28 April 2006

Video: Long way round the world

Ewan McGregor - bekannter Schauspieler und bekennender Motorradabhängiger - sagt, es fing an, als er eines Nachmittags auf dem Sofa lag und eine Art Tagtraum hatte.

Er fuhr dabei mit dem Finger über die Landkarte und bemerkte, daß eine Fahrt um die Welt über Festland nur zweimal unterbrochen werden mußte - kurz an der Beringstraße zwischen Sibirien und Alaska und etwas länger natürlich am Nordatlantik zwischen der amerikanischen Ostküste und Großbritannien.

Da stand er auf, griff sich das Telefon und rief seinen Freund Charley Boorman an: "Charley", sagte er, "du solltest vielleicht mal zum Essen vorbei kommen. Wir haben da was zu besprechen."

Das Essen hatte Folgen: Evan und Charley besorgten sich bei BMW als Sponsor mehrere R 1150 GS Adventure und fuhren ab April 2004 in 115 Tagen rund 36.000 Kilometer durch Europa, die Ukraine, Russland, Kazachstan, die Mongolei, Sibirien, Alaska, Kanada und die Vereinigten Staaten, bevor sie wieder britischen Boden betraten.

Die beiden Freunde - erstaunlicherweise sind sie das auch noch nach der Fahrt - sind nicht nur erfolgreiche Schauspieler (McGregor etwa ist bekannt als Obi-Wan Kenobi in Star Wars), sondern auch absolute Medienprofis. Kein Meter ihrer Fahrt verging unbeobachtet, undokumentiert und ungeplant. Auf ihren Helmen und Maschinen waren Kameras montiert; ihre medialen und technischen Begleitteams waren perfekt vorbereitet und ausgerüstet.

Ihre Fahrt wird seit seit zwei Jahren unter dem Label "
Long Way Round
" ebenso perfekt vermarktet. Enstanden ist inzwischen ein Buch (siehe Titel oben), eine Fernsehserie in der englischen BBC, eine DVD-Version aller zehn Folgen und ein Soundtrack ("Was wir am liebsten gehört haben.")

Seit heute, dem 28.4.06, ist das 3-DVD-Set mit allen Zehn Episoden auch in Deutschland erhältlich. 2 Freunde, 2 Bikes, 115 Tage und 36.000 Kilometer - das reicht nach einer langen Nacht vor der Glotze.

© Jochen Vorfelder

25 April 2006

20 Jahre Tschernobyl: Ausflug in die Todeszone

26. April 1986, 1: 23 : 44 Uhr: Block IV des Kernkraftwerks von Tschernobyl explodiert.

Die über Hunderfache Menge an Radioaktivität als bei den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki wird freigesetzt - und auch zwanzig Jahre nach der Katastrophe gibt es noch keine Entwarnung.

Der so genannt Sarkophag - ein im November 1986 über dem havarierten Reaktorkern fertiggestellter Betonmantel - ist akut einsturzgefährdet. Darin vermuten Fachleute 5 bis 40 Tonnen strahlenden Feinstaub. Durch seine Risse entweicht täglich Radioaktivität; doch wer den neuen Überbau zahlen und bauen soll, ist ungeklärt.

Gestritten wird auch über die Zahl der Todesopfer. 50 an den Aufräumarbeiten in Tschernobyl beteiligte Arbeiter seien bis heute gestorben, sagt ein UNO-Bericht, der von 4000 weiteren Personen ausgeht, die an den Folgen des GAUs noch sterben werden. Greenpeace sieht das anders und spricht in einem ausführlichen Report von 270 000 zusätzlichen Krebserkrankungen in Weissrussland, der Ukraine und Russland, von denen «voraussichtlich 93 000 tödlich enden werden».

Morgen jährt sich das Desaster; Anlaß genug, noch einmal in den Netzarchiven zu kramen.

Hier die Geschichte von Elena Filatova, die ihre Motorradausflüge auf einer alten Kawasaki Ninja ZX-11 wie viel andere in Bild und Text im Netz dokumentiert. Das Besondere: Filatowa wohnt in der Ukraine und eines ihrer Reviere für ausführliche Touren ist die gottverlassene Todeszone um den havarierten Reaktor.

Die Bilder und Notizen von Filatowas Motorradtrips nach Chernobyl sind so ziemlich das Bedrückenste, was ich in der letzten Zeit ergooglet habe.

Nun gibt es ausführliche Debatten darüber, ob ihre Trips ein Hoax waren oder echt, weil Filatowa offensichtlich nicht allein unterwegs war.

Mich interessiert das weniger. Fakt ist: Sie war in einem toten Land.

© Jochen Vorfelder

20 April 2006

Namibia: Pfanne unter Wasser

Wir waren nach Afrika gekommen, um die "Big Five" auf einen Schlag zu sehen: Löwe, Elefant, Leopard, Nashorn und Wasserbüffel.

Die besten Chancen, so hatten uns die Sachverständigen und diejenigen, die sich dafür hielten, gesagt, hätten wir im Etosha-Park (Google Earth - 18 48 S, 16 22 E): endlose Steppe, knochentrocken, und eine überschaubare Zahl an Wasserstellen, an denen sich die Biester zur fotografischen Erfassung tummelten.

Es sollte anders kommen. Es regnete - nicht nur einmal oder zweimal, nein, ununterbrochen. Als wir im Februar in Windhoek einflogen, wandten sich die Meteorologen in Erklärungsnöten: Warum waren 2006 in gerade zwei Monaten 260 Liter pro Quadratmeter gefallen, wo doch im Schnitt 40 zu erwarten gewesen waren?

Wir fuhren nach Norden, rein in den Etosha-Park, und als wir unter stahlgrauem Himmel langsam die schlammigen Schottersträßlein entlang schlichen, dämmerte es uns: Wir waren im falschen Film. Das hier war eine grüne, undurchsichtige Hölle; flächendeckend so zugewachsen, dass man den Klassiker "Im Herz der Finsternis" durchaus hier hätte drehen können. Nix mit offener Steppe, nix mit rotem Staub.

Nirgendwo in der endlosen Fläche hatte man seit den Tagen 1851, als mit Francis Galton und Johan Andersson die ersten beiden Weißen ihren Fuß in die Gegend gesetzt hatten, so grünes Grün gesehen. Wahrscheinlich war die eigentliche Salzpfanne seit ihrem Verdorren vor mehr oder weniger hunderttausend Jahren nie mehr so ausufernd überschwemmt gewesen. Können Leoparden eigentlich schwimmen?

Nach zwei Tagen, an denen wir zickzack durch den Park cruisten und immer noch kein Nashorn oder Wasserbüffel geortet hatten, steckten wir deprimiert zurück. Ok, nomadisierende Antilopen zu Hunderten haben wie patschnasse Giraffen auch ihren Reiz.

Aber zumindest einen Elefanten, zum Sonnenuntergang. Wir fuhren zum Kalkheuwel - eine sichere Bank, einer Tränke mit quasi "Elefantengarantie" - und parkten unter einem Kameldornbaum mit Blick auf die Wasserstelle.

Das Loch war ein kleiner See und im wogenden Gras kaum zu sehen. Es gab viele Vögel.

Wir fuhren weiter. Wir fuhren sogar viel weiter. Bis in den Süden Namibias, wo die Wüste so trocken ist, daß sich von den beknackten "Big Five" keiner hinverirrt. Hier hat es uns gefallen, auch ohne große Tiere. Die schauen wir uns demnächst bei Hagenbeck an.

Mehr Fotos aus Namibia

© Jochen Vorfelder

13 April 2006

Pirsig: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten

Alles fing 1974 an. Gerade ins Leben entlassen; ABI-Zeugnis und den Einser, den damaligen Motorradführerschein, in der Tasche. Wohin soll das führen, wo alles enden? Das Ziel war unbekannt, bekannt war nur das Fahrzeug: eine BMW R75/6.

Da erschien ein Buch, das damals alle erreichte, die über den Tellerrand hinaus schauen wollten, aber noch nicht wußten, was da auf sie zukam: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Robert M. Pirsig.

Der Amerikaner Pirsig studierte in Minnesota und Benares (Indien) westliche und östliche Philosophie, bevor er am Bozeman State College in Montana Lehrer für Rhetorik und Schriftstellerei wurde.

Anfang der Sechziger Jahre erkrankte er an einem schizophrenen Schub, von dem er sich nach Therapien und Elektroschockbehandlungen erst 1968 erholte. Nach überwundener Krankheit unternahm Pirsig mit seinem Sohn Chris und zwei Freunden, John und Silvia Sutherland, eine Motorrad-Tour auf einer 1964er Honda SuperHawk CB77 vom Mittleren Westen bis nach San Francisco - die Reise, die später die Rahmenhandlung für den Roman "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten" bildet.

Das Werk, das innerhalb von kürzester Zeit zum Kultobjekt von Hippies, Outlaws und Alternativen in den USA avancierte und schnell auch auf Deutsch übersetzt wurde, erklärt Pirsig zu einem "Versuch über Werte". Er schuf damit ein eigenes philosophisches Gedankengebäude - um nicht zu sagen - eine gedankliche Kathedrale: die "Metaphysik der Qualität".

Pirsigs Ansichten über die Welt als solch sowie Einführungen in die Geschichte und Methodik der Philosophie waren etwas, auf das viele damals gewartet hatten - als Gegengewicht zu Marxens Blauen Bänden. Hier stand etwas schwarz auf weiß, das die Grautöne der diffusen Gesellschaftskritik, die damals fester Bestandteil eines jungen Bewußtseins waren, in einem anderen, strahlenderen Licht erscheinen ließen.

Hier war ein Buch, das die Jungs und Mädels vom KBW und den anderen strammen linksradikalen Kadergruppen hassten, weil es ihre Mitläufer eine Rechtfertigung gab, in Richtung der Bewegung 2.Juni, der Spontis, der Esoteriker oder der Baghwans abzudriften. Ich las es, weil ich die Reisebeschreibungen liebte und davon träumte, Pirsigs "Zen-Strecke" abzufahren.

Warum ich dies heute erwähne? Weil das Netz ein Orkus der Erinnerungen ist, und ich beim Surfen auf Bilder gestoßen bin, die Pirsig damals auf seiner Reise mit einer kleinen Knips-Kamera gemacht hat. Um diese wenigen Aufnahmen sammelt sich inzwischen eine geradezu fanatische Gruppe von ernstzunehmenden Wissenschaftler, die ZAMM (abgeleitet vom Originaltitel Zen and the Art of Motorcycle Maintenance) zu einem eigenen Forschungszweig gemacht haben.

Hier der Link zu Pirsigs Bildern und dem Einstieg in die ZAMM-Forschung - hier der Link zum Buch bei Amazon: Pirsigs erstes und wichtigstes Buch hat sich bis heute über 400.000-fach verkauft.

Robert M. Pirsig lebt heute zurückgezogen in England und den USA. Sein Sohn und Beifahrer Chris (siehe Bild), mit dem er 1968 die Reise unternahm, wurde 1979 in San Francisco von einem Straßenräuber erstochen.

© Jochen Vorfelder

04 April 2006

Namibia: Wo bitte ist hier die Straße?


Im Süden von Namibia reicht es bei längeren Wegstrecken eigentlich, einen - mit Betonung auf der eins - Blick auf die Straßenkarte zu werfen. Denn die Zahl der Verbindungen zwischen A und B reduziert sich meist auf eine - auch hier liegt die Betonung auf eins.

Und wer einmal den richtigen Weg eingeschlagen hat, bleibt auf der Straße und fertig ist die Laube. Ankommen garantiert.

Wenn allerdings wie in den ersten Monaten dieses Jahres die Niederschlagsmenge völlig aus dem Ruder läuft - es hat geregnet wie aus Kübeln - kann man sich selbst den einen Blick auf die Karte sparen: Die meisten Straßen, die da fein säuberlich eingetragen sind, existieren zwar noch, aber sind in erbärmlichem Zustand.

Auch noch Tage nach dem Hochwasser, das hier seine Spuren deutlich hinterlassen hat. Wir haben für die 10 Kilometer vor und hinter dieser Stelle gut eine Stunde gebraucht. Hat aber Spaß gemacht...

© Jochen Vorfelder