Remo ist schnell. Ziemlich schnell sogar. Muß er auch sein: Hinter ihm hängt Alexander Clahsen aus Mönchengladbach und der macht mächtig Druck. Doch Remo Venturi zeigt keine Nerven: Er geigt durch die Serpentinen, daß es eine reine Freunde ist. Bremst die Spitzkehren steil an und knüppelt die Gänge rein. Venturis knallrote MV Agusta stöhnt, knallt und stößt weißen Rauch aus. Nein, das ist nicht die Papstwahl, sondern ein knüppelhartes Motorradrennen: Es geht um den Sieg. Seit zwei Stunden sind wir hier auf der dritten Etappe der Motogiro 2006. Der heutige Rundkurs führt über 281 Kilometer von Ascoli Piceno am Rande der Abruzzen durch den Nationalpark Gran Sasso.
Und die Etappe hatte manche Überraschung für die Fahrer und Fahrerinnen parat: unübersichtliche Landstraßen mit haarigen Schüttelpassagen, die fast nur aus Schlaglöchern bestehen, Haarnadelkurven, die die Oldtimer - und ihre Piloteure - an den Rande ihrer Fähigkeiten treiben, und natürlich Steigungen satt: Eben haben wir einen Pass auf knapp 1700 Meter passiert und - man mag es nicht glauben - im Mai ein Schneefeld gestreift. Ja, ist das denn überhaupt die Motogiro? Oder etwa die Centopassi?
Etappe drei, soviel ist jetzt schon kurz nach der Halbzeit klar, ist nach den eher beschaulichen ersten beiden Tagen ("Das ist doch hier echt ne Kaffeefahrt," hat mir Einer gestern abend beim Abendessen zugeraunt) eine echte Herausforderung an Mensch und Maschine. Heute ist der Tag, an dem der Sauerstoff knapp wird, die Einzylinder nach Luft schnappen; der Tag, an dem die alten Maschinen alles geben müssen. Heute ist der Tag, an dem sich in Sachen Endklassement die Spreu vom Weizen trennt: Die Ankunftszeiten, die der Veranstalter vorgegeben hat, werden einige nicht einhalten können.
Viele Teilnehmer aus den USA daddeln den Rest des Jahres mit fetten Cruisern über Floridas Highways und haben ihre Motogiro-Maschinen permanent in Italien geparkt. Sie sind die Abruzzen-Verhältnisse schlichtweg nicht gewohnt. Unter den Engländer hingegen, die zahlenmäßig ebenfalls stark vertreten sind, entwickeln viele echte missionarische Züge - selbst der Schwächste darf sich bei ihnen noch einreihen. Und wie das halt bei den Briten so ist: Wenn man mal seinen Platz in der Schlange hat, wird nicht nach vorne gedrängelt...
Egal. Die kleine Startergruppe, mit der ich heute unterwegs bin, kann das enge Zeitbudget nicht schrecken: Der Holländer mit der Startnummer 16, der vorne unerbittlich die Pace macht, ist seit 2001 jedes Mal am Start und wird auch dieses Jahr wieder als Geheimtipp auf den Gesamtsieg gehandelt. Hinter vorgehaltener Hand wird aber sofort angemerkt: "Gewinnen tut aber nur ein Italiener...". Egal, Speed kann man ja trotzdem machen.Alexander Clahsen auf seiner 175er Gilera ist im Vergleich zu ihm ein echter Frischling, weil das erste Mal in Italien am Start, aber er kann viel Supermoto-Erfahrung in die Waagschale werfen.
Und Venturi? Auch um den muß man sich keine Sorgen machen. Mit seinen 80 Jahren ist er zwar der älteste Fahrer im Klassement der Vintage Class, doch er reitet die Strapazen stoisch auf der linken Backe ab. Klar, die Augen machen nicht mehr so richtig mit, drum trägt er seit letztem Jahr eine Brille. Aber sein MV Agusta ist "taufrisch" wie er selbst, betont er, und sie ist definitiv ein Siegerfahrzeug: "Seit wir 1957 zusammen gewonnen haben, wurde sie immer gut gepflegt."
Nach fünf Stunden und zwei Stopps - mit Pinkelpause, Schnittchen und dem obligatorischen Schlückchen Rotwein für Venturi - kommt Ascoli Piceno wieder in Sicht. Siebzehn Uhr, Berufsverkehr, doch die Motogiro-Karawane schlängelt sich mit voller Billigung der in Kohortenstärke angetretenen Carabinieri an den stauenden PKWs vorbei. Brillen ab, ein Schluck Wasser: Zum Abschluß findet auf der Piazza Arringo im historischen Zentrum die letzte Sonderprüfung statt. Und diesmal heißt es langsam fahren: Ein Slalom von rund dreißig Metern Länge muß in exakt 12 Sekunden gemeistert werde; jede Sekunde mehr oder weniger wird mit Strafpunkten belegt. Clahsen, Venturi und der fliegende Holländer - alle drei Fahrer bugsieren ihre Maschinen auf die Sekunde genau durch die Lichtschranke.
Heute war ein totes Rennen, doch noch sind zwei Etappen zu fahren. Die Konkurrenz - immerhin sind nach drei Tagen von den 112 Startern noch über 90 dabei - ist groß. Wer darf am Samstag abend beim Abschlußbankett zum Hauptgewinn, einer "Motogiro"-Edition der Sportclassic 1000, auf die Bühne?
© Jochen Vorfelder
Zu den Fotos:
Erstes Bild - Bergrennen: Die dritte Etappe 2006 führte über 281 Kilometer von Ascoli Piceno aus durch den Nationalpark Gran Sasso in den Abruzzen.
Zweites Bild - Legenden unterwegs: Alexander Clahsen (li.) neben Remo Venturi (Nr.23). Venturi hat die Motogiro 1957 gewonnen. Und im April dieses Jahres hat er seinen achzigsten Geburtstag gefeiert.
Drittes Bild - Ortsdurchfahrt: In Isola del Gran Sasso. Die kritische Zuschauerin (re.) ist wahrscheinlich jünger als der Fahrer auf seiner 175er Morini.
Lieber Hero, Gott auf der Königswelle, da wird ja geknüppelt bis der Arzt kommt. Doch was mir fehlt, ist die Platzierung, wie hälst Du Dich hinter den rasenden Rentnern? Und wann kommt das Einzelzeitfahren? Deutsche mit leichtem Bauchansatz sollen im Moment in Italien extrem gut rollen.
AntwortenLöschenImmer schön in Bewegung bleiben.
Dein technischer Begleiter