Nach zwei Tagen Biennale tritt bei mir doch eine gewisse Kunst-Müdigkeit zu Tage - und oft ist ja ohnehin diejenige Kunst die beste, die man nicht sieht oder die gar nicht statt findet: Aktuelles Beispiel ist Gregor Schneiders Projekt "Cube, Venice 2005". Der Deutsche, der noch 2001 mit einem gewagten Gesamtumbau des deutschen Pavillons einen Goldenen Löwen gewonnen hatte, plante mit Kuratorin Rosa Martinez einen Riesenquader auf dem Markusplatz - ein schwarz verhangenes 15 Meter hohes und breites Metallgerüst. Also den symbolischen Nachbau der Kaaba in Mekka - darf man so provozieren? Den Moslems in Zeiten der Unruhe ihr Allerheiligstes entreißen und den amerikanischen Touristen zum Fraß vorwerfen? Wer hielte es für eine Kunstaktion, wenn in Islamabad oder Bagdad tote Schweine ans Kreuz genagelt würden? Die Stadtverwaltung von Venedig ging der öffentlichen Diskussion aus dem Wege; das Projekt wurde wegen formaler bautechnischer Gründe gestoppt.
Doch wie gesagt: Kunst macht müde, und für den müden Geist hat Venedig seinen Lido. Rasch mit der Fähre rüber, die Hauptstraße mit den Eiscafes liegt einladend unter den Koniferen, und schon ist man eingetaucht in eine Welt aus Müsiggang und Jugendstil, in ein Ambiente aus verblasster Eleganz und Dolce Vita am Strand.
Überhaupt der Strand - nirgendwo an der Adria schlägt die Dekadenz solche Kapriolen wie im alterwürdigen Strand-Hotel Des Bains, wo sich der Preis für die Umkleidepavillons mit gestärktem Laken auf der Liege mal locker bei 125 Euro pro Tag eingepegelt hat. Das muß heute nicht sein; hundert Meter weiter ist der öffentliche Strand, da kosten zwei Liegen mit Sonnenschirm 12 Euro, und der Sonnenbrand ist der gleiche.
Zudem hält die öffentliche Badeanstalt von Lido mit dem verblichenen Waschbeton, den schmiedeeisernen Gittern und den gewagt geschwungenen Wandelgängen, deren Stufen im sandigen Nichts enden, die Tradition der 60er Jahre hoch. Ach, was waren das für Zeiten, als Gina Lollobrigida im Damensitz auf dem Roller von Rock Hudson verbeibrauste.
Aber auch heute noch strahlt diese Stätte trotz der schreienden Bambini eine unglaublich stilvolle Langsamkeit aus, die einen augenblicklich entweder in einen erholsamen Urlaubs-Schlaf (Vorsicht, Sonnenbrand!) fallen läßt oder dem kunstfertigen Touristen ein wunderbar doofes Honigkuchenpferdgrinsen ins Gesicht treibt.
Am Lido darf man sein, wie man ist und wie man will. Keine hohe Kunst mehr, hier gibts Pommes an der Bude und Gelati satt, hier ist das kleine Venedig wieder das große Italien. Das ganz große. Wir kommen wieder.
© Jochen Vorfelder



