26 September 2005

Lido: genug der Kunst, auf nach Italien

Nach zwei Tagen Biennale tritt bei mir doch eine gewisse Kunst-Müdigkeit zu Tage - und oft ist ja ohnehin diejenige Kunst die beste, die man nicht sieht oder die gar nicht statt findet: Aktuelles Beispiel ist Gregor Schneiders Projekt "Cube, Venice 2005". Der Deutsche, der noch 2001 mit einem gewagten Gesamtumbau des deutschen Pavillons einen Goldenen Löwen gewonnen hatte, plante mit Kuratorin Rosa Martinez einen Riesenquader auf dem Markusplatz - ein schwarz verhangenes 15 Meter hohes und breites Metallgerüst.

Also den symbolischen Nachbau der Kaaba in Mekka - darf man so provozieren? Den Moslems in Zeiten der Unruhe ihr Allerheiligstes entreißen und den amerikanischen Touristen zum Fraß vorwerfen? Wer hielte es für eine Kunstaktion, wenn in Islamabad oder Bagdad tote Schweine ans Kreuz genagelt würden? Die Stadtverwaltung von Venedig ging der öffentlichen Diskussion aus dem Wege; das Projekt wurde wegen formaler bautechnischer Gründe gestoppt.

Doch wie gesagt: Kunst macht müde, und für den müden Geist hat Venedig seinen Lido. Rasch mit der Fähre rüber, die Hauptstraße mit den Eiscafes liegt einladend unter den Koniferen, und schon ist man eingetaucht in eine Welt aus Müsiggang und Jugendstil, in ein Ambiente aus verblasster Eleganz und Dolce Vita am Strand.

Überhaupt der Strand - nirgendwo an der Adria schlägt die Dekadenz solche Kapriolen wie im alterwürdigen Strand-Hotel Des Bains, wo sich der Preis für die Umkleidepavillons mit gestärktem Laken auf der Liege mal locker bei 125 Euro pro Tag eingepegelt hat. Das muß heute nicht sein; hundert Meter weiter ist der öffentliche Strand, da kosten zwei Liegen mit Sonnenschirm 12 Euro, und der Sonnenbrand ist der gleiche.

Zudem hält die öffentliche Badeanstalt von Lido mit dem verblichenen Waschbeton, den schmiedeeisernen Gittern und den gewagt geschwungenen Wandelgängen, deren Stufen im sandigen Nichts enden, die Tradition der 60er Jahre hoch. Ach, was waren das für Zeiten, als Gina Lollobrigida im Damensitz auf dem Roller von Rock Hudson verbeibrauste.

Aber auch heute noch strahlt diese Stätte trotz der schreienden Bambini eine unglaublich stilvolle Langsamkeit aus, die einen augenblicklich entweder in einen erholsamen Urlaubs-Schlaf (Vorsicht, Sonnenbrand!) fallen läßt oder dem kunstfertigen Touristen ein wunderbar doofes Honigkuchenpferdgrinsen ins Gesicht treibt.

Am Lido darf man sein, wie man ist und wie man will. Keine hohe Kunst mehr, hier gibts Pommes an der Bude und Gelati satt, hier ist das kleine Venedig wieder das große Italien. Das ganz große. Wir kommen wieder.

© Jochen Vorfelder

22 September 2005

Biennale - Leistungsschau des operativen Kunstschaffens

Da können sich die Venezianer noch so bitterlich über den Feldherren und Fahrensmann Napoleon Bonaparte beklagen, dass er sie 1797 niederkartäschen ließ und sie in ihren hochfahrenden Stolz verletzt hat, doch eins wird dem Franzosen immer zu Gute gehalten: Ohne ihn und sein Edikt, den Holzeinschlag in den vom ihm verfügten Gartenanlagen einzustellen, gäbe es in der gesamten Lagunen-Stadt keine ausgedehnte Grünfläche mehr.

So müßte man heute auf die Spaziergänge in den "Giardini", den wunderbaren Gärten, verzichten, in denen seit 1903 die Kunst-Biennale stattfindet. Deren Konzept hat sich grundsätzlich seit der ersten Ausstellungssaison nicht verändert: Man hat alte und neue Gartenpavillions und Konzertsäle in Begegnungstätten der Avangarde verwandelt und stellt mehr oder weniger erfolgreich - und vom einen oder anderen Eklat begleitet - zeitgenössige Kunst in den Länderpavillions und Übersichtsschauen aus.

Dieses Jahr ging's ohne den wirklich großen Skandal ab; zu dem kleinen kommen wir gleich. Dafür gab's zu ersten Mal zwei weibliche Kuratorinnen: Maria de Corral und Rosa Martinez zeichnen für "Experience of Art" (Corral, in den Giardini, eine Retrospektive der jüngeren Moderne) und für "Always a little futher" (Martinez, Video-Schwerpunkte, eher Avangarde) in den nahegelegenen Räumen des historischen Arsenals verantwortlich. Zusätzlich gab es 73 Länderbeiträge in eigenen Pavillions oder in Ausstellungsstätten über die Stadt verstreut.

Obwohl die diesjährige Biennale noch bis 6. November zu sehen ist, sind die Preisträger schon gekürt: Der Düsseldorfer Bildhauer und Grafiker Thomas Schütte wurde schon zum Auftakt im Juni mit dem Preis für den besten Künstler ausgezeichnet. Seine großen architektonischen Skulpturen und Frauernkörper stehen im Garten vor dem italienischen Pavillion: "Expressiv, kubistisch, klassisch, archaisch: All diese Definitionen der Kunstgeschichte öffnen und vermischen sich unter einem formalen Gesichtspunkt", salbadert der offizielle Ausstellungs-katalog.

Schüttes Erfolg ging nun allerdings etwas unter in der partiellen Errregung über die Auszeichnung für den besten Nachwuchskünstler unter 35 Jahre: Regina José Galindo aus Guatemala erhielt diesen Preis für ihre überaus kontroversen und provokanten Video-Performances, in der neben einer öffentlichen Gesamtkörperrasur auch gezeigt wird, wie sich die Künstlerin ihr Jungfernhäutchen operativ wiederherstellen lässt. «Sie benutzt ihre individuellen Emotionen als artistische Quelle», heißt es über ihr Werk. Aha.

Mein persönlichen Gewinner der beiden Tage - die man definitv braucht, um sich gemächlich durch Gärten und Arsenal zu sehen - waren andere.

Kommen wir zunächst zum Sonderpreis für architektonischen Größenwahn: Wer sich bis zum österreichischen Beitrag durchgearbeitet hatte, wurde nicht wie in den früheren Jahren von einem filigranen, offenen Hoffmann-Bau mit seinen lichten Glasflächen empfangen.

Nein, an der gleichen Stelle erhebt sich nun massiven Bau aus Holz, Spanplatte und Dachpappe: Der Wiener Hans Schabus hat mit dem künstlichen Fels, der erst nach einem klaustrophobischen Aufstieg den erlösenden Blick durch eine minimalistische Dachluke zuläßt, "eine physische und psychische Neudimensionierung des Raumes" und eine "kritische Analyse des Ortes" geschaffen. Klaro, aber für mich war's eher das Abbild einer offen gelegten österreichischen Volksseele - eine düstere, bedrohlich dräuende Alpenfestung.

Und nun zum Hauptpreis: Applaus, Signore e Signori, für das unschlagbare englische Duo Gilbert & George, die aus den Untiefen ihrer offensichtlich unerschöpflichen Schaffenskraft die "Ginko Pictures" gezaubert haben. Selten so was Buntes und Schrilles gesehen. Geil.

Schade für all die, die es diesmal nicht nach Venedig geschafft haben. Aber noch ist ja noch Zeit - bis 6. November sind die Pavillons und das Arsenal noch offen; Hlx fliegt ab 99 Euro hin und zurück.

© Jochen Vorfelder

19 September 2005

Venedig - runter vom Trampelpfad

Venedig ist klein. Sehr klein sogar. Wenn man drei Tage - so wie wir - im Labyrinth der Gassen unterwegs war, trifft man fast jeden wieder.

Hey, war das nicht der Gondoliere, der uns gestern abgezockt hat? Und das nicht der dritte Laden, der Stanley Kubrick und Tom Cruise "exklusiv" mit Ledermasken für "Eyes Wide Shut" beliefert hat? Wow, das sind doch schon wieder die amerikanischen Kreuzfahrer von Bord der "Carneval Liberty", die eben über die Piazza San Marco hergefallen sind!

Die wichtigste Regel, um den Wahnsinn hinter sich zu lassen und Venedig zu geniessen, lautet also: runter von den Trampelpfaden, die in diesen steinigen Irrgarten geschlagen wurden.

Beispiel Rialto-Brücke. Wer sich von den Massen vom Markusplatz nach San Polo hat schieben lassen, sollte tunlichst direkt nach der Brücke nach rechts in die Erbaria abbiegen - die Gegend um den Gemüsemarkt. Ein Stadtviertel, in dem die Venezianer noch unter sich sind.

Mit Blick auf den Canale Grande - grandios vor allem die Farbspiele auf den alten Wasserpalästen beim Sonnenuntergang - und einem Gläschen Wein in der Hand stellt man fest: So hab ich mir's vorgestellt. Daß der Radio im Hintergrund dudelt, und die Stehbars wie die "Bancogiro" und das "Naranzeria" kleine Häppchen auf die Hand servieren. Für den größeren Hunger gibt es auch Tische schön im Schatten.

Endlich angekommen.

© Jochen Vorfelder

13 September 2005

1996: "Free Billy, das Urzeitkrebschen!"

Greenpeace Deutschland feiert diesen Monat seinen 25. Geburtstag.

Aus diesem Anlaß mal wieder in den Archiven gekramt und einen alten Artikel gefunden, den ich heute vor neun Jahren zum 25. Jahrestag von Greenpeace International online gestellt habe.

Free Billy, das Urzeitkrebschen!

Greenpeace hat Geburtstag - die Zeit der Feiern und Gratulanten, die Stunde der Analysen und Orakel, die Gelegenheit für Dissidenten und Kritikaster ist gekommen. Von VIVA bis Hessischer Rundfunk, von ZEIT bis Schwarzwälder Bote - es wird ein Greenpeace-Abend, eine Jubiläumswoche werden: mehr oder weniger bunt, da fairer, dort schlauer.

Hat diese Organisation eine Zukunft, welche Fehler wurden gemacht, welche Kampagnen sind wie erfolgreich? Was ist eigentlich Erfolg? Alle diese Fragen werden durchdekliniert und alleinseligmachende Antworten fein gedrechselt.

Inzwischen geht hinter den Kulissen, unbeachtet von den Medien und ohne spektakuläre Konfrontation, in über 30 Büros weltweit die normale Arbeit weiter. Denn: In der Regel macht sich Greenpeace die Hosen nicht im Schlauchboot naß, sondern kümmert sich um die alltäglichen Dinge des Lebens. Und muß auch da manchmal vor der Tücke des Sujets kapitulieren.

Diese Woche, in der Telefonzentrale des deutschen Büros: Eine besorgte Mutter ist am Apparat. Ihr Sohn, neun Jahre, hat Ausgabe Nr. 36 von "Micky Maus" mit nach Hause gebracht und damit eine mittlere Katastrophe heraufbeschworen. Dem Heftchen war ein Beutel mit "Urzeit-Krebschen in Perlenform" beigepackt, die nun nach der Aussetzung in einem Marmeladenglas nicht nur im Wasser wimmeln, sondern sich explosionsartig vermehren.

Das wirft ebenso explosionsartig bange Eltern-Fragen auf: Wo soll das hinführen? Kann man geborenes Leben bei steigendem kindlichem Desinteresse einfach in die Toilette spülen? Was geschieht dort mit den Tierchen?

Die Micky Maus-Auflage liegt bei über einer Million Exemplaren. Steht uns bei über einer Million Toilettenspülungen zwecks Entsorgung von Milliarden Urzeitkrebschen eine ökologische Katastrophe ins Haus? War die Beipack-Aktion zum Amüsement der Kleinen gar ein Eingriff in die Natur?

Greenpeace, hilf.

Was tun? Nach einer Viertelstunde Ferngespräch einigt man sich darauf, daß es zwei Lösungsansätze gibt: Wer in der Nähe der Nord- oder Ostsee wohnt, kann die wogende Masse am Strand einer artgerechten Existenz zuführen und das Marmeladenglas recyclen. Für Süddeutsche bleibt nur der Anruf beim Verlag, mit dem es über eine Rücknahme zu verhandeln gilt.

Eine neue Kampagne, wie damals bei Free Willy, sollte man allerdings nicht starten. Da sind sich Mutter und Telefonzentrale einig.

Schönen Dank auch, daß Sie sich Zeit für mich genommen haben.

Aufwiederhören.

Ja, Greenpeace hat 25. Geburtstag. Ist es nicht schön, daß manche Leute nicht erwachsen werden wollen und nicht alle Herzen aus Stein sind?

Siehe auch: die alte Website von Greenpeace Deutschland zum 25. Geburtstag von GPI am 13. September 1996

© Jochen Vorfelder

09 September 2005

Update: Hunter S. Thompson

Kaum haben wir den notorischen Hunter S. Thompson und seinen Hang zum Verfertigen von Motorrad-Reportagen unter Drogeneinfluß im Beitrag "The Bikeriders" erwähnt, taucht ein Abschiedsbrief des Selbstmörders auf.

Es gibt da wohl keinen Zusammenhang, aber "ein großen deutsches Nachrichtenmagazin" berichtet online darüber. Hier der SPIEGEL-Beitrag.

© Jochen Vorfelder