30 Juli 2012

Elektrowochen bei moto1203: KTM Freeride E - Raus aus der Steckdose, rein ins Gelände

Die etablierten Hersteller tun sich mit Elektro-Motorrädern schwer. Auch KTM hat fünf Jahre lang getüftelt - doch jetzt rollen die ersten Freeride E-Crosser ins Gelände. Das Resultat der Fahrprüfung durch moto1203: Das Warten hat sich gelohnt.

Hannes Proschek hat bis 2009 für das Toyota Formel 1-Team gearbeitet. Sein Management-Job dort war es, noch mehr Leistung aus Menschen und Motoren rauszukitzeln: „Das war nicht immer einfach.“ Jetzt sitzt er in seinem Büro bei KTM in Mattighofen, kann auf eine grüne Wiese sehen, und soll als Projektleiter eines der größten Wagnisse des österreichischen Motorradherstellers zu einem guten Ende führen: die Markteinführung des Freeride E-Crossers. Proschek, der 2010 in Mattighofen angeheuerte, ahnte damals schon: „Auch das wird nicht ganz einfach.“

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Als KTM im Sommer des Jahres 2007 eine Geländemaschine mit Elektro-Antrieb ankündigte, hielten die meisten Betrachter den Prototypen für eine witzige Fingerübung der Rennsport-Ingenieure, die in Mattighofen eine riesigen, majestätischen Entwicklungstrakt bevölkern. 

Doch Stefan Pierer, Vorstandsvorsitzender von KTM, nahm die Sache von Anfang an ernst. Er sieht ein zukünftiges Firmenstandbein in der lautlosen E-Fahrzeugen; die jetzt vorgestellte Sportvariante und später Wander- und Straßenversionen sollen neue Käufer ansprechen: „Wenn die Anwendung des Sportgerätes lautlos näher an die Städte rückt, steigt die Akzeptanz,“ sagt Visionär Pierer. Er will folgerichtig Citynahe E-Parks entstehen sehen und E-Crossen zur einer neuen Trendsportart wie Mountainbiking machen. 

Globalisierung des Elektrobaukastens

Der erste E-Park liegt zur Zeit noch hinter dem KTM-Betriebsgelände in Mattighofen. Dort steht nach fünf Jahren Entwicklung auch die erste Freeride E, die man fahren darf. Die Strom-KTM könnte auch als 80er oder 125er Cross-Maschine durchgehen; die Farbgebung und die Komponenten wie Leichtbaurahmen, WP-Gabel und Federbein sowie Bremsen und Fahrwerk sind typisch „ready to race“ und Mattighofen-like hochwertig. Gegen diesen kleinen Qualitäts-Renner wirken die Konkurrenten wie die Zero oder Quanta eher hausbacken und handgestrickt. Auch das Gewicht von 95 Kilogramm und die Leistung passen: umgerechnet bis zu 30 PS und ein maximales Drehmoment von 42 Nm schon vom Start weg, das kann sich in der 125er-Klasse sehen lassen.

Die Power kommt nun allerdings nicht mehr aus dem traditionellen Verbrenner mit Vergaser, sondern aus einem staub- und wasserdichten gekapselten, bürstenlosen Synchronmotor. Das Aggregat wird von einem 2,1 kWh-Batteriesatz mit Lithium-Ionen-Zellen und 300 Volt Betriebsspannung angetrieben. Das ändert Fahrzeugcharakter und -optik komplett: Schaltgetriebe, Kupplung, Tank, Krümmer und Auspuff entfallen ersatzlos. Benzinfüllaktionen im Gelände, das Säubern von verdreckten Luftfiltern, scheppernde Klemmen an verölten Endtöpfen und bläuliche Rauchfahnen – die typischen Offroad-Dramen kann man ab sofort vergessen.

KTM hat für die Entwicklung der Freeride E – und das mag mit eine Grund für die langen fünf Jahre seit Projektbeginn sein – viele Experten an Bord geholt. „Ein E-Bike sieht auf den erste Blick zwar vergleichsweise simpel aus, aber in jeder Komponente steckt langjährige Erfahrung,  die nicht unbedingt vor der Haustür zu finden ist,“ erklärt Hannes Proschek.

Die KTM E ist folgerichtig ein globales Fahrzeug: Dutzende japanische Batteriezellen mit jeweils 3,6 Volt von Panasonic werden von einer Firma in Warschau im Akku-Block verbaut. Die elektronische Steuereinheit hat die Salzburger Niederlassung einer britischen Firma maßgeblich mitentwickelt. Der „Perm“-Motor wird von Heizmann im Schwarzwald geliefert und in ein KTM-Gehäuse gesteckt. „Ohne diese Lieferanten hätte KTM so ein Fahrzeug nie aus dem Werkstor gebracht. Andererseits wäre niemand außer KTM in der Lage gewesen, so ein Fahrzeug zu bauen“, sagt Proschek. „Wir haben das Geländesport-Knowhow.“

Idiotensichere Geländefreuden

Im Gelände geht die Freeride wie Schmidts Katze. Ein Klick am Einschalter, dann „bootet“ sich das Fahrzeug hoch. Ein beherzter Griff am Ride-by-Wire-„Gas“ und schon auf der schwächsten Stufe der drei Powermodi wühlt sich das Hinterrad in den Schotter. Wheelies aus dem Stand sind kein Problem; der Freeride E mangelt es also nicht an Kraft. Die soll sie, so Proschek, bei einem Amateurfahrer über 45 Minuten bringen; Profi saugen den Batterie-Pack auch schon mal in 30 Minuten leer. Langsame Wanderfahrten sollen bis zu einer Stunde möglich sein. Geladen ist der Akku nach 90 Minuten; der Wechsel des massiven Hochvolt-Blocks, der gegen Stürze und Kurzschlüsse gut geschützt ist, dauert nicht länger als drei bis vier Minuten.

Der Fahrspaß mit einem E-Antrieb ist jedenfalls garantiert, besonders für Offroad-Novizen, weil erheblich weniger Koordination als bei einem Benzingetriebenen Crosser erforderlich ist. Beispiel: ein Drift durch enge Kurven. Bei der Freeride E kann man auf wohldosiertes, gleichzeitiges Bremsen, Schalten, Kupplungsschleifen und Gasgeben verzichten. Hier reicht der beherzte Griff in die Bremsen und volle Kraft voraus im Scheitelpunkt. Und hui! Ein E-Bike gibt sein Drehmoment schon bei 500 Umdrehungen voll ab – und ist auf Teufel komm raus nicht abzuwürgen. Dieser Motor säuft nie ab und geht nie aus. 

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Weil deshalb auch niemand bei Antreten verzweifelt, sind neben den stadtnahen Trendsportlern auch schon andere Zielgruppen wie Jäger, Waldarbeiter und alpine Kurgemeinden mit Mountainbike-Strecken im Visier. Seit Juli werden die ersten Hundert von insgesamt 500 Vorserie-Maschinen ausgeliefert - doch bisher nur an KTM-Mitarbeiter, handverlesene Offroad-Experten und wenige Privatfahrer, die sich über eine spezielle Website bewerben können.

Sie sollen das E-Mobil unter Alltagsbedingungen testen: Wie macht sich der Motor bei einer ordentlichen Schlammpackung im Gelände und regelmäßiger Malträtierung durch einen Kärcher? Hält die Batterie auch im Winter durch? Welche Kosten entstehen für eine zweite, geleaste Wechselbatterie?

Diese Fragen, das nimmt KTM nicht zu Unrecht an, müssen spätestens im Frühjahr 2013 positiv beantwortet sein. Dann sollte die Freeride E für einen Preis knapp unter 10.000 Euro in den Verkauf gehen.

Hier alle Fotos bei SPON:

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Testfahrt E-Scooter BMW C evolution: Leise Zukunftsahnung

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London während der Stau-Spiele – selbst für Roller gibt es da schwerlich ein Durchkommen. BMW hat den Elektro-Prototypen „C evolution“, der die Megacities wieder flott machen soll, deshalb auf dem platten Land in Kent vorgestellt. moto1203 ist damit gefahren.

Vom zentralen London, der Tower Bridge  etwa, sind es nur 20 Meilen bis nach Biggin Hill in der Grafschaft Kent. Doch an einem normalen Werktag braucht der britische Automobilist dafür gerne über zwei Stunden und ist auch draußen im „Garten Englands“ nicht vor einem sauberen Stau gefeit.

Das ist genau einer der Gründe, warum sich BMW bitter entschlossen Gedanken über die Zukunft der Urbanen Mobilität macht: Wenn gar nichts mehr geht, wer soll dann noch welche Art von Fahrzeugen kaufen? Sind vier Räder nicht etwas viel der bewegten Masse pro Kopf?

Eine Antwort von BMW heißt C evolution und ist der Prototyp eines umweltfreundlichen Elektrorollers. Er soll bei der avisierten Markteinführung 2014 mit dem Komfort und den Fahrleistungen eines konventionellen Maxi-Scooters (bevorzugt natürlich den BMW-Schwestermodellen C 600 und C 650 GT) mithalten, aber null Emissionen haben – vorausgesetzt natürlich, man kauft seinen Strom bei einem Öko-Anbieter.

Jetzt stehen der C evolution in fünffacher, handgefertigter Ausführung draußen in Biggin Hill, wo die Straßen heute einigermaßen frei sind, und sieht schon mal sehr einladend aus: schnittig, freundlich weiß und neongrün – und fahrbereit.

 Ohne Ende Elektrokraft

„Vorsicht,“ sagt Dr. Christian Ebner, „der evolution hat richtig Wums schon aus dem Stand und macht richtig Speed.“ Das beeindruckt, denn Ebner, technischer Projektentwickler beim BMW-E-Scooter, sollte sich aus seiner Zeit beim Formel-1-Team des Konzerns mit Speed eigentlich auskennen.

Doch erst mal passiert gar nichts – zumindest bei der Geräuschkulisse: ohne Verbrenner kein Sound, kein Pötter-Pött; selbst auf eine rasselnde Kette haben die BMW-Entwickler verzichtet. Angetrieben wird das Testfahrzeug von einem ruhigen Riemen; es rollt auf Feelgreen-Reifen von Metzeler, die auf niedrigsten Rollwiderstand und Energieverbrauch getrimmt wurden. Die ersten Meter mit dem C evolution sind quasi im akustischen Tarnkappen-Modus und vollkommen irritierend.

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Auch der Dreh am „Gas“-Griff trägt zur Verwirrung bei, vor allem bei Fahrern, die vom Motorrad kommen. Der klassische Lehrsatz „Kupplung, Schaltung mal Gas gleich Klang und Spaß“  rechnet sich beim getriebe- und kupplungsfreien Roller ohnehin nicht – jetzt, beim E-Scooter, spielt auch Drehzahl keine Rolle mehr. Der Elektromotor gibt seinen vollen Vortrieb schon aus dem Stand ab – und die Beschleunigung ist gewaltig. Beim Ampelstart läßt der Strom-Prototyp den C 600-Roller locker hinter sich.

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Verantwortlich dafür ist der luftgekühlte Batterieblock mit etwa 150 Volt angelegter Betriebsspannung. Der Akku aus drei Modulen, die mit Lithium-Ionen-Zellen bestückt sind, hat eine Kapazität von 8 Kilowattstunden – genug eben, um 265 Kilogramm Gewicht aus dem Stand nach vorn zu katapultieren. Dafür hat der E-Roller nur eine maximale Fahrdistanz von 100 Kilometern bis zur nächsten Ladung und eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h.

„Sicher könnten wir noch eine etwas höhere Geschwindigkeit rauskitzeln, aber das war nicht unsere Priorität“, sagt Christian Ebner. „Wir haben bewusst gesagt, das soll ein großes Commuter-Fahrzeug für die Berufspendler rein und raus aus der Stadt und kurze Ausflüge werden. Wir wollten nicht dem Reiseroller Konkurrenz machen.“

Großkonzept-Fahrzeuge

Der neue Chef von BMW Motorrad, Stephan Schaller, der seit zwei Monaten im Amt ist, erklärt das ähnlich: „Was wir heute aus der Motorrad-Sparte vorstellen, spiegelt die Strategie der BMW Gruppe wieder – wir gehen verstärkt in den zusätzlichen Bereich E-Antriebe, sowohl im Zweirad- als auch im Vierradbereich.“

Von diesem mit Pomp avisierten Vierrad-Baukastensystem profitiert der E-Roller  immens. Aus dem angekündigten Elektrokleinwagen i3 stammen die Akkublöcke des C evolution, die im Gehäuse das zentrale, tragende Element des Rollers sind; mit dem Block  sind der Vorbau mit der Gabel und hinten die Schwinge mit einem Federbein verschraubt. Der flüssigkeitsgekühlte Motor ist als Teil der so genannten „Triebsatzschwinge“ zwischen die Schwingendrehpunkte platziert wird. 

Subventionierter Fahrplan

Dass der Markt noch bis 2014 auf den BMW E-Roller warten soll, leuchtet nach den ersten Fahrkilometern nicht ein. Der weiß-grüne Stromling schlängelt sich extrem artig über die verwinkelten englischen Landstrassen und ist kinderleicht zu dirigieren; Fahrwerk und Bremsen sind dem ersten Eindruck nach in einem fast serienfertigen Zustand.

Auch in Sachen Steuerungselektronik sind Ebner und sein Entwicklerteam offensichtlich schon sehr, sehr weit. Wenn der Roller im Schubbetrieb läuft oder abgebremst wird, können bis zu 20 Prozent der kinetischen Energie zurück gewonnen und gespeichert werden. Auch von den großen Schwachpunkten anderen E-Bikes - der ruckeligen Kraftabgabe bei langsamer Fahrt und der teigigen Reaktion bei voller Kraft voraus - ist beim C evolution fast  nichts mehr zu spüren. Hey, ich würde den Prototyp so nehmen, wie er hier steht und geht. 

„Ja, da müssen sie sich leider gedulden,“ bedeutet mir Stephan Schaller, und erklärt die Gründe. Dahinter steckt das Konzern-Konzept „Neue Städtische Mobilität“, dessen neuer Fuhrpark BMW ab Ende 2013 mit dem Elektrokleinwagen i3 und wenig später mit dem Sportwagen i8 bestücken will. 2014 wird der E-Scooter dazwischen gequetscht: „Abgesehen davon, jeder Hersteller braucht etwa achtzehn Monate Vorlaufzeit für Einkauf und Fertigung, bevor ein Prototyp in Stückzahl vom Band läuft,“ sagt Stephan Schaller.

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Vielleicht kommt die Wartezeit ja auch dem Käufer zugute. Mit jedem Quartal und steigender, verbauter Stückzahl sinken die Preise für den großen Kostenfaktor Batterie – doch Interessenten sollten sich schon einmal auf den schwierigen Firmenspagat zwischen Deckung der Entwicklungskosten und Bezahlbarkeit für den Endkunden einrichten.

BMW weiß sehr wohl, dass sich der C evolution beim Start nicht rechnen wird. Doch verschenken will man in München auch nichts: Der vergleichbare C 650 GT aus dem gleichen Hause kostet unterm Strich über 12.000 Euro – ohne den zu erwartenden Avantgarde-Gutmensch-Zuschlag für die elektrifizierte Zukunft.

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