalist in Erscheinung trat, zur Ehre der großen Italienischen Nation und in Realitas vor das Schlafzimmerfenster stellen lassen.

D'Annunzio's Versuch, mit dem Vittoriale das größte Freilichtmuseum der Welt zu errichtete, scheiterte kläglich an des Dichters Sprunghaftigkeit und permanenter Geldnot. Doch als er 1923 den ausgesetzten Kreuzer Puglia von der Italienischen Marine zum Geschenk erhielt, ließ er sich nicht lumpen und das Wrack von Landarbeitern auf einen Berggrat schleppen; mit dem Bug ausgerichtet hin zum Adriatischen Meer und hin zu dem zurückeroberten Dalmatien.

Erst 1955, siebzehn Jahre nach d'Annunzios Tod, wurde sein Mausoleum, ein weiteres Monument der Vittoriale-Anlage, vollendet; dort ruht der Faschist nun still über dem See in toskanischem und lombardischem Marmor.

Ach, wieder einmal hat die Realität doch das bessere Drehbuch geschrieben. Und wie gerne hätte man Klaus Kinski in der Rolle des in seinen Spätjahren heftig dilirierenden Gabriele d'Annunzio gesehen - und Werner Herzog in einer Nebenrolle: als Duce del Fascismo Benito Mussolini bei d'Annunzio's Beerdigung.

© Jochen Vorfelder

12 August 2005

Boxenstopp im Museumshop

Für Nordlichter mit quengelnden Kindern auf dem Rücksitz, Fahrer von Caravan-Gespannen und Urlauber mit ungebremstem Drang nach Süden bietet sich kurz vor der Schweizer Grenze ein idealer Boxenstopp zur Besinnung, Erholung und Abkühlung der familiären Betriebstemperatur an: das Vitra Design Museum in Weil am Rhein.

Nach einer eher unspektakulären Fahrt durch's Weiler Industriegebiet - Füttern Sie dort Ihren Nachwuchs noch kurz bei McDonalds ab und folgen Sie dann den braunen Hinweistafeln! - geht es weiter zum Produktionsitz des Schweizer Möbelfabrikanten Vitra: eine Firma, die hochwertiges Design und innovative Architektur zum zentralen Wert ihren Öffentlichkeitsarbeit gemacht hat.

Hat man sich erst einmal bei den Einheimischen durchgefragt ("Was suchet's se? D'Stuhlfabrigg?"), erreicht man eines der interessantesten zeitgenössischen Architekturensembles mit Fabrikationshallen von Frank O. Gehry (der mit dem Guggenheim-Bau in Bilbao), Alvaro Siza und Nicholas Grimshaw, der Feuerwehrstation von Zaha Hadid (heute Ort der Stuhlsammlung), einer geodätischen Kuppel von Buckminster Fuller und dem Konferenzpavillion von Tadao Ando.

Fahren Sie dort erst wieder vom Parkplatz, wenn Folgendes abgearbeitet ist:

1. Ein Rundgang im Museum, wo noch bis Januar 2006 eine Sonderausstellung "Il rumore del tempo" über das Werk von Gaetano Pesce, einer der international einflussreichsten Designern der letzten 40 Jahre, gezeigt wird.
2. Ein Eistee in der Cafeteria, bevor die Architektur-Führung beginnt.
3. Ein zweistündiger, aber kurzweiliger Gang mit Architekturvortrag über das gesamte Betriebsgelände, bei dem dem Besucher klar wird, daß der Begriff "Industrielandschaft" durchaus positive Assozationen wecken kann.
4. Ein Besuch im Museumshop, den er ist definitiv besser sortiert als Ihr Souvenirladen an der Costa Brava.
5. Die Toiletten. Sie kennen das doch: Kaum ist man auf der Autobahn, geht das Quengeln wieder los.

© Jochen Vorfelder

04 August 2005

Das Karussell von Colmar

Als sich Anfang der Neunziger Jahre Architekten von Euro-Disneyland auf die Suche nach passenden Blaupausen und Fassaden für das projektierte Fantasyland machten, wurden sie zügig fündig: in Colmar. Die Straßenzüge der Stadt im Herzen des Elsaß sind gesäumt mit den mittelalterlichen Stammhäusern und Residenzen von alteingesessenen Bourgeois.

Allesamt sind sie so kunstgerecht und zuckersüß restauriert, daß einem das Herz aufgeht in Anbetracht dieser heilen Welt und man hofft, ein Tor werde aufgestoßen und Aschenputtel flöhe barfuß durch die Hundertschaften der Touristen, die sich zu Urlaubszeiten durch die Fußgängerzone wälzen.

Auch der zentrale Place Rapp, benannt nach Napoleons's eisernen Frontgeneral Jeau Rapp, hält nicht wirklich das, was er oberflächlich vorgibt. Was mit den grauen Granitplatten und dem Springbrunnen wie ein moderne Version des Rapp'schen Exerzierfeldes wirkt, ist in Wahrheit das Dach eines versenkten Parkhauses für 1200 Fahrzeuge.

Nur an den südlichen Ausläufern des Place Rapp, unter den alten Kastanien, steht noch etwas Altes, das nicht vorgibt oder vortäuscht: das Kinderkarussell der Familie Roland Dieudonne. Gebaut vor über 100 Jahren, seit drei Generation in Familienbesitz, mit über 3000 Lampen, 50 Motivwagen und 30 Holzpferden, ruckelt und knarrt es um die eigene Achse, die sich mit einem kecken Wimpel obendrauf forsche elf Meter in den Himmel reckt.

Die Lautsprecher sind altersschwach; die Melodien auch. Da und dort blättert schon etwas die Farbe ab, doch die Augen der kleinen Madames strahlen vor Freude und die Wangen der zukünftigen Zinedine Zidanes mit den aktuellen Fußball-Trikots erröten vor Stolz beim Ritt auf dem Löwen.

Das Meisterwerk der Mechanik, bei dem zum Start noch ein schwerer Hebel umgelegt wird, betört unsere Herzen noch genauso wie vor einem Jahrhundert. Da fragt man sich spontan: Ob Euro-Disney in hundert Jahren wohl noch steht?

© Jochen Vorfelder

01 August 2005

Ratespiel: Ein Leben aus dem Koffer

Wer Ende des 18. Jahrhunderts als talentierter österreichische Autor publizistischen Erfolg erringen wollte, mußt nach Berlin. Auch unser traveller, geboren in Wien, kam 1908 in die Hauptstadt des Kaiserreiches und hospitierte zunächst beim Scherl-Verlag.

Doch erst als ihn der Assistent von Theodor Wolff, des legendären Chefredakteurs des Berliner Tageblatts, aufforderte, zukünftig "kleine Sachen" zu schreiben, kam seine bemerkenswerte Karriere in Fahrt.

Aus Gründen, die hier nicht näher erörtert werden sollen, schrieb er im Tageblatt ab 1909 nicht unter seinem richtigen Namen: Er zeichnete seine kurzen Lokalfeuilletons mit "Baptist" oder "Belial", bevor er dazu überging, einen Tiroler Bauernnamen als Pseudonym zu benutzen.

"A........ H........l" wird mit seinen kurzen Betrachtungen schnell eine Berliner Kultfigur: "Wer ist dieser A..... H.........l? fragte man sich alle Morgen, wenn man das Berliner Tageblatt aufschlug." Doch bald wurde es dem traveller in Berlin zu eng - und er muß Berlin ohnehin verlassen, weil der Erste Weltkrieg ihn nach Wien zurückzwang, wo er, so der Chronist Hermann Broch, einen "pazifistischen Kriegsberichterstatter" gab.

Ab 1923 verbringt traveller den größten Teil seines Lebens auf Reisen: London, Kalkutta, 1924 dann Ägypten, Palestina und der Amazonas, 1926 ein Ausflug über Kanada in die Südsee, Polynesien nach Neuseeland, und erstmal die USA und Hollywood. Bis 1933 folgen weitere Reisen in die Staaten, nach Schottland und schließlich die Teilnahme an einer Expedition in die libysche Wüste zusammen mit dem Fotografen Hans Casparius.

Alle seine Reisen kann traveller, der ein bemerkenswert präziser Beobachter ist, gut vermarkten: Er publiziert erfolgreich Bücher, weiter unter seinem Pseudonym, unter anderem das archivarisch hoch gehandelte "Die Mahdi-Trommel" und ein traumhaftes Werk über die Suche nach "Z............", einem verlorenen Archipel, das von seltenen Kleintieren bewohnt wird.

Nach travellers Reise nach Ägypten holte ihn die hässliche Realität in Berlin ein: Das liberale Tageblatt kündigt ihrem linksintellektuellen Mitarbeiter jüdischer Abstammung. Als der "Anschluß" Österreichs bevorsteht, steht er auf den Listen der Gestapo. Im Frühjahr 1838 gelingt traveller im letzten Moment die Flucht über die Tschechoslowakei und London in die USA. Seine letzte Reise: Im September 1939 stirbt er dort an einem Herzinfarkt.

Wer war da unterwegs?

Viel Spaß beim googlen.

© Jochen Vorfelder