
Da sitzt man nun am Gardasee im schönen Garten von Gabriele d'Annunzio und kommt zur folgenden Erkenntnis: Jeder Künstler trifft irgendwann zwangsläufig seine Nemesis.
Doch von vorne: Der französische Maler Jean-Louis-Ernest Meissonier, ein Meister von Pinsel und Palette und berühmt für historisches Schlachtengetümmel, wurde nicht nur in Ehren gehalten ob seiner ergreifenden Todesszenen, sondern auch wegen der naturgetreuen Wiedergabe von Pferden - und dabei vor allem ihres Galopps.
Im Jahr 1879 hatte Meister Meissonier in Paris schließlich die Gelegenheit, die Bilder eines gewissen Eadward Muybridge zu studieren. Der Mann aus dem fernen Kalifornien war ebenfalls ein Spezialist für Pferde; arbeitete allerdings mit einer völlig anderen Technik. Muybridge, später als Vater der modernen Fotografie gefeiert, war es 1872 als Erstem gelungen, mit extrem kurzen Verschlußzeiten seiner Kamera den Bewegungsablauf eines Galoppers in einzelne Schritte und Aufnahmen aufzuteilen.
Muybridge produzierte Bilder, die seine Zeitgenossen wie ein Droge in den Bann zogen; eine visuelle Revolution - auch für Meissonier: "Dreißig Jahre lang haben mich meine Augen getäuscht", erklärte er in schierer Verzweiflung, und erwog, nie mehr einen Pinsel anzufassen. So schlimm kam es nicht, aber der Franzose machte sich demütig daran, selbst an seinen berühmtesten Bildern die Fußstellung der gallopierenden Schlachtrösser zu korrigieren.
Mit ebenso halluzinierenden Aufnahmen hat der Regisseur Werner Herzog wiederum 1982 in seinem Werk Fitzcarraldo den Wahn des Opernliebhabers Fitzgerald (gespielt vom in Sachen Wahn auch höchst kompetenten Klaus Kinski) bebildert und die Geschichte erzählt, wie ein durchgeknallter weißer Pflanzer mit Hilfe von stoischen Indios einen Frachtdampfer durch den peruanischen Dschungel und über die Anden ziehen läßt.
Was bitte, mag sich der geneigte Leser fragen, haben nun Messonier und Muybridge mit Herzog und Kinski vor allem mit Gabriele d'Annunzios Garten am Gardasee zu tun?
Dieser Garten, ach, dieser Garten. wie er wuchert voll Grün und erblüht in italienischer Eleganz und Grandezza. Angesichts dieses Gartens würde der Visionen nicht gänzlich abholde deutsche Filmemacher seufzend in die Knie sinken und sein Haupt ebenso demütig senken wie weiland Meissonier, denn hier hat Herzog seinen persönlichen Muybridge und in Gestalt von Gabriele d'Annunzio seinen wahren Meister gefunden.
Denn besagter d'Annunzio, ein begnadeter Phantast, Hochstapler, Ehebrecher vor dem Herrn, Dandy und notorischer Querulant, hat eine monumentale Schiffsverschiebung schon im Jahr 1925, also fast fünfzig Jahre vor Herzog und Kinski, durchexerziert. Was die beiden Cineasten als Methapher für das "Scheitern des europäischen Tatmenschen in den Tropen" (Joseph Conrad) inszenierten, hat sich die multiple Persönlichkeit d'Annunzio, der sowohl als italienischer Heimatdichter, konservativer Parlamentarier und romantischer Nationalist in Erscheinung trat, zur Ehre der großen Italienischen Nation und in Realitas vor das Schlafzimmerfenster stellen lassen.
D'Annunzio's Versuch, mit dem Vittoriale das größte Freilichtmuseum der Welt zu errichtete, scheiterte kläglich an des Dichters Sprunghaftigkeit und permanenter Geldnot. Doch als er 1923 den ausgesetzten Kreuzer Puglia von der Italienischen Marine zum Geschenk erhielt, ließ er sich nicht lumpen und das Wrack von Landarbeitern auf einen Berggrat schleppen; mit dem Bug ausgerichtet hin zum Adriatischen Meer und hin zu dem zurückeroberten Dalmatien.
Erst 1955, siebzehn Jahre nach d'Annunzios Tod, wurde sein Mausoleum, ein weiteres Monument der Vittoriale-Anlage, vollendet; dort ruht der Faschist nun still über dem See in toskanischem und lombardischem Marmor.
Ach, wieder einmal hat die Realität doch das bessere Drehbuch geschrieben. Und wie gerne hätte man Klaus Kinski in der Rolle des in seinen Spätjahren heftig dilirierenden Gabriele d'Annunzio gesehen - und Werner Herzog in einer Nebenrolle: als Duce del Fascismo Benito Mussolini bei d'Annunzio's Beerdigung.
© Jochen Vorfelder