
Zwischen der Republik San Marino, die wie eine Puppenstube auf dem Monte Titano thront, und dem vom Renaissance-Geist durchwehten Urbino führen verwinkelte, verwaiste Landstraßen durch Weinberge und Olivenhaine: das ideale Revier für die schlanke, sportliche GT 1000, auf die aber locker zwei Personen und leichtes Gepäck passen.
Weiter im Süden, nach der Fahrt über Pergola und Fabriano, sitzen wir auf der historischen Piazza von Camerino und lassen die ersten Eindrücke Revue passieren: ein klassischer Tourer - für schaltfaule Fahrer, die entspannt durch die Landschaft rollen wollen, gibt es ab 3000 Umdrehungen genügend Power aus dem Keller. Doch auch wer stramm durch die Kurven ziehen will, wird gut bedient. Die GT 1000 hängt zwar nicht am Gashahn wie eine knackige Supermoto, hat aber genügend Punch und ist dabei erstaunlich spurstabil.
Wie auf Schienen zieht die Maschine durch die Kurven; die Michelin-Bereifung lässt sich auch in engsten Kehren mühelos einlenken. Auf Bodenwellen und Schlaglöcher reagiert das Fahrwerk mit Marzocchi-Gabel und Sachs-Dämpfer gelassen; klaglos steckt es auch kleinere Fahrfehler weg. Erst bei extrem forscher Fahrt und voller Schräglage stößt das Fahrwerk, das von einer stramm zupackenden Doppelscheiben-Bremsanlage am Vorderrad unterstützt wird, an seine Grenzen.
Die Gutmütigkeit der GT 1000 liegt darin begründet, dass die Entwickler in Bolognas Vorort Borgo Panigale auf erprobten Ingredenzien zurückgreifen konnten und sie optimal aufeinander abgestimmt haben. Der Gitterrohrrahmen dient Ducatis - im doppelten Sinne - seit Jahrzehnten als tragendes Element; der luftgekühlte Motor mit 992 ccm und 92 PS ist schon ein paar Jahre alt, aber ausgereift und der rundeste Ducati-Zweizylinder mit der traditionell desmodromischen Ventilsteuerung. Er beschleunigt die GT auf über 200 km/h. Aber will man das überhaupt? Bei einem Motorrad, das im kurvigen Hinterland bei Tempo 70 bis 130 seine Stärken hat?
Nach einer Übernachtung in Ascoli Piceno im Hotel Casale steht am Sonntag der Nationalpark Gran Sasso im Herz der Abruzzen auf dem Programm. Die Anfahrt auf fast 2000 Meter Höhe ist im Spätherbst ein Vabanque-Spiel: Wenn es sich hier zuzieht (was es öfter tut), decken Kälte und Nebel die Region schneller ein, als man den Regenkombi aus dem Tankrucksack gezerrt hat.
Dieses Jahr haben wir Glück; strahlender Sonnenschein auch noch, als wir in Isola del Gran Sasso Stopp machen und gepflegt einkehren. Binnen kurzer Zeit sind wir dort die Attraktion: Die Sachverständigen auf der Rentner-Bank haben sofort erkannt, dass Ducati mit der GT 1000 eine Replika des hauseigenen Klassikers GT 750 auf die Markt gebracht hat.

Als die 750er im Jahr 1971 vorgestellt wurde, war die Neuentwicklung aus der Feder des Konstrukteurs Fabio Taglioni eine echte Sensation. Schnittig, attraktiv und stark; so stark, daß der Engländer Paul Smart ein Jahr später quasi aus dem Stand heraus damit das prestigeträchtige Langstreckenrennen von Imola gewinnen konnte.
Mit der GT 1000 als dritte Tochter der SportClassic-Familie (nach dem ultrasportlichen Einsitzer Sport 1000 und dem Cafe-Racer 1000 S) ist Ducati eine tiefe Verbeugung vor der eigenen Geschichte und ein beeindruckender Wurf gelungen. Im Vergleich zum Original funktioniert an der neuen GT einfach alles einfacher und leicht: Die Kupplung im Ölbad ist leichtgängig, das 6-Gang-Getriebe präzise zu schalten. Die Elektrik inklusive Schalter ist absolut funktional und macht wie die verchromten Instrumente (leider mit Plastikkern) einen grundsoliden Eindruck. Die Sitzposition ist für Piloteure bis etwa 190 cm und Sozia absolut entspannt; insgesamt vermittelt die GT 1000 ein Gefühl von ungetrübter Sorglosigkeit – Steig auf, lass es laufen, den Rest macht die Maschine. Das dumpfe Gefühl bei den alten Ducatis – nämlich in Wahrheit einen Amboss durch die Gegend zu schieben - ist längst passé.
Aber ist die GT 1000 deshalb ein fehlerfreies Fahrzeug? Mitnichten. Ein rundum alltagstaugliches Produkt zwar – und damit eine gewisse Novität für Kreationen aus Bologna. Aber wie alle Motorräder, die in der Via Cavalieri Ducati aus der Fabrikhalle rollen, ist die GT 1000 lediglich die Basis für intensive Heimarbeit und Edelschrauber. Kaum ein Ducatista lässt seine Diva di Bologna unverändert.
Auch bei der GT 1000, die in Ducati-Rot, Grau und elegantem Creme/schwarz für 10.250 Euro zu haben ist, fallen spätesten nach den ersten Fahrkilometern einige schludrige Details auf, die man sofort beheben möchte. Über Schuhgröße 43 passt kein Fahrer mehr richtig in die Fuß-Pedalerie; der Schalthebel ist schlichtweg zu kurz. Nicht lang genug ist auch die ansonsten extrem bequeme Sitzbank; sie könnte für den Soziusbetrieb gut zehn Zentimeter mehr vertragen.
Größtes Manko der GT 1000 sind die Vibrationen am Lenkerende: Während der Motor in Sachen nutzbares Drehzahlband und Durchzug alles richtig macht, quält er den Fahrer mit kräftigen Vibrationen und nach spätesten 150 Kilometern mit einem tauben Daumen und Zeigefinger an der Gashand. Hier helfen womöglich weichere Griffhülsen oder die Lagerung des Lenkers in Gummidämpfern – was bei der Multistrada, die dieses Problem auch kennt, ab dem Baujahr 2007 schon im Werk geschieht. Weitere sinnvolle Investitionen für sportliches Cruisen wären eine Touring-Scheibe, eine Tankschutzhaube samt kleinem Rucksack und die eleganten schwarzen Lederpacktaschen aus dem Zubehörkatalog für den amerikanischen Markt.
Nach einer weiteren Nacht in Ascolo Piceno sowie Abstechern durch die endlose Hügellandschaft bei Jesi kommen wir nach drei Tagen zurück nach Rimini: Montagabend, der Zug zurück nach München ruft. Schade eigentlich - sowohl wegen der genialen Strecken, die die Marken und der Abruzzenrand noch zu bieten hätten, als auch wegen der GT 1000.

Ein gutes Stück, ein Motorrad mit viel individuellem Stil, ein charmanter Kontrapunkt gegen die Uniformität der japanischen Supersportler und amerikanischen Chromchopper.
Very trendy und cool genug für junge Designer und Medienschaffende... Doch richtig lieben werden die GT 1000 die Wiedereinsteiger nach der Babypause und die ergrauten Veteranen der Toskana-Fraktion.
Für die ist diese Retro-Ducati die richtige Maschine, um bei gemütlicher Fahrt durch die Weinberge in Erinnerungen an die wilden 70er Jahre zu schwelgen.
(c) Jochen Vorfelder