Wenn nach langer Nacht in Kuta und Legian die Hähne im Morgennebel krähen, treffen sich die Nachtschwärmer im Santa Fe. Die Pizzeria, versteckt in einer Seitenstraße, ist mehr eine offene Veranda als ein respektables Restaurant, hat aber 24 Stunden geöffnet. Sie ist kurz nach sechs Uhr morgens die letzte Zuflucht vor der Realität: Denn während zur Pizza der Champagner – knapp 40 Euro die Flasche – geordert wird, erwacht die Straße zum wirklichen Leben.
Dreißig Kinder traben vorbei; allesamt barfuß und im weißen Kampfanzug. Sie gickeln und lachen und necken sich, einige zuckeln hinterher. Die Silat-Gruppe von Seminyak kommt vom Strand zurück, wo sie ein halbe Stunde Selbstverteidigung geübt hat. Jetzt sind sie auf dem Weg ins Bale Banjar, ins Versammlungshaus der Gemeinde. Aus einer Seitenstraße kommen zwei Suppenhändler mit ihren Rollwagen; in den Kesseln köchelt bereits die Frühstücks-Bouillon.
Gegenüber geht der Rolladen hoch, ein Krimskrams-Laden. Ein Mann tritt auf die Straße, an der Hand ein kleiner Junge, wohl sein Sohn. Beide sind noch im Sarong, gerade eben erst erwacht. Der Vater nimmt den Jungen auf den Schoß. Eine Frauenstimme aus dem Laden, der Junge ruft etwas zurück; der Mann streicht ihm liebevoll über die Wange. Eine Frau, vermutlich die Großmutter, tritt auf den Vorplatz und kippt den Abfall neben den Laden. Minuten später kokelt der Müll.
Auch im Santa Fe ist eine alte Balinesin aufgetaucht. Unbemerkt verteilt sie frische Bambusblatt-Schalen mit Blumen, Fruchtstückchen und Reiskuchen. Die morgendliche Opfergabe – der Geruch der Räucherstäbchen zieht wie eine reinigende Wolke über die Veranda. Die Türschwelle, über die eben noch hungrige Nachzügler gestolpert sind, wird mit ein paar Tropfen Wasser besprengt.
Mit der zeremoniellen Säuberung sind alle Sünden der Nacht weggewaschen. Wie gut. Mit einem Seufzer fällt einer der Nightlifer auf seiner Bank in einen unruhigen Schlaf.
(c) Jochen Vorfelder
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