07 November 2008

Canning Stock Route Australien: Sprit bei 23° 04’ 45’’ S, 123° 12’ 14’’ E

Schuld waren die Zecken. Als die Rinderbarone des Kimberleys im äußersten Nordwesten Australiens um 1870 Zebu-Rinder aus Afrika importierten, brach eine Biblische Seuche über die Herden herein. Die mit den Zebus eingeschleppten Zecken vermehrten sich massenhaft; die Wasserstellen färbten sich feuerrot durch den Urin der kranken Tiere, die nach Abkühlung und Linderung ihres hohen Fiebers suchten.

Die einzige Chance, das "Red Water Fever" und die tödlichen Zecken einzudämmen, lag im monatelangen Viehtrieb durch den Rand der australischen Wüsten südlich des Kimberleys - die Trockenheit und unwirtliche Hitze der Tanami, der Gibson und der Great Sandy Desert überlebten selbst die Zecken nicht.

Da lag es um die Jahrhundertwende auf der Hand, die Herden gleich weiter zu treiben, denn weiter im Süden in den Goldfeldern West-Australien wurden inzwischen gute Preise für die Rinder gezahlt - die Zahl der Glücksritter und Prospektoren schnellte dort in abenteuerliche Höhen: Armselige Ansammlungen von Hütten platzten im Goldfieber aus allen Nähten. Wiluna, 1890 ein Kaff mit 75 Einwohnern, hatte 20 Jahre später zwölf Taxen, fünf Sportstadien und vierzig Absteigen. Das Weeloona Hotel warb mit "der längsten Theke der Welt".

Das einzige Problem der Rinderzüchter: Zwischen Halls Creek im Süden des Kimberleys und Wiluna lagen 1500 Kilometer unerschlossene Wüste, Niemandsland. Nur Aboriginees wagten sich hinein.

1906 wurde schließlich der Landvermesser Alfred Canning unter Vertrag genommen: der richtige Mann für einen gigantischen Job, den er ohne Rücksicht auf Verluste erledigte. Aboriginees wurden als Geisel genommen, erschossen, auch einige seiner Männer kamen ums Leben. Mehrmals waren die Arbeiter kurz vor dem Verdursten.

Doch innerhalb von vier Jahren legten Canning und seine Mannschaft einen Track durch tausend Sandünen, bizarre Felsformationen, Buschland und endlose Salzebenen und gründeten 51 Brunnen, die maximal zwei Tagesmärsche von einander entfernt Viehtreibern und Herden mit Wasser versorgen sollten. 1911 trieb der "Drover" Tom Cole den ersten "Mob" aus mehreren hundert Rindern von Halls Creek nach Wiluna.

Nach dem letzten Viehtrieb über die „Canning Stock Route" Ende der Fünfziger Jahre verfiel der Track in einen Dornröschen-Schlaf; erst im Jahr 1968 wurde er das erste Mal mit einem Jeep befahren. Inzwischen ist die Piste fast wieder mit Spinifex-Gras zugewachsen, die Brunnen sind bis auf wenige Ausnahmen versandet. Auf der Canning sind inzwischen nur noch Allrad-Abenteurer unterwegs, denn die Strecke mit fast 1000 zu querenden Sanddünen gilt als die anspruchvollste Piste im Australischen Outback - die Eigernordwand für hart gesottene 4x4-Fans.

Bilderstrecke von der Canning Stock Tour

Wir sind die Canning Stock im Mai 2007 gefahren – mit zwei Landcruisern und vier alten Yamaha-XT 600-Geländemaschinen und hätten die Strecke ohne die Hilfe von Kevin Roney nicht geschafft. Die Canning Stock ist auch heute noch eine gnadenlose Tortur – vor allem auf dem Motorrad – und die Fahrt eine logistische Herausforderung: Ohne Vorräte für zwei Wochen und Sprit für 2000 Kilometer geht gar nichts.

Und da kommt Kevin Roney ins Spiel: Der Fahrer des Capricorn Roadhouse in Newman fährt alle sechs Wochen mit einem Monster eine Tour durch das Outback West-Australien: Sein LKW, ein ausrangierter und umgebauter Sechsachser der Flughafenfeuerwehr in Perth, ist das einzige Fahrzeug, das die haushohen Dünen und Schlammlöcher der Regenzeit auch mit zwei Tonnen Zuladung schafft und regelmäßig Sprit in die abgelegenen Mining- und Aboriginee-Camps liefert.

Und für die sichere Versorgung der Canning Stock-Tourer sorgt: Wer mindestens acht Wochen im Voraus einen horrenden Preis bezahlt, findet seine 200-Liter-Fässer beim „Capricorn Fuel Dump“ in der Nähe von Brunnen 23. Exakt bei 23° 04’ 45’’ S, 123° 12’ 14’’ E.

Das Capricorn Roadhouse hat noch keinen im Stich gelassen. Diese Tankstelle ist 24/7 offen und ist leicht zu finden – vorausgesetzt, man kann mit einem GPS umgehen.

Video von der Canning Stock Tour:



Ein spezieller Dank für den Song "Spacecake" von Purepipe geht an Marc Schieferdecker von das-motorad-blog.de

06 November 2008

EICMA 2008: Heimspiel für Ducati, Guzzi & Co.

Sie lieben das Schaulaufen auf dem Mailänder Catwalk: eine halbe Million Besucher werden auf der diesjährigen Motorrad-Messe Eicma erwartet. Ducati schickt die heißesten Models ins Rennen, aber auch BMW ist für eine Überraschung gut. moto1203 stellt die wichtigsten Neuheiten vor.

Seit dem vergangenen Wochenende wird die Mailänder Innenstadt festlich illuminiert, und man mag das als Vorboten werten: Die Eicma 2008 wurde gestern mit einem Modell-Feuerwerk der italienischen Hersteller für das Publikum eröffnet.

Allen voran Ducati: Die Superbike-Bauer aus Bologna stellen mit dem neuen Streetfighter in Normal- und S-Ausführung und zwei neuen 1198ern gleich zwei komplett neue Linien vor.

Star auf dem Mailänder Laufsteg ist unbestritten der neue Streetfighter: Ein Naked-Bike mit 155 PS und 115 Nm Drehmoment, heraus gekitzelt aus einem überarbeiteten L-Twin-Motor mit 1099 Kubikzentimetern Hubraum. Allein das ist schon atemberaubend, doch das Design stellt die Fahrleistungen noch in den Schatten – einen schärferen sogenannten Cafe-Racer wird es im Modelljahr 2009 nicht geben. Der Ducati Streetfighter ist damit erster Anwärter auf den Titel "Bike of the Show".

Überrascht hat auch Moto Guzzi, trotz der Spekulationen über die Schließung des Stammwerks in Mandello. Die Traditionsmarke unter dem Piaggio-Dach hat mit der neuen Stelvio 1200 TT (1151 Kubikzentimeter Hubraum und 105 PS) eine massive und günstig avisierte Reise-Enduro aufgelegt, die den Platzhirschen von BMW durchaus Paroli bieten kann.

Dass über den Preis etwas geht, hat Guzzi erst vor wenigen Wochen in Berlin bewiesen: Dort gewannen sie mit dem billiger angebotenen Modell Norge die Ausschreibung der Berliner Polizei gegen die weiß-blaue Konkurrenz.

Aprilia, eine andere Piaggio-Tochter, glänzt ebenfalls mit guten Ideen. Nachdem bereits auf der Intermot in Köln im Oktober das neue Superbike RSV4 von der Leine gelassen wurde, wird in Mailand nun die komplette Ausstattung der Dorsurodo-, Shiver- und Mana-Familie mit ABS vorgestellt.

Und was in der Mana mit ihrem revolutionären Automatikgetriebe steckt, beweist die Konzept-Studie Mana X: In diesem Flat-Track-Racer ist der 839-Kubikzentimer-Motor der Straßenversion verbaut, aber die Maschine ist um alle unnötigen Verkleidungen erleichtert und mit dem Underseat-Auspuff und der Crosser-Sitzbank optisch eine Augenweide.

Stylistisch mithalten können da allenfalls noch die neu gestaltete Brutale von MV Agusta, die DB7 Oronero von Bimota und die neue 990 SMT von KTM, eine interessante Mischung aus Sport-Tourer und Supermoto.

Mit 115 PS aus 1000 Kubikzentimetern Hubraum wird sie wohl als agile Alternative zu den kleineren BMW-Enduros, der Ducati Multistrada und der Triumph Tiger vermarktet. Hohe Frontscheibe und Tourenkoffer für die 990 SMT sind jedenfalls im Angebot der Österreicher – ebenso wie die bisher kräftigste Maschine aus der Mattighofener Powerschmiede, die KTM RC8 R mit 180 PS Leistung.

Ganz andere Wege geht Honda. Während auf der Kölner Messe noch die absonderliche Zukunftsstudie V4 und die neue Fireblade den Stand bestimmten, kümmert sich der Branchen-Primus im Rollerland Italien um den Massenmarkt: Bezahlbare und mit Blick auf die Betriebskosten sympathische Modelle wie das High-Tech-Modell SW-T400 (Viertakt-Zweizylinder mit endlos Stauraum und kombiniertem ABS) oder der überarbeitete SH125i bestimmten die Pressekonferenz.

Das liegt im Trend – auch in Deutschland: Allein im September 2008 wurden knapp 1000 Roller, 54 Prozent mehr als im Vorjahresmonat, zugelassen.

Bleibt noch BMW zu erwähnen: Die Bayern zeigen neben dem neuen Naked Bike F 800 R mit dem Lo Rider eine Konzept-Studie, die auf dem klassischen Boxer-Roadster basiert, aber top-moderne Stilmix-Elemente aus 50er-Jahre-Cruiser und aktuellem Superbike zusammen führt: Drahtspeichenfelgen und Wave-Bremsscheiben, Upside-Down-Telegabel und Scrambler-Tüten fügen sich zu einem Ensemble zusammen, das man bisher aus Bayern nicht gesehen hat.

Der Clou: Beim Lo Rider soll der Kunde vor der Auslieferung Gestalter werden. Die Maschine ist konzipiert als Baukastensystem, kombinierbar sind verschiedene Sitzbänke, Auspuffanlagen, Frontpartien und Farbgebungen für das Motorgehäuse – Pimp my Bike also serienmäßig. Wann die Studie kommen soll, ist noch unklar.

Der Messewart

05 November 2008

Verkehrsicherheit: Schneller als die E-Mail erlaubt

moto1203 hat viel Haue bekommen, als es sich vor einigen Wochen damit beschäftigte, in wie weit schlechter, verantwortungsloser Motorrad-Journalismus (auch bekannt unter dem Schlagwort "Knallpresse") zu den Unfallzahlen von Bikern beiträgt.

Eine der Folgen: Ich beschäftige mich mit der Frage, in wie weit Straßenführung und Beschilderung zur objektiven, statistisch nachvollziehbaren Sicherheit beiträgt und wie viel reale Sicherheit von der subjektiven Wahrnehmung des Fahrers abhängt.

Dabei spielt die Beschilderung eine wesentliche Rolle - und logischer Weise recherchiere ich auch die Frage der korrekten Beschilderung. Dabei ist mir dieses besonders heraus ragende Exemplar untergekommen:
Der Witz bei der Geschichte: Die Englischen Ansage ist der Stadtverwaltung von Swansea bei der Übersetzung ins Walisische etwas daneben geraten. Der angemailte Übersetzer war leider nicht im Büro, aber hatte seinen Auto-Responder eingeschaltet: "I am not in the office at the moment. Send any work to be translated." Was heißt das wohl für Walisische Biker ....

Krieg auf zwei Rädern: Superbikes töten mehr Marines als Al-Quaida

Nach einer aktuellen Studie der amerikanischen Armee sind in den vergangenen zwölf Monaten mehr Marines bei Motorradunfällen gestorben als im Einsatz im Irak. 25 Soldaten starben auf amerikanischen Straßen - 24 davon mit Sportbikes - während im gleichen Zeitraum im Irak 20 Marines bei Schusswechseln oder Selbstmordanschlägen ihr Leben verloren.

General James Amos, der stellvertretende Kommandeur des Marine Corps, sagte CNN: "Anscheinend müssen wir unseren Leuten auf diesen Motorrädern ebenso helfen zu überleben wie im Einsatz." Etwa ein Zehntel der rund 200.000 Marines besitzen Motorräder.

Um der Unfallseuche Herr zu werden, muss nun jeder Motorrad-fahrende Marine an einem Grund- und Einführungskurs - vergleichbar einem ADAC-Sicherheitstraining - teilnehmen. Für Fahrern von Sportbike ist ein zweiter Kurs obligatorisch. Wer ohne Zertifikat erwischt wird, hat mit disziplinarischen Folgen zu rechnen.

Das Marine Corps ist nicht allein von der steigenden Unfallzahl betroffen. Die Navy berichtet von 35 toten Bikern - eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr von 65 Prozent. Warum die Zahlen seit zwölf Monaten ansteigen, dafür gibt es keine stimmige Erklärung. die Marines hatten zunächst auf sehr junge Fahrer ab 18 Jahren getippt, doch die Statistik zeigt, dass das durchschnittliche Alter der tödlich Verunglückten bei 25 liegt.

28 Oktober 2008

Flash-Spiele: ein neuer Player

Nehmen wir doch mal die bekannten Fotos von der Intermot 2008 - und experimentieren damit mit einem kostenlosen Flash-Player, den slide.com online anbietet.

Genial einfach: Bilder hochladen, Art der Darstellung aussuchen, Skin auswählen, Fotos beschriften, Musik unterlegen - alles ratz-fatz. Hier das Resultat:

(Achtung - ich habe den Player rausgenommen - weil er einen gravierenden Nachteil hat: Erläßt sich nur mit EINGESCHALTETEM Sound einbauen. Ganz übel....

Interessant wäre natürlich zu wissen, wieviele Anschläge der Textbereich schluckt. Reichts für eine anständige Bildunterschrift - könnt ihr ja mal ausprobieren...

Der Codewart

Flash-Spiele 2: hier eine andere Variante

24 Oktober 2008

Rückblick Intermot 2008: Hersteller und Modelle

Eine Woche nach der Intermot - und nur noch zwei Wochen bis zum nächsten Messen-Showdown EICMA in Mailand - hier noch einmal die Highlight in Köln in geballter Flash-Form.





Der Bilderwart

21 Oktober 2008

KTM: Crosser mit Elektroantrieb


Seltsames Timing - aber eine überraschende Ankündigung: Verspätet nach der Intermot aber zu früh für die Mailänder EICMA haben die Österreicher von KTM Bilder ihres ersten Enduro-Sportmotorrad rausgelassen, das von einem Elektromotor angetrieben wird.

Der offensichtlich fahrbereite und komplett emissionslose Crosser wurde in Kooperation mit arsenal research entwickelt, deren Techniker sich vor allem um den Antriebssatz des Sportgeräts kümmerten. "Mit dieser Entwicklung kommen wir dem Problem von Lärm und Abgasen in dieser Sportart entgegen", sagte Harald Plöckinger, Vorstandsmitglied der KTM Power Sports AG. "Wir können nun den Enduro-Sport wieder näher in die Ballungszentren und Städte bringen."

Herzstück des Prototypen ist der Akku, der mit Lithium-Ionen-Technologie arbeitet und Energie für 40 Fahrminuten liefert. Die Batterie ist dort verbaut, wo sich bei einem Motorrad mit Verbrennungsmotor der Tank befindet und wiegt rund 17 Kilogramm. Eine volle Ladung ist innerhalb einer Stunde möglich; KTM geht von mindestens 1.000 Ladezyklen aus.

Das Gerät arbeitet mit einer intelligenten Regel- und Steuerungstechnik und soll mit Verbrennungsmaschinen vergleichbare Fahrleistungen liefern. Typische Motorrad-Komponenten wie Auspuff, Tank, Airbox oder Kupplung entfallen bei der Zero-Emission-KTM komplett. Der Motor liefert 40 Newtonmeter Drehmoment, am Hinterrad seien es schließlich 500 Newtonmeter.

Nach Angaben aus dem Werk wird der KTM-E-Crosser frühestens in etwa eineinhalb Jahren zu kaufen sein, und auch konkrete Angaben zum Preis wollen die Mattighofener vorerst nicht machen.

Vom wohl für die Verkaufszahlen entscheidenden Preis abgesehen: Die überraschende Initiative von KTM geht in die richtige Richtung. Elektrifizierte Fahrzeuge mit Null-Emissionen von Schadstoffen, Lärm und Treibhausgasen werden in Zukunft eine wichtigere Rolle einnehmen - nicht nur auf der Rennstrecke, sondern auch im urbanen Alltagsverkehr.

Deshalb könnte man spekulieren: Kommt auf der EICMA eine Studie der Straßenversion für den umweltbewußten Pendler? Sicher nicht, nach den Worten aus dem Werk wird selbst der Prototyp des Crossers nicht ausgestellt. Wahrscheinlich ist Honda doch schneller mit einem E-Roller.

10 Oktober 2008

Intermot 2008: Polo und Corsa auf zwei Rädern...


Ich bin kein Freund von langwierigen Debatten im Internet, darum klicke ich eingegangene Kommentare zu meinen Posting meist gleich weg.

Wegen meiner Intermot-Kommentierung wurde ich meist beschimpft - viel zu negativ, zu depressiv fandens die meisten gar.

Da freut es mich doch, dass einer der wichtigsten Branchendienste aus meiner Sicht, das autoreporter.net, in die gleiche Kerbe haut: "Wirklich Neues - und vor allem Innovatives - gibt es in Köln nicht zu sehen. Viele als Neuheiten präsentierte Maschinen sind nichts weiter als modellgepflegte Maschinen. Und die als Highlight auf dem Honda-Stand präsentierte Design-Studie hat weder Motor noch echte Räder."

Und am Ende schreibt: "Den höchsten Marktanteil haben Klein- und Kompaktwagen. Eine Yamaha Polo, Kawasaki Corsa oder Suzuki Fiesta sucht man in Köln hingegen vergebens. Und wo bleibt das Dieselmotorrad?"

Hier der ganze Kommentar.

09 Oktober 2008

Intermot 2008: Mörderische Zeiten


Übersicht: Alle Modelle - alle Hersteller

Rückfahrt von der Intermot - was für ein Resumee soll man ziehen? Im Zug zurück nach Hamburg kam mir schließlich der iPod und der große alte Mann Leonard Cohen zu Hilfe:

"Give me back the Berlin wall, give me Stalin and St Paul, I've seen the future, brother: it is murder." (Leonard Cohen, The Future)

Vor Ort scheint es, als habe sich nichts geändert auf der Nabelschau der Bikes und Biker-Branche. Die Veranstalter der Intermot 2008 prophezeien Rekorde und Business as usual: Über 200.000 Besucher sollen zwischen dem 8. Und 12. Oktober ins Kölner Messezentrum kommen, über 1100 Aussteller und 40 Ländern sind angetreten. Es wird Häppchen, Hostessen und Highlights geben. Und volle Papptaschen.

Doch wer genau hinschaut und hinhört, spürt, dass die Gemütsgelage bei den traditionell optimistischen Herstellern dieses Jahr eine andere ist. Der raue Alltag hat Einzug in die Veranstaltung gehalten, die von den Zweiradträumen lebt: „Auch wir können nicht verkennen, dass die aktuelle Finanz- und Bankenkrise spürbare Auswirkungen auf unseren Markt haben wird,“ sagt Hendrik von Kuenheim, Motorrad-Chef von BMW.

Kollegen von anderen Herstellern werden im Gespräch noch deutlicher: Die fetten Jahre sind vorbei, die Krise schlägt voll durch. Harley-Davidson hat Leute im Stammwerk entlassen müssen, Kawasaki den Rennsport-Support in Deutschland quasi dicht gemacht, weil die Umsätze im ersten Halbjahr 2008 gefallen sind.

Hinzu kommt, dass die Platzhirsche aus München, Japan und Italien die Weichenstellung für die Zukunft verschlafen haben. Technische Schmanckerl – hier eine neue Baureihe, dort ein ABS, coole Designs aller Orten. Doch alternative Antriebe zum Verbrennungsmotor, die bei wachsendem Kosten- und Umweltbewusstsein der Kunden das Gebot der Stunde wären, sind nicht in Sicht.

Die Biker werden kommen zur Schau, aber ob sie auch weiter den Geldbeutel öffnen? Angst macht die Runde in Köln – man munkelt, dass mancher Bike-Bauer und großer Japaner die nächsten Jahre nicht überstehen wird.

Der Abgesang von Vater Cohen lautet jedenfalls:

"And now the wheels of heaven stop, you feel the devil's riding crop, get ready for the future: it is murder."

(c) Jochen Vorfelder intermot2008koeln

BMW: Kampfansage aus München


Unbestrittener Star auf dem BMW-Stand ist das komplett neue entwickelte Superbike S 1000 RR (im Bild), mit dem die Bayern im kommenden Jahr in die Superbike-WM angreifen wollen.

Die Fahrer Ruben Xaus und Troy Corser sollen auf dem neuen Reihen-Vierzylinder mit 1000 Kubik, der um die 190 PS leistet, den japanischen und italienischen Platzhirschen Paroli bieten. BMW-Motorrad-Chef Hendrik von Kuenheim: "Unser mittelfristiges Ziel ist der WM-Titel." Eine Straßenversion des Renners mit elektronischer Traktionskontrolle und ABS wird wohl ab Sommer 2009 für knapp unter 20.000 Euro ausgeliefert.

Weiter im blau-weißen Schaufenster in Halle 6: drei völlig überarbeitete Modelle aus der K-Serie mit nunmehr 1300 Kubik , das Naked Bike K 1300 R, der Sportler K 1300 S sowie die verkleidete J 1300 GT.

intermot2008koeln

Honda: Ausgebremste Feuerstühle


Der Marktführer hat wieder den größten Stand, die meisten Hostessen und stellt in der breitesten Modellpalette von Mini-Roller bis Mega-Goldwing eine feine technische Raffinesse vor: das erste vollkommen elektronisch gesteuerte ABS-Bremssystem. Ausgerüstet mit dem neuen System ist der 2009er Jahrgang der Supersportler, die CBR 600 RR ABS und die 1000er Fireblade (im Bild).

Die Fireblade mit 178 PS glänzt zum 60sten Geburtstag von Honda in schillernden Farben - neben der weiß-blau-roten Variante sind Modelle in Schwarz, Blau und Repsol-Orange im Angebot.

Ansonsten: Innovation Fehlanzeige. Die Weiterentwicklung des Automatikkonzepts DN-01 wurde vergeblich erwartet. Die Benzin-Strom-Hybride mit 200 bis 1000 ccm, die japanische Fachzeitungen angekündigt hatten, stecken noch in den Kinderschuhen und sind noch nicht vorzeigbar.

intermot2008koeln

Harley-Davidson: Amerikanische Muskelspiele


Zur Pressekonferenz kam extra Michael van der Sande, der Vice-President der Bike-Bauer aus Milwaukee, eingeflogen - und stellte die aktuelle Version des Erfolgsmodells V-Rod vor: Die V-Rod VRSCF "Muscle" (im Bild) mit dem 1247 ccm-Zweizylinder-V-Motor bringt wassergekühlte 125 PS und 115 Nm Drehmoment auf den Prüfstand.

Der "Power Cruiser" sieht mit dem neuen Rahmen und flachen Design jetzt noch gemeiner aus. Der Rest der Palette von Softtail- bis Dyna-Baureihe wurde wie jedes Jahr geringfügig überarbeitet.

Erik Buell, der böse Bube in der Harley-Familie, hat mit dem von Rotax entwickelten Helicon V2-Aggregat im neuen "Cafe Racer" Buell R1225 CR endlich einen Antrieb, bei dem er aus dem Vollen schöpfen kann. 148 PS machen aus dem Buell-Konzept der konzentrierten Triebwerk-, Tank und Auspuff-Masse endlich ein stimmiges Oevre.

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Yamaha: Rückkehr des Kultbikes


Die im Jahr 1984 vorgestellte und zur Jahrtausendwende eingestellte Yamaha Vmax galt als ausgestorben - jetzt ist sie wieder da: auf völlig neue Beine gestellt, mit einem Fahrwerk, das diesmal nicht durch die schiere Leistung überfordert ist, jeder Menge Elektronik und doch optisch ziemlich nah am Original. Der neue Kraftprotz (im Bild) saugt 200 PS aus einem 4 Zylindermotor mit 1679 ccm bei einem Drehmoment von 166 Nm, leistet sich allerdings auch ein Kampfgewicht von 310 Kg.

Wie die Konkurrenz zittert auch Yamaha um die Mittelklasse mit den traditionell hohen Verkaufszahlen: Die neue XJ6 Diversion mit 16 Ventil-Einspritzmotor und ABS soll's richten.

Überschattet wird der Yamaha-Stand in Halle 6 von Gerüchten - einer der japanischen Hersteller soll von seinem Mutterkonzern verkauft werden.

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Suzuki: Ende einer Ära


Bert Poensgen, der die Geschicke von Suzuki Deutschland über Jahrzehnte bestimmt geht, zieht sich zurück vom Gut. Aber hinterlässt einen gut bestellten Hof: Die jährlich steigenden Verkaufszahlen entgegen des Trends sollen das 2009er Superbike GSX-R 1000 und die neue Gladius 650 weiter nach oben treiben.

Die neue 1000er wirft gegen die japanischen und neuerdings bayrischen Konkurrentinnen knapp 190 PS bei einem Gewicht von 203 Kg in die Waagschale und gibt die Höchstgeschwindigkeit im Prospekt verschämt mit "über 200 Km/h" an.

Die Gladius (im Bild) mit etwas unter 70 PS ist ein anderes Kaliber. Als Nachfolgerin der in die Jahre gekommenen SV 650 glänzt das Naked Bike vor allem optisch: Der exzellente Design-Entwurf könnte aus einer italienischen Feder stammen. Die Gladius mit ihrer relativ niedrigen Sitzposition soll vor allem Frauen und Anfänger ansprechen.

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Kawasaki: Farbspiele bei den Giftgrünen


Klar gibt es bei Kawasaki in Halle 8 mit der ZX-6R eine neue lime-grüne Ninja - die kommt jedes Jahr verfeinert; sprich leichter, schmaler und angeblich handlicher. Die Rahmendaten bleiben gleich: 599 Kubik, 16 Ventile im 4-Zylinder-Reihenmotor.

Interessanter dagegen die Fürsorge von Kawasaki Deutschland für die Masse der Motoristen: Die Brot und Butter-Modelle ER-6n (im Bild) und ER-6f wurden einer gehörigen Modellpflege unterzogen. Das neue n-Naked Bike wirkt wesentlich hochwertiger als das alte Modell, die verkleidete f soll einen besseren Windschutz bieten.

Beide Maschinen schöpfen 72 PS aus einem 650 Kubik-Parallel-Twin und haben serienmäßiges ABS.

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Triumph: Besinnung auf die Stärken


Eigentlich nichts wirklich Neues hat Triumph in Halle 9 zu bieten. Aber die Engländer machen aus der Not eine Tugend: Die erfolgreiche Daytona 675, die diese Saison auf deutschen und britischen Rennstrecken Triumphe eingefahren hat, leistet 2009 ein paar PS mehr und wurde im Detail überarbeitet.

Das Gleiche gilt für die neue Street Triple R (im Bild), die wie die bisherige Version ohne R auch 106 PS leistet, aber im Detail aufgerüstet wurde: geändertes Fahrwerk, hochwertigere Gabel, Federelemente und Bremsanlage - zum akzeptablen Preis von 8640 Euro.

Liebevoll hat sich Triumph auch um die 2009er Bonneville gekümmert. Sie hat nun wie die Novitäten der Siebziger Jahre Siebenspeichen-Gussfelgen und 17-Zoll-Räder.

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Ducati: Diven in Rot


Was schon vor Wochen in den einschlägigen Internet-Foren durchsickerte, in Köln war es zum ersten Mal live zu sehen: die neuen Monster 1100 und 1100 S (im Bild), die neuen Flagschiffe der Naked Bike-Familie aus Bologna. Gezeichnet wie die bereits im letzten Jahr vorgestellte 695, aber mit 95 PS und 103 Nm Drehmoment mit mehr Power als der Desmodromik-Zweizylinder-Basis-Motor der 695.

Weiter im Angebot am Stand in Halle 8: die Hypermotard 1100 in Perlmutt-weiß und eine optisch aufgepeppte Multistrada.

War's das schon? Ja. Wie alle Italiener steckt auch Ducati in Köln in einem Dilemma: Man muss dem deutschen Klientel etwas Wertiges zeigen, aber darf gleichzeitig das Publikum auf der Hausmesse, der Mailänder EICMA im November, nicht verprellen. Drum wird man auf die weiteren Novitäten aus Borgo Panigale noch bis nächsten Monat warten müssen. In der Gerüchteküche: eine neue Multistrada und womöglich eine völlig neue Motoren-Generation - vielleicht sogar ohne Desmodromik.

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MV Agusta: Dabei sein ist alles


Weitaus tiefer gehende Probleme als Ducati - Wo zeige ich bloß die neuen Knüller? - hat die Edelmarke MV Agusta. Seit das Baby der Casteliogni-Brüder von Harley-Davidson übernommen wurde, wird im Werk in Varese vom abgesandten Directing Manager Matt Levatich kräftig saniert.

Das hat im Verein mit dem finanziellen Bermuda-Dreieck, das zum Verkauf geführt hat, zur Folge, dass die Modellentwicklung stockt - weder auf der Intermot noch im November auf der EICMA darf man von MV Agusta etwas Neues erwarten. Das muss erst mal nichts Schlechtes heißen: Die ausgestellten Brutale und F4-Modelle sind erprobte und edle Modelle, die sich im teuren Nischenmarkt ihre Kundschaft erkämpfen. Und angeblich zeichnet die Design-Legende Tamborini an etwas ganz Neuem ...

Immerhin hat das Harley-Engagement wohl dazu geführt, dass man sich die horrenden Kölner Standkosten geleistet hat.

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Aprilia: Offensive der Piaggio-Kids


Aprilia, der flotte Spross der italienischen Roller-Dynastie Piaggio, will 2009 dem Establishment in der Superbike-Klasse und dem Newcomer, der BMW S 1000 RR, Paroli bieten. Dafür dient die RSV4 Factory (im Bild), die in Köln vorgestellt wird: Ein Superbike mit 65-Grad-V4-Triebwerk , für die Straße adaptiert von der Aprila-Rennversion, die in der Superbike-WM laufen wird.

Nach Deutschland sollen ab April 2009 etwa 150 Stück kommen; die PS-Zahl soll knapp unter 200 liegen, das Gewicht ebenso.

Ansonsten hat man fürs nächste Jahr in Sachen Modellpflege die Hausaufgaben gemacht - die drei Modell Mana, Shiver und Dorsoduro werden 2009 mit einem ABS ausgeliefert.

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Royal Enfield: Alte indische Werte


Neues in Halle 10.1 von einem der ältesten Hersteller auf dem Markt: Seit 76 Jahren werden Royal Enfield Bullets gebaut, erst in England und seit den 50er Jahren in Indien. Jetzt hat der Importeur ZMT mit R.L. Ravichandran, dem CEO
des Herstellers, einen komplett neuen 500 ccm-Bullet-Motor vorgestellt, der mit elektronischer Einspritzung arbeitet, und die EURO3-Norm schafft.

Gebündelt ist das neue 28 PS-Triebwerk, das sich äußerlich kaum von den klassischen Motoren unterscheidet, mit einem rasanten Retro-Design. Die Bullet Classic (im Bild) ist die Bollywood-Interpretation der Enfield-Nachkriegs-Ära: Einzelsitz, klassisch-grüner Lack, Lampenkopf aus Druckguss, der Tank mit der historischen Grafik. Gleichzeitig ziemlich State-of-the-art: E-Starter, Scheibenbremsen und moderne Teleskopgabel. Und geschaltet wird jetzt Links.

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Elektrobikes: Power aus der Steckdose


Es tut sich etwas auf dem Markt der Elektro-Roller, die in Halle 4.1 zu finden sind: Die Verkaufszahlen steigen, der Leidendruck durch hohe Spritpreise und quälendes Umweltbewusstsein nimmt zu. Kein Wunder also, dass selbst die Etablierten wie Honda und BMW die Möglichkeiten sondieren.

Beim Käufer sind bisher nur die Kleinen wie e-max oder Vectrix: e-max hat seit Juli rund 1500 Stück der Modellvarianten 90s und 110s ausgeliefert, die Händler berichten von steigender Nachfrage auch in Österreich: In der Alpenrepublik wird der Kauf eines E-Fahrzeugs mit 300 Euro staatlich subventioniert. Zur Saison 2009 sollen die beiden Modell auch mit Batterien kommen, die Reichweite und Leistung weiter erhöhen.

Beim Berliner Vertrieb des Vectrix (im Bild) backt man dagegen noch relativ kleine Brötchen: Weltweit 2000, aber nur 50 Stück in Deutschland hat man bisher in 2008 verkauft. Wahrscheinlich liegt es am illusorischen Preis, der bei 9.999 Euro schwebt.

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Hyosung: Malaise und Methanol


Dass Hyosung zu Anfang des Jahres den Besitzer gewechselt hat und nun zum koreanischen Mischkonzern S&T Motors gehört, hat der Marke bisher nicht gut getan. Neue, für 2008 avisierte Modelle wie ein 650er Sportbike mit elegantem Gitterrohr-Rahmen schweben in der Warteschleife, die Zukunft des erwarteten 1000er-Motors steht in den Sternen. Der Importeur übt sich in Modellpflege.

Und war genauso überrascht wie die Intermot-Besucher in Halle 8, als kurz vor Messebeginn ein unerwartetes Exponat auftauchte: die F.C.One.R, eine Studie, die mit einem „Direct Methanol“-Brennstoffzellen-Antrieb laboriert. Eingebaut in ein Aluminium-Chassis speist die Zelle einen Lithium-Polymer-Akku mit 32 Amperstunden. Höchstgeschwindigkeit um die 70 km/h, Reichweit angeblich 3 Stunden.

Vielleicht tut sich ja doch was in Korea bei S&T.

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Derbi: Rote Kugeln für den Nachwuchs


Die Spanier von Derbi, die mit dem Slogan „The Return of the Red Bullets“ werben, sind nicht zu beneiden. Da stellen sie in Halle 7 feine Maschinen wie die Adventure 125 oder die Mulhacén Café 125 (im Bild) aus, die hier zu Lande selten auf den Straßen zu sehen sind. In Spanien ist das anders, da sind sie Verkaufs-Renner.

Der Grund: In Spanien dürfen die Maschinen mit dem modernen 125 Kubik-Viertakt-Motor (15 PS, maximale Geschwindigkeit 110 km/h) mit dem PKW-Führerschein gefahren werden. Bleibt für die Branche zu hoffen, dass im Rahmen der kommenden EU-Führerschein-Vereinheitlichung auch die bundesdeutschen Führerschein-Klassen neu geregelt werden.

Derbi hätte sich etwas davon: Die Adventure wirkt wie eine GS 1200 für den Einsteiger, der Café Racer wie eine kleine Ducati. Könnte beim Fahrer-Nachwuchs kultig werden.

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Moto Morini: Schwarzer böser Bube


Um die Legende Moto Morini war es nach der überraschenden Wiedergeburt der Marke in 2004 wieder ziemlich ruhig geworden - der erste große Wurf, die Corsaro 1200, hatte mit Qualitätsproblemen zu kämpfen und Neues war nicht wirklich nachgekommen.

Inzwischen scheinen die Kinderkrankheiten des Moto Morini-Triebwerks ausgestanden und neben der aktuellen Granpasso 1200 zeigen die italienischen Kleinserien-Hersteller aus Casalecchio di Renpo in Halle 10.1 ein echtes Schmuckstück: die Scrambler 1200 (im Bild) zum Preis von 11.795 Euro.

116 PS und 105 Nm aus einem 1187 ccm-V-2-Motor, verbaut in einem Stahlrohrrahmen mit Aluschwinge und UpSideDown-Gabel, klassische Speichenräder und einem kühn geschwungenen Edelstahl-Schalldämpfer-Duo. Das gesamte Paket in Nachtschwarz rollt auf den für einen Scrambler passenden Stollenreifen.

Würde Steve McQueen noch fahren: Für dieses Schmuckstück würde er das Original von Triumph in die Ecke stellen.

intermot2008koeln

02 Oktober 2008

Alpentour: mit Goethe und 33 Pferdestärken


Schnee in den Alpen, Schietwetter in Hamburg. Es ist kalt und es nieselt; Zeit fürs Erinnern an den Sommer - und die schönen Zeiten der Sommertouren. Auch weil heute der erste Schnee oben am Grimsel gefallen ist und der Pass bis ins Frühjahr hinein geschlossen sein wird...

Es dräut noch Zwielicht, an diesem frühen Junimorgen oben auf der Passhöhe am Grimsel. Das Hotel Alpenrösli mit der beheizten Stube und den spartanischen Kammern für die Gäste liegt still wie der Totensee, auf dem die letzten schorfigen Schollen der Eisschmelze treiben. Über tausend Meter tiefer im Haslital kauert das Städtchen Innertkirchen im Dunkel, im Westen windet sich die enge Stichstraße hoch zum Oberaar. Violette Wolkenfetzen wie Zuckerwatte von der Kirmes markieren den nackten Gipfel und das Nahen des Tages.

Ein Morgen in den Bergen: grandiose Weitblicke und atemlose Stille, vervollkommend von der Andacht in der kleinen Bergkapelle und dem dem nervösen Pfeifen der Murmeltiere im kleinen Zoo-Gatter des Alpenrösli, die den frühen Besucher wittern.

Mit der frühmorgendlichen Stille ist es am Totensee bald vorbei. Die Piste von Innertkirchen hoch zum Grimselpass auf 2165 Metern Höhe, eine hypnotisierende Sequenz von Serpentinen, ist eines der Kurvenparadiese für Motorradfahrer. Die letzten Kilometer bis zum Alpenrösli an der Passhöhe mit dem See sind Fahrspaß pur. So ist zwischen Juni und September der Parkplatz vor dem Hotel schon zum Frühstück voll geparkt – Dutzende von Bikes sind keine Seltenheit.

Auch unsere Maschinen sind darunter, am dritten Tag unserer Tour durch die Alpen. Das Berner Oberland haben wir auf dem Weg nach Italien schon hinter uns gelassen: zwei Mann, einer auf der alten 100er BMW und der zweite mit seiner über dreißig Jahre alten Yamaha XT 500 – und damit wohl eines der ältesten Gespann in diesem Motorrad-Sommer.

Als die XT 500 im Herbst 1976 auf den Markt kam, war sie das Motorrad für den damaligen Zeitgeist, denn sie brach mit allem Muff im Motorrad-Establishment: ein einfacher 500 ccm-Viertakter, aber ein neues Konzept, eine revolutionäre Vision. Schluss mit den schweren Tourenschiffen und den nervösen Zweitakthobel; rein ins Gelände, auf in die Freiheit! Wer damals XT fuhr, galt als harter Hund und ultracool. Janis Joplin sang Freedom 's just another word for nothing left to loose: Rucksack und Zelt aufgeschnallt! Abseits der Autobahn und unter dem Pflaster lag der Strand.

Damit wäre schon einmal die Frage beantwortet, warum ein über 30 Jahre altes Zweirad das richtige Fahrzeug für die Pässe und Hochgebirgsstraßen zwischen Lörrach und Verona, zwischen Comer See und Dolomiten ist: Technik veraltert und korrodiert, aber alte Liebe rostet nicht.

Warum allerdings gestandene Männer überhaupt Alpen-Touren unternehmen und eine geschlagene Woche für eine Strecke vertändeln, die man auf direktem Wege per E35 und St. Gotthard-Tunnel bequem in sechs Stunden bewältigen kann - das gilt es noch zu klären. Wer einst die Alpen querte - entweder auf dem Rücken von Elefanten oder auf dem Bußgang nach Canossa – hatte gewichtige Gründe.

Soweit zunächst: "Ich warf mich ganz allein, nur einen Mantelsack und Dachs-ranzen aufpackend, in eine Postchaise", schrieb Goethe im September 1786 über seine Reise nach Italien: "Früh drei Uhr stahl ich mich aus Karlsbad, weil man mich sonst nicht fortgelassen hätte." Heute, über 200 Jahre später, hätten der reiselustige Dichter oder Kollegen wie George Bernhard Shaw oder Hunter S. Thompson – beide begeisterte Motorradfahrer - statt der Pferdekutsche sicher eine Harley-Davidson oder BMW bestiegen. Goethe flüchtete vor Frau von Stein nach Italien, Thompson fuhr den Dämonen seiner Trunksucht davon.

Motorräder sind die zeitgenössischen Vehikel für kleine oder große Fluchten romantischer Art aus Alltag und Verbindlichkeit. Ihr Gebrauch ist daher mit der schnöden Bewegung von Punkt A nach Punkt B nicht zu erklären. Natürlich ist ein PKW bequemer. Natürlich hilft es ungemein, wenn bei einem Platzregen auf 2500 Metern Höhe das Schiebedach zufährt und die Autoheizung anspringt. Doch auf Zweirädern ist der Weg das Ziel; unterwegs tummeln sich Lust, Spaß und Wahnsinn in Sicht- und Riechweite.

Beim Aufbruch am Grimsel hebt sich der leichte Frühnebel vom Totensee. Die Fahrt im Sonnenschein runter ins Tal nach Gletsch wird Meditation pur: Die Eindrücke durchs Visier oszillieren zwischen Nahaufnahme - Achtung, Kurve! - und Panoramablick auf die umliegenden Gipfel. Während sich das Asphaltband den Berg hinab windet, lösen sich schwere Gedanken in wohlfällige Leere auf, doch die Konzentration wird scharf wie ein Messer. Ohren auf: Motor läuft rund, Getriebe schaltet ohne Klonk und Klack. Aus Fahrt von Kurve zu Kurve wird Tanz; die Serpentinenfolge wird zelebriert wie ein klassischer Tango. Der Rhythmus stimmt, die Geschwindigkeit passt. Das Gewicht optimal verlagert, der Kopf locker, die Arme entspannt im richtigen Winkel, ein harmonisches Zwiespiel aus Fliehkraft und Schräglage - ein formalisierter, aber zugleich höchst lustvoller Austausch von Signalen zwischen Mensch und Maschine.

Da blitzt es kurz giftgrün im Rückspiegel. Und schon ist ein rollendes Heizkraftwerk vorbeigefegt. Ein Vierzylinder mit rund 160 PS stöhnt mit 9000 Umdrehungen pro Minute auf. Von hinten betrachtet ist das mit extremen Breitreifen versehene Gerät nur noch Sturm und Drang; getrieben von einem modernen Kutscher in einem Kawasaki-Leder-Overall. Jetzt geht er in die Bremseisen und zügelt die Pferde. Das Recklinghausener Kennzeichen schlingert wild auf die Spitzkehre zu, denn der Hinterbau der Fuhre hat beim vollen Biss der vorderen Bremsscheiben kaum noch Kontakt zum Asphalt. Da will es einer wirklich wissen; hoffentlich überlebt der Mann seinen Sommerurlaub.

Sind es allesamt jugendliche Selbstmord-Kandidaten, die hier unterwegs sind? Mitnichten. In der enormen Masse der alpinen Motorradtouristen – an den Mautstationen des Timmelsjochs wurden 2007 immerhin 79.158 Durchfahrten registriert - sind das Ausnahmen. Die Zweirad-Szene wird schnell älter und gesetzter. Der deutsche Biker ist laut einer ADAC-Studie im Durchschnitt schon Mitte vierzig, sich des hohen Unfallrisikos durchaus bewusst, und entsprechend defensiv unterwegs.

Tage später auf dem Timmelsjoch, einem weiteren Wallfahrtsort für Alpentourer, steht in der letzten Kurve vor dem Biker-Parkplatz ein kleines Holzbänkchen: der ideale Ort unter dieser Sonne, um die Statistik zu verifizieren. Kamikaze-Fahrer wie der Recklinghausener Raser sind hier völlig out. Gemächliches Schaulaufen ist angesagt. Harley-Davidsons, die aussehen wie nach einem Sturz ins Chrombad, werden von arrivierten Kapitänen der Landstraße gesegelt. Die Piloten japanischen Sportmaschinen stolzieren durch die Reihen und gleichen sich aus der Distanz wie ein Pfauenei dem andern: verspiegelte Visiere und Leder-Overalls, passend zur Marke in Farbe und Aufschrift. Auch ihre Maschinen sind austauschbar.

Die graumelierten Herrenfahrer auf den BMW-Reiseenduros mit Navi-Geräten und Tourenkoffern stehen als eigener Bike-Tribe etwas abseits in ihrer Wagenburg. Sie lauschen misstrauisch rüber zur Italo-Fraktion, wo die Ducatis im Leerlauf rasseln wie gedopte Tamburine. Wenn man nicht wüsste, dass dieses Klagelied der Kupplung zum Ducati-Mythos gehört, käme fast Mitleid auf – natürlich mit den Fahrzeugen, nicht mit den Fahrern. Denn Leiden gehört zu einer alpinen Motorrad-Tour wie Sonnencreme zum Strandurlaub.

Bei der Anfahrt zum Stilfserjoch, mit 2758 Metern Passhöhe dem höchsten Punkt der Tour, muß die alte XT mit den 48 Spitzkehren und der Steigung kämpfen. Sie blökt wegen des Sauerstoffmangels aus dem Auspuff und bockt wie ein unwilliger Maulesel. Dann fängt es auch noch an zu nieseln; die ersten schweren Tropfen fallen. Binnen kurzer Zeit legen sich Schlieren aufs Visier; die gefühlte Temperatur und die Laune fallen in den Keller.

Zweifel kommen auf. Mussten die 2758 Meter dieses Jahr wirklich sein, hätte es die alternative Route über den Ofenpass mit gerade mal 2149 Meter nicht auch getan? Egal, das Wasser zieht ohnehin schon kalt in den Kragen und die Füße sind naß. Soll das Urlaub, soll das Erholung sein?

Auf der Passhöhe, von Wolken verhangen, lockt ein heißer Tee und ein Imbiss bei den fröstelnden Würstelbratern, doch der erhoffte Panoramablick auf die Orlergruppe und die Ötztaler Alpen liegt irgendwo in der Milchsuppe. Da hilft nur Fahren, immer weiter runter ins Tal. Auch vor St. Moritz schießen noch Sturzbäche über die Straße. Erst kurz vor Maloja reißt es wieder auf und die Sonne bricht durch. Schon ist der Comer See in Sicht. Mit Kaiserwetter, und so bleibt es. An den letzten Tage hinüber zum Gardasee und Verona kommt die Sonnenbrille in Einsatz; kein Wölkchen trübt das Blau und das Gemüt. Abends im Ristaurante fragt man sich: Stilfserjoch, war da was? Der Regen und die Qual, sie sind längst vergessen.

Auf der Rückfahrt im Autoreisezug versüßt wieder Goethes Italienischen Reise die Bummelei: "Hierher gekommen, gleichsam gezwungen, endlich an einen Ruhepunkt, an einen stillen Ort, wie ich ihn mir nur hätte wünschen können. Es war ein Tag, den man jahrelang in der Erinnerung genießen kann."

Ja, von dieser Reise kann man zehren bis zum nächsten Sommer. Dann geht es wieder los, wieder auf dem Moped, wieder durch die Alpen. Dann sicher mit einem Bändchen von Franz Kafka. Auch er war ein begeisterter Motorradfahrer und verstand etwas von der Lust am Leiden.

(c) Jochen Vorfelder

24 September 2008

Testfahrt eROCKIT: Erster Serienhybrid aus Mensch und Maschine


Stefan Gulas wollte nur ein Elektro-Fahrrad kaufen. Weil ihm keins gefiel, baut der Tüftler jetzt in seiner Berliner Manufaktur die eROCKIT – den ersten Mensch-Maschine-Serienhybrid. Und er gibt Gas mit den Füßen.

Der Fahrer des roten Ford Fiesta schaut ziemlich ungläubig. Eben noch ist er zügig die Straße des 17. Juni runtergebrettert, im Rückspiegel dauernd ein Motorrad. Jetzt steht er an der Ampel vor der Siegelsäule und kurbelt hektisch die Scheibe runter. Sein Verfolger hat sich links in der freien Spur eingeordnet: "Hey, das waren doch knapp 70 Sachen. Was issen das für ein Ding, gepimptes Fahrrad oder wat?"

Stefan Gulas ist neugierige Fragen gewohnt, wenn er mit der eROCKIT in Berlin seine Runden dreht. Er legt den Kopf zur Seite und deutet auf die Aufschrift www.erockit.net auf dem Helm, bevor er loslegt: "Nein, kein Fahrrad, aber auch kein normales Motorrad. Hat Elektroantrieb; musste aber treten, wenn du vorwärts kommen willst."

Die Ampel springt auf Grün und Gulas gibt Gas – pardon, tritt in die Pedale, denn einen Gasgriff hat die eROCKIT nicht. Der Prototyp des ersten Mensch-Maschinen-Hybrids, den Gulas in den letzten vier Jahren entwickelt hat, hat eine Beschleunigung, die mit Serienmotorrädern locker mithalten kann. Der Unterschied: Bei der eROCKIT kommt die Antriebskraft aus einer einmaligen Kombination aus Muskelkraft und einer intelligent eingesetzten Nano-Phosphat-Lithium-Ionen-Batterie.

Neues Konzept

Wie der Fiesta-Fahrer schaut auch Gulas, ein 37-jähriger Österreicher, manchmal sehr ungläubig. Besonders dann, wenn er über die technischen Besonderheiten seiner Erfindung doziert. Dann bohrt sich sein Blick tief in das Gehirnkästelchen seines Gegenübers, ganz so als wolle er orten, ob der Groschen dort schon gefallen ist: "Ich hab mir die Teile angeschaut. Das bisherige Konzept von Elektrofahrrädern, bei denen der Antrieb vom Strampeln direkt unterstützt wird, ist völlig ineffizient. Entweder man tritt zu schnell und quasi gegen den Generator oder man ist zu langsam in den Pedalen und kommt nicht hinterher, verstehens?"

Bei der eROCKIT ist das anders: Gulas hat die Pedale vom Elektroantrieb durch das sogenannte Serienhybrid-Konzept entkoppelt. Der Fahrer treibt dabei mit den Füßen einen Generator an, der die Hochleistungsbatterie speist. Gleichzeitig steuert das Radeln über eine ausgefuchste Elektronik die Elektrokraft, von der über einen zweiten Generator das Hinterrad angetrieben wird. Die dabei vom Antriebselektromotor aus dem Akku gezogene Power ist 50-mal stärker als das bloße Treten: Drehmomente von 75 Newtonmetern und Spitzen von 80 km/h sind drin.

Faible für geniale Ideen

Gulas hat ein Faible für einfache und zugleich geniale Ideen. Er sagt: "Am liebsten erfinde ich Dinge oder schmiede Geschäftsideen. Ich lese gerne Wirtschaftsmagazine und denk mir dabei Sachen aus, die erfolgreich sein könnten." Das klappt nicht immer. Mit einem Internet-Start-Up in San Francisco ist der gelernte Bergbauingenieur baden gegangen. Und bei seinem Intermezzo als Marketingexperte bei der Telekom, das hat ihn nach Berlin geführt, hat er sich irgendwann gelangweilt. Gulas hat sich selbständig gemacht, als Erbauer der eROCKIT: "Wissens, die Arbeit muss ja eine intellektuelle Herausforderung sein."

"Also hab ich von Anfang an auch nicht über ein reines Elektromotorrad nachgedacht, das machen ja viele. Sondern über einen Zwitter, ein Ding, das es vorher so noch nicht gab. Man sollte sich körperlich bewegen wie auf einem Fahrrad, aber die Kraft eines Bikes spüren." Darum ersetzt an der eROCKIT, von der inzwischen der vierte Prototyp gebaut ist, das Fußpedal den Gasgriff. No pain, no gain - ohne Strampeln geht nach Gulas Fahrzeugphilosophie nichts.

Außerdem liebt es Gulas exklusiv, und daher ist die eROCKIT ein elegantes und verdammt hochwertiges Fahrzeug, eine Art iPod unter den alternativen Zweirädern, geworden. Rahmen und Schwinge sind handgefertigt in seiner Fahrzeugschmiede, deren genauer Standort in Berlin der Entrepreneur nicht nennen will. Zehn Mitarbeiter, auch Spezialisten für Elektrotechnik, Metallbau und Fahrzeugbau, beschäftigt er dort zurzeit. Sie haben auch alle Karbonteile wie die Akkuverkleidung von Hand gefertigt und die meisten Anbauteile wie Bremshebel und Generatorendeckel selber aus dem Vollen gefräst.

Mit 80 Sachen über die Avus

Die Materialien sind edel: Alu und Titan. Für die Schwinge und bei den Laufrädern hat man sich bei High-End-Crossmaschinen bedient; der ursprüngliche Kettenantrieb ist beim aktuellen Typ durch eine saubere Riemenlösung ersetzt. "Andere Teile wie etwa den Sattel haben wir ganz bewusst so einfach wie möglich gelassen. Man soll ja nicht vergessen, dass man auf einem Radl unterwegs ist." Unterm Strich hat die Tüftelei am Detail viel gebracht – der Prototyp 4 wiegt knapp hundert Kilo.

Die strampelt Stefan Gulas weg, ohne ins Schwitzen zu kommen. Mit 60 km/h – "Auf der Avus krieg ich locker 80 Sachen auf den Tacho, glaubens mir!" - stromert er runter zum Kanzleramt und setzt den 12-Volt-Blinker.

Kurze Pause in der Grünanlage: Das eROCKIT zieht Schaulustige an wie Licht die Motten. Ja, man braucht einen Führerschein, weil das Fahrzeug als Leichtkraftrad zugelassen wird. "Und wie lange kann ich damit fahren, bevor der Strom ausgeht?", will ein Yamaha-Biker wissen. Gute Frage, sagt Gulas, weil ja in der Praxis der Antrieb mehr Saft aus dem Akku saugt, als der Fahrer reinstrampelt. Irgendwann ist selbst für das Citymobil Schicht. Aber die Reichweite hängt stark vom Fahrstil und der Strecke ab – in der Praxis lohnt sich’s wohl, die eROCKIT nach 60 Kilometern wieder für ein paar Stunden an die Steckdose zu hängen – zu theoretischen Kosten für etwa 60 Cent pro hundert Kilometern.

Wer die eROCKIT kaufen will, kommt erst einmal nicht so günstig weg. Gulas plant für 2009 eine Kleinserie von zehn Maschinen und für jede will er vorab rund 25.000 Euro haben. "Wissens, ich baue ja keine Maschine für die Masse, keinen Konfektionselektroroller aus China, sondern ein schnelles Schmuckstück, das keinen Sprit braucht, und gleichzeitig das Fitnessstudio spart. Das hat halt seinen Preis." Und wenn es keiner will? "Das passt scho," sagt er und lacht dabei wissend wie Daniel Düsentrieb.

(c) Jochen Vorfelder

23 September 2008

Ägypten: Wüstenfahrer verschleppt

Ich verfolge gerade mit Sorge die Verschleppung der fünfzehn Wüstenfahrer in Ägypten - in einer Region im Länderdreieck Ägypten, Lybien und Sudan, die bisher als sicher galt.

Ich war im März 2003 dort. Eine Expedition unter Leitung des Deutsch-Libanesen Samir Lama erkundete damals das Wüstenplateau Gilf Kebir, eine gottverlassene Stein- und Sandwüste. Und deshalb unwirklich schön.

Der Gilf Kebir und das Jebel Uweinat-Gebirge – zusammen so groß wie die Schweiz – wurden erst ab 1934 systematisch erforscht und kartografiert. Fast 70 Jahre später besuchten Samir Lama und der 77-jährige Peter Clayton, der Sohn des damaligen Landvermessers Patrick Clayton, das Gebiet auf den Spuren und mit den Originalkarten seines Vaters.

Der alte Clayton, Anfang der dreißiger Jahre oft mit dem legendären "Englischen Patienten" Graf Ladislaus Almásy unterwegs, inspirierte den Autor Michael Ondaatje zur Person des "Mason" in seinem verfilmten Bestseller.

Für Samir Lama, einen Kosmopoliten mit italienisch-libanesischen Wurzeln und deutschem Pass, wurde der Gilf Kebir zur letzten Fahrt: Der alte Wüstenfuchs starb im Frühjahr 2004.

Hier ein Eindruck von der Gegend.

17 September 2008

Testfahrt Honda DN-01: Der fernöstliche Diwan


Honda hat verstanden: Wer Primus auf dem Motorradmarkt sein will, muss Mainstream-Bikes bauen. Doch manchmal rollen absonderliche Exoten wie das Flugboot DN-01 aus der Modellschmiede des Weltmarktführers.

Manche neuen Motorräder tauchen überraschend auf, andere wie die Honda DN-01 werfen schon vor der Marktreife lange Schatten.

Für Furore sorgte die DN-01 zum ersten Mal auf der Tokyo Motorshow im Jahr 2005. Da stand sie als Show-Bike hinter Glas und die Besucher drückten sich die Nasen platt. Eine futuristische Studie, Hondas Gruß an die motorisierte Zukunft. Ein völlig schräges Teil mit der Strahlkraft eines Flakscheinwerfers, konzipiert für den nächtlichen Einsatz in Gotham City 2050 - und gleichzeitig ein Retro-Bike mit klar erkennbaren Reminiszenzen an die Ami-Straßenkreuzer der Fünfziger Jahre mit verspielten Heckflossen und Motorhauben so weit wie die Prärie des Mittleren Westens.

Ein gewagter Weckruf, weit ab vom zweirädrigen Mainstream. Laut beklatscht, hoch gelobt. Doch alle Fachbesucher und Journalisten wetteten, daß dieses Ding so nie gebaut werden würde. Denn alles sprach gegen die DN-01: Radikale Studien sind oft bloße Messe-Eyecatcher, Fingerübungen für die Entwicklungsabteilung und vergängliches Balsam für die vom Marketing gequälten Seelen im Design. Konzept-Bikes kommen und gehen, aber werden in den seltensten Fällen Eins zu Eins umgesetzt.

Und dann ausgerechnet von einem Massenhersteller? Nie und nimmer. Honda, da war man sich einig, würde seinem langjährig verteidigten Ruf als der Traditionalist unter den Motorradbauern, als der Hüter der behutsamen kleinen Modellschritte, auch diesmal gerecht werden würde. Fazit: Dieses Modell erinnerte mehr an die gigantomanischen Flugboote des Howard Hughes als an ein Motorrad und hatte daher keine Chance, in den Verkauf zu gehen.

Weit gefehlt. Als die DN-01 im vergangene Jahr auf der Mailänder EICMA in Serienreife auf die Bühne rollte, hatte sie nicht nur ihre absonderliche Form behalten, sondern auch die innovative Technik, die sich schon in Tokyo unter den ausladenden Plastikhutzen versteckt hatte: das HFT (Human Friendly Transmission) genannte Automatikgetriebe, ein komplexes mechanisch-hydraulisches System zur Kraftübertragung. Geschehen noch Zeichen und Wunder oder was war geschehen? Hatte irgendein schläfriger Navigator auf der Brücke des behäbigen Supertankers Honda dieses einsame, aber richtungsweisende Leuchtfeuer schlichtweg übersehen?

"Ganz im Gegenteil," sagt Kerstin Martens von der Produkt Promotion bei Honda Motorrad Europe. Die DN-01 sei kein Ausrutscher, der den strengen Modell-Controllern durchgerutscht sei, sondern das Ergebnis konsequenter Forschung- und Entwicklungsarbeit. "Das DN im Modellname DN-01 leitet sich von Dream New Concept ab, und in der Mathematik folgt auf die 1 ziemlich zügig die 2." Martens präsentiert die DN-01 folglich als ein Pionierfahrzeug, als bewussten Schritt hin zu einer völlig neuen Modellfamilie und den Anfang des Trends, "genügend Leistung, relaxten Cruiserkomfort und die Bedienerfreundlichkeit eines Großrollers" unter einen Sattel zu bringen.

Schwach auf der breiten Brust

Zeit, dem neuen "Performance Cruiser" auf den Zahn zu fühlen. Schlüssel rein, Aufsitzen, und schon ist man irritiert. Die ausladende Verschalung von Bug, Tank und Heck lassen in Verbindung mit der irre niedrigen Sitzschale auf eine enge Verwandschaft mit Großrollern wie dem Suzuki Burgman 650 schließen; der Kardanantrieb, die Trittbretter und der ausladende Lenker verweist auf einen klassischen Cruiser. Oder doch ein Sportmotorrad wegen dem fetter 190er Hinterradreifen, den Alugussrädern und der Einarmschwinge?

Der Motor, der den 2,3 Meter langen Zwitter vorantreibt, ist jedenfalls arg konventionell: Unter den violetten Verkleidungen - die Farbgebung heisst im Prospekt viel imposanter "Pearl Amethyst Purple" - werkelt ein altbekannter V2-Motor mit 680 ccm, der auch die Honda Transalp und den Tourer Deauville befeuert. Er bringt bei 7500 Umdrehungen gerade mal 61 PS auf den Prüfstand - ein Wert, der niemand vom Hocker reißt, und der deshalb mit den 270 Kg der DN-01 auch seine liebe Mühe hat. Einen Sprinter hat Honda mit dem Dream New-Auftaktmodell nicht gebaut.

State-of-the-art sind dagegen die Bremsen. Hondas Combined ABS, bei dem der Bremsimpuls intelligent auf alle drei Scheiben verteilt wird, ist eines der feinsten Systeme auf dem Markt. Ein Griff am rechten Hebel – das Chopper-Pedal vor dem Fuß kann man getrost vergessen - und die schwere Fuhre steht ohne Sperenzchen; blockierende Pneus und stempelnde Hinterräder gehören damit der Vergangenheit an.

Bahn brechend am ansonsten biederen Antriebsaggregat ist dagegen die fehlende Kupplung. Der mechanische Gangwechsel und ein entsprechender Fußhebel werden durch das HFT-Automatikgetriebe obsolet. Auch die linke Hand hat Ruh, nur die Daumen sind beschäftigt: An der rechten Armatur mit dem Schalten von Neutral in den Fahr-Modus beim Start der Maschine, links an einem Kippschalter mit der Wahl zwischen dem normalen Drive- und dem Sport-Modus. Bei Letzterem quirlt der Motor um etwa 500 Umdrehungen höher, bevor die Automatik das Hochschalten übernimmt. Wenn alternativ der manuelle Modus gefahren wird, schalten die gleichen linken Kipptasten die sechs elektronisch definierten Gänge.

Sind die 270 Kilogramm erst einmal am Rollen, spricht die DN-01 trotz des langen Radstands von über 1,60 Meter und des flachen Lenkkopfwinkels überraschend handlich an und vermitteln sofort ein sicheres Gefühl. Das Cruisen macht Spaß. Also ab mit etwas mit Gas über die Landstraße: Die Bodenfreiheit ist völlig ausreichend und die Automatik schaltet absolut ruckelfrei, ohne den von älteren Rollern bekannten Gummiband-Effekt. HFT funktioniert mindestens genauso perfekt wie das System bei der zweiten Automatik-Maschine auf dem Markt, der Aprilia 850 Mana.

Gegenwind auf dem Chaiselongue

Warum man dazu allerdings die Human Friendly Transmission braucht und sich nicht mit einer einfacheren technischen Lösung wie Aprilia begnügt, bleibt ein japanisches Geheimnis. HFT bzw. die Erklärung aus dem Hause Honda: „Die HFT-Automatik besteht aus einer Hydraulikpumpe zur Umsetzung der Motorleistung in Hydraulikdruck und einem Hydraulikmotor zur Rückumwandlung des Hydraulikdrucks in Antriebsleistung.“ liest sich jedenfalls ziemlich anstrengend.

Nicht weniger unkommod ist das Motorrad auf langen Strecken und bei zügiger Fahrt. Die kleine Frontscheibe, unter der sich die digitalen Anzeigen verstecken, steht zu flach und hilft selbst bei kleinen Fahrern kaum gegen den Winddruck. Mehr als 130 Sachen mag man nicht fahren, auch wegen des abgestuften Sitzes. Der ist so weich wie ein Rokoko-Chaiselongue, was sich auf Dauer schmerzhaft bemerkbar macht; ergonomisch ist auch die Sitzhaltung eine Katastrophe. Doch für Ausfahrten über längere Distanzen ist die DN-01 ohnehin kaum brauchbar: Ein Rucksack passt nicht auf den Tank; Packtaschen oder Koffer sind nicht vorgesehen.

Wer also soll die DN-01, die 11.790,00 Euro kostet, kaufen? Tourenfahrer wohl kaum, die traditionellen Chopper- oder Cruiserbiker auch nicht, die stehen auf Chrom. Der Rollergemeinde fehlt der nicht vorhandene Stauraum und der gewohnte Durchstieg. Da bleiben nicht viele: Allenfalls Liebhaber, die sich sofort in das exzentrische Design verguckt haben. Vielleicht Rückfalltäter, die nach Jahren der Motorradabstinenz ein Fahrzeug suchen, das außerordentlich einfach zu bedienen ist. Und womöglich Gold Wing-Fahrer, die ein leichtes Zweitfahrzeug für die Sozia und den kurzen Sonntagsausflug suchen. Davon gibt es in der Summe nicht viele – Honda hat folgerichtig in diesem Jahr gerade mal 60 Maschinen an die Händler ausgeliefert.

Schade eigentlich, dass der DN-01 keine große Fangemeinde vergönnt sein wird. Honda, der Hersteller, von dem man es am wenigsten erwarten durfte, hat sich zu einer avangardistischen Design-Innovation durchgerungen. Aber dann die Chance verschenkt, ein fantastisches Getriebe mit einem schwachbrüstigen Motor verbandelt, und es in einem fernöstlichen Diwan verbaut. Dennoch wird die DN-01 ihren Platz in den Annalen der Motorradhistorie kriegen – als Paradigmenwechsel und womöglich als eine der Maschinen, die die monolithische Modellpolitik der großen japanischen Hersteller zum Bröckeln gebracht hat. War’s das? Nein. Wie sagte doch Kerstin Martens von Honda Europe: „Mathematisch folgt die zwei gleich nach der eins.“ Hoffen wir also auf die Kölner INTERMOT im Oktober und auf die DN-02.

(c) Jochen Vorfelder

15 September 2008

Schwalbentour: Überland nach Kapstadt

Well, es gibt so manche Touren, die man neidet - weniger die sommerlichen Alpen-Ausfahrten, auf denen man die Masse und (Klasse?) trifft - sondern eher die kleinen und feinen Unternehmungen, die sich der eine oder andere in den Kopf gesetzt hat und Against all odds dann auch durchzieht.

Jüngstes Beispiel: Inspiriert durch unbändige Reiselust und den (inzwischen schon) Klassiker "Long Way Down" ist heute Florian Rolke vom Hamburger Spielbudenplatz aus auf einer alten DDR-Schwalbe in Richtung Afrika und Kapstadt gestartet. Ohne große Medienbegleitung wie Kollegen McGregor und Borman auf ihren perfekt ausgerüsteten BMWs, sondern mit einem kleinen Bericht auf dem eigenen Blog "slowwaydown.com" und zwei Packsäcken an der Schwalbe.

Über Osteuropa, die Türkei, Syrien, Ägypten und den Sudan, Äthiopien, Kenia und Tansania soll es in rund sechs Monaten bis nach Südfafrika gehen - mal sehen, wen der tapfere Schwalbe-Pilot unterwegs so alles erlebt.

14 September 2008

Im Angebot: das Rolls-Royce-Kinderkarussel

Wer Rolls-Royce hört, denkt zunächst an sänftenartige Fahrzeug und voluminöse Flugzeugmotoren, also an die Bausteine wahrer technischer Eleganz. Dass die britischen Ingenieure auch Dinge des Alltags in ihrer langen Firmengeschichte gebaut haben, gehört nicht zum offensichtlichen Allgemeinwissen.

Manchmal allerdings werden Goldstücke des sinnlosen Wissens wie Nuggets im Fluß der Zeit nach oben gespült und finden sich in der Pfanne des historischen Prospektors wieder: Anfang der Dreissiger Jahre ging es Rolls-Royce gut - so gut, dass die Geschäftsleitung zum Amüsement der Firmenangestellten (und ihres Nachwuchses) den Auftrag gaben, ein motorisiertes Kinderkarussel zu bauen.

Hier die Details:"Rolls-Royce in Derby had made a ‘roundabout’ for the Company’s field days in the 1930s. It was made by the Millwrights’ Department under the superintendent Mr J A Scholes and was mounted on a 40/50hp Phantom-type front axle beam. The 24 horses were cast in the aluminium foundry at the Derby works and there was a brass plate fixed to the ‘chassis’ with the inscribed words: ‘The property of Rolls-Royce Ltd’."

Das Prachtstück mit den vierundzwanzig Pferden ging im Laufe seines langen Lebens und nach dem Verkauf durch R-R durch mehrerer Hände - unter anderem gehörte es dem indischen Unternehmer und heutigem Besitzer des Force India-Formel 1- Rennstalls, Vijay Mallya.

Jetzt wechselt es wieder die Hände: Am 19. September wird es in London versteigert. Der Auktionspreis wird wohl zwischen 35.000 und 50.000 Euro liegen - aber wer würde das nicht gerne zahlen, wenn Kinderaugen strahlen...

Der Platzwart

12 September 2008

Schräglage: Stirb schneller, Leser!


Immer Vollgas, immer volles Risiko - Motorradfahrer haben ein schlechtes Image. Daran sind das Zweirad-Zentralorgan "MOTORRAD" und das Schwesterblatt "PS" nicht ganz unschuldig: Reporter huldigen der ungebremsten Raserei und halsbrecherischer Stunts. Inzwischen beschweren sich auch die Abonnenten.

Zum Artikel bei SPIEGEL Online

Die Kolumne hat in ein Wespennest gestochen - die Reaktionen im Forum lassen jedenfalls darauf schließen.

Interessant dabei: Die Diskutanten stellen oft ihre "persönliche Freiheit" zur Diskussion. Dabei geht es in dieser "Schräglage" gar nicht um die Geschwindigkeit des individuellen Fahrers - sondern um die Philosophie einer Redaktion, die für Tausende von Lesern schreibt und damit eine weiter gehende Verantwortung hat.

Wer sich den tragischen Einzelfall antun will, sollte einen Blick auf diesen Bericht des WESTENS, des Portals der WAZ, werfen und durch die Kommentare scrollen. Dank an Marc vom Motorradblog für den Link.

28 August 2008

Isle of Man 2009: Strecke frei für Elektro-Racer


Die Tourist Trophy-Rennen auf der Isle of Man werden grüner: Ab 2009 werden auf der Insel auch Rennläufe mit Elektro-Motorräder ausgetragen. Aktuell allerdings haben die Veranstalter noch mit türkischen Hackern zu kämpfen.

Die empörten Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: "Was soll das? Kriegen wir bald gentechnisch modifizierte Hamster im Rad, die unsere Maschinen antreiben sollen, statt dem Parfüm von Zweitaktern und Castrol-Rennöl?" schreibt Harley Davidson aus Liverpool auf der Website der "Isle of Man Today".

Sieht ganz so aus, Harley. Gestern wurde in London der TTxGP angekündigt. Die Veranstaltung wird das erste emissionsfreie Grand Prix-Rennen ausschließlich für Fahrzeuge sein, die von Elektromotoren oder anderen "alternativen Antrieben" befeuert werden.

Der TTxGP soll in der ersten Juniwoche 2009 auf dem traditionsreichen Rundkurs in verschiedenen Klassen ausgefahren werden. Neben Herstellern von Elektrorollern und -motorrädern sowie Universitäten sollen auch "Garagenfirmen" und private Bastler durch die Klassifizierung eine Chance auf den Gesamtsieg erhalten.

Vorgestellt wurde der TTxGP, der mit dem konventionellen Rennbetrieb radikal bricht, von John Shimmin, dem Umweltminister der Isle of Man: "Seit über hundert Jahren werden hier Rennen gefahren, mit Maschinen, die Beispiel stetiger Innovationen waren. Jetzt läuten wir ein neues Kapitel ein, nämlich state-of-the-art und umweltfreundliche Technologie."

Die ersten von 30 angekündigten Starter mit Maschinen, die Geschwindigkeiten bis zu 175 km/h erreichen sollen, waren auf der Pressekonferenz dabei: Gemeldet haben bereits Brammo Motorsports mit einer Rennversion des Elektrobikes Enertia und ein Team der Kingston University aus South West London.

Initiator des Rennens ist der englische Unternehmer Azhar Hussain, der allerdings noch mit Pech und organistorischen Problemen zu kämpfen hat: Der angekündigte Phototermin für das Enertia-Rennbike wurde abgesagt, weil der Fährbetrieb zur Isle of Man wegen einer Kollision in Liverpool eingestellt wurde. Und gestern war die eigene Website des Öko-Rennens nicht sehr aussagekräftig: Sie war zeitweise gesperrt, nachdem sie von türkischen Hackern mit Tiraden gegen die USA und dem Slogan "No War"gehijackt worden war. Siehe screenshot ...

11 August 2008

Testfahrt Hyosung Aquila GV 650i: Barockes Cruisen für Sparsame

Chopper-Fahrer schwelgen gerne in Chrom und ergötzen sich am Geblubber massiver Motoren. Die Koreaner von Hyosung drängen nun mit ihrer Aquila in die Schaulauf-Klasse und haben zwei überzeugende Argumente: Leistung und Kampfpreis.

Bei Flusskilometer 598 der Elbe, am Zollenspieker Fährhaus, verbindet eine Fähre das Städtchen Hopte mit dem Hamburger Stadtteil Kirchwerder. In den Sommermonaten sind die Zollenspieker Fährköpfe - wie z.B. die Berliner Spinnerbrücke – ein Kult-Treff zum Schaulaufen anerkannter Biker-Tribes.

Kapitäne der Landstraße segeln ihre fetten Harleys, die aussehen wie nach einem Sturz ins Chrombad, hart am Wind bis zum Currywurststand. Die Piloten der scharfen japanischen Supersportler stolzieren über den Parkplatz und gleichen sich dabei wie ein Pfauenei dem andern: verspiegelte Visiere und Leder-Overalls, passend zur Marke in Farbe und Aufschrift.

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Graumelierte Herrenfahrer mit den BMW-Reiseenduros, aufgerüstet mit GPS und Tourenkoffern, stehen etwas abseits in ihrer Wagenburg und schauen wie alte Platzhirsche misstrauisch rüber zur Italo-Fraktion, wo die Trockenkupplungen der Ducatis im Leerlauf schrabbeln wie ein geprügelter Sack Schrauben.

Koreanische Maschinen haben bei den Marken-Taliban am Zollenspieker keinen guten Ruf; die Aquila GV 650i Sport-Cruiser macht da keine Ausnahme: "Was soll das denn sein, ein verkleideter Reiskocher?" und "Keine Euronen auf Tasche, aber choppern wollen..." sind noch die besseren Kommentare, die ich einfahre.

Macht mal halb lang, Freunde, und schauen wir mal auf die Fakten. Die Aquila GV 650i, die der koreanische Mischkonzern Hyosung seit vergangenem Jahr im Programm hat, soll nach der Firmenphilosophie die Fahrleistungen eines Sportmotorrads mit den langen, flachen Linien eines modernen Cruisers verbinden.

Kampf-Ninja statt Marlboro-Mann

Technisch ist die Sportlichkeit allemal gelungen umgesetzt. Hyosung baut seit einigen Jahren einen potenten 90°-V2-Motor mit 647 ccm, der auch in der parallelen GT650-Baureihe seinen Dienst versieht. Auch in der Aquila spielt das Aggregat – das erste, das Hyosung in seiner inzwischen 30-jährigen Firmengeschichte über dem Halbliter-Limit auf die Beine gestellt hat - seine Stärke aus: Ab etwa 4000 Umdrehungen geht die Musik richtig ab, und der Vortrieb aus 80 PS schiebt die Aquila schnell auf 195 Kilometer Höchstgeschwindigkeit. Da staunt der Edelchopper-Fahrer verdutzt von hinten in die koreanische Zwei-in-Eins-Auspuffanlage.

So richtig samtweich geht die durchaus lustvolle Beschleunigung allerdings nicht von Statten: Der Motor, der akustisch eher an einen streitlustigen Ninja als an den Bass des Marlboro-Manns erinnert, will stets unter Zug gehalten werden und vibriert vehement durch die gummierten Chopper-Fußpedalerie. Zuweilen kommen seltsame Tonsequenzen dazu: Beim Hochschalten durch das Fünfgang-Getriebe hakelt es schon das eine oder andere Mal, wenn die Maschine beim Stop-and-Go in der Stadt richtig warm gelaufen ist.

Rüdes Fahrverhalten

Die Bremsen passen sich dem rustikalen Old-School-Eindruck an. Es gibt kein ABS, und die Doppelscheiben am Vorderrad verlangen nach einem ziemlich festen Griff; nicht zu vergleichen zum Beispiel mit den beißenden Brembo- oder Nissin-Anlagen, die andere Hersteller heute verbauen. Positiv zu vermerken ist der wartungsfreie Belt-Drive, der allerdings bei grobem Drehen am Gas heftig am Antriebsritzel ruckt, weil er ohne gefederte Ausgleichsrolle wie etwa bei der Buell daherkommt.

Ob diese Begleiterscheinung der sportlichen Fortbewegung oft zum Tragen kommt, ist in der Cruiser-Praxis eher unwahrscheinlich: Im Regelbetrieb schubt die Aquila, geführt von einer justierbaren Upsidedown-Gabel, gemütlich auf dem 180er-Hinterrad dahin und der Fahrer genießt den tiefen Schwerpunkt. Der sorgt in Verbindung mit dem langen Chopper-Radstand für enge Erdverbundenheit und ein sicheres Gefühl auch in schnelleren Kurven. Begrenzt wird die Schräglage nur durch die weit vorne und tief montierten Fußrasten, ohne die beim Choppern anscheinend nichts geht.

Plaste und Elaste aus Fernost

Um dem optischen Anspruch eines Cruisers gerecht zu werden, haben sich die Designer bei den Teuer-Originalen und den Klassikern bedient: Der offene Rohrrahmen erinnert an die Harley V-Rod und die Chromverkleidung zwischen den Zylinderköpfen ist eine Reminiszenz an alte Luftfilter-Verkleidungen. Überhaupt spiegelt, schillert und blitzt es überall an der Maschine. Wer das Chopper-Barock mag, bekommt es bei Hyosung jedenfalls konkurrenzlos billig: Die Aquila GV 650i kostet nur 6995 Euro.

Wieso können die Mannen von Hyosung, die inzwischen einen 1000er Motor planen, ein so günstiges Angebot machen? Abgesehen von einem langfristigen Konzept zur Marktpenetration und einer Mischkalkulation mit Verlusten durch einzelne Pioniermaschinen wird bei der Fertigung an vielen Ecken gespart - und das sieht man.

Da wird an der linken Spiegelhalterung eine verchromte Schraube verbaut, rechts nur eine verzinkte. Die Kabel der Elektronik werden mit Kabelbindern verschiedener Stärke befestigt; ein Rohr der Ölleitung vibriert an einer Plastikverkleidung, von denen es Unmengen zur Vortäuschung eines massiven Aggregats gibt. Und einen Drehzahlmesser sucht man vergeblich.

Doch wie gesagt: Wer Old-School-Chopper mag und den Geldgürtel enger schnallen muss, wird bei dem Hyosung-Kampfpreis die verzeihbaren Kinderkrankheiten gern in Kauf nehmen. Und auf die Zukunft hoffen: Bei den Autos haben die koreanischen Hersteller auch bescheiden angefangen.

Auch am Zollenspieker wird die Zeit kommen, in der Koreaner echte Konkurrenten sind und einen eigenen Tribe haben. Freunde, wetten, dass der Wirt neben Currywurst und Fischbrötchen bald auch eine schnelle Wok-Pfanne anbietet?

(c) Jochen Vorfelder

01 August 2008

China: 14277 Motorräder planiert...

Die Chinesen sind eigen - das wurde vorgestern mit dem Blockade solch subversiver Internet-Server wie dem der Deutschen Welle mal wieder bewiesen.

Und chinesische Behörden sind rigide; dafür haben sie am gleichen Tag den Beweis angetreten: In Shenzen, der Economic Zone, die an Hongkong angedockt ist,wurden auf einen Schlag von Baggern und Bulldozern 14277 konfiszierte Motorräder platt gemacht, berichtet die Lokalzeitung "Daily Sunshine.

(Wie würde sich eigentlich eine deutsche Boulevard-Zeitung mit dem blumigen Titel "Nie mehr Regen!" machen...)

Die Daily Sunshine vermeldet nicht, wie der Tatbestand der Illegalität in Shenzen erfüllt wird, berichtet aber, dass seit 2005 über 580.000 "illegale" Motorräder zerstört wurden.

Die regelmäßigen Aktionen - im April wurden schon einmal fast 10.000 Bikes niedergewalzt - sind Teil der Verkehrsberuhigung in Shenzen und "aktive VErbrechensbekämpfung", weil ein Großteil der Taschen- und sonstiger Habseligkeitsdiebstähle mit Rollern und Motorrädern begangen werden.

23 Juli 2008

Kunstpause: auf nach Zakopane...

moto1203 macht bis Anfang August Sommerferien. Stilgerecht natürlich. Eine Rundtour durch polnische Gebirge, die Hohe Tatra in der Slowakei und Tschechien steht an. Wir melden uns zurück. Avanti dilettanti...

Oldtimer-Versteigerung: Männer mit Mission

Ob Steve McQueens Porsche oder seltene Böhmerland-Tourenmaschinen - das britische Auktionshaus Bonhams gilt als Spezialist für Oldtimer-Verkäufe aller Art. Ich habe mich umgesehen, als in London 300 Motorräder der Ehn-Collection unter den Hammer kamen. Aber keins gekauft...


Malcolm Barber hat seit 17 Jahren keinen richtigen Hammer mehr. Damals, an seinem 40. Geburtstag, schenkte ihm seine Frau ein rotes Samtbeutelchen, in dem er zu seiner großen Freude einen handlichen Stempel fand. Der Stempel hat einen festen Körper mit einer planen, spiegelblanken Grundfläche und eine etwas schmalere, etwa sechs Zentimeter messende Griffrosette. Der Stempel war eigens für den Jubilar von einem Londoner Handwerker aus dem Stoßzahn eines alten afrikanischen Elefanten gedrechselt worden. Er produziert, wenn Barber ihn auf einen Holztisch schmettert, einen sonoren, raumfüllenden Klang: "Tock!"

Barber ist der Amerika-Chef des Auktionshauses Bonhams 1793 Limited und ausgewiesener Spezialist für schöne Dinge. Aus New York ist er eingeflogen, um im Londoner Royal Air Force-Museum die Versteigerung von rund 300 historischen Maschinen aus dem Besitz des österreichischen Sammlers Fritz Ehn zu leiten. Die "Ehn Collection" ist die größte Zweirad-Einzelsammlung, die bislang unter den Hammer kam. So etwas lässt sich Barber, der selbst seit Urzeiten Motorrad fährt, nicht nehmen.

Jetzt thront der wohlbeleibte Lebemann mit dem elegantem Stoppelbart hinterm Auktionspult und lässt seinen Elfenbein-Stempel aufs Holz tocken. Er ruft die einzelnen Angebote mit der Autorität eines anglikanischen Geistlichen von der hohen Kanzel aus: "Lot 269, eine Böhmerland Langtouren. Seriennummer der Maschine ist 502, Baujahr 1927. Ein seltenes Angebot mit Echtheitszertifikat des Tschechischen Nationalmuseums in Brünn. Mindestgebot 18.000 Pfund. Wir gehen bei diesem Prachtexemplar in Tausenderschritten voran. 18.000 Pfund, welcher der Herren möchte bieten?"

Frauen sammeln keine Motorräder

Das zweihundertköpfige Publikum besteht bis auf wenige Ausnahmen aus Männern. Frauen sammeln keine Motorräder. Barber hat seine versammelte Gemeinde fest im Blick; die Bildschirmeinblendungen mit aktuellem Preis, Katalognummer und Bild steuert ein Helfer. Ein Augenkontakt hier, ein Fingerzeig dort, von hinten kommt ein leichtes, nur angedeutetes Signal einer Hand oder das leichte Wedeln eines "Paddle", einer der Nummernscheiben für registrierte Bieter. "19.000, der Herr dort hinten links, Danke. 20.000, hier links vorne, Danke. 21.000, Danke. Was sagen die Telefonbieter?" Unterhalb von Barber sitzen vier Mitarbeiter von Bonhams; sie sind mit Interessenten aus aller Welt verbunden. Bei 25.000 Pfund sind alle Telefonbieter ausgestiegen. "28.000. Ist das wirklich das letzte Gebot? 28.000 für die Böhmerland?" Barbers Stempel saust ohne Zaudern aufs Holz. Fritz Ehn besitzt ein Motorrad weniger, aber ist um 28.000 Pfund reicher. Weiter geht’s mit dem nächsten Lot.

Die Böhmerland Langtouren, ausgeliefert mit einem luftgekühlten 600-Kubik-Einzylinder-Viertaktmotor, war 1925 eine Sensation auf dem Motorradmarkt. Als erste Maschine konnte sie einen leichten Rohrrahmen und Felgen aus geschmiedetem Aluminium vorweisen und bot bis dato ungeahnten Reisekomfort und Unmengen Stauraum – mit Sitzplatz für drei Passagiere. Die Böhmerland war genau das Stück, das Giovanni Cabassi haben wollte und eben für 28.000 Pfund bekommen hat. Der Italiener ist ein hagerer, von der Sonne gegerbter Hüne mit grauem, akkuratem Millimeterhaarschnitt und einer Lederjacke, die "Teuer!" schreit. Cabassi hat wegen der Versteigerung der Ehn Collection seinen Urlaub auf Sardinien für ein paar Tage unterbrochen.

"Die Böhmerland war mir maximal 30.000 Pfund wert", sagt Cabassi, "bei dem Preis wäre ich ausgestiegen." Cabassi ist ein Bieter mit kühlem Kopf. Er vertritt eine Investorengruppe aus Norditalien, die nach einer erfolgreichen Motorradausstellung in Mailand derzeit eine Wanderschau mit exotischen Zweirädern konzipiert. Nächstes Jahr soll sie auf die Reise durch die Provinzen zwischen Bozen und Palermo gehen. "Nach unserem Business-Plan schreibt eine Wanderausstellung im dritten Jahr schwarze Zahlen." Nach London ist er mit einem offenen Scheckbuch gereist; am Ende des Tages hat er die Wunschliste seines Kurators abgearbeitet und knapp 110.000 Pfund unter anderem in die Böhmerland, eine Vincent Black Shadow und eine NSU Supermax Rennmaschine von 1957 investiert.

Der Suzuki RG500 verfallen

Martin Jones schaut nicht aus, als ob er 110.000 Pfund locker hätte. Sein Haarschnitt erinnert an einen Mop; der Londoner Innenausstatter trägt ausgebeulte Jeans und ein "Silverstone Grand-Prix"-T-Shirt, das über den Hüften ziemlich spannt. Aber Jones hat eine Obsession: "Die Suzuki RG500 – frag mich nicht warum, aber ich liebe diese Maschine. Sie war zu ihrer Zeit das finale Renngerät und irgendwann bin ich ihr verfallen. Jetzt muss ich sie einfach haben."

Jones hat drei RG500 zu Hause in der Garage, aber schon bevor Malcolm Barber seine Maschine aufruft, ist sich Jones sicher, dass heute Nummer vier dazu kommt: "Lot 358. Die Ex-Toni-Mang 1977er Suzuki RG500, Rahmennummer M1131 XR1411. Meine Herren, Mindestgebot 9000 Pfund." Innerhalb von drei Minuten ist der Preis auf 17.300 Pfund hochgeschnellt, dann werden die Gebote langsam spärlich. Barber fragt: "Wir gehen auf 50 Pfund-Schritte runter, würde das helfen, meine Herren?"

Es hilft. Und Jones hält unbeirrt mit; bei 17.650 Pfund erhält er den Zuschlag: "Tock!". Die Maschine, mit der der Bayer Toni Mang Anfang der achtziger Jahre Rennläufe der Deutschen Meisterschaft bestritt, geht an ihn. Sein Baby, sein Glück; Jones wird von zwei Kumpanen beglückwünscht und lächelt so versonnen, als hätte er von Barber gerade die heilige Kommunion empfangen. Nach dreißig Jahren als Auktionator erkennt Barber emotionale Bieter wie Jones auf den ersten Blick: "Sie kommen kurz, bevor ihre Maschine aufgerufen wird. Und manchmal sind sie einfach nicht zu stoppen. Wenn zwei von ihnen aufeinander treffen, dann ist das Kampfbieten nicht mehr aufzuhalten."

Hemmungsloser Liebhaber oder cooler Händler?

Der Tscheche Evzen Majoros ist ein anderes Kaliber. Der Oldtimer-Händler aus Prag ist Mitte Dreißig; er trägt eine Goldrandbrille und ein schwarzes Muscle-Shirt unter edlem Nadelstreifen. Der Rock seiner blonden Begleiterin ist einen Tick zu kurz. Majoros könnte als Bösewicht in einem James-Bond-Film durchgehen und ist ein Auktionsprofi. Kurz bevor das Lot, an dem er interessiert ist, aufgerufen wird, verlässt er seinen reservierten Sitzplatz in der vierten Reihe, lehnt sich an die Wand. Majoros will den Raum überblicken, keinen anderen Bieter im Rücken haben, und vor allem sehen, gegen wen er bietet: Ist es ein hemmungsloser Liebhaber oder ein Händler wie er selbst? Also jemanden, der ein Limit hat, welches er emotionslos einhält? Jemand, den er einschätzen kann?

Barber kennt Majoros von einigen anderen Auktionen; wie üblich hat der Tscheche ein Einstiegsgebot vorab übermittelt. "Lot 324, die 1931er Jawa Rumpal. 500 Kubik, vollständig restauriert und seitdem nur drei Kilometer gelaufen. Wir haben ein Einstiegsgebot von 3000 Pfund. Meine Herren, wer bietet mehr?" Majoros Blick schweift über die Sitzreihen und den Pulk, der sich inzwischen dahinter gebildet hat. Von einem österreichischen Sammler, einem Spezi von Fritz Ehn, kommen zwei halbherzige Gebote; auch Andy Tiernan, ein bekannter britischer Händler, hält mit.

Doch wie es scheint, hat Tiernan, der immer um die fünfzig Oldtimer im Angebot hat, diesmal keinen festen Abnehmer. Bei 6500 Pfund steigt er aus. Barber blickt zu Majoros: "Madrid ist ausgestiegen. 7000 Pfund hier im Raum. Haben wir mehr als 7000 Pfund?" Die Frage verklingt im Raum: Nein. Barbers Auktionsstempel verkündet das Ergebnis für den seltenen tschechischen Einzylinder, von dem nur rund tausend Stück gebaut wurden. Majoros schlendert an seinen Sitz zurück. Seine Arbeit ist getan. Später am Bonhams-Tresen, an dem viele Beträge bar eingezahlt werden, deutet er an, dass sein Limit nahezu ausgeschöpft war. Viel höher wäre er nicht gegangen für den Sammler, in dessen Auftrag und mit dessen Geld er geboten hat.

Nach vier Stunden hat der Elfenbeinstempel 300-mal getockt: Rare Sammlerstücke wie eine Neander P3 1 mit dem cadmiumbeschichteten Rahmen, eine Ardie Silberpfeil, wie neu aus dem Laden restauriert, mehrere voluminöse Vincents und schnelle Broughs - mit einer dieser Maschinen hat sich T.E. Lawrence auf einer englischen Landstraße zu Tode gebracht, nachdem er "Lawrence von Arabien" fertig geschrieben hatte - haben neue Besitzer gefunden. Das teuerste Stück des Tages ist eine Laurin & Clement V-Twin von 1904 für 34.000 Pfund, eine Art Rennfahrrad mit Riemenantrieb und Sputnik-förmigem Messingtank.

450 Pfund für einen rostigen Tank

Andere Lots haben ausschließlich Wert für Bastler und für die echten Exoten auch unter den Sammlern: Der verrostete Rahmen einer alten deutschen Rex samt Teilekiste erzielt immerhin noch 450 Pfund und ist jetzt Garant für lange Stunden an der Werkbank. "Es gibt eigentlich nichts, für das sich nicht doch ein Liebhaber finden ließe," sagt Malcolm Barber. Er hat vier Stunden lang ununterbrochen Motorräder aufgerufen, ein wenig geschwitzt, die Bieter mit kurzen Anekdoten bei Laune gehalten und die Preise im Interesse von Fritz Ehn und Bonhams hochgetrieben. Auf den "Hammerpreis" bis 30.000 Pfund berechnet das Auktionshaus von jedem Erwerber zusätzlich fünfzehn Prozent Aufschlag - bei 1,1 Millionen Pfund Gesamterlös ein netter Gewinn.

Fritz Ehn, der die Auktion von Reihe eins aus verfolgt hat, ist erleichtert. "Wissen Sie, wenn man sich auf einen Schlag von Stücken trennt, die man über die Jahre aufgespürt und ausgestellt hat, dann rumort der Schmerz schon tief in der Magengrube," sagt der Österreicher, der 1980 das Motorradmuseum Eggenburg bei Wien gründete, und dort jetzt trotz Massenverkaufs immer noch 200 Maschinen ausstellt. "Da hilft es schon," lacht er, "wenn man zumindest einen guten Preis erzielt zum Abschied."

Zum Abschied? Der ist allenfalls halbherzig. Ein pathologischer Sammler wie Ehn hört niemals ganz auf. Er hat bereits angekündigt, mit dem Großteil der Bonhams-Erlöse auf die Jagd nach alten Traktoren gehen zu wollen: "Die sind gemütlicher, wohl wahr. Aber auch ganz, ganz spannend."

(c) Jochen Vorfelder