„Das hier ist Kuta. Oder Wahnsinn. Was auch immer. Aber auf keinen Fall das richtige Bali!“ Sagt die Sängerin Ayu, die seit Jahren auf der heißesten Disco-Meile der Insel arbeitet. Kuta-Fans läßt das vollkommen kalt, denn sie wollen nur eins: Party feiern, und zwar rund um die Uhr.
Samstags morgens früh um vier, da brodelt die Tanzfläche im Warung Tapas. In dieser Disco ist nichts unmöglich: Australier in Shorts und Gummi-Slippers vergnügen sich neben italienischen Gigolos und distinguierten Engländerinnen. Dazwischen tummeln sich kompakte Balinesen aus dem Muskelstudio, schrill gestylte kalifornische Transvestiten und Bottroper Raver mit Pupillen in Größe XXL – ein wilder Mob. Der Sprit fließt in Strömen: Bier, Reisschnaps und Champagner – bis zum bitteren Ende.
Vor der Bar hipt und hopt Chantal, eine junge Tänzerin aus Paris. Sie ist unterwegs mit Freundin Roma, einer singapurianischen Schönheit in Tigerhose. Chantal schlenkert so vehement mit Kopf und Modelmähne, daß man den Verlust ihres Bewußtseins befürchten muß. Doch scheint dies exakt der Sinn ihrer schweißtreibenden Übung zu sein; unterstützt durch diverse Drogen, geht es hier nicht um Bewußtsein, sondern um Gefühle. „Spür die Vibrations! Sie sind in der Luft!“ kreischt Chantal völlig entrückt gegen 120 Dezibel Funkrock an, die die Gruppe „Tropical Transit“ vorn auf der Bühne erzeugt. „Das ist Bali! Das ist Wahnsinn, Wahnsinn!“
Warum sich Kutas Party-Szene ausgerechnet bei ihm wie die Lemminge ins Vergnügen stürzt, interessiert Wawan, den Kneipier, schon lange nicht mehr. Er hat in fast zwei Jahrzehnten zu viele kommen, tanzen und wieder gehen sehen. „Weil wir der einzige Tapas-Laden weltweit sind, der keine Tapas verkauft“, lacht der Javaner, der außer der Disco und einem Lederladen noch andere Geschäfte betreibt, über die er aber weniger gern redet.
Auch an Ambiente hat das Tapas nichts zu bieten, was seinen Erfolg erklären könnte. Ein Flachbau mit Strohdach und löchrigen Außenwänden, Resopal-Verkleidung an der Decke, eine Handvoll Glühbirnen, zwei oder drei Spiegel, ein paar Hocker – jeder Partykeller in den sechziger Jahren hatte mehr Stil.
Ayu Laksmi, die balinesische Sängerin von Tropical Transit, tut schon jahrelang Dienst auf der lokalen Disco-Strecke. Auch sie kann nicht erklären, warum dieser Fleck Erde zu Südostasiens heißester Partyzone ausgerufen wurde. Welchen geheimen Kräften folgend, tobt die Gemeinde durch Kuta und Umgebung, arbeitet das Double Six, das Goa 2001, das Café Luna, den Sari Club, das Bounty, das Taj Mahal und all die anderen Etablissements ab? Der Drang nach Erholung kann es wahrlich nicht sein.
„Keine Ahnung“ – Ayu hat sich auf der Bühne völlig verausgabt, in Schweiß gebadet zieht sie an ihrer Nelkenzigarette und verbreitet einen herrlichen Duft. Sie meint: „Das hier ist nicht das richtige Bali. Das hier ist Kuta. Oder Wahnsinn. Was immer auch. Aber nicht das echte Bali.“ Doch wo liegt das eigentlich?
(c) Jochen Vorfelder
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