23 Oktober 2007

Kimberley 2: Waltzing Mathilda aus dem Autoradio

Einige der losen Etappenziele haben wir bereits hinter uns gelassen: Nach einem kurzen Abstecher zum Kakadu National Park sind wir zügig über Katherine, wo den einsame Victoria Highway nach Westen beginnt, und das gottverlassene Timber Creek nach Kununurra gefahren.

Am Tag danach hatte das Offroad-Abenteuer im Kimberley begonnen: Die Region ist ein Eldorado für Reisende, die wie wir Orte der Entschleunigung und der Abgeschiedenheit suchen. Hundert bis zweihundert Kilometer im Sattel sind uns auf den Schotten- und Staubpisten genug pro Fahrtag. Und alle in unserer Gruppe wollen lieber draußen im Outback bleiben, als sich in den quirligen Städtchen wie Kununurra oder Broome zu vergnügen. Broome mit seiner historischen Altstadt hat sich in den letzten Jahren gar zu einem Backpacker- und Surfer-Mekka mit einer schicken Restaurant-Szene entwickelt. Dort kann man durchaus eine zweite Übernachtung einlegen und hippes Nightlife genießen.

Auch an der Windjana Gorge lassen wir es langsam angehen. Hardy hantiert an seinen Kochplatten mit den Küchenutensilien, während Wally vergnügt unseren Tour-Klassiker „Waltzing Mathilda“ mitpfeift und die Kartoffeln schält. Wally liebt Kartoffeln. Täglich. Andreas, kurz im Busch verschwunden, kommt mit Feuerholz im Schlepptau zurück und bereitet den Grill für die Steaks vor. Andreas liebt Steaks. Auch gerne täglich. Ich habe mein Zelt aufgebaut und hieve noch zwei Sprit-Kanister vom Dachgepäckträger, um die Tanks unserer Yamahas nachzufüllen. Die Handgriffe und die Rollen sind nach fast zwei Wochen on the Road gut verteilt.

Obwohl wir uns allesamt in Darwin bei der Abfahrt das erste Mal getroffen haben, vertragen wir uns prächtig. Dazu trägt nicht zuletzt das Fortbewegungsmittel Motorrad bei. Auch grundverschiedene Charaktere kommen gut miteinander aus, wenn tagsüber der Abstand mehrere hundert Meter beträgt. Jeder kann seinen eigenen Gedanken nachhängen, und keiner ist gezwungen, den anderen in einer stickigen Fahrerkabine ertragen zu müssen.

Die Einsamkeit und Ruhe im Kimberley hat nicht nur uns angezogen, sondern auch andere Urlauber, die in Australiens Weiten nach den abgelegensten Winkel suchen. Auf dem Campingplatz, den die Windjana-Ranger unterhalten, hat sich ein buntes Völkchen versammelt. Ein deutsches Pärchen mit einem gemieteten 4x4-Camper, bleich vom europäischen Winter und sichtlich noch nicht lange unterwegs, kämpft mit einer Spraydose gegen die Moskitos in ihrem Kokon. Eine australische Familie, auf Reisen mit drei strohblonden Sprösslingen wie Orgelpfeifen, hat neben dem riesigen Wohnmobil den Gasgrill angeworfen. Ein bärtiger Einzelgänger, Marke „Crocodile Dundee“, in einem uralten Landcruiser beschallt mit dem Autoradio den Platz und kramt auf der offenen Pritsche. Das Kimberley, vor wenigen Jahren noch als Geheimtipp gehandelt und immer noch weit ab der gängigen touristischen Trampelpfade, lockt zunehmend mehr Reisende an.

Die meisten kommen über die Gibb River Road. Die grobe Offroad-Piste ist die spannende Alternative zu dem auf ganzer Länge asphaltierten Great Northern Highway weit im Süden, und die einzige Straße, die durchs nördliche Kernland des Kimberleys führt. Die Traverse erschließt zwischen Kununurra und Derby ein Dutzend Rinderfarmen, deren Weiden sich mit den Flächen Belgiens oder der Niederlande durchaus messen können. Von der Gibb River Road führen eine Handvoll Stichstraßen zu einer überschaubaren Zahl von Aborigine-Siedlungen. Das war's.

Das Kimberley ist selbst für australische Verhältnisse „very remote“ und faktisch erst kürzlich erschlossen. Erst ab 1878 kamen die ersten Rinderzüchter wie die Duracks, McDonalds oder Bradshaws mit ihren Herden aus New South Wales oder Queensland und nahmen die Einöden in Besitz, in denen zuvor Aborigine-Ureinwohner gesiedelt hatten. Manche vitale Landverbindung wie etwa die Trasse zur ältesten Missionsstation vor Ort und heutigen Aborigine-Gemeinde Kalumburu wurden erst vor 50 Jahren vermessen.

Kein Wunder also, dass auf einer Fläche, die um ein Viertel größer als die Bundesrepublik ist, inklusive der Stadtbewohner von Derby, Kununurra und Broome gerade einmal 35.000 Menschen siedeln. In manchen Ecken des Kimberley trifft man tagelang auf kein entgegenkommendes Fahrzeug.

Eine Übersicht über die Tour bei Google Maps mit weiteren Infos

(c) Jochen Vorfelder

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