
"Machen Sie sich keine Sorgen. Maximal zwei Wochen, dann drehen Sie das erste Mal am Gashahn", hatte der Händler vollmundig verkündet. "Versprochen."
Es ist anders gekommen. Es sind inzwischen über fünf lange, schmerzhafte Wochen, die ich auf die neue Multistrada warte. Warum? Das ist eine lange Geschichte.
Doch bevor wir uns diesem aktuellen Grund für nervöses Augenblinzeln, Magenbeschwerden und schlafloser Nächte widmen, ein Blick zurück. Und eine Beichte: Ich hatte ein Verhältnis. Nein, kein One-Night-Stand, kein schnelle Affäre, sondern ein richtiges Verhältnis. Ich bin glücklich verheiratet und liebe meine Frau. Doch wenn ich abends im Ehebett lag, träumte ich heimlich von der anderen. Oft und seit langem schon.
Kennengelernt hatten wir uns im Jahr 1976 und wir waren für einander geschaffen. Sie war atemberaubend schön, stark und wie ich eine Revoluzzerin: Als die Yamaha XT 500 damals auf den Markt kam, war sie das Motorrad, das alles anders machen wollte. Enduro hieß das neue Konzept, die revolutionäre Vision.

Die XT war ein einfacher 500 ccm-Viertakter, im Grunde technisch nichts Neues, aber der bollernde Eintopf brach mit allem Muff im Motorrad-Establishment: Schluss mit dem Heizen auf nervös kreischenden Zweitakthobeln, rein ins Gelände, auf in die Freiheit!
Wer es schaffte, den Mörderkolben der XT per Kickstarter zur Arbeit zu bewegen, galt als harter Hund und war ultracool. Freedom 's just another word for nothing left to loose. Rucksack und Zelt aufgeschnallt; abseits der Autobahn und unter dem Pflaster lag der Strand.
Jetzt, nach fast gemeinsamen 30 Jahren, habe ich sie verlassen - nein, nicht meine Frau - die XT. Abgestellt, abgemeldet, für eine betörende italienische Diva aus Bologna - die Multistrada 1000 S DS, in Ducati-Rot.
Mir der war ich, wie angedeutet, schon vor einigen Wochen fest verabredet, doch dann war sie bereits einem Anderen fest versprochen. Zwei Wochen später dann der zweite Anlauf - nein, nicht schon wieder, jetzt mußte erst noch Eine im klassischen roten Gewand gefunden werden.
Missmutig wird also die geplante Ausfahrt zum 1. Mai abgesagt - ok, das Wetter soll die nächsten Tage ohnehin besser werden. Diesen Mittwoch dann grünes Licht: Fahrzeug steht in Uetersen, abholbereit.
Doch heute nun, an dem Tag, an dem mit Deckungskarte und Fahrzeugschein in der Hand alles klar schien, ging gar nichts. Nichts. Denn draußen an der Zulassungsstelle im Ausschläger Weg - die jetzt Landesbetrieb Verkehr LBV Mitte heisst - spielen sich zur Zeit apokalypthische Szenen ab.
Autohändler mit einem Hals so dick wie ein Ersatzreifen, der deutschen Sprache unkundige und deshalb völlig unverständige Albaner und Westafrikaner, weinende Ausreisewillige und baffe Ummeldepflichtige stehen dort seit geschlagenen acht Wochen einem extra angeheuerten Wachdienst (schwere Kaliber mit SECURITY-Jacken) gegenüber.
Drinnen geht fast gar nichts; rein darf man nur mit Nummer 1 bis 200. Wann die wie an wen ausgegeben werden, ist unseren Freunden aus Tirana schwer zu verklickern. Die wissen nur: Die Fähre ist für Sonntagabend gebucht. Das wird eng...
Währenddessen hängen draußen vor der Zufahrt grüne und rote Plasitk-Fahnen schlaff an der Stange: STREIK.
"Kommen sie doch morgen früh wieder. So gegen halb fünf früh. Da baut sich die Schlange langsam auf, dann haben sie ne Chance", raunt mir einer vom Wachschutz zu, der unter der SCURITY-Schürze ne Biker-Kutte trägt. Mitleid.
Ok, mal sehen, was morgen abgeht. Klar sind bisher nur zwei Dinge: Zwischen der Multistrada und mir, das wächst ganz langsam etwas zusammen, was zusammen gehört. Mit Betonung auf gaaanz laaaangsam. Und die Gewerkschaft, die macht sich da draußen im Ausschläger Weg nicht nur Freunde.
Stay tuned.
© Jochen Vorfelder