28 Januar 2006

Ratespiel: Am Oberlauf des Kongo

Er liebte die See, obwohl er das Licht der Welt weitab jeglicher Küste erblickte - in einem Ort in einem Land, das zu seiner Geburt im 19. Jahrhundert unter russischer Verwaltung stand und heute zu einer politischen Renaissance der Farbe Orange geführt hat.

traveller wuchs, nachdem beide Eltern an Tuberkulose gestorben waren, bei einem Onkel auf. Der schlug ihm eine feste Anstellung als Magistratsschreiberanwärter vor, doch traveller reiste mit 17 Jahren nach Marseille und heuerte dort an Bord eines französischen Handelsschiffes mit Destination "West-Indien" an.

Die nächsten 20 Jahre fuhr er zur See: An Bord von Frachtseglern, Opiumklippern und Schmuggelbarken lernte traveller die sieben Meere kennen, geriet in politische Ränkespiele und überlebte nur knapp eine Schusswunde in der Brust. In Asien segelte er den Mahakam hinauf, ging lange Zeit von Bord und versuchte sich als Pflanzer. Doch seine Liebe zur offenen See ließ ihn an Land nicht ruhen - er trat Passagen nach Australien, in den Pazifik, nach Südamerika und Afrika an. 1890 folgte traveller dem Kongo bis zum Oberlauf.

In all den Jahren, in denen er sich durchs Leben und die Häfen treiben ließ, hatte er angefangen zu schreiben und dabei eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe geschärft, die er später in unzähligen Kurzgeschichten und in Romanen unter Beweis stellte. Er schrieb: "Mit der Macht des geschriebenen Wortes möchte ich dich hören und fühlen machen. Doch vor allem sollst du sehen."

Im Alter von 36 Jahren heuerte traveller ab, um Schriftsteller zu werden. Er schrieb auf Englisch, obwohl seine zweite Sprache nach seiner Muttersprache Französisch war. Er heiratete und ließ sich in Südengland in der Grafschaft Kent nieder.

Bereits eines der ersten seiner gut zwei Dutzend Werke machte ihn berühmt: Der Roman aus dem Jahr 1899 verarbeitete literarisch Erinnerungen von travellers Fahrt den Kongo hoch; das Buch inspirierte Francis Ford Coppola später zu einem Film, in dem ein Hauptdarsteller aus "Easy Rider" einen Fotografen spielt.

traveller starb 1924 an einem Herzinfarkt und liegt in Canterbury begraben. Die Stadt Danzig hat ihm zu Ehren ein Denkmal errichtet.

Wer war da unterwegs?

Viel Spaß bei Googlen - UND: Bis Ende März 2006 können Sie zum Beispiel eine Digitalkamera, zwei Flugtickets und ggf. ein Auto gewinnen, wenn Sie bei meinem Rätsel beim ADAC traveller mitmachen.

© Jochen Vorfelder

25 Januar 2006

Carbon-Bucky - die Vision vom Leichtbau

Januar und Wochenende in Hamburg - da kommen zwei Dinge zusammen: draußen die Kälte und dann etwas Zeit, um über die kommende Motorradsaison nachzudenken. Angespornt werden die Gedanken vom kommenden Event in den Messehallen, wo Mensch und Maschine schön auf einem Haufen und im Warmtrocknen zusammenkommen: die Hamburger Motorradtage.

Ich verzichte dankend auf einen Besuch und habe mir für die Tage ein anderes Thema vorgenommen: Carbon. Denn wer sich mal auf dem Zubehör- und Veredlermarkt umschaut, findet kaum noch eine Krad ohne die federleichten und gleichzeitig stabilen Kunsstoffteile.

Siehe z.B. die 2006er Multistrada 1000S DS, die schon serienmäßig mit vorderem Schutzblech und diversen Abdeckungen in Carbon daher kommt. Wer dann den hochnot-offiziellen Ducati-Zubehör-Katalog studiert oder auf dem Netz nach den semi-professionellen Anbietern und laminierenden Heimwerkern googlet, wird mit Carbon-Teilen geradewegs zugeschüttet.

Das hat zumindest zwei Gründe: Wenn's um tatsächliche und maximale Gewichtsersparnis geht - also bei der üblichen Straßenmaschine, die von Garage ins Büro und STVO-gerecht durchs Wochenende bewegt wird - wirken die Kohlenstoffmoleküle wahre Wunder. Zweitens könnte man natürlich darüber spekulieren, daß die gehypten Teile derzeit ein absolutes Muss sind und jeden überzogenen Preis rechtfertigen. Das verkauft man gerne.

Viele Leute finden das Thema allerdings ziemlich langweilig - eh, sind doch nur angeschraubte Plastikteile. Ich allerdings glaube, daß das komplette Carbon-Bike (Tank, Rahmen, Felgen) nicht mehr lange auf sich warten läßt, weil Carbon bauliche Möglichkeiten bietet, die noch lange nicht ausgeschöpft sind. Nix mit Nano-Jahrzehnt, Carbon ist angesagt. Das findet übrigens auch ein Autor, der aus einer ganz anderen Richtung kommt: Bruce Sterling, der regelmäßig eine Kolumne im Kultmagazin WIRED füllt, und sich seit vielen Jahren mit Carbon beschäftigt.

Also aber sofort in unregelmäßiger Folge: mehr zu Carbon, dem Baustoff der Zukunft. Dann klären wir auch die Frage, was der High-Tech-Baustoff mit dem begnadeten Visionär R. Buckminster Fuller und seinem Dreirad für acht Personen zu tun hat.

© Jochen Vorfelder

10 Januar 2006

Marlon Brando: Mehr Methode als man denkt

Beim Stöbern in alten Motorrad-Videos ist mir wieder einmal "Der Wilde" mit Marlon Brando untergekommen. Brando spielt Johnny, den Anführer einer Motorradgang, die in eine kleine, verschlafene Stadt in Kalifornien einfällt.

Die Biker sind auf Krawall gebürstet, während Johnny dem Charme Kathies erliegt, deren Vater der Ortspolizist ist. Der Streifen kulminiert in einem Feuerwerk aus Vorurteilen, Feindseligkeit und Gewalt.

Unbedingt sehenswert, aber ein seltsamer Film - heute jedenfalls. Schwarz-weiss, altfränkische Kamaraführung, hölzerne Figuren. Doch 1953, als "The Wild Ones" unter dem Originaltitel "Hot Blood" in die Kinos kam, war er eine Sensation, weil er als erstes Hollywood-Werk die Gewalt unter Motorradgangs in den USA thematisierte.

Für Marlon Brando war die Rolle des "Johnny" der Beginn eines langen Weges, den er mit oft kranken Charakteren gegangen ist - vom Don Corleone im "Paten" bis hin zum psychotischen Colonel Walter E. Kurtz in "Apocalyse now". Kurtz soll von Captain Willard getötet werden. Aber warum?

Kurtz: "Did they say why, Willard? Why they wanted to terminate my command? Did they tell you?"
Willard: "They told me you had gone totally insane and, uh, that your methods were unsound."
Kurtz: "Are my methods unsound?"
Willard: "I don't see ... any method ... at all."

So kennt man ihn - den verrückten, verschrobenen Alten.

Zeit also, etwas daran zu ändern. Denn Brando hatte ein zweites Leben - nicht nur als Motorradfahrer (er besaß in den Fünfziger Jahren eine britische 500 cc Machless, siehe Bild) - sondern vor allem als politischer Aktivist.

Eine kurze Google-Runde: Im Jahr 1959 gründete er in Hollywood zusammen mit dem schwarzen Sänger Harry Belafonte eine lokale Gruppe von SANE, der frühen amerikanischen Bewegung gegen Atomwaffen. Dann in den frühen sechziger Jahren war Brando Aktivist in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und enger Freund von Martin Luther King. 1963 begann er, sich für die Rechte der Native Indians und ihrer Bewegung AIM stark zu machen.

Ende der Sechziger Jahre unterstützte Brando die maoistischen Black Panthers mit einem "sechstelligen Dollarbetrag", so jedenfalls Bobby Seale, einer der Gründer der radikalen Partei.

Das Foto zeigt Marlon Brando bei der Beerdigung von Little Bobby Hutton. Hutton, mit 16 Jahren einer der sechs Gründer der Panthers, hatte sich im April 1968 nach einer fast zweistündigen Schiesserei der Polizei gestellt, war aber auf offener Straße und in Unterwäsche mit einem Schuß getötet worden. Warum?

Kurtz: "Are my methods unsound?"
Willard: "I don't see ... any method ... at all."

© Jochen Vorfelder