04 August 2005

Das Karussell von Colmar

Als sich Anfang der Neunziger Jahre Architekten von Euro-Disneyland auf die Suche nach passenden Blaupausen und Fassaden für das projektierte Fantasyland machten, wurden sie zügig fündig: in Colmar. Die Straßenzüge der Stadt im Herzen des Elsaß sind gesäumt mit den mittelalterlichen Stammhäusern und Residenzen von alteingesessenen Bourgeois.

Allesamt sind sie so kunstgerecht und zuckersüß restauriert, daß einem das Herz aufgeht in Anbetracht dieser heilen Welt und man hofft, ein Tor werde aufgestoßen und Aschenputtel flöhe barfuß durch die Hundertschaften der Touristen, die sich zu Urlaubszeiten durch die Fußgängerzone wälzen.

Auch der zentrale Place Rapp, benannt nach Napoleons's eisernen Frontgeneral Jeau Rapp, hält nicht wirklich das, was er oberflächlich vorgibt. Was mit den grauen Granitplatten und dem Springbrunnen wie ein moderne Version des Rapp'schen Exerzierfeldes wirkt, ist in Wahrheit das Dach eines versenkten Parkhauses für 1200 Fahrzeuge.

Nur an den südlichen Ausläufern des Place Rapp, unter den alten Kastanien, steht noch etwas Altes, das nicht vorgibt oder vortäuscht: das Kinderkarussell der Familie Roland Dieudonne. Gebaut vor über 100 Jahren, seit drei Generation in Familienbesitz, mit über 3000 Lampen, 50 Motivwagen und 30 Holzpferden, ruckelt und knarrt es um die eigene Achse, die sich mit einem kecken Wimpel obendrauf forsche elf Meter in den Himmel reckt.

Die Lautsprecher sind altersschwach; die Melodien auch. Da und dort blättert schon etwas die Farbe ab, doch die Augen der kleinen Madames strahlen vor Freude und die Wangen der zukünftigen Zinedine Zidanes mit den aktuellen Fußball-Trikots erröten vor Stolz beim Ritt auf dem Löwen.

Das Meisterwerk der Mechanik, bei dem zum Start noch ein schwerer Hebel umgelegt wird, betört unsere Herzen noch genauso wie vor einem Jahrhundert. Da fragt man sich spontan: Ob Euro-Disney in hundert Jahren wohl noch steht?

© Jochen Vorfelder

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