Es tropft. Es läuft. Ein Notfall. Unter dem Motorblock der Ducati breitet sich der Sprit wellenförmig aus. Rino Nadalini wird etwas nervös und schwitzt unter seinem altersstarren Leder: In zehn Minuten soll er mit seiner 250 GT Baujahr 1966 bei der Motogiro 2006 über die Startlinie rollen - Rino, letztes Jahr wurde er Siebzig, ist einer der 273 Teilnehmer der Fünf-Tage-Rundtour durch die Italienischen Marken und die Abruzzen mit Start- und Zielort Rimini. Rino, die anderen Teilnehmer der Motogiro und ihre Maschinen - sie haben eins gemeinsam: ihre gesegnetes Alter."Kein Problem, Signore Rino, machen wir sofort klar!" Gianluca Abatantuono, mit seinen 32 Jahren ein echter Jüngling neben Rino, stochert mit dem Schraubenzieher in dem morschen Benzinschlauch, grabbelt in seine Spezial-Ersatzteilkiste und fördert zwei schnöde Schellen zu Tage. Zwei Minuten später ist der Ducati-Oldtimer trocken gelegt und Rinos Einsatz gesichert. Der Rentier ist sichtlich erleichtert: "Danke, mein Sohn, Danke."
Eigentlich - das sei hier angemerkt, kurz bevor ein infernalisches Gebollere einsetzt und die Maschinen zum Start rollen - eigentlich ist Abatantuono ebenso wie sein Freund und Kollege Maurizio Margiacchi für die Rolle des Benzinschlauchwechslers irgendwie überqualifiziert: Im wirklichen Leben zwischen Montag und Freitag sind die beiden Ducati-Mechaniker in ihrer Arbeitsgruppe mit der Entwicklung der heiß erwarteten Hypermotard beschäftigt. Was sie im Detail derzeit tun, wie die Dinge im Allerheiligsten in der Via Ducati derzeit stehen - darüber wollen beide allerdings lieber nicht reden: "Sorry, Sorry..."
Über die Motogiro hingegen gerne: ""Einsatz hier ist echte Ehrensache", brüllt Maurizio, weil hinter ihm einige der alten Herren langsam unruhig werden und nervös mit der Gashand zucken. "Ist bisschen wie jährliches Familientreffen."
In der Tat ist der Gang durch das Fahrerlager wie eine Schnelldurchlauf durch die Firmengeschichte der italienischen Motorradindustrie im Allgemeinen und der Roten aus Bologna im Speziellen: Alte Gileras, Moto Guzzis, Mv Agustas, Exoten wie die Motobi und Aero Caproni, Mondials und Aermacchis in der Klasse bis 175 cc und Baujahr vor 1957 werden kurz vor dem Schaulaufen noch kurz gewienert und auf ordentliche Betriebstemperatur gebracht.
Sie stehen neben den Youngtimern der Taglioni Memorial Class - Maschinen über 250 cc, gebaut zwischen 1968 und 1978 - auch hier echte Meilensteine der Motorradgeschichte: alte Laverdas, Matchless, Norton, Moto Morini und eben Ducatis wie die Darmah und die legendären Scrambler.
Und dazwischen: die lebenden Legenden am Fachsimpeln. Startnummer 23 lacht mit der 41 und wird von 51 fotografiert - es handelt sich um Remo Venturi (Sieger im letzten Rennen 1957, bevor die Motogiro 2001 neu aufgelegt wurde), Guiliano Maoggi (letzter Ducati-Sieger 1956) und Vicki Smith aus Florida, die 2001 als erste teilnehmende Frau am Lenker Motogiro-Geschichte schrieb.
Jetzt gehts los; die erste von fünf Tagesetappen wird freigegeben. Jetzt jubeln die alten Motoren. Die beleibten Carabinieri auf den BMW-Dickschiffen lassen das Blaulicht rotieren und räumen den Weg mit Grandezza frei: Die Motogiro 2006 ist unterwegs. Raus aus Rimini, hoch nach San Marino und rein in die Hügel der Marken - ideales Motorradrevier. Und die Veteranen lassen den Gummi glühen: Auf Profilen so breit wie eine Kinderfaust heizen sie durch die Gassen von Montecalvo, Urbino und Aqualagna. Von dort geht es weiter über Cagli und Belvedere wieder runter an die Adriaküste zum Tagesziel Ancona.
Stau im Feierabendverkehr, einmal die Orientierung verloren, aber rundum gute Laune: 235 Kilometer - ein Traumtag auf Rädern und bis jetzt nur zwei totale Ausfälle auf der Starterliste. Wars das für die Beiden? Abwarten. Gianluca hat so seine Pläne für den Abend - und sicher noch was parat in seiner Spezialkiste: "Mal schauen, was wir heute noch hinkriegen und wie es die nächsten Tage weitergeht."© Jochen Vorfelder
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