Und Tschüs: moto1203 macht zwei Wochen Sendepause und vertreibt sich die Zeit auf der Multistrada in den Dolomiten und Slovenien...Für alle, die daheim bleiben müssen, hier ein kleiner Eindruck von der letzten Tour durch die Alpen - noch auf der guten alten XT ...
Ich will beichten: Ich habe das, was man landläufig ein Verhältnis nennt. Nein, kein One-Night-Stand, kein schnelle Affäre, sondern ein richtiges Verhältnis. Ich bin glücklich verheiratet und liebe meine Frau. Doch wenn ich abends im Ehebett liege, träume ich heimlich von der anderen. Oft und seit langem schon.
Kennengelernt haben wir uns im Jahr 1976 und wir waren für einander geschaffen. Sie war atemberaubend schön, stark und wie ich eine Revoluzzerin: Als die Yamaha XT 500 damals auf den Markt kam, war sie das Motorrad, das alles anders machen wollte. Enduro hieß das neue Konzept, die revolutionäre Vision. Die XT war ein einfacher 500 ccm-Viertakter, im Grunde technisch nichts Neues, aber der bollernde Eintopf brach mit allem Muff im Motorrad-Establishment: Schluss mit dem Heizen auf nervös kreischenden Zweitakthobeln, rein ins Gelände, auf in die Freiheit! Wer es schaffte, den Mörderkolben der XT per Kickstarter zur Arbeit zu bewegen, galt als harter Hund und war ultracool. Freedom 's just another word for nothing left to loose. Rucksack und Zelt aufgeschnallt; abseits der Autobahn und unter dem Pflaster lag der Strand.
Damit hätten wir schon einmal die Frage beantwortet, warum ich auch 30 Jahre nach unserem ersten Tete-à-Tete immer wieder mit ihr, mit meiner steinalten XT, auf Pässen und Hochgebirgsstraßen zwischen Lörrach und Verona, zwischen Comer See und Dolomiten unterwegs bin: Technik veraltert und korrodiert, aber alte Liebe rostet nicht.
Warum allerdings gestandene Männer überhaupt Alpen-Touren per Motorrad unternehmen und bei Wind und Wetter eine geschlagene Woche für eine Strecke vertändeln, die man auf direktem Wege per Autobahn E35 und St. Gotthard-Tunnel bequem in acht Stunden abreiten könnte - das gilt es noch zu klären. Wer einst über die Alpen ritt - entweder auf dem Rücken von Elefanten oder auf dem Büßgang nach Canossa - hatte gewichtige Gründe. Heute irren jedes Jahr Rudel von Motorradtouristen anscheinend ziellos durch die Täler zwischen dem Allgäu und der Po-Ebene. Warum?
Soweit zunächst: "Ich warf mich ganz allein, nur einen Mantelsack und Dachsranzen aufpackend, in eine Postchaise", schrieb Goethe im September 1786 über seine Reise nach Italien: "Früh drei Uhr stahl ich mich aus Karlsbad, weil man mich sonst nicht fortgelassen hätte." Heute, 220 Jahre später, hätte der reiselustige Dichter statt der Chaise sicher eine Harley oder BMW bestiegen; sie sind die zeitgenössischen Vehikel für kleine Fluchten romantischer Art aus Alltag und Verbindlichkeit und daher mit der schnöden Bewegung von Punkt A nach Punkt B nicht zu erklären. Natürlich ist ein PKW bequemer. Natürlich hilft es ungemein, wenn bei einem Platzregen auf 2500 Metern Höhe das Schiebedach zufährt und die Autoheizung anspringt. Vier Räder sind ungemein praktisch; auf Zweirädern hingegen ist der Weg das Ziel und Lust, Spaß und Wahnsinn tummeln sich in Sichtweite.
Am dritten Tag unserer Tour sind wir längst durch die Schweiz und kurz vor Gletsch im Berner Oberland. Ich bin mit Gerd unterwegs, einem alten Vertrauten, mit dem ich schon Mofas und Mopeds frisiert habe. Wenn wir unterwegs sind, verstehen wir uns ohne Sprechanlage und Bluetooth. Modischer Schnickschnack. Er fährt eine betagte 1000er BMW; mit ihr und meiner XT dürfen wir das älteste Gespann in diesem Sommer sein. Ich bin ohnehin der einzige im Alpenraum, der keinen Elektrostarter an seiner Maschine hat, sondern noch ankickt.
Der Grimselpass mit dem Hotel Alpenrösli und leichtem Frühnebel liegen hinter uns. Die Fahrt im Sonnenschein runter ins Tal nach Gletsch wird zur Meditation pur: Die Eindrücke durchs Visier pulsieren zwischen Nahaufnahme - Achtung, Kurve! - und Panoramablick auf die umliegenden Gipfel. Während sich das Asphaltband den Berg hinab windet, meandern die Gedanken frei dahin und lösen sich in wohlfällige Leere auf. Das ewige Gedenke setzt endlich aus, doch die Konzentration wird scharf wie ein Messer. Ohren auf: Motor läuft rund, Getriebe schaltet ohne Klonk und Klack. Aus Fahrt wird Tanz; wir sind ein Paar. Wir schwingen von Kurve zu Kurve, die Serpentinenfolge wird zelebriert wie ein klassischer Tango. Der Rhythmus stimmt, die Geschwindigkeit passt, das Gewicht optimal verlagert, der Kopf locker, die Arme entspannt im richtigen Winkel, ein Spiel mit Fliehkraft und Zuneigung - ein formalisierter, aber zugleich höchst individueller Austausch von Signalen zwischen mir und ihr.
Da blitzt es kurz giftgrün im Rückspiegel. Und bevor ich erkenne, was da anrauscht, ist ein rollendes Heizkraftwerk vorbeigefegt. Ein massiver Vierzylinder, schätzungsweise 130 PS, stöhnt mit 9000 Umdrehungen pro Minute auf. Von hinten ist das mit extremen Breitreifen aufgemotzte Gerät nur noch Gewalt; nur noch Abrieb, Auspuff und Arsch in einem Kawasaki-Overall. Jetzt endlich geht er in die Eisen. Das Recklinghausener Kennzeichen schlingert wild auf die Spitzkehre vorab zu, denn der Hinterbau der Karre hat beim vollen Biss der zwei vorderen Bremsscheiben kaum noch Kontakt zum Asphalt. Da will es einer wirklich wissen; hoffentlich überlebt der Mann den Urlaub und pilotiert den Rest des Jahres einen Betonmischer.
Sind es allesamt jugendliche Selbstmord-Kandidaten, die außer uns hier unterwegs sind? Keineswegs. Als wir in der fünften Nacht in St. Vigil Quartier machen, fällt mir die Lokalzeitung in die Hände. Die Südtirol Aktuell-Seiten machen mit "Gampenpass-Strasse / Mit voller Wucht in die Leitplanken: Tot" und "Vinschau: zwei verunglückte Lenker schwer verletzt" auf. Keine sehr ermutigende Bilanz für ein Wochenende. Doch bei der enormen Masse der Motorradtouristen - 2005 etwa fuhren 87.000 Motorradfahrer hoch zur Bielerhöhe an der Silvretta-Hochalpen-Strasse; am Timmelsjoch wurden im gleichen Jahr 79.158 Durchfahrten registriert - sind das Ausnahmen. Die Zweirad-Szene wird schnell älter; der deutsche Biker ist laut einer ADAC-Studie im Durchschnitt schon Mitte Vierzig, sich des Unfallrisikos durchaus bewusst, und entsprechend defensiv unterwegs.
Tage später auf dem Timmelsjoch, einem der Wallfahrtsorte für Alpentourer, hängen wir auf einem kleinen Bänkchen ab, das optimalen Blick auf die letzten Kurven vor dem Biker-Parkplatz bietet. Kamikaze-Fahrer sind auch hier völlig out, gemächliches Schaulaufen ist angesagt. Fette Harley-Davidsons, die aussehen wie nach einem Sturz ins Chrombad, werden von Kapitänen der Landstraße in Bomberjacken hart am Wind gesegelt. Ihre Beifahrerinnen sind durchweg jünger. Die Piloten der schnellen japanischen Konfektionsware - den Begriff Reiskocher hören sie gar nicht gerne - gleichen aus der Distanz wie ein Ei dem andern: verspiegelte Visiere und Leder-Overalls, passend zur Marke in Farbe und Aufschrift. Auch ihre Maschinen sind irgendwie austauschbar.
Die graumelierten Herrenfahrer auf den fetten BMW-Reiseenduros mit GPS und riesigen Tourenkoffern dagegen stehen als eigener Tribe etwas abseits in ihrer Wagenburg und lauschen misstrauisch rüber zur vollverkleideten Italo-Fraktion, wo die Ducatis im Leerlauf schrabbeln wie ein geprügelter Sack Schrauben. Wenn ich nicht wüsste, dass das Klagelied der offenen Kupplung zum Ducati-Mythos gehört, käme fast Mitleid auf - nein, nicht mit den Fahrern, sondern mit ihren Fahrzeugen. Ich leide eigentlich jedesmal mit, wenn ich störende mechanische Signale einer Maschine empfange.
Am Stilfserjoch etwa, mit 2758 Metern Passhöhe dem höchsten Punkt unserer diesjährigen Tour, sind die Gebrechen der XT nicht zu überhören. Die Zicke blökt aus dem Auspuff und bockt wie ein unwilliger Maulesel. Wie peinlich: Wir werden selbst von PKWs überholt und nach hinten durchgereicht. Das will sich selbst Gerd nicht antun. Er gibt Zeichen und verschwindet rasant hinter der nächsten Biegung: Er wartet lieber oben.
Wir hingegen kämpfen auf den 48 Spitzkehren mit der Steigung, mit Fehlzündungen und der schwindenden Power. Der Motor wird mit zunehmender Höhe schwach, schwächer und kurzatmig wie eine alte Dame. Jetzt fängt es auch noch an zu nieseln; die ersten Tropfen fallen. Binnen kurzer Zeit legen sich Schlieren aufs Visier; die gefühlte Temperatur fällt in den Keller. Zweifel kommen auf. Mussten die 2758 Meter dieses Jahr wirklich sein, hätte es die alternative Route über den Ofenpass mit gerade mal 2149 Meter nicht auch getan? Geht da was in die Grütze, weil ich so hoch hinaus wollte? Abbrechen, zurückfahren? Egal, jetzt müssen wir durch; das Wasser zieht ohnehin schon kalt in den Kragen. Doch jeder Dreh am Gasgriff verschlimmert die Lage, man will es der Maschine gar nicht antun: Der Vergaser produziert zwar weiterhin brav die gleiche Menge explosives Gemisch, doch in der angesaugten Luft ist zunehmend weniger Sauerstoff. Wenn diese magere Mischung über zweieinhalbtausend Meter verfeuert wird, liefert der Motor von 33 PS auf Meereshöhe schätzungsweise noch die traurige Hälfte ab und verrußt die Zündkerze innerhalb kurzer Zeit.
Doch auch diesen Pass schaffen wir; wir sind ein gutes Team. Trotz Wolken und Kälte. Im zweiten Gang quält sich die XT hoch aufs Stilferjoch, wo Gerd wartet. Er weiß, dass er jetzt besser nichts sagt. Gar nichts. Wir fahren sofort weiter, runter ins Tal, vor St. Moritz schießen Sturzbäche über die Straße, durch Maloja, es reißt wieder auf und die Sonne bricht durch, und schon ist der Comer See in Sicht. Kaiserwetter - und so bleibt es. Die letzten Tage rüber zum Gardasee und Verona kommt die Sonnenbrille in Einsatz; kein Wölkchen trübt das Blau.
Stilfserjoch, war da was? Ach nee, längst vergessen. Auf der Rückfahrt im Reisezug blättere ich noch einmal in Goethes Italienischen Reise: "Hierher gekommen, gleichsam gezwungen, endlich an einen Ruhepunkt, an einen stillen Ort, wie ich ihn mir nur hätte wünschen können. Es war ein Tag, den man jahrelang in der Erinnerung geniessen kann." Grund genug also, im nächsten Jahr wieder loszufahren.
© Jochen Vorfelder







