30 Mai 2006

"Steilpässe": I. Grimsenpass - Kurvenparadies im Berner Oberland

Weil jetzt die Zeit der längeren Ausflüge kommt, beginnt hier und heute eine kleine Serie über meine liebsten Alpenpässe. Zum Ausschneiden und Ausmalen.

Grimselpass
Kurvenparadies im Berner Oberland


Die Piste von Innertkirchen durchs Haslital hoch zum Grimselpass (2165 Metern Höhe) ist die Rennstrecke der Schweizer Töfffahrer. Nach einer gut ausgebauten Anfahrt wedelt eine hypnotisierende Sequenz von S-Kurven bis hoch zum Hospiz-Hotel am Grimselsee. Die letzten Kilometer bis zum Hotel Alpenrösli und zur Passhöhe mit dem Totensee sind Fahrspaß pur.

An den Wochenenden zwischen Juni und September ist der Parkplatz vor dem Alpenrösli voll gepackt - hundert Maschinen sind keine Seltenheit beim Schaulaufen. Die Strecke führt weiter runter ins Tal nach Gletsch und wieder hoch über den Furkapass (2436 Meter) bis nach Andermatt. Nicht verpassen: ein Ausflug über die einspurige Stichstraße hoch zum Oberaarsee.

Offen: Mitte Juni bis Anfang November
Wertungspunkte : *****
Mehr zum Grimselpass

(c) Jochen Vorfelder

29 Mai 2006

Motogiro 2006: auf alten Marken durch die Marken

Claudia Hunts Wangen glühen rot. Ist es die brütende Hitze, die wie Zuckerwatte auf der historischen Piazza Arringo in Ascoli Piceno liegt? Zwischen dem Renaissance-Dom Sant'Emidio, dem Bischofspalast und dem Rathaus aus dem 17. Jahrhundert bewegt sich kein Lüftchen. Es ist Mai und fast Sommer in den italienischen Marken; am Horizont schmilzt der letzte Schnee auf den Höhen der Abruzzen.

"Nein, mir ist nicht heiß", schreit Claudia Hunt und setzt ihren Helm auf. "Das ist nur die Aufregung vor dem Start." Der Rest ihres Satzes geht in infernalischem Gebollere unter, weil 190 Piloteure ihre Maschinen anwerfen: Die dritte von fünf Tagesetappen der Motogiro d'Italia 2006, einer Rundtour für historische Motorräder durch die Marken und die Abruzzen mit Start- und Zielort Rimini, ist freigegeben. Die beleibten Carabinieri auf den BMW-Dickschiffen lassen das Blaulicht rotieren und räumen den Weg mit Grandezza frei - jetzt jubeln die alten Motoren.

Die Starterlisten in den vier Vintage-Klassen - mit maximal 175 Kubik bis Baujahr 1957 - lesen sich wie die Annalen der italienischen Motorradindustrie. Ducatis, Gileras, Moto Guzzis, MV Agustas, Mondials und Aermacchis stehen neben den Youngtimern der Taglioni Memorial Class - Maschinen über 250 Kubik, gebaut zwischen 1968 und 1978. Auch hier sind Meilensteine der Motorradgeschichte im Feld: Laverdas, Matchless, Nortons, Moto Morinis und die Ducati-Legenden wie die Darmah und die legendären Scramblers.

Claudia Hunt ist auf einer blauen 175er Ducati unterwegs: "Frankenstein. So haben wir sie getauft." Aus gutem Grund, denn ihre Maschine ist streng genommen kein Oldtimer, sondern wurde erst vor kurzem zum Leben erweckt. Vor eineinhalb Jahren haben die Deutsche, die in London lebt, und ihr Mann Andrew begonnen, die Ducati zusammenzubauen - aus Teilen, die sie allesamt bei Ebay ersteigerten. "Zuerst gab's nur den Rahmen und den Tank, aber vor einem Monat hatten wir dann alles zusammen" - rund 9000 Euro hat die beiden Ducati-Liebhaber der Spaß gekostet.

Die meisten Teilnehmer an der Motogiro, angereist sind Fahrer und Fahrerinnen aus ganz Europa und den USA, sind Amateure im wahrsten Sinne des Wortes - Alexander Clahsen aus Mönchengladbach etwa, Projektmanager bei Daimler Chrysler, ist mit seiner Gilera Rossa Super in der 150 Kubik-Klasse angetreten. Ihn reizt an der Motogiro der touristische Aspekt: "Auf dem alten Maschinchen durch die schönsten Gegenden Italiens - dafür opfere ich gerne eine Woche Jahresurlaub. Außerdem macht es einfach Spaß, mit den alten Italienern wie Remo Venturi in einer Gruppe zu fahren."

Die Italiener gehen nämlich mit nicht geringem sportlichen Ehrgeiz an den Start - für sie ist die Motogiro seit dem ersten Rennen im Jahr 1914 Ehrensache und ernsthafter Motorsport. Die Gewinner sind Legenden - und einige davon auch dieses Jahr wieder am Start: Remo Venturi (Sieger im letzten Rennen 1957, bevor die Motogiro 2001 neu aufgelegt wurde) und Guiliano Maoggi (Sieger 1956) sind beide inzwischen achtzig Jahre alt, aber reiten die täglichen Distanzen um die 270 Kilometer stoisch ab.

Und Etappe drei, das ist kurz nach dem Start klar, ist nach den beschaulichen ersten beiden Tagen ("Das ist doch 'ne Kaffeefahrt," hat mir gestern einer beim Abendessen zugeraunt) eine echte Herausforderung an Mensch und Maschine. Heute ist der Tag, an dem sich auf den Pässen im Nationalpark Gran Sasso in Sachen Endklassement die Spreu vom Weizen trennt. Die Ankunftszeiten werden einige nicht einhalten können: Unübersichtliche Landstraßen mit haarigen Schüttelpassagen, die fast nur aus Schlaglöchern bestehen, Haarnadelkurven, die die Oldtimer - und ihre Piloteure - an den Rande ihrer Fähigkeiten treiben, und natürlich Steigungen satt. Eben haben wir einen Pass auf knapp 1900 Meter passiert.

Zwei Tage und mehrere Sonderprüfungen später steht der Sieger fest: "And the Winner is - Angelo Spinelli on Gilera!" Ein Tusch vom Band; die Scheinwerfer strahlen. Die Stimme des TV-Komikers, den die Veranstalter als Moderator verpflichtet haben, überschlägt sich, aber geht im Applaus von 350 begeisterten Galateilnehmern unter - nach fünf langen Tagen im Sattel und fast 1300 Kilometern geht die Motogiro 2006 zu Ende.

Mit Angelo Spinelli als Gewinner der Vintage Class-Wertung und der roten Ducati "Sport 1000 Motogiro Special Edition" hatte keiner gerechnet. Aber die Favouriten patzten am letzten Tag - entweder wsährend einer der Sonderprüfungen oder durch eine desolate Navigationsleistung.

Auch die Gruppe mit Remo Venturi - und Clahsen im Schlepptau - hat es erwischt. Bei der Ausfahrt aus Ascona zurück nach Rimini waren sie den roten Pfeilen gefolgt, mit denen die Strecke ausgeschildert war: Leider waren es die Falschen, nämlich die vom zweiten Etappentag... Nach einem Umweg von rund 70 Kilometern und einer Stunde Zeitstrafe am ersten Checkpoint war die Motogiro 2006 für Venturi gelaufen. Er nahm es sichtlich schwer, während Alexander Clahsen gelassen blieb: "Ich halt mich am olympischen Gedanken fest - Dabeisein ist alles."

So werden sich nächstes Jahr auf Sizilien zur Motogiro 2007 wieder treffen: die fanatischen Ducatisti wie Claudia Hunt, die Amateure wie Clahsen, und natürlich die alten Haudegen wie Remo Venturi. Bis zum nächsten Mai hat er die diesjährige Enttäuschung verdaut. Und seine MV Agusta, so betont er, ist "taufrisch" wie er selbst und definitiv ein Siegerfahrzeug: "Seit wir 1957 zusammen gewonnen haben, wurde sie immer gut gepflegt." Die nächste Chance auf den Sieg kommt also gewiss.

© Jochen Vorfelder

22 Mai 2006

Motogiro III: Die Legende kommt 2007 zurück

"And the Winner is - Angelo Spinelli on Gilera!" Ein Tusch vom Band; die Scheinwerfer strahlen. Die Stimme des TV-Komikers, den die Veranstalter als Moderator verpflichtet haben, überschlägt sich, aber geht ohnehin im tosenden Applaus von 350 begeisterten Galateilnehmern unter unter - nach fünf langen Tagen im Sattel und fast 1600 Kilometern geht die Motogiro 2006 zu Ende.

Mit einer Überraschung: Mit Angela Spinelli als Gesamtgewinner der Vintage Class-Wertung hatte keiner gerechnet. Keiner hätte getippt, daß er die rote "Sport1000 Motogiro Special Edition" nach Hause bringen darf.

Aber die Favouriten patzten am letzten Tag - entweder bei einer der Sonderprüfungen oder durch eine desolate Navigationsleistung. Auch die Gruppe mit Remo Venturi und Clahsen, die sich so viel ausgerechnet hatte, hat es erwischt: Bei der Ausfahrt in Ascona waren sie am Morgen mit ziemlichem Speed den roten Pfeilen gefolgt, mit denen die Strecke ausgeschildert war. Rein in die Marken, rein in die Berge; die Route schlängelte sich malerisch durch Weinberge und historische Städtchen.

Das Wetter war top, die Stimmung war prima; die Motoren liefen fleißig wie Nähmaschinen. Venturi und Tomassini vorne weg, dann der Holländer und am Ende Clahsen - ein Team auf dem Weg zum Erfolg?

Nein. Nach ungefähr einer halben Stunde machte sich auch bei mir der Zweifel breit: Kam mir diese Ortsdurchfahrt nicht irgendwie bekannt vor? Hatte ich dieses Cafe nicht schon mal gesehen? Die Italiener hielten an, befragten Passanten und gestikulierten wild.

Das ultimative Desaster war passiert. Schon bei der Ausfahrt aus Ancona. Wir waren den Pfeilen der Etappe zwei gefolgt - aber leider war heute Tag fünf. So kanns gehen; eine falsche Entscheidung, einmal links statt rechts, und die ganze Mühen der letzten Tage waren umsonst. Nach einem Umweg von rund 70 Kilometern und über einer Stunde Zeitstrafe am ersten Checkpoint war die Motogiro 2006 für Venturi und Tomassini gelaufen. Die beiden nehmen es schwer, während Alexander Clahsen gelassen blieb: "Ich halt mich am olymischen Gedanken fest - dabeisein ist alles. Und nächstes Jahr kommt die nächste Chance..."

De facto wird es 2007 sogar zwei Chancen geben: Die reguläre Motogiro findet wieder im Mai statt, und nach 2004 zum zweiten Mal in Sizilien. In der Planung ist eine Rundstrecke im Süden der Insel.

Die eigentliche Überraschung allerdings verkündete Federico Minoli, Chairman und CEO von Ducati: Mit Unterstützung des italienischen Ministeriums für Außenhandel soll im September 2007 die erste Motogiro USA organisiert werden - geplant ist ein Rundkurs durch Kalifornien mit amerikanischen Ducatisti und einer Gruppe von verdienten italienischen Teilnehmern.

Federico Minoli: "Wir überlegen, ob wir die älteste aktiven Teilnehmer der Motogiro und die Gewinner der letzten Jahre, also so rund vierzig Personen, mitsamt ihren Maschinen über den Teich fliegen."

Noch ist nichts Genaues bekannt - doch amüsant kann es allemal werden. Wie werden die amerikanischen Cops reagieren, wenn die alten italienische Haudegen ihre Maschinen mit dröhnenden offenen Auspuffen und mit definitiv überhöhter Geschwindigkeit durch kalifornische Kleinstädte treiben? "Tut mir leid, Officer. Englisch spreche ich nicht, aber Sie können meine italienische Fahrerlaubnis von 1943 sehen..."

2007 wird ein spannendes Jahr für die Motogiro. Wir freuen uns schon drauf.

© Jochen Vorfelder

19 Mai 2006

Motogiro II: Heroen der Landstraße

Remo ist schnell. Ziemlich schnell sogar. Muß er auch sein: Hinter ihm hängt Alexander Clahsen aus Mönchengladbach und der macht mächtig Druck. Doch Remo Venturi zeigt keine Nerven: Er geigt durch die Serpentinen, daß es eine reine Freunde ist. Bremst die Spitzkehren steil an und knüppelt die Gänge rein. Venturis knallrote MV Agusta stöhnt, knallt und stößt weißen Rauch aus.

Nein, das ist nicht die Papstwahl, sondern ein knüppelhartes Motorradrennen: Es geht um den Sieg. Seit zwei Stunden sind wir hier auf der dritten Etappe der Motogiro 2006. Der heutige Rundkurs führt über 281 Kilometer von Ascoli Piceno am Rande der Abruzzen durch den Nationalpark Gran Sasso.

Und die Etappe hatte manche Überraschung für die Fahrer und Fahrerinnen parat: unübersichtliche Landstraßen mit haarigen Schüttelpassagen, die fast nur aus Schlaglöchern bestehen, Haarnadelkurven, die die Oldtimer - und ihre Piloteure - an den Rande ihrer Fähigkeiten treiben, und natürlich Steigungen satt: Eben haben wir einen Pass auf knapp 1700 Meter passiert und - man mag es nicht glauben - im Mai ein Schneefeld gestreift. Ja, ist das denn überhaupt die Motogiro? Oder etwa die Centopassi?

Etappe drei, soviel ist jetzt schon kurz nach der Halbzeit klar, ist nach den eher beschaulichen ersten beiden Tagen ("Das ist doch hier echt ne Kaffeefahrt," hat mir Einer gestern abend beim Abendessen zugeraunt) eine echte Herausforderung an Mensch und Maschine. Heute ist der Tag, an dem der Sauerstoff knapp wird, die Einzylinder nach Luft schnappen; der Tag, an dem die alten Maschinen alles geben müssen. Heute ist der Tag, an dem sich in Sachen Endklassement die Spreu vom Weizen trennt: Die Ankunftszeiten, die der Veranstalter vorgegeben hat, werden einige nicht einhalten können.

Viele Teilnehmer aus den USA daddeln den Rest des Jahres mit fetten Cruisern über Floridas Highways und haben ihre Motogiro-Maschinen permanent in Italien geparkt. Sie sind die Abruzzen-Verhältnisse schlichtweg nicht gewohnt. Unter den Engländer hingegen, die zahlenmäßig ebenfalls stark vertreten sind, entwickeln viele echte missionarische Züge - selbst der Schwächste darf sich bei ihnen noch einreihen. Und wie das halt bei den Briten so ist: Wenn man mal seinen Platz in der Schlange hat, wird nicht nach vorne gedrängelt...

Egal. Die kleine Startergruppe, mit der ich heute unterwegs bin, kann das enge Zeitbudget nicht schrecken: Der Holländer mit der Startnummer 16, der vorne unerbittlich die Pace macht, ist seit 2001 jedes Mal am Start und wird auch dieses Jahr wieder als Geheimtipp auf den Gesamtsieg gehandelt. Hinter vorgehaltener Hand wird aber sofort angemerkt: "Gewinnen tut aber nur ein Italiener...". Egal, Speed kann man ja trotzdem machen.

Alexander Clahsen auf seiner 175er Gilera ist im Vergleich zu ihm ein echter Frischling, weil das erste Mal in Italien am Start, aber er kann viel Supermoto-Erfahrung in die Waagschale werfen.

Und Venturi? Auch um den muß man sich keine Sorgen machen. Mit seinen 80 Jahren ist er zwar der älteste Fahrer im Klassement der Vintage Class, doch er reitet die Strapazen stoisch auf der linken Backe ab. Klar, die Augen machen nicht mehr so richtig mit, drum trägt er seit letztem Jahr eine Brille. Aber sein MV Agusta ist "taufrisch" wie er selbst, betont er, und sie ist definitiv ein Siegerfahrzeug: "Seit wir 1957 zusammen gewonnen haben, wurde sie immer gut gepflegt."

Nach fünf Stunden und zwei Stopps - mit Pinkelpause, Schnittchen und dem obligatorischen Schlückchen Rotwein für Venturi - kommt Ascoli Piceno wieder in Sicht. Siebzehn Uhr, Berufsverkehr, doch die Motogiro-Karawane schlängelt sich mit voller Billigung der in Kohortenstärke angetretenen Carabinieri an den stauenden PKWs vorbei.

Brillen ab, ein Schluck Wasser: Zum Abschluß findet auf der Piazza Arringo im historischen Zentrum die letzte Sonderprüfung statt. Und diesmal heißt es langsam fahren: Ein Slalom von rund dreißig Metern Länge muß in exakt 12 Sekunden gemeistert werde; jede Sekunde mehr oder weniger wird mit Strafpunkten belegt. Clahsen, Venturi und der fliegende Holländer - alle drei Fahrer bugsieren ihre Maschinen auf die Sekunde genau durch die Lichtschranke.

Heute war ein totes Rennen, doch noch sind zwei Etappen zu fahren. Die Konkurrenz - immerhin sind nach drei Tagen von den 112 Startern noch über 90 dabei - ist groß. Wer darf am Samstag abend beim Abschlußbankett zum Hauptgewinn, einer "Motogiro"-Edition der Sportclassic 1000, auf die Bühne?

© Jochen Vorfelder

Zu den Fotos:

Erstes Bild - Bergrennen: Die dritte Etappe 2006 führte über 281 Kilometer von Ascoli Piceno aus durch den Nationalpark Gran Sasso in den Abruzzen.

Zweites Bild - Legenden unterwegs: Alexander Clahsen (li.) neben Remo Venturi (Nr.23). Venturi hat die Motogiro 1957 gewonnen. Und im April dieses Jahres hat er seinen achzigsten Geburtstag gefeiert.

Drittes Bild - Ortsdurchfahrt: In Isola del Gran Sasso. Die kritische Zuschauerin (re.) ist wahrscheinlich jünger als der Fahrer auf seiner 175er Morini.

17 Mai 2006

Motogiro I: Historie auf zwei Rädern

Es tropft. Es läuft. Ein Notfall. Unter dem Motorblock der Ducati breitet sich der Sprit wellenförmig aus. Rino Nadalini wird etwas nervös und schwitzt unter seinem altersstarren Leder: In zehn Minuten soll er mit seiner 250 GT Baujahr 1966 bei der Motogiro 2006 über die Startlinie rollen - Rino, letztes Jahr wurde er Siebzig, ist einer der 273 Teilnehmer der Fünf-Tage-Rundtour durch die Italienischen Marken und die Abruzzen mit Start- und Zielort Rimini. Rino, die anderen Teilnehmer der Motogiro und ihre Maschinen - sie haben eins gemeinsam: ihre gesegnetes Alter.

"Kein Problem, Signore Rino, machen wir sofort klar!" Gianluca Abatantuono, mit seinen 32 Jahren ein echter Jüngling neben Rino, stochert mit dem Schraubenzieher in dem morschen Benzinschlauch, grabbelt in seine Spezial-Ersatzteilkiste und fördert zwei schnöde Schellen zu Tage. Zwei Minuten später ist der Ducati-Oldtimer trocken gelegt und Rinos Einsatz gesichert. Der Rentier ist sichtlich erleichtert: "Danke, mein Sohn, Danke."

Eigentlich - das sei hier angemerkt, kurz bevor ein infernalisches Gebollere einsetzt und die Maschinen zum Start rollen - eigentlich ist Abatantuono ebenso wie sein Freund und Kollege Maurizio Margiacchi für die Rolle des Benzinschlauchwechslers irgendwie überqualifiziert: Im wirklichen Leben zwischen Montag und Freitag sind die beiden Ducati-Mechaniker in ihrer Arbeitsgruppe mit der Entwicklung der heiß erwarteten Hypermotard beschäftigt. Was sie im Detail derzeit tun, wie die Dinge im Allerheiligsten in der Via Ducati derzeit stehen - darüber wollen beide allerdings lieber nicht reden: "Sorry, Sorry..."

Über die Motogiro hingegen gerne: ""Einsatz hier ist echte Ehrensache", brüllt Maurizio, weil hinter ihm einige der alten Herren langsam unruhig werden und nervös mit der Gashand zucken. "Ist bisschen wie jährliches Familientreffen."

In der Tat ist der Gang durch das Fahrerlager wie eine Schnelldurchlauf durch die Firmengeschichte der italienischen Motorradindustrie im Allgemeinen und der Roten aus Bologna im Speziellen: Alte Gileras, Moto Guzzis, Mv Agustas, Exoten wie die Motobi und Aero Caproni, Mondials und Aermacchis in der Klasse bis 175 cc und Baujahr vor 1957 werden kurz vor dem Schaulaufen noch kurz gewienert und auf ordentliche Betriebstemperatur gebracht.

Sie stehen neben den Youngtimern der Taglioni Memorial Class - Maschinen über 250 cc, gebaut zwischen 1968 und 1978 - auch hier echte Meilensteine der Motorradgeschichte: alte Laverdas, Matchless, Norton, Moto Morini und eben Ducatis wie die Darmah und die legendären Scrambler.

Und dazwischen: die lebenden Legenden am Fachsimpeln. Startnummer 23 lacht mit der 41 und wird von 51 fotografiert - es handelt sich um Remo Venturi (Sieger im letzten Rennen 1957, bevor die Motogiro 2001 neu aufgelegt wurde), Guiliano Maoggi (letzter Ducati-Sieger 1956) und Vicki Smith aus Florida, die 2001 als erste teilnehmende Frau am Lenker Motogiro-Geschichte schrieb.

Jetzt gehts los; die erste von fünf Tagesetappen wird freigegeben. Jetzt jubeln die alten Motoren. Die beleibten Carabinieri auf den BMW-Dickschiffen lassen das Blaulicht rotieren und räumen den Weg mit Grandezza frei: Die Motogiro 2006 ist unterwegs. Raus aus Rimini, hoch nach San Marino und rein in die Hügel der Marken - ideales Motorradrevier. Und die Veteranen lassen den Gummi glühen: Auf Profilen so breit wie eine Kinderfaust heizen sie durch die Gassen von Montecalvo, Urbino und Aqualagna. Von dort geht es weiter über Cagli und Belvedere wieder runter an die Adriaküste zum Tagesziel Ancona.

Stau im Feierabendverkehr, einmal die Orientierung verloren, aber rundum gute Laune: 235 Kilometer - ein Traumtag auf Rädern und bis jetzt nur zwei totale Ausfälle auf der Starterliste. Wars das für die Beiden? Abwarten. Gianluca hat so seine Pläne für den Abend - und sicher noch was parat in seiner Spezialkiste: "Mal schauen, was wir heute noch hinkriegen und wie es die nächsten Tage weitergeht."

© Jochen Vorfelder

12 Mai 2006

Motogiro d'Italia 2006: klassisch durch die Marken

Auf geht's, nach Bella Italia! Nicht dass uns das strahlende Wetter gen Süden vertreiben würde, nein, ganz im Gegenteil. Die letzten Tage waren gesegnet mit erinnerungswürdigen Ausfahrten nach Büroschluß - ich sage nur: die Elbe entlang, am Zollspieker vorbei, rüber dann Richtung Landkreis Lüchow-Dannenberg.

Ideale Motorradgegend - wenig Verkehr und enge Kurven; gut zur Selbstfindung und zur Erkundung der Ideallinie.

Natürlich alles im Rahmen der StVO, Hüstel, Hüstel. (Für die über die Tempo 100-Regel hinaus der Rechtslage Unkundigen: Vom Kraftfahrer sind die konkreten Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Witterungsverhätnisse, seine eigenen Fähigkeiten und jene des gesteuerten Gefährts samt Ladung ins Kalkül zu ziehen. Dies verlangt §3 der Straßenverkehrsordnung.)

Schluß damit: moto1203 macht sich nach Diktat auf den Weg ins Land des augenzwinckenden Umgangs mit Regularien. Und fährt vom 16. bis 20. Mai bei der Motogiro d'Italia 2006 mit, einer Zweirad-Rallye für historische Maschinen durch die Abruzzen und die Marken.

An dem Rennen - na ja, Rennen ist etwas übertrieben, die erzielte Zeit an den Tagesetappen über rund 280 Kilometer wird nicht so verbissen gesehen - nehmen außer den wirklichen Oldtimern der Vintage Racing Class (Baujahr 1957 und früher, maximal 175 cc) und der Taglioni Memorial Class (1968 bis 1978, über 250 cc) auch eingeladenen Gäste teil.

Nun kann ich keinen Oldtimer aus diesen Kategorien - und vor allem diesen Preislagen - vorweisen. Nichts desto Trotz darf ich als Gast mitfahren - und ein dem Anlaß angemessenes Fahrzeug bewegen: die neue GT 1000 von Ducati, die noch im Laufe diese Monats bei den Händlern sein soll.

Wir sind gespannt: Die letzte Maschine aus Ducatis Retro-Serie (vorher war schon die Sport 1000 und die Paul Smart aufgelegt worden) ist in Sachen Design und Marketing die perfekte Reminiszenz an die von Fabio Taglioni entwickelten Siebziger-Jahre-Ducatis wie etwa die 750 GT, die inzwischen wie Juwelen gehandelt werden. Frage also: Kann die neue GT 1000 da mithalten?

Die entspannte Tour durch italienisches Kernland hat bereits weltweite Anziehungskraft entwickelt: Rund 300 Teilnehmer aus Italien und Europa bis hin zu den USA, Neuseeland und Japan werden erwartet, die sich auf dem rund 1300 Kilometer langen Rundkurs von Rimini, über San Marino, Ancona, Ascoli Piceno und zurück nach Rimini verlustieren wollen.

Die Gegend ist Stammland des historischen Motogiro: 1914 zum ersten Mal gestartet, entwickelte sich das Rennen bis in die fünziger Jahre zu einem Klassiker, bevor es bis Juni 2001 aussetzte.

Erst ein Jahr nach der Jahrtausendwende wurde die Tradition wieder aufgegriffen - und von den alten Heroen der Landstraße freudig wieder angenommen: Bei der Erstauflage nach über vierzig Jahren Pause waren einige der Gewinner aus den fünfziger Jahren am Start.

Nun ja, mit diesen schnellen Rentnern will ich nicht unbedingt mithalten. Bei der Fahrt durch italienische Wein- und Olivenhaine ist definitiv der Weg das Ziel und zwischzeitlich soll es auch die eine oder andere Besichtigung eines Weinkellers geben.

Man wird sehen.

© Jochen Vorfelder

11 Mai 2006

Videos: Film den Tod / The Final Cut

Zwei plaudernde Pärchen auf der nächtlichen Heimfahrt, zwei Freunde beim Geschichtenerzählen hinterm Steuer - in die beiden Werbvideos wird entspanntes Cruisen perfekt inzeniert.

Doch die Fahrfreude wird jäh unterbrochen: Ein Pickup stößt rückwärts aus der Einfahrt, ein Van übersieht die rote Ampel. Es kracht, splittert - doch die Insassen in beiden Streifen kommen mit dem Schrecken davon - Dank der Airbags des neuen VW Jetta.

Bei den Kollegen von SPIEGEL Online wird heute ausführlich über die in den USA virulente Frage diskutiert ("Wirbel um die Crash-Reklame"), ob die Inszenierung von potentiell tödlichen Verkehrsunfällen zu Werbezwecken ein Tabubruch der Autoindustrie sei: Ist soviel Gewalt in der Werbung erlaubt?

Der Autor schreibt: "Bisher beschränkten sich die Autohersteller, wenn sie denn Unfälle in der Werbung zeigen wollten, auf die Darstellung von Labor-Crashs mit Dummys - oder von Symbolen, wie es Renault zurzeit in Deutschland mit zerplatzenden Weißwürstchen oder zerdrückten Sushi-Häppchen tut. Volkswagen hat im April nun mit den Crash-Spots, in denen Menschen in Unfallwagen sitzen, eine Grenze überschritten."

Da kann ich nur anmerken: You ain't see nothing yet.

Abgesehen von der Motorradindustrie, die das Kniescheibenschleifen auf Asphalt irrtümlicherweise zum Alltagsgeschäft von Motorradpendlern erklärt, hat sich in letzter Zeit ein Unternehmen hervorgetan, das mit jeglicher Art von Mobilität nun reichlich wenig zu tun hat: CASIO.

Man mag es drehen oder wenden, wie man will: Der TV-Spot für die EXILIM CARD EX-S600-Kamera - die mit dem coolen Claim "Film das Leben" verkauft wird - bedient sich so ziemlich jedes platten Klisches, das in den eindeutigen Schubladen von Männerhirnen sicher abgelagert ist.

Ich würde sogar noch weitergehen: Der Spot, den Casio online stolz präsentiert, ist die unzweideutige Aufforderung, die geltende Straßenverkehrsordnung schleunigst zu vergessen, und das Zweirad stande pede mit einem Rollstuhl einzutauschen.

Liebe Werber! Wer das einhändige Fahren von 130 PS-Maschinen im Stadtverkehr zum hippen Lifestyle verklärt, sollte sein Filmwerk mit dem passenderen Slogan "Film deinen Tod / The Final Cut" vermarkten.

© Jochen Vorfelder

PS: Spaßig übrigens, dass sich ausgerechnet die bigotten US-Amerikaner über die werbliche Gewalt auf der Straße aufregen. Weil es doch sonst so sittsam im Mutterland der automobilen Dickschiffe zugeht - siehe dazu dieses nicht gerade zimperliche Real-Life-Video aus Houston, Texas...

08 Mai 2006

Zulassung 2: Ver.di versus Duc.ati

Man mag die ver.di-Forderungen berechtigt finden oder nicht, geißeln muß man unbedingt die gewerkschaftliche Öffentlichkeitsarbeit an der Basis: Da stehen erwachsene Menschen von halb vier morgens über vier Stunden hinweg gelangweilt in der Schlange vor der Hamburger KFZ-Zulassungsstelle - und bilden somit die ideale Zielgruppe für halbwegs eloquente Argumentations- und Überzeugungstrupps. Doch was macht der streikende Genosse?

Liegt im Bett. Schläft bis in die Puppen. Läßt das Streikfähnchen kraftlos flattern wie ein ersterbendes Grablicht. Läßt uns alleine, draußen im kalten Wind. Uns, die da ausharren vor der verschlossenen Drehpforte, um hoffentlich, hoffentlich um halb acht zu den Glücklichen zu zählen, denen das Privileg des Zugangs zu den Amtsräumen und damit die ersehnte Zuteilung eines Motorrad-Fahrzeugkennzeichens zufliegt wie der heisse Hauch des ewigen Glücks.

Lassen wir das, es hat keinen Sinn, hier in Prosa zu verfallen, der Streik geht weiter. Aber ich habe seit Freitag mein Kennzeichen, meine Zulassung, meine Multistrada. (Wir wollen jetzt nicht auf widersprüchliche und mindere Details eingehen, wie etwa auf die Frage, warum im Schein der Mai 06 als Monat der Zulassung angegeben ist, auf dem Schild die Wiedervorführungsmarke dagegen auf 08 steht.

Das lassen wir jetzt einfach mal unkommentiert stehen, und schreiben es der unterschwelligen Angst des Sachbearbeiters vor vergeblich auf-, an- und rumgestandenen und nun auf Satisfaktion sinnenden Zulassungswilligen zu.)

Jawoll, es war ein schönes Wochenende mit einer langen Ausfahrt am Samstag.

Die Reifen haben ersten seitlichen Abrieb, der Sattel paßt sich langsam dem Hintern an oder umgekehrt, und das Ohr gewöhnt sich an den typischen Ducati-Sound. Nein, es geht hier nicht um den sonore Bollern, der hinten aus den beiden Tröten rauskommt. Den bekommt der Fahrer ohnehin kaum mit.

Ducati-Sound, da denkt der Sachkundige sofort an das kranke Wimmern der beiden Zahnriemen, die die Ventile steuern, und das Schrabbeln der Trockenkupplung im Standgas. Schwer zu beschreiben, der Ton. Für mich klingt das orchestrale Gesamtkunstwerk ungefähr so, wenn man einen Sack lose Schrauben prügelt.

Wohlgesonnene Passanten drängt es danach, den Finger zu heben und fragend die Äußerung vorzubringen: "Entschuldigung, ich glaube, bei Ihnen is grad was kaputtgegangen..".

Da muß man cool bleiben: "Ne, is ganz neu und serienmäßig..."

© Jochen Vorfelder

04 Mai 2006

Neue Ducati 1: the long and winding road...

"Machen Sie sich keine Sorgen. Maximal zwei Wochen, dann drehen Sie das erste Mal am Gashahn", hatte der Händler vollmundig verkündet. "Versprochen."

Es ist anders gekommen. Es sind inzwischen über fünf lange, schmerzhafte Wochen, die ich auf die neue Multistrada warte. Warum? Das ist eine lange Geschichte.

Doch bevor wir uns diesem aktuellen Grund für nervöses Augenblinzeln, Magenbeschwerden und schlafloser Nächte widmen, ein Blick zurück. Und eine Beichte: Ich hatte ein Verhältnis. Nein, kein One-Night-Stand, kein schnelle Affäre, sondern ein richtiges Verhältnis. Ich bin glücklich verheiratet und liebe meine Frau. Doch wenn ich abends im Ehebett lag, träumte ich heimlich von der anderen. Oft und seit langem schon.

Kennengelernt hatten wir uns im Jahr 1976 und wir waren für einander geschaffen. Sie war atemberaubend schön, stark und wie ich eine Revoluzzerin: Als die Yamaha XT 500 damals auf den Markt kam, war sie das Motorrad, das alles anders machen wollte. Enduro hieß das neue Konzept, die revolutionäre Vision.

Die XT war ein einfacher 500 ccm-Viertakter, im Grunde technisch nichts Neues, aber der bollernde Eintopf brach mit allem Muff im Motorrad-Establishment: Schluss mit dem Heizen auf nervös kreischenden Zweitakthobeln, rein ins Gelände, auf in die Freiheit!

Wer es schaffte, den Mörderkolben der XT per Kickstarter zur Arbeit zu bewegen, galt als harter Hund und war ultracool. Freedom 's just another word for nothing left to loose. Rucksack und Zelt aufgeschnallt; abseits der Autobahn und unter dem Pflaster lag der Strand.

Jetzt, nach fast gemeinsamen 30 Jahren, habe ich sie verlassen - nein, nicht meine Frau - die XT. Abgestellt, abgemeldet, für eine betörende italienische Diva aus Bologna - die Multistrada 1000 S DS, in Ducati-Rot.

Mir der war ich, wie angedeutet, schon vor einigen Wochen fest verabredet, doch dann war sie bereits einem Anderen fest versprochen. Zwei Wochen später dann der zweite Anlauf - nein, nicht schon wieder, jetzt mußte erst noch Eine im klassischen roten Gewand gefunden werden.

Missmutig wird also die geplante Ausfahrt zum 1. Mai abgesagt - ok, das Wetter soll die nächsten Tage ohnehin besser werden. Diesen Mittwoch dann grünes Licht: Fahrzeug steht in Uetersen, abholbereit.

Doch heute nun, an dem Tag, an dem mit Deckungskarte und Fahrzeugschein in der Hand alles klar schien, ging gar nichts. Nichts. Denn draußen an der Zulassungsstelle im Ausschläger Weg - die jetzt Landesbetrieb Verkehr LBV Mitte heisst - spielen sich zur Zeit apokalypthische Szenen ab.

Autohändler mit einem Hals so dick wie ein Ersatzreifen, der deutschen Sprache unkundige und deshalb völlig unverständige Albaner und Westafrikaner, weinende Ausreisewillige und baffe Ummeldepflichtige stehen dort seit geschlagenen acht Wochen einem extra angeheuerten Wachdienst (schwere Kaliber mit SECURITY-Jacken) gegenüber.

Drinnen geht fast gar nichts; rein darf man nur mit Nummer 1 bis 200. Wann die wie an wen ausgegeben werden, ist unseren Freunden aus Tirana schwer zu verklickern. Die wissen nur: Die Fähre ist für Sonntagabend gebucht. Das wird eng...

Währenddessen hängen draußen vor der Zufahrt grüne und rote Plasitk-Fahnen schlaff an der Stange: STREIK.

"Kommen sie doch morgen früh wieder. So gegen halb fünf früh. Da baut sich die Schlange langsam auf, dann haben sie ne Chance", raunt mir einer vom Wachschutz zu, der unter der SCURITY-Schürze ne Biker-Kutte trägt. Mitleid.

Ok, mal sehen, was morgen abgeht. Klar sind bisher nur zwei Dinge: Zwischen der Multistrada und mir, das wächst ganz langsam etwas zusammen, was zusammen gehört. Mit Betonung auf gaaanz laaaangsam. Und die Gewerkschaft, die macht sich da draußen im Ausschläger Weg nicht nur Freunde.

Stay tuned.

© Jochen Vorfelder