28 Dezember 2010

Tina Meier - Das Dirtgirl von der Steuerprüfung bei der Dakar 2011

Die Dakar 2011 ist eine Rallye der Rekorde. Das härteste und gefährlichste Offroad-Rennen meldet die meisten Teilnehmer seit der ersten Wüsten-Tour 1978. Am Start ist auch die Hamburger Motorrad-Pilotin Tina Meier. Wenn sie nicht auf dem Bock sitzt, arbeitet sie im Finanzamt.

Foto: (c) Maindru

Die Rallye Dakar ist die Königsklasse, die Eiger-Nordwand der Offroad-Fahrer. Und sie ist eine mörderische Tortur: Die Dakar 2011 führt ab 1. Januar zwei Wochen quer durch Argentinien und Chile. Die Rennpiloten mit ihren aufgemotzten Pkw, Trucks, Quads und Motorrädern lieben den über 9000 Kilometer langen Rundkurs von Buenos Aires bis zur Pazifik-Küste und zurück mit nahezu religiöser Inbrunst. Doch der Preis, den sie für die Kasteiung zahlen, ist hoch: Seit der inzwischen selbst tödlich verunglückte Franzose Thierry Sabine die Dakar 1978 in Afrika aus der Taufe hob, starben 59 Teilnehmer und Zuschauer an und auf der Strecke.

Doch die Faszination für Racer und Schaulustige ist ungebrochen. Unter den 430 Teilnehmern, die sich im Rekordjahr 2011 gemeldet haben, sind 146 Auto-Starter, 68 Trucks, 33 Quad- und 183 Motorradfahrer. Unter den Bikern sind sechs Frauen - eine davon ist die Hamburgerin Tina "Dirtgirl" Meier. Sie startet zum dritten Mal in Folge bei der Dakar - ein vergleichsweise sonderbarer Zeitvertreib für eine Finanzbeamtin aus dem Stadtteil Bergedorf. Sie prüft im Alltag Bilanzen und hat erst spät ihren Führerschein gemacht.

"Mit 22 Jahren hatte ich einen Freund, der eine Geländemaschine und eine Harley hatte - er fuhr mit der Harley, und ich habe mir die Yamaha XT500 gegriffen. Erst das war der Grund, weshalb ich den Führerschein gemacht habe. Aber irgendwie muss das bei den Frauen in unserer Familie genetisch angelegt sein. Meine Schwester fährt auch Offroad, und unsere Urgroßoma Hertha ist um 1930 schon auf einer BMW durch die Gegend gerast."

Die Dakar - die einst Paris-Dakar hieß - ist aus Afrika weggezogen, nachdem das Rennen 2008 wegen Terrorwarnungen kurz vor dem Start abgesagt worden war. 2011 wird zum dritten Mal in Südamerika gefahren; durch die Pampa, über Andenpässe bis auf Höhen von 4700 Metern und durch die chilenische Atacama, die trockenste Wüste der Welt. Für die Fahrer haben sich die geografischen Gegebenheiten verändert, aber nicht die Herausforderungen - der große Sport und die Suche nach Sponsorengeldern. Ohne Geldgeber geht bei der Dakar nichts.

"Du kannst die Dakar natürlich alleine machen. Selber fahren, dein Motorrad in der Nacht im Camp warten, die News-Updates selbst schreiben. Dann lebst du praktisch aus einer Alu-Kiste, die von den Dakar-Organisatoren für dich transportiert wird. Unter uns Motorradfahrern gibt es davon vielleicht 30 oder 40, aber das macht dich total fertig. Da fährt man quasi nur, um irgendwie anzukommen. Das kann ich nicht. Ich möchte einen Mechaniker haben, ich möchte so viel schlafen wie möglich, und ich habe natürlich meinen sportlichen Ehrgeiz."

Meier hat ein konkurrenzfähiges Motorrad, eine Sherco mit 450 Kubik und knapp 50 PS. Ihr Team besteht aus einem Mechaniker, einer persönlichen Assistentin, die an der regelmäßigen Medien- und Pressearbeit feilt und einem eigenen Physiotherapeuten. Meier hat vom Organisationskomitee das Dakar-Medienpaket gebucht, mit täglichen Fotos, Videosequenzen und Updates. Ihre Blog-Einträge diktiert sie nur noch. So kommt sie auch nach den 700-Kilometer-Tagesetappen, bei denen sie bis zu 13 Stunden im Sattel sitzt, zu ausreichend Schlaf: vier bis sechs Stunden.

"Eine Teilnahme auf meinem Niveau kostet unterm Strich zwischen 60.000 und 80.000 Euro. Die muss ich in den restlichen elf Monaten im Jahr erwirtschaften, über Sponsoren, über Kurse, die ich veranstalte, als Tourguide, Referentin und Selbstvermarkterin. Der 60-Prozent-Job im Finanzamt, das ist nur das nötige Grundrauschen."

Rasende Litfaßsäulen sind alle Teilnehmer, doch nur die Spitzenfahrer erhalten ein Gehalt dafür, dass sie gewinnen. Meier ist dafür viel zu spät zum Dakar-Tross gestoßen - quasi als eigene Seniorinnenklasse, 2008 mit 35 Jahren. Einem Alter, in dem die meisten Fahrer nach einem Dutzend Rennen schon wieder aussteigen. An ihrem Ehrgeiz ändert das nichts: Letztes Jahr wurde sie Dritte in der Frauenwertung, diesmal will sie wieder ankommen und noch schneller sein.

"Ich werde oft gefragt, warum ich mir die Tortur antue. Aber dieser Blickwinkel ist völlig falsch. Das ganze Jahr daran zu arbeiten, überhaupt an den Start zu kommen, das ist der Stress. In Buenos Aires Gas zu geben und die Strecke mit dem Motorrad zu fahren, das ist die Belohnung. Ich genieße jeden Kilometer."

9500 Kilometer will Tina Meier schaffen, dafür hat sie sich minutiös vorbereitet. Im Training hat sie endlose Kilometer auf dem Fahrrad abgespult, regelmäßige Geländeläufe hinter sich gebracht. Und natürlich ihr mentales Programm absolviert - beim Tango. Sie sagt, dass der Tanz ihr ideales Koordinationstraining sei; der Abschaltmodus, um ihre Batterien zu laden.

"Der Tango ist eine Spätfolge meiner ersten Dakar 2009. Da gab es vor der Rallye in Buenos Aires eine Tanzveranstaltung, da bin ich natürlich hin, und einer der Meister hat mich auf die Tanzfläche gezerrt. Faszinierend von der ersten Sekunde an. Seither bin ich eben nicht nur im Gelände, sondern auch in den Tangotempeln zu finden."

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23 Dezember 2010

Lesestunde: Raus aus dem Schneetreiben, rein in die WATERWORLD PHUKET

Habe zum Abschluß des Jahres auf einer alten Harddisk gestöbert und einen länglichen, aber passenden Text für eine Lesestunde an den Feiertagen und zum Wegträumen aus der aktuellen Wetterlage gefunden.

Also: statt Schneetreiben Badespaß. Summary unterm Strich: Wer an Thailands Westküste an Land bleibt und trocken Urlaub macht, dem ist nicht zu helfen.

In Hong Yai Bay.

Es ist feuchtwarm, dunkel und tropft von der Decke. Moder zieht streng in die Nase. Fledermäuse pfeifen und flattern aufgeregt durch die Höhle. Mein linker Ellbogen schrammt an einer Kante mit messerscharfen Austern vorbei. Vor mir folgt Jarearn mit seinem Kanu elegant der Röhre, die durch den Berg mäandert. Ich stochere mit dem Paddel ungeschickt hinterher. Rechts schrapp, links schrapp; das Plastik ratscht den Fels entlang. Dann spuckt die gurgelnde Tidenströmung unsere beiden Boote unvermittelt aus dem Schlund; ruhiges Brackwasser und Sonnenstrahlen nehmen uns in Empfang.

Sechs weitere Boote sollen noch zu uns stoßen; wir warten. Ein stahlblauer Eisvogel schießt vorbei, während hoch oben ein Milan kreist. Unsichtbare Makaken streiten sich lauthals; ein Leguan trollt sich zischend hinter einen Fels. Jetzt ist die ganze Truppe da. Ralf, der Fotograf, kräuselt die Nasenflügel und raunt: „Riechen tut’s wie im Affenhaus der Wilhelma.“ Willkommen in den vergessenen Welten der Hongs.

„Leise müßt ihr sein, wenn wir paddeln. Am besten gar kein Wort, sonst verscheucht ihr alles. Auch die Magie“, hatte Jarearn Chanapon beim ersten Briefing gesagt. Wir waren, sieben zahlende Gäste und acht Thais als Besatzung, mit der Urida 1 zu einer dreitägigen Kanutour durch die Phang-Nga-Bucht aufgebrochen.

Erholung war uns versprochen worden, Abstand von der Hektik Phukets in einer überrragend schönen Landschaft. Gut. Aber Magie, hatten wir das richtig verstanden? „Richtig. Hong heißt auf Thai nur Raum, aber bedeuten tut es mehr“, hatte er in seiner ernsten Art zu erklären versucht, aber keine passenden englischen Worte gefunden. Erst als wir die Insel Koh Phanak erreicht und die erste dieser verborgenen Lagunen betreten hatten, war uns aufgegangen, was unser Tourleiter gemeint haben mochte.

Seitdem bewegen wir uns so andächtig wie beim Gang durch eine gothische Kathedrale. Auch in Hong Yai sind die Eindrücke überwältigend. Die Grotte, die das offene Wasser der Phang Nga Bay mit dem Inselinnern verbindet, ist zunächst eng wie ein Kamin, aber mündet in einen gewaltigen Hof. Eine natürliche Festung; Kalksteinwände und Karstkegel ragen wie mittelalterliche Burganlagen senkrecht in den Himmel. Aus jeder Spalte wuchert Regenwald en Miniature. Von den Galerien, die der Wechsel von Ebbe und Flut aus dem Kalkstein gewaschen hat, hängen Farne und Ranken, baumeln Lianen; Orchideen haben sich eingenistet. Auf den hohen Zinnen klammert sich Krüppelgewächs fest. Das Gestein altert, verwittert und schwitzt Metalle rostig aus. Aus der Distanz wirken die mächtigen Flanken wie Aquarelle; hingehauchte grüne Tupfer auf weiß, schwarz und rötlich schraffiertem Hintergrund. Farben huschen auch durch die Luft, Schmetterlinge führen und begleiten uns. Wenige Paddelschläge weiter öffnet sich der enge Raum und wir gleiten in ein weites Mangroven-Labyrinth.

„Früher wußten nur Seeräuber und Fischer, wie man hier reinkommt. Erst vor zwanzig Jahren wurden die Hongs für Touristen entdeckt“, erzählt Jarearn, als wir wieder an Bord der Urida 1 sind und gemächlich durch die Inselwelt tuckern. Jaruek Seekaew, die Köchin, und ihre Helfer haben wieder gezaubert und den Lunch auf dem Oberdeck aufgefahren: Suppe, gebratenen Fisch, mehrere süß-saure und scharfe Gänge, alles lecker, lecker, lecker.

Ein letzter Aspekt - die Sicherheit - ist nicht zu unterschätzen: Als vor 75 Millionen Jahren die Urkontinente kollidierten, wurden im heutigen Südthailand Bruchplatten tief aus dem Erdinnern an die Oberfläche geschoben. Angehoben und entblößt wurden dabei auch Teile eines gigantischen Korallenriffs, das sich von Malaysia bis Nordvietnam erstreckt hatte. Eiszeiten und die Schwankungen des Meeresspiegels haben seitdem am Stein genagt. Doch vor allem Regen, Strömung und Gezeiten haben aus den Massiven den weicheren Kalkstein ausgewaschen, Hohlräume geschaffen, Decken zum Einsturz gebracht und in den Inseln die bizarren Hong-Lagunen und Höhlen geschaffen. Manche der Tunnel sind so niedrig, daß sie nur liegend und für wenige Minuten zu befahren sind. Bei etwas zu hohem oder zu niedrigem Wasserstand ist die Verbindung schnell blockiert oder fällt trocken. Wer die Gezeiten nicht kennt oder die Hongs auf eigene Faust erkunden will, läuft Gefahr, gefangen zu werden. Kein Tour-Veranstalter mag es bestätigen, doch es soll schon Tote gegeben haben.

Den Abend verbringen wir nicht auf der Urida 1, sondern an Land. Die Crew hat auf Koh Hong Island Schlafzelte aufgestellt und ist nach dem opulenten Dinner an Bord mit an den Strand gepaddelt: Jarearn, der Chef, und Bay, der Spaßvogel, der mit jedem Kanuten in einer wilden Mischung aus Deutsch und Englisch radebrecht und beim obligatorischen Bad am Abend die tollsten Sprünge vom Oberdeck vollführt. Auch Jaruek ist mitgekommen. Die Köchin hat es sich mit Darrell Fun, einem der Passagiere, am Strand gemütlich gemacht und studiert im Schein der Taschenlampe die Englischvokabeln, die er geduldig in ihren Block malt. Fun, der mit dem akuraten Bürstenschnitt und der Goldrandbrille als junger Banker aus Tokyo durchgehen würde, stammt aus Chicago, Illinois. Er ist auf dem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Kunsan in Südkorea stationiert und für eine Woche nach Phuket geflogen, „um sich etwas Rest & Recreation zu gönnen“.

Ob das heute noch klappt? Das Mondlicht hat sich wie Zuckerwatte über den Strand gelegt. Jaruek streckt ihren Schwanenhals und ordnet mit anmutigen Handbewegungen die langen, seidenen Haare. Sie wirft dem schmachtenden Darrell ein Lächeln zu, das sie mindestens so geheimnisvoll wie unnahbar macht. Darrell seufzt ganz tief; die laue Nacht weckt romantische Gefühle.

Jarearn hat die emotionale Kundenbindung voll im Griff. Während auf vielen anderen Kanu-Booten ein Ausländer das Wort führt, hat keinen „Farang“-Guide an Bord das Sagen. Sowohl der 3-Tages-Trip als auch die Wochentour quer durch die Phang Nga Bay werden alleine von Thais gefahren. Darauf ist Jarearn stolz. Als er vor acht Jahren von der Ostküste nach Phuket kam, konnte er nur ein paar Brocken Englisch und hat als Kellner in einem Restaurant an der Straße gejobbt. Jetzt hat er die volle Verantwortung für ein tolles Team: „Wir sind fast immer die gleiche Crew. Halb Moslems, halb Buddhisten. Außer mir kommen alle hier aus der Gegend, Bay und Jeruek sogar von der gleichen Insel. Da spricht sich vieles ganz schnell rum, was an Bord so läuft und was nicht.“ Ja, Darrell, dumm gelaufen. No Fun heute Abend.

Der letzte Tag der Tour führt uns zurück zu den Hongs, die in Reichweite der Tagesausflügler liegen. Plötzlich ist wieder Betrieb auf dem Wasser; Fischer und Seezigeuner kreuzen unseren Kurs. Touristen sind mit Longboats unterwegs, die Motoren ohne Schalldämpfer knattern und bollern. Vor jeder der Inseln, die wir anfahren, liegen fünf oder sechs Schiffe, von jedem werden ein Dutzend Kanus zu Wasser gelassen. Die UNESCO, die Kulturbehörde der Vereinten Nationen, hat die 160 Inseln zwischen Phuket, Krabi und dem berühmten James-Bond-Felsen Kao Tapoo zum Weltnationalpark erklärt. Ausgerechnet hier jetzt ein Stau; Vorsicht, Gegenverkehr! Statt sechs drängen sechzig Kanus in die enge Spalten. „Das mit dem Nationalpark war gut, aber besser noch hätte man Einbahnstraßen eingerichtet“, bemerkt Jarearn in einem Anflug von Sarkasmus, als der Hafen Ao Po wieder in Sicht kommt. Sein Herz hängt an den Hongs und den Inseln: „Hoffentlich bleibt das hier so ruhig.“

In Patong.

Rund zweieinhalb Millionen Besucher pro Jahr hinterlassen auf einer Insel, die knapp fünfzig mal fünfzehn Kilometer mißt, deutliche Spuren. Im Osten zwischen den Mangrovensümpfen liegen die geschäftige Metropole Phuket Town, die schlammigen Fähr- und Fischereihäfen und die namenlosen Bauernflecken, in denen die grellen Reklametafeln und seltenen Wegweiser allesamt noch in Nudelschrift gehalten sind. Dort sind die Thais weitgehend unter ihresgleichen und die Farangs seltene Fremdkörper.

An der Westküste dagegen, wo sich lange Buchten und feine Sandstrände zur smaragdgrünen Andaman-See hin öffnen, entsteht Urlaubsland pur. Dazu wird der Flughafen ausgebaut und die vierspurige Schnellstraße erweitert. Kurz vor der Brücke zum Festland soll ein siebter Golfplatz in der Nähe der neuen Marina entstehen. Derzeit stagniert der Bauboom zwar, und die ersten Stahlbetonruinen ragen wie Mahnmale empor. Doch mit den wirschaftlichen Schwierigkeiten, die Thailand plagen, wird der Phuket-Urlauber nicht behelligt. Im Gegenteil: Er darf sich über den sensationell billigen Baht freuen und genießen, was sein Touristen-Herz begehrt.

Am Surin, am Karon oder am Kata Beach läßt es sich aufs Vortrefflichste in der Sonne schmoren. Seit die lärmenden Jet-Skis wegen zu hoher Unfallrate verboten sind, geht es wieder ruhig und ganz beschaulich zu. Eisgekühlte Limonade und saftige Ananas - natürlich mundgerecht portioniert - werden angeliefert; das Personal und die Händler am Strand lesen jeden Wunsch von den Lippen ab. Ob Fünf-Sterne-Hotel oder Bambus-Bungalows, Nouvelle Cuisine oder mobiler Suppenstand - der Westen von Phuket wird jedem Geschmack gerecht.

Der ganz schlechte wird in Patong bedient. Dort werden - spätestens, wenn es Nacht wird - auf zwei Quadratkilometern alle Vorurteile bestätigt, die man gegen ausufernden Massentourimus hegen kann. Patong: billige Absteigen, stinkende Tuk-Tuk-Taxis, räudige Hunde, lärmende Lautsprecher, trunkene Freier. Menschenmasse quillt breiig durch enge Gassen und Arkaden, über Flaniermeilen und Gehsteige; Schaulustige und Schnäppchenjäger lassen sich ziellos wie Flaschenpost durch die Märkte, Kaufhallen und Ladenstraßen entlang der Uferpromenade treiben. Heerscharen von Bordstein-Händlern und Billigheimer, die in Ray Ban, Rolex, Calvin Klein oder Adidas machen, verramschen Fälschungen von allem, was einen Markennamen trägt: Kaufen Sie, denn sie sparen!

Wer gestreßt ist vom ewigen Feilschen mit dem Thai, findet in der Fremde gerne ein Stück Heimat und Geborgenheit. Deshalb heißen Kneipen in Patong „Zum Schlawiner“, „Schnitzelwirtin“ oder „Schaustellertreff“. Sie servieren „Sauerbraten wie bei Muttern!“ und schenken Paulaner-Weißbier aus. Solcherlei gestärkt, geht’s auf einen lustigen Abend in die Bars, die Massagesalons und die Puffs. Hat man eins der trostlosen Etablissement gesehen, kennt man sie alle: nackte Haut und saurer Schweiß. Im Fernsehen läuft über Satellit die Bundesliga. Im weiteren Programm folgen Singha-Bier und Mekong-Whiskey, dazu eine kleine, süße Thai-Maus im Schwitzkasten: „Schatzi, I love you so.“

Vor Railay Beach.

Die Genua und das Groß haben wir geborgen; der Wind hat am Nachmittag bereits geschwächelt und ist dann unter Land völlig eingeschlafen. Jetzt läuft der Diesel an Bord der Big A und die siebzehn Meter lange Yacht tastet sich vorsichtig in die Bucht; es gibt einige Untiefen und an Steuerbord ragt eine verschorfte Kalksteinwand fast senkrecht aus dem Wasser. Zwei Freeclimber, bunte, sehnige Gestalten mit Talkum an den Fingern, hangeln sich einen Überhang entlang. „Jetzt fallenlassen!“ Die Kletterer ignorieren das Kommando Gott sei Dank; statt dessen rasselt mit Getöse die Ankerkette in die Tiefe. Knapp hundert Meter bis zum Strand; das Beiboot tanzt auf den sanften Wellen, die im letzten gleißenden Licht vor dem Sonnenuntergang brechen. Leises Gelächter von den Terrassen der Restaurants und Musikfetzen aus den Bars locken an Land: Ein Segeltag geht zu Ende.

Railay Beach liegt auf dem Festland, nur wenige Kilometer vom Touristenzentrum Krabi entfernt, doch abgeschieden auf einer unwegsamen Halbinsel. Das ehemalige Fischerdorf ist nur mit Longtail-Booten auf dem Seeweg zu erreichen. Deshalb wird es, obwohl die Dusit Thai-Hotelkette inzwischen ein Luxusresort angelegt hat, in Backpacker- und Kletterer-Kreisen noch als Geheimtip gehandelt. Die Bucht ist auch beliebter Ankergrund, wenn die Big A auf Charterfahrt ist. Denn der Skipper verbringt die Abende gern an Land: „Was soll I mi plagen? Besser als die Thais kann I net kochen, und billiger a net. Also fahr ma rüber mit’m Dinghi. Kommt, I geb euch eine Runde Bier aus.“

Käpt’n Horst Lakits, der Skipper der Big A, ist das, was man ohne Zögern ein Original nennen würde. Ein massiger Seebär und Graubart, mit verschmitzten Äuglein und mächtigen Pranken; jovial, um keinen Spruch verlegen. Mit achtzehn hat das Fernweh den Österreicher aufs Meer verschlagen; in Cuxhaven ging er auf seinen ersten Dampfer. „59 war’s, da hat die Nordsee noch eine richtige eigene Flotte g’habt, nicht nur Fischläden. Aber rentiert sich ja heuer nicht mehr“, schwelgt er in Erinnerungen. Seine Schwänke beweisen, daß Matrosen damals noch jung, blond und dumm sein mußten, und auch sonst alles noch in Ordnung war: „Saarbrücken hieß das Schiff, mit dem sind wir bis nach Grönland hoch auf den Rotbarsch und den Kabeljau. Mein Gott, bis zum kalten Arsch sind wir in den Fischen g’schtanden, wenn das Netz aufging.“

Heuer filetiert für die Nordsee nur noch Käpt’n Iglu. Lakits dagegen hat nach Jahren auf Tankerfahrt, einigen rentablen Unternehmungen in der Karibik und zwei Weltumsegelungen eine Thai-Ehefrau und Phuket-Touristen am Haken. Für hundert Dollar pro Tag und Koje geht er mit ihnen auf Große Fahrt und zeigt ihnen, wie „die Lappen in den Wind gehängt“ werden. Für seine geliebte Swan, die er vor zwanzig Jahren in Kiel-Schilksee für billig Geld von den Hinterbliebenen eines Fabrikanten gekauft hat, dauert die Saison in der Regel sechs Monate. „Im Sommer, von Juni bis Oktober, da gibt’s zuviel Regen, und die See ist zu rauh. Zuviel Dünung aus dem Indischen Ozean. Vom Süd-West-Monsun“, doziert Käpt’n Horst, macht nach Monsun eine bedeutungsschwangere Kunstpause, und bestellt dann noch eine Runde Bier.

Ihn persönlich kann kein Wetter mehr schrecken, doch die Charter-Kunden plagen sich nicht gerne unnötig. Sie segeln lieber von Dezember bis Mai; in diesen Monaten bringt der Nord-Ost-Monsun kurze Wellen, die nicht so schnell auf den Magen schlagen, und vor allem ablandige Winde. Die füllen die bunten Spinnaker, von denen Landeier träumen, und wehen mit drei bis sechs Beaufort das kleinste Regenwölkchen fort.

Lakits und das Dutzend anderer Farang-Skipper, die ihre Schiffe in der Bucht von Ao Chalong oder vor dem Phuket Yacht Club in Nai Harn liegen haben, können Chartergästen ein abwechslungsreiches Revier bieten. Bei zwei oder drei Segeltagen - das ist die Standardtour für die kurzentschlossenen Bucher vor Ort - bleiben sie in der Regel im Dreieck zwischen Chalong, Krabi und Phi Phi Island; ist das Schiff für längere Zeit unterwegs, werden auch Koh Racha Noi im Südwesten und Koh Lanta vor der Festlandküste im Südosten angefahren. Ab einer Woche - in diesen Fällen haben die Gäste meist schon von zu Hause aus gebucht - bieten sie auch Langtörns bis nach Pulau Langkawi in Malaysia an. Für alle Charter gilt: kein billiger Spaß, aber ruhige Ankerbuchten, sandige Badestellen und Korallenriffe zum Schnorcheln gibt es umsonst.

„Für Leute, die viel Zeit haben und lange Schläge lieben, können wir natürlich auch die Similan und Surin Islands machen“, sagt Lakits. Er selbst ist auf die Tour durch die offene Andaman-See nicht sonderlich erpicht: “Langweilig. Da fährst raus über Nacht, zuckelst hoch und runter und dann rüber an die Küste, und schleichst di mit raumem Wind wieder runter bis Patong.“ Und Patong hat er ohnehin gefressen, da mag er nicht ankern: „Ja meinst, mir macht das Spaß? Da mietet die Leut dein Segelschiff und hocken nur am Strand in den Bars. I muß sie besoffen wieder an Bord schaffen. Ja, Dankschön. Da bleib I lieber auf Phi Phi Island oder am Railay Beach.“

Am nächsten Morgen ist Lakits schon früh auf den Beinen. Bezahlte Crew, Deckhand oder Koch, hat er nicht an Bord; darum köchelt er den Kaffee selbst und brutzelt die Spiegeleier, bevor er die Maschine und die Ankerwinde anwirft. Kaum ist das Schiff aus der Bucht und auf Kurs nach Laem Promthep ganz im Süden von Phuket, frischt der Wind auf. „Auf geht’s, hoch mit dem Groß, und heute ohne Reff“, sagt Käpt’n Horst. Wir legen alle Hand an die Wischen, bis es in den Segeln knarrt. Dann bringt der Skipper die Big A hoch an den Wind und schwer auf Trab. Ihr weinroter Rumpf schneidet mit zehn Knoten durch die Wellen. Käpt’n Horst hat jetzt Blut geleckt, und zupft an einer Schot. Dann hangelt er am Handlauf entlang, weil ihm die Achterliekspannung des Vorsegels nicht optimal scheinen will. Das ist heuer Segeln nach seinem Geschmack, einer von den Momenten, in denen sein alter Funke wieder lodert und überspringt. Juhee, wo liegt Kap Horn?

Wenn der Wind richtig bläst, wird auf der Big A jeder Chartergast zum Leichtmatrosen. Auch Ingrid und Hermann, das Ehepaar aus Aalen, haben nach wenigen Tagen an Bord die ersten Handgriffe gelernt, und der Schwabe gerät ins Verzücken. Den Sportbootführerschein hat Hermann schon in der Tasche, und jetzt sammelt er die ersten Seemeilen. „Das wär schon was, so ein Schiff, das hätt ich gern im Mittelmeer liegen“, tagträumt er, nachdem ihn Lakits ans Steuer gelassen hat. Breitbeinig steht der neue Rudergänger im Cockpit. Verwegen zurrt er seine Schildkappe in die Stirn und grüßt gelassen die Touristen, die von der Schnellfähre nach Phi Phi Island herüberwinken. Ingrid gefällt’s auch, doch sie hebt nicht ab. Wohl auch, weil sie permanent die Tabletten gegen die vermaledeite Seekrankheit schluckt: „Am Schönsten ist es doch abends in der Bucht.“ Ja, da nickt spontan auch unser Käpt’n Horst.

In Phuket Town.

Das Geschäft mit Rausch und Sex, das Thailand mit pickligen Junggesellen und übergewichtigen Endvierzigern überschwemmte, hat seinen Höhepunkt überschritten. Auch in Phuket werden keine neuen Bar-Konzessionen mehr vergeben. Die Insel hat sich statt dessen zu einem Mekka für Aktiv-Urlauber entwickelt. In der Inselmetropole Phuket Town hat sich eine selbstbewußte neue Zunft von Reise- und Tourveranstalter etabliert, die in dieser Form vor wenigen Jahren noch nicht vorstellbar gewesen wäre: Elefanten-Safari mit Abstecher zu den Cashew-Nuß-Sammlern, Regenwald-Trekking zum Wasserfall, Abseiling von den Klippen, Unterwasser-Gruppenwanderungen am Luftschlauch oder Mountain-Biking durch die Gummiplantage - der Phantasie und den Teilnehmerzahlen sind offenbar keine Grenzen gesetzt.

Den größten Zulauf haben allerdings immer noch die traditionellen Wassersportarten: Über sechzig große und kleine Tauchschulen, teilweise fast kleine Konzerne mit Büros an allen Stränden, bedienen den Unterwasser- und Liveaboard-Markt. Mindestens fünf seriöse Anbieter konkurrieren um die Kanufahrer. Auch die Segler, bisher eher noch eine kleine Gemeinde, kommen immer besser ins Geschäft; außer der Zahl der Tagescharterer steigt auch die Zahl der Freizeitkapitäne, die ein Schiff als alternatives Domizil zum Hotelzimmer ansehen. Phuket gleich aktiv - die Rechnung geht gut auf. Die meisten Urlauber reisen inzwischen an, weil die Insel weit mehr als Müßiggang und Patong bietet kann - und mit Abstand das Beste liegt auf und unter Wasser. Wer in Phuket Urlaub macht und dabei an Land bleibt, dem ist nicht zu helfen.

Bei Koh Bida Nai.

„Auf geht’s! Macht’s euch fertig, in zehn Minuten will ich euch alle im Wasser haben!“ Charly Rothmann ist einer von vier Instruktoren an Bord der Choksomboon II. Das Tauchboot von Dive Asia dümpelt im kristallklaren Wasser zwischen den beiden winzigen Inselchen Koh Biba Nok und Bida Nai, eine handvoll Seemeilen südlich von Phi Phi Island. Charly, ein drahtiger, kettenrauchender Schweizer, hat gerade sechs Schützlinge für einen Tauchgang gebrieft: Jetzt zwängt sich seine Gruppe in ihre Neopren-Anzüge, schultert die silbernen Flaschen und spuckt entschlossen in die Brillen.

Die Choksomboon II gehört zu der Flotte aus etwa zwei Dutzend Schiffen, die Tag für Tag mit etwa dreihundert Tauchern an Bord zu den faszinierenden Korallenriffen im Osten und Süden von Phuket ausschwärmen. Sie steuern Tauchplätze bei Koh Raya Yai und Raja Noi oder südlich von Phi Phi Island; die beliebtesten heißen Shark Point oder Anemone Reef, und neuerdings auch King Cruiser, seit die vollbesetzte Fähre im Mai 1997 glücklicherweise ohne Opfer im Flachwasser gesunken ist. Oft drängen sich zwei, drei Boote an einer Muring, denn drei Tauchgänge pro Tag und Taucher sind normal. Charly schätzt, daß für die Tagesfahrten rund um Phuket pro Jahr mindestens 500.000 Tanks gefüllt werden.

Noch einmal eine viertel Million kommen an Bord der „liveaboards“ zusammen. Diese schwimmenden Tauchquartieren - angeboten werden Motorjachten, schnelle Segler und geräumige Trimarane - steuern in vier oder fünf Tagen, meist jedoch auf Wochen-Trips, die in der Andaman-See gelegenen Surin- und Similan-Inseln an. Seit 1997 werden auch die ersten Touren durch das Mergui-Archipel im Süden Burmas angeboten. Wer sich zu einer Liveaboard-Fahrt entschließt, bezahlt ein kleines Vermögen, aber kann zwischen jeglichem Luxus wählen und begegnet mit hoher Wahrscheinlichkeit den seltenen Walhaien und Mantas.

Diesmal sind 19 zahlende Gäste an Bord der Choksomboon II; meist Deutsche, doch auch ein Engländer, zwei Finnen und ein estländischen Paar aus Tallin. Die Dive-Guides haben alle Hände voll zu tun. „Ganz ruhig, Elisabeth. Rechte Hand auf Mundstück und Maske und großen Schritt nach vorne. Das klappt schon, kein Problem.“ Claudia Hocher, die wie Charly, der Berliner Gilbert und der Thai Porn eine Gruppe führt, hat außer rotblonden Haaren, azurblauen Augen und verschmitzten Mundwinkeln auch eine Engelsgeduld. „Festhalten, Elisabeth!“ Das Schiff kränkt und die Wellen schlagen gegen die Badeplattform. Aber schließlich landet Elisabeth doch im Wasser, wo ihr Buddy Helmut schon länger treibe.

Letzter Check, dann schlagen die Wellen über uns zusammen. Ringsum nur noch tiefes Blau und das Geräusch der eigenen Atmung. Erster Druckausgleich, noch 200 Bar Luft im Tank, Maske sitzt, alles ok. Ich kann auf mich selber aufpassen, doch Helmut und Elisabeth machen Claudia gut zu schaffen. Beide sind schon über sechzig, aber haben erst kürzlich in einem Salzburger Hallenbad den Tauchschein gemacht. Claudia hat alle Hände und Flossen voll zu tun, um sie auf gleicher Höhe zu halten: Helmut ist überbleit und sackt durch in Richtung Grund, während seine Partnerin mit zuviel Luft in der Tarierweste gen oben entschwebt.

Es wird noch eine Weile dauern, bis die beiden die Mysterien der Unterwasserwelt völlig entspannt genießen können: Sonnenstrahlen stochern in die bodenlose Tiefe, ein Schwarm Fledermausfische steht neugierig im Licht. Rote Anemonen wiegen sich in der leichten Strömung; zwischen Fächerkorallen und gewaltigen Gorgonien geben sich Süßlippen und Papageienfische ein Stelldichein. Zwischen den Korallenstöcken jagt ein starr blickender Zackenbarsch; ein nervöser Clownfisch verteidigt sein Weibchen und sein Revier. Je kleiner die Riffbewohner, desto farbenfreudiger: gelb-blau getupfte Nacktschnecken grasen auf dem Grund; gestreifte Blennnies und violette Gupies strecken den Kopf vorsichtig aus ihren Schlupflöchern. Luft gurgelt aus dem Ventil; wir lassen uns einige Meter tiefer sinken. Claudia gibt ihren beiden Schützlingen Handzeichen: „Hierher!“ Auf einem Felsvorsprung schlafen drei Leopardenhaie; alle mindestens eineinhalb Meter lang. Sie wirken wie startklare Abfangjäger auf dem Rollfeld, sind aber völlig harmlos und scheu. Die Tiere gehen auf Beutezug, wenn es Nacht wird unter Wasser. Wenige Flossenschläge weiter huscht ein junger Blaupunktrochen über den Sand. Wir lassen uns treiben; sehen, atmen ein, atmen aus. Atmen ein, atmen aus. Daß Leben so einfach sein kann, hat meditative Wirkung. Nach 40 Minuten sind nur noch 50 Bar in der Flasche; schade drum, Zeit für den Aufstieg.

Am Abend nach dem dritten Tauchgang sitzen wir in einem Restaurant auf Phi Phi Island; von der Crew sind Claudia und Gilbert mitgekommen. Auf der 2-Tage-Tour von Dive Asia ist dort, rund fünfundzwanzig Seemeilen südöstlich von Phuket Town, eine Übernachtung an Land vorgesehen. Das Dorf auf der Sandbank, die die Halbinseln Ko Nok und Ko Nai verbindet, platzt bald aus allen Nähten: Kneipen, Coffee-Shops, Bäckereien, Tauchbasen, Andenkenläden, drei große Hotels und zahllose Reihenbungalows - in dem ehemaligen Hippie-Treff und „Garten Eden“ wird das strandnahe Bauland knapp. Doch im Vergleich zum geschäftigen Phuket Town und Patong ist der Flecken immer noch ein idyllisches Paradies. Autos gibt es keine auf Phi Phi; Vorfahrt haben nur die marodierenden Hundebanden.

Unter Wasser ist die Welt ohnehin noch in Ordnung. „Och, das ist doch total nett mit den beiden, da hat man doch das Gefühl, gebraucht zu werden“, lacht Claudia, als ich sie auf den letzten, kritischen Tauchgang mit Elisabeth und Helmut anspreche. Sie ist noch mit voller Begeisterung bei der Sache, denn freischaffende Tauchlehrerin auf täglicher Abrufbereitschaft ist sie erst seit wenigen Wochen. Bisher hat die geborene Leipzigerin als Computer-Systemberaterin gearbeitet; in ihrem letzten Job in der Kundenhotline bei Microsoft mußte sie verzweifelte Anwender durch die Untiefen des Betriebssystems führen: „Du kannst mir glauben, wenn du das Elend von Windows-Nutzer erlebt hast, können dich Tauchanfänger nicht mehr schrecken. Also hab ich mir gedacht: Was kostet die Welt, und bin auf und davon nach Phuket.“

Jetzt hält sie Verbindung nach Hause per Laptop und E-Mail, aber träumt wie ihr Kollege Gilbert von Walhaien, Liveaboards und Burma. Auch Gilbert hat seinen Job in Deutschland geschmissen. Als Vertreter für Fertigtüren und -fenster den ostdeutschen Baumarkt abzugrasen, erschien ihm mit 24 Jahren nicht die spannendste Lebensperspektive: „Det kann et doch nicht jewesen sein“, berlinert er. „Da mach ich doch lieber rüber nach Burma und zieh meinen eigenen Tauchladen auf.“ Und wenn es nicht klappt? Gilbert zuckt mit den Schultern: „Weeste, besser als ein Winter inner Hauptstadt isset allemal.“

(c) Jochen Vorfelder

20 Dezember 2010

Auflagen der Motorradmagazine - aktuelle Statistiken von 2001 bis heute

Nun gut, niemand aus der Verlagsbranche glaubt an die Glaubhaftigkeit von IVW-Zahlen - wobei IVW für die seit 1949 bestehende Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V. steht.

Der IVW ermittelt die Auflagenhöhen u.a. von Zeitschriften. Die IVW-Zahlen sind geschmeidig - und etwa so manipulierbar wie die Zulassungszahlen von Motorrädern, wenn man die Händlerzulassungen und ander Tricks hinzuzählt...

Da dies aber in der Regel alle ähnlich tun, geben sie zumindest einen Trend auf einer gemeinsam Basis wieder. Hier kommentarlos wie immer zu Ende des Jahres eine Übersicht über ausgewählte Blätter - alphabetisch in der Reihenfolge 2Räder, Biker News, MO, Motorrad, Motorradfahrer, Motorrad News und PS geordnet ....

Weitere Infos:
IVW unter http://www.ivw.de/
Statistiken unter http://meedia.de/typo3conf/ext/m2analyzer/analyzer/auswahl2.php?category=3

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19 Dezember 2010

Buell Typhon 1190: Die Rückkehr der Boller-Bikes

Vor einem Jahr machte Harley-Davidson eine Firmentochter, die Boller-Schmiede des Tüftlers Erik Buell, dicht. Der Zorn darüber hat die Kreativität der Fans angestachelt: PegaususRaceTeam und Gruner Engineering präsentieren jetzt das perfekte Naked Bike - die Buell Typhon 1190.


Allein der Rock 'n' Roll im Übungsraum mit seiner Band The Thunderbolts, so geht die Sage unter den Fans der Marke, habe Erik Buell die schlimmste Zeit seines Lebens überstehen lassen: den November 2009.

Der amerikanische Hersteller Harley-Davidson schrammte damals hart an der Pleite vorbei; am Leben gehalten nur durch eilig gewährte Milliarden-Kredite des Risiko-Investors Warren Buffet und der amerikanischen Notenbank. Der Preis dafür: Harley musste schleunigst abspecken - und Erik Buell nach nur fünf Tagen Vorlaufzeit seiner 180-köpfigen Belegschaft mitteilen, dass Buell, die einzig innovative Tochter von Harley-Davidson, mit sofortiger Wirkung dicht gemacht werde - trotz viel versprechender Projekte.

Buell. Mausetot. Für die amerikanische Motorradszene, die den Querdenker Erik verehrt wie die Nerd-Gemeinde den Apple-Gott Steve Jobs, war das Aus der Marke, bei der über 100.000 Maschinen vom Band gelaufen waren, ein Sakrileg. Geharnischte Proteste und Hass-Tiraden auf Harley-Davidson folgten. Jetzt haben ausgerechnet ein deutsches Rennteam und ein Ingenieurbüro aus Wolfsburg dafür gesorgt, dass die Marke auferstanden ist: Sie präsentierten die Buell Typhon 1190.

Buell klein aber fein

"Erik hat es selbst nicht glauben wollen, was wir aus seinem Motorrad gemacht haben", sagt Teamchef Jens Krüper vom PegasusRaceTeam. Eriks Motorrad - das ist die Rennmaschine 1190 RR-B, die Buell und eine Handvoll Ingenieure seit der Schließung von Buell in der kleinen Manufaktur E.B.R. in East Troy, Wisconsin für Connaisseure bauen. Die Zweizylinder-1190 RR-B läuft auch in manchen deutschen Rennklassen unangefochten vorne weg - 2010 hat Pegasus damit den "Sound of Thunder" und Streckenkämpfe gegen höher eingeschätzte Vierzylinder wie die BMW S1000RR gewonnen.

"Ehrlich gesagt waren wir so überlegen, dass wir Zeit für dumme Gedanken hatten", lacht Krüper und fügt an: "Unsere Idee war, mit der Erfahrung aus dem Rennsport eine Fahrmaschine mit geiler Performance und völlig eigenem Design zu entwickeln. Natürlich auf der Basis der 1190 RR von Erik, aber voll tauglich für die Straße."

Als Partner holten sich die Rennstall-Profis die Wolfsburger Entwickler Gruner Engineering & Design an Bord. Gruner entwickelt ansonsten Baugruppen für Volkswagen und fertigt CAD-Prototypen. Krüper gibt zu: "Ohne die Kompetenz und digitale Modellbauerfahrung von Gruner wären wir nicht soweit."

Abnehmer stehen schon jetzt Schlange

Mit der 1190 Typhon sind die beiden Partner schon erstaunlich weit gekommen. Und das in nur fünf Wochen: "Den Oktober und Anfang November haben wir quasi Nonstop durchgearbeitet", erinnert sich Krüper, der zusammen mit dem Gruner-Mann Heiko Jessat die Maschine auf der Datenbasis von E.B.R. hat entstehen lassen. Design, Teil-Fertigung durch Rapid Prototyping am Rechner; alle Designteile wurden mit 3D-Printern aus Kunststoffgranulat geformt. Und das Rapid Design sieht superb aus: Die Liebhaber der knüppelharten Buell-Optik der XB-Modelle seit 2002 mit schmaler Frontpartie weinen vor Ergriffenheit. Das Herz der Beauty bleibt allerdings die Erik-Buell-Technik: der Leichmetallrahmen mit integrierten Benzintank und Leichtmetallschwinge mit Öl-Reservoir, der Wasser gekühlte 1190 ccm V2-Rotaxmotor mit 185 PS bei 11.500 Umdrehungen - bei nur 161 Kilo Leergewicht. Geschwindigkeiten jenseits von 250 km/h sind locker drin.

"Im Grunde fehlen ein paar Blinker, eine taugliche Auspuffanlage und eine Typenzulassung, dann wäre das Gerät fit für die Straße", sagt Jens Krüper. Und es gibt etliche Optionen. Krüper denkt über eine limitierte, von Buell handsignierte Auflage von zehn Exemplaren nach. Abnehmer stehen schon Schlange, obwohl kein Preis feststeht. Auch ein Umbau-Kit für ältere Buell-Modelle wie die 1125R/CR und XB sind im Gespräch.

Und Erik Buell selbst ist von der 1190 Typhon inzwischen so angetan, dass er sich eine Kleinserie direkt aus Wisconsin vorstellen kann. Doch erst mal hat der Altvater ein anderes Projekt in Sichtweite: Ab 1. Januar 2011 darf er nach dem vertraglichen geregelten Rauswurf bei Harley-Davidson wieder Straßenmotorräder bauen - die geplante 1190 RS könnte ein Erfolg werden. Wenn da nicht Harley-Davidson wäre: Die Spielverderber aus Milwaukee sitzen auf dem Namensrecht "Buell" und rücken es nicht raus.

Aber wie das mit dem Tüftler so ist: Auch dafür wird sich Erik Buell eine elegante technische Lösung einfallen lassen.

Foto-Strecke zur Buell Typhon 1190 bei SPON

14 Dezember 2010

Da tut sich was - aus moppedplanet.de wird der MC oN (ohne Namen) #mopl

Die Kollegen von ridexperience.de haben mich gefragt, was ich eigentlich von http://www.moppedplanet.de so halte... Das ist geschmeidig, da sie doch wissen, dass ich da mit tue und die meisten der Initiatoren zumindest digital kenne ... Nichts desto trotz habe ich kurz ein paar Zeilen zusammengedacht ....

"Spätestens im Frühjahr, wenn die Saison nach dem durch die Winterreifenverordnung verordneten Fahrverbot wieder beginnt, wird aus dem virtuellen Zusammenschluß auf der Basis von Bits und Bytes weit mehr werden.

Der MC oN, der Motorradclub ohne Namen. Mit Treffen und gemeinsamen Ausfahrten, mit Barcamps zum Thema Motorrad, mit der Verbindung zwischen Bits und Bikes im richtigen Leben.
Ansätze dazu gibt es ja bereits. Der harte Kern von moppedplanet.de war bereits dieses Jahr zusammen auf der road-blog.de-Tour unterwegs und hat die meisten anderen Mitstreiter auf der Route getroffen – das hat bereits Wellen geschlagen. Ich tippe mal, andere Hersteller wie der Road-Blog-Sponsor Honda, die inzwischen auch eine Ahnung vom Wert von Präsenz an der virtuellen Basis bekommen haben, werden folgen.

Denn moppedplanet.de hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber den einzelnen Blogs und den Hardcore-Foren, in denen sich die Liebhaber einzelner Marken und Modelle treffen und am liebsten unter sich bleiben – moppedplanet.de ist Mainstream. Es ist für jeden was dabei. Und ist doch authentisch: ungehobelt, ungebügelt, unzensiert."

Und wenn ich noch ein Bitte äußern darf: Ultracool wär es natürlich, wenn es rechts eine Spalte gäbe, in der die aktuellen Tweets der Beteiligten und die zum Hashtag #mopl durchtickerten ...

Was moppedplanet.de eigentlich ist, könnt ihr bei http://www.ridexperience.de lesen. Hier nur ein schneller Blick und der Link: http://www.moppedplanet.de

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08 Dezember 2010

Video Brammo Empulse RR: Und leise fuhr sie dem Verbrennungs-Oldie davon ...

Das hat mir gut gefallen. Die neue Brammo Empulse RR auf einem Straßentest im Süden von Oregon. Gutes Geläuf, gutes Wetter. Da macht es doch offensichtlich Spaß, am Stromhahn zu drehen und mal ein bisschen Watt zu geben.

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07 Dezember 2010

BMW-Video: Sie foltern uns mit Sendern ....

Vor langen Jahren, als das Internet noch ein Erfindung in weiter Ferne war, wohnte ich in Berlin. Da war Berlin noch eine Insel.  Auf dieser Insel gab es einen Zeitgenossen, der lief durch die Stadt, und malte an die Wände: "Sie foltern uns mit Sendern." Er wurde schließlich in eine Heilanstalt eingeliefert.

Das ist aber nicht die eigentliche Geschichte. Die ist die, und die ist eine für die Verschwörungstheoretiker unter euch: BMW Motorrad liefert ja von Zeit zu Zeit mehr oder weniger bekannte Videos bei YouTube ab. Unter anderem diesen mit Ruben Xaus, der 75.000 Mal angeschaut wurde (Den man jetzt erst Mal nicht gleich anschauen muss ....:



Das Interessante an diesem BMW-Video ist ein zweiter Video, der vor einem Monat ebenfalls bei YouTube auftauchte, nicht von BMW, sondern von User PaperPlanefr. Der Video beschreibt anhand des Xaus-Videos, wie man heutzutage Werbung mit Photoblitzen direkt auf die Photorezeptoren der Retina des Betrachters macht.

Nach wissenschaftlichen Untersuchungen ist die Wahrnehmung solcher durch Aussagen-Blitze unterstützen Werbung um ein Vielfaches höher, da sie direkt das Unterbewusstsein anspricht. Heute schon geblitzt worden?



Wer sich für den wissenschaftlichen Hintergrund interessiert, hier der Link zu einem Sachbuch über "The Visual Brain in Action"

995.000 USD übrig? Dafür gibt es zwei Ducati MH900e Limited Edition Cafe Racers bei Ebay ...

Na gut, 995.000 USD sind schon ne Ansage. Und ich bin mir auch in keinster Weise sicher, ob auch nur annähernd irgendjemand auf dieser Welt bereit ist, den Preis zu zahlen.

Aber der Verkäufer worldsbestguy auf Ebay argumentiert, als habe er den heiligen Vlies im Angebot, bietet monatliche Ratenzahlung an, und behauptet, der Löwenanteil des Erlöses wohltätigen Zwecke zuführen zu wollen...):

"Redheads. Two examples of the finest contemporary design Ducati has given us in this 21st century. They are inseparable - for sale as a pair.. #'s 1588 & 1740. With zero and three miles respectively, these two motorcycles are as collectible as can be.

Let me be perfectly clear: This auction is for TWO MOTORCYCLES.

They are two of the lowest mileage examples of the MH900E to be found in the US, possibly the world.

90% of the proceeds of this auction: at least $900,000 - will be donated to charity - I configured the auction to automatically default to Habitat for Humanity in New Orleans, but I'm a fan of Doctors without Borders in Haiti, Feed the Children, etc., so if you have a strong preference, I'll consider changing it.., but I think housing in New Orleans is a worthy cause..

My company, AteliersVelocette.com rents these motorcycles for TV, film and retail promotions. We don't "need" to sell the bikes..
For the discriminating collector, the opportunity to have these two motorcycles under your Christmas tree by Christmas morning is an incredible offer that no one else can match.. Delivered anywhere in the world. Anywhere. ..by Christmas morning, guaranteed."

Also, hier ist noch ein Weihnachtsgeschenk....

Link zur Auktion:

http://cgi.ebay.com/ebaymotors/Twin-Ducatis-Two-lowest-mileage-specimens-USA-...

PS: Wer die Mille gerade nicht flüssig hat, der kann auch ein 1:18-Modell bei Ebay haben. Für 10,90 Euro und kostenlosem Versand.

http://cgi.ebay.de/Motorrad-Modell-1-18-Maisto-DUCATI-MH900E-MH-900E-/3003396...

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06 Dezember 2010

C3 X132 Hellcat: Confederate baut die Höllenkatze in dritter Generation

Confederate Motorcycles, die sagenumwobene Manufaktur aus den amerikanischen Südstaaten, hat in den letzten Jahren Einiges hinter sich gebracht - bzw. überlebt. Eine Überschwemmung durch Katharina, einen Umzug ins Inland, und natürlich die damit verbundenen finanziellen Engpässe.

Da wundert es immer wieder, dass die Edelschrauber, deren Maschinen wie die alte Hellcat, die Wraith oder die P 120 Fighter allesamt Handarbeit und Einzelstücke sind, überhaupt irgendetwas durch das Werkstor schieben.

So wie jetzt: Bestellt werden kann die C3 X132 Hellcat, die dritte Generation der Maschine, mit der sich Confederate erst einen Namen gemacht hat. Das Teil ist Technik pur, absoluter Minimalismus, nur Mensch und Maschnie. So abseitige Dinge wie einen Soziussitz gibt es schon gar nicht. Es gibt auch keine Angaben über nebensächliche Dinge wie PS - da heißt es lapidar: genügend.

Zusammengefasst wird das Bike übrigens in vier Worten: Tough. Lean. Fast. True. Sagt doch alles.

Kaufen kann man das Fahrzeug übrigens auch. Eine Preisangabe ist nicht in der Website. Bevor man die bekommt, sind erst einmal eine Anzahlung von 2.250 USD fällig.

Wer es sich mal anschauen will bzw. noch kein Weihnachtsgeschenk hat: http://confederate.com/motorcycles/hellcat/

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26 November 2010

#gst10 GS Trophy 2010-Report: Große Jungs im afrikanischen Buddelkasten

Alle zwei Jahre schickt BMW Motorrad 30 Amateure auf die GS Trophy. 2010 ging es für die Teilnehmen durch den Süden Afrikas. Eine Vergnügungsfahrt ist die Tour nicht. Wer daran teilnimmt, muss mit anstrengenden Etappen, diversen Stürzen und bitteren Enttäuschungen rechnen.


Auf einem sandigen, tief gefurchten Waldpfad kurz hinter der Grenze zwischen Mosambik und Südafrika schießen Shigechika Aikawa die Tränen in die Augen. Es sind Tränen des Schmerzes und des Zorns auf sich selbst. Aikawa, der Toyota-Ingenieur aus Nagoya, ist völlig erschöpft. Sein Motorrad hat sich auf die Seite gelegt und ihn unter sich begraben. Die linke Fußraste hat ihm wohl durch den Stiefel hindurch einen Zeh gebrochen.



Doch diese Verletzung spürt er im Moment nicht, was ihn schmerzt, ist die Gewissheit: Er liegt hilflos im Sand und das ist unwiderruflich das Aus. Die GS Trophy 2010 ist für ihn gelaufen, sein Team Japan muss ohne ihn weiter fahren. Das Abenteuer, auf das er sich monatelang gefreut und vorbereitet hat, und von dessen erfolgreichem Ende er noch seinen Enkeln erzählen wollte, ist vorbei.

Aikawa ist einer der 30 Freizeitfahrer, die BMW zu einer Motorrad-Rallye durch Südafrika, Swasiland und Mosambik eingeladen hat. Die GS Trophy 2010 - die erste führte vor zwei Jahren durch Tunesien - ist ein symbiotisches Event. Alle Beteiligten geben und nehmen viel.

Die Teilnehmer aus zwölf Nationen haben sich bei lokalen Vorausscheidungen für die Drei-Mann-Teams qualifiziert; für die meisten Fahrer ist die Woche im November, die BMW ihnen schenkt, die Motorrad-Tour ihres Lebens. Für BMW Motorrad Marketing ist die Veranstaltung zum 30jährigen Jubiläum der GS-Modellreihe ein weiterer Baustein, die Marktführerschaft ihrer Modelle in der Klasse der Groß-Enduros zu festigen.

Der Mastermind

Tomm Wolf ist ein raumgreifender Mensch mit einer riesigen Aura. Der sympathische Münchener strahlt Liebe zum Motorrad und Abenteuer aus. Der alt gediente BMW-Mann und Offroader ist der König im Fahrerlager; Wolf hat die Veranstaltung erfunden und vor Ort organisiert. Während der GS Trophy läuft der Film ab, den er ersonnen hat. "Ich bin mit meinen Leuten schon fast zwei Jahre dran. Ich schätze, wir haben 10.000 Kilometer Strecke durch Farmland, durch die Berge in Swasiland und die Sandstriche an der mosambikanischen Küste abgefahren, bis wir die Route beisammen hatten."



Die Drei-Länder-Rallye ist für die Auserwählten ein rauschhaftes Erlebnis, für BMW eine aberwitzige Logistikschlacht. Die Firma hat insgesamt 60 Motorräder, 50 leichtere 800er Modelle und 10 Boxer-Enduros, für die Veranstaltung aufbauen lassen und ins Land gebracht. Der Tross der Begleitfahrzeuge, der sich hinter den Teilnehmern, den südafrikanischen Guides und den Medienvertretern durchs Land wälzt, ist riesig: Ärzte, BMW-Videomannschaften, Abschleppfahrer, Gepäcktransporteure und Offizielle.

Tomm Wolf hat Kompromisse eingehen müssen: "Am liebsten mag ich immer noch die Touren mit ein oder zwei Leuten, bei denen man morgens nicht weiß, wo man abends ankommt." Nur an einem Punkt hat er nicht mit sich handeln lassen müssen: "Da waren BMW und ich uns hundert Prozent einig - die GS Trophy ist kein Rennen für Profis. Von der Trophy muss der normale GS-Fahrer zu Hause träumen können und sagen - eh, das könnte doch ich sein."

Deshalb wird die Trophy auch nicht wie ein Rennen ausgefahren. Die Gewinner werden auf den Etappen während zwanzig Sonderprüfungen ermittelt. Bei denen zählt nicht purer Speed, sondern Team-Geist, Geschicklichkeit, Kombinationsgabe und Navigationskönnen bringen die Punkte zum Sieg.

Abenteuer für Amateure

Brian Kiely kann extrem hartnäckig sein, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat: "Südafrika, das war mein Traum. Ich wollte mitmachen und mich frei von allem fühlen." Nachdem er bei den Vorausscheidungen im Westen Kanadas nur den dritten Platz belegt hatte, ritt er Wochen später 4000 Kilometer auf seiner GS ab, um dort an der zweiten "Challenge" im äußersten Osten des Landes teilzunehmen. Wieder nur Platz Drei, aber Kiely hat Glück. Der Zweitplatzierte wird disqualifiziert, der Sieger zieht kurzfristig zurück: "Ich hab Go Canada, Go geschrien!"

Der Brite Allistair Allan stolperte über eine kleine Anzeige in einer Motorradzeitung. Und qualifizierte sich. Ein Problem: Hier die einmalige Chance, da die Arbeit. "Eigentlich kann ich meine Farm nicht so lange allein lassen. Aber meine Frau sagte, wenn Du die zehn Tage nicht weg fliegst, hockst Du mir nur monatelang missmutig in der Bude rum."



Die meisten Mannschaften haben sich erst am Flughafen getroffen, die wenigsten sind vor der Trophy zusammen gefahren. Ein wenig Krafttraining hat jeder gemacht, ja, aber Zeit für ein echtes Trainingslager hatten nur die drei jungen Südafrikaner. Die sind heiß.

Gelungene Symbiose

Auch mir ist heiß, brutal heiß von der Pace, die Christian Pingitzer im zerfurchten Tiefsand in Mosambik an den Tag legt. Der Marketing-Mann von BMW fährt voraus; meine Maschine schlingert und wuchtet hinterher. Es sind noch 30 harte Kilometer bis zu unserem Tagesziel Ponta do Ouro am Indischen Ozean.

Einsame Stunden auf dem Motorrad regen die Gedanken an. Ganz schön clever, diese BMW-Leute: Jedem Länder-Team einen mitfahrenden Journalisten zuzuteilen, ist ein klassischer Fall von "Embedded Journalism Light". Die emotionale Bruderschaft verwischt die Grenzen zwischen Wahrnehmung und Begeisterung. Erinnert mich an Greenpeace - wo sich man sich als kritischer Berichterstatter nach ein paar Tagen auf hoher See selbst als Aktionist fühlt und Wache halten will.



Sei es drum; Spaß macht das motorisierte Sandsurfen allemal. Und gegen die Symbiose - im Sinne von gegenseitigem Nutzen - ist unter unseren speziellen Umständen auch wenig einzuwenden: Zack, und schon hat es mich wieder auf die Fresse gehauen. Weich gefallen, trotzdem ist beim Anheben von 200 Kilo Leergewicht Pingitzers Power hoch willkommen. Einen Kilometer weiter in der nächsten Düne ist er dran und genauso dankbar für die Hilfe.

Team Deutschland

Auch Thomas Donnecker, Dirk Remmel und Werner Modelmann sind zum Gewinnen der GS Trophy nach Südafrika geflogen. Auch wenn sie es nicht zugeben mögen. Modelmann sagt: "Hey, klar könnten wir das Ding reißen. Aber in erster Linie wollen wir doch unseren Spaß haben und aus dem Alltag rauskommen."



Nach acht Tagen und 20 Sonderprüfungen ist Modelmann bei der Preisverleihung dann doch sichtlich enttäuscht. Im Team hat es gut gepasst, aber es lief nicht gut nach den ersten verheißungsvollen Tagen. Beim Final-Parcours ging gar alles schief; die langen Tage in Afrika haben Tribut gefordert und jegliche Konzentration wie ein trockener Schwamm aufgesaugt. Ein achter Platz. Christian Pingitzer verkündet andere Sieger: "And the winner is .... Team England."

Tomm Wolf ist jetzt ganz entspannt. Er nimmt mich zur Seite und lacht: "Sag ich doch: This is not a race. Zwei in die Jahre gekommene Farmer und ein Kette rauchender Bauunternehmer aus den Midlands. Wenn die Truppe die Internationale GS Trophy gewinnt, dann ist es definitiv kein Rennen. Sondern ein echtes Abenteuer."

Wolf kennt sich aus. Alle haben etwas für sich gewonnen. Er, die Fahrer und BMW: dreißig lebenslange Marken-Botschafter.

Link zur ausführlichen Fotostrecke: http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-62071.html

Link zum ausführlichen Flash-Routen-Tagebuch: http://www.spiegel.de/flash/flash-24787.html

21 November 2010

#gst10 - GS Trophy Tag 8: Finale! Großbritannien gewinnt vor Südafrika und Team Nordic

Zurück in Johannesburg! Nach sieben Tagen Offroad und fast 2.000 Kilometern sind die Teilnehmer der GS Trophy 2010 wieder am Startplatz angekommen.

Und das Abenteuer hat einen Sieger: Team Großbritannien hat den ersten Platz, den die drei Fahrer in den letzten Tagen erobert hatten, auch bei der letzten großen Finalprüfung, gegen die starken Südafrikaner und Team Nordic verteidigt. Team Deutschland landete auf einem undankbaren achten Platz.

Entschieden wurde der Gesamtsieg – Großbritannien 152 Punkte, Südafrika 151, Team Nordic 149 Punkte – übrigends nicht auf der Strecke oder bei der Finalprüfung: Die entscheidenden Punkte sicherte sich Team UK am letzten Tag durch eine überragende Zahl an „Likes“, die auf Facebook für den britischen Schnappschuss bei Fotowettbewerb abgegeben wurden.

Hier Eindrücke vom letzten Tag.

Früh Morgens im Camp bei Country Trax. Jan Du Toid, der Besitzer, hat die Strecke zusammen mit Tomm Wolf gescoutet, und die Logistikschlacht angeführt.

Finale Sonderprüfung: ein Parcours mit zehn Aufgaben, den die Teilnehmer mit dem großen Boxer R 1200 GS absolvieren mussten. Nicht nur auf der Wippe war Geschicklichkeit gefragt.

Sieht nur leicht aus: Stange mit der Gashand aufnehmen, weiter im Kreis fahren und dann wieder ablegen. Die Aufgabe lag am Ende des Parcours – Präzision war nötig, obwohl die Muskeln unter der stechenden Sonne schon alle fest gegangen waren.

Zehn Meter Powerslide mit über 200 Kilogramm: Vorderrad links vom Baumstamm, Hinterrad rechts. Bitte nur auf abgesperrtem Gelände und Fallzonen ausprobieren.

Sechs Schwellen in Folge – für jedes Abgleiten des Vorderrades gab es Strafpunkte. Die Eisenschwellen waren so eng in Folge gelegt, dass kein Team die Aufgabe bewältigte.

Auf dem Holzweg - auf die Wippe folgten die Baumstämme: einige quer, andere längs. Zu schaffen nur mit der richtigen Mischung aus Feinmotorik, Kupplungsspiel und Schmackes.

Schlimmer als die Stürze bei minimaler Geschwindigkeit ist das Wiederaufrichten des riesigen Boxers.

In manchen Fällen hilft nur die Flucht nach Vorne.

Bei der Siegerehrung und der GS Trophy-Party am Abend in Johannesburg. Die deutsche Mannschaft – trotz einem achtem Platz in guter Laune. Von links nach rechts: Dirk Remmel, Werner Modelmann und Thomas Donnecker.

Team Nordic: Platz drei für die Skandinavier aus Finnland, Norwegen und Schweden. Skol!

Börre Skiager (zweiter von li.) aus Norwegen: „Jeder Tag und jede Minuten waren die Anstrengung wert. Ich hatte die beste Bike-Zeit meines Lebens. Meine Team-Mates und ich sind gekommen, um den Trip und die Sonderprüfungen möglichst gut zu meistern und die anderen Teilnehmer kennen zu lernen. Dass wir jetzt den dritten Platz gemacht haben – umso besser!“

Nur einen Punkt hinter dem Sieger und Platz zwei: Team Südafrika. Bafana!

Roger Kane Berman (re.): „Es war eine faszinierende Reise, so intensiv, so viele Eindrücke und Emotionen an all den Tagen. Das wird mich für immer begleiten.“

And the Winner is: Team Großbritannien mit einem Punkt Vorsprung vor Südafrika. Well done, lads!

Allistair Allan (li.): „Was soll ich sagen? Job erledigt! Riesige Gefühle und jede Menge Spaß. Wie Tomm Wolf am Anfang sagte: Das hier ist kein Rennen, aber gewinnen will man doch. Im Grunde war es wie immer – das englische Team kommt immer bis ins Elfmeterschießen – aber diesmal haben wir es gewonnen! Wow!“

Die GS Trophy 2010 – ein voller Erfolg! Tomm Wolf, der Organisator vor Ort: „Erst einmal viel Dank an BMW und die Sponsoren Touratech und Metzeler. Alle sind wieder wohlbehalten in Johannesburg, stehen auf zwei Beinen und strahlen vor Freude – nun bin ich auch glücklich.

Jetzt schauen wir schon in die Zukunft – auf die GS Trophy 2012. Die große Frage wird sein: Können was das noch toppen? Mit Sicherheit. Wie wäre es mit Frühstück auf dem Machu Pichu oder Rudern auf dem Titikaka-See? Ich glaube, das lässt sich noch Einiges finden!“

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19 November 2010

#gst10 - GS Trophy Tag 7: Afrika zehrt an den Kräften

Die Teilnehmer an der GS Trophy 2010 sind inzwischen sechs lange Tage unterwegs. Frühmorgens aus dem Zelt, rauf aufs Bike – die Tagesetappen in Südafrika sind nicht unbedingt lang, aber die täglichen Strapazen saugen die Batterien langsam leer. Passagen, die unter normalen Umständen keinem der Fahrer Probleme bereiten würden, sind plötzlich hohe Hürden.

Hinzu kommen die Sonderprüfungen – wie heute am Freitag morgen: das Fox Hole. Die Teams müssen eine der Durchfahrten unter einer Eisenbahntrasse mit abgestelltem Motor bewältigen. Schiebend; es geht bergauf und auf dem Rückweg wieder schlitternd bergab.

Selbst die Spitzenreiter sind am Rande ihrer Kraft: Allistair Allen von Team UK fällt nach dem Fox Hole wie ein nasser Sack ins Gras.

Auch Dirk Remmel von Team Deutschland nutzt jede Gelegenheit Kraft zu tanken und gönnt sich während eines kurzen Stopps einen Sekundenschlaf.

Doch die Pausen reichen nicht. Am späten Nachmittag hebelt ein Felsblock in der Fahrbahn den britischen Journalisten Warren Pole in voller Fahrt aus. Pole kommt ins Schlingern, legt einen fulminanten Highsider hin, und schlittert rund 20 Meter über die Fahrbahn. Die Maschine landet nach einem Freiflug weitere 20 Meter weiter zwischen den Felsen.

Warren hat Glück im Unglück – ein paar Prellungen, Schürfwunden und eine blutige Risswunde. GS Trophy-Arzt Axel Thiäner ist wenige Minuten später vor Ort und versorgt den Briten. Am Abend näht er die Wunde mit ein paar Stichen.

Die F 800 GS ist nach dem Abflug schwer gezeichnet – Vorderbau demoliert, Rahmen verzogen. Das Hinterrad steht schräge in der Landschaft, die Achse ist gebrochen, ein Dutzend Speichen sind gerissen. Die Touratech-Mechaniker diagnostizieren: Totalschaden.

Die Einzelteile von Poles Maschine sind inzwischen begehrte Trophäen.

Nach der Ankunft im Camp bekommen die GS Trophy-Teams doch noch ihr Rennen – allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Alle Teams starten gleichzeitig mit jeweils einem Fahrer; er soll auf geraden Linie 50 Meter möglichst langsam zurücklegen. Wenn der Fahrer die Ziellinie überfährt, startet Team-Fahrer Nummer zwei.

Auch bei dieser Sonderprüfung liegen Großbritannien, Team Nordic und Südafrika bei der Gesamtzeit nah beieinander. Diese drei Teams führen in dieser Reihenfolge auch die momentane Gesamtwertung an. Morgen früh am Samstag finden die letzten Sonderprüfungen und Wertungen statt ... das wird noch ganz eng.

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18 November 2010

#gst10 - GS Trophy Tag 6: Team Italien geht baden

Donnerstag Morgen im Phinda Game Reserve – ein perfekter Morgen. Um halb fünf fangen die Vögel an zu zwitschern und die Affen brüllen; eine halbe Stunde später erwacht die Zeltstadt.

Der Zeitplan, den Tomm Wolf für die Fahrt nach Norden zum Ziel Pongola verkündet hat, ist nach den ersten Verkehrsmeldungen schnell über den Haufen geworfen.: „Achtung, auf der A1 kommen Ihnen Fußgänger entgegen. Fahren Sie bitten links ran und verhalten Sie sich äußerst vorsichtig.“

Erste Sonderprüfung des Tages: Reifenwechsel. Die Metzeler Karoo (T) bleiben auf der Felge, aber werden bei zwei Maschinen durchgetauscht. Team Deutschland legt sich kräftig ins Zeug.

Vergeblich: Noch dem Zusammenbau müssen die drei deutschen Fahrer leider noch einmal ran – in der Hektik haben sie eine Distanzscheibe vergessen ... noch einmal alles raus und von vorne, Gentlemen.

Fahrt durch die Ghost Mountains: Es fügt sich gut, dass die Teams den Tiefsand von Mosambik und im Osten von Südafrika hinter sich gebracht haben. Die roten „Gravel Roads“ lassen auch während der Fahrt zu, die grandiose Szenerie zu genießen.

Zweite Sonderprüfung im Pangola Reserve: ein kurzer Rundkurs, der Fahrer greift sich einen Speer und wirft ihn ins Ziel. Hört sich leicht an – aber wer hat das schon einmal versucht, ohne den Fuß auf den Boden zu nehmen und wenn das Motorrad sich permanent bewegen muss? Auf Platz eins: die Schweiz. Ja, Ja, die Gene on Wilhelm Tell.

Sonderprüfung drei des Tages: einen Kilometer paddeln auf Zeit. Das deutsche Team macht zumindest beim Auslauf eine gute Form. Auf dem Wasser selbst? Na ja, hätte besser sein können – nur Platz acht.

Auf Platz zehn: Team Italy. Während das eine Kanu vom Landungssteg loszieht, verheddert sich das zweite italienische Team an einer Leine und kentert spektakulär. Freunde, ihr seid in den Strandbars definitiv besser aufgehoben.

Nach einem Neustart sehen die erste italienewischen Paddelzüge sehr gut aus, doch dann schlägt das Unheil ein zweites Mal zu. Die Besatzung schlägt es um – Mann und Maus werden von den afrikanischen Fluten verschlungen. Italien: null Punkte.

Sieger in den zwei Booten (gewertet wurde jeweils die Ankunft des letzten Bootes) mit sagenhaften 5:14 Minuten: Team Nordic. Jussi Ali-Lekkala (Finnland), Börre Skiaker (Norwegen), Per Wallin (Schweden) und Magnus Johansson (Schweden) haben sich mit dem Sieg im Kanu mir insgesamt 108 Punkten auf Platz 3 der Gesamtwertung vorgearbeitet.

Es führt weiter Team UK mit 114 Punkten vor Südafrika (110). Team Deutschland hat heute wohl die letzte Chance auf eine vordere Platzierung verspielt und ist mit 80 Punkten auf Rang 7 abgerutscht.

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