13 September 2005

1996: "Free Billy, das Urzeitkrebschen!"

Greenpeace Deutschland feiert diesen Monat seinen 25. Geburtstag.

Aus diesem Anlaß mal wieder in den Archiven gekramt und einen alten Artikel gefunden, den ich heute vor neun Jahren zum 25. Jahrestag von Greenpeace International online gestellt habe.

Free Billy, das Urzeitkrebschen!

Greenpeace hat Geburtstag - die Zeit der Feiern und Gratulanten, die Stunde der Analysen und Orakel, die Gelegenheit für Dissidenten und Kritikaster ist gekommen. Von VIVA bis Hessischer Rundfunk, von ZEIT bis Schwarzwälder Bote - es wird ein Greenpeace-Abend, eine Jubiläumswoche werden: mehr oder weniger bunt, da fairer, dort schlauer.

Hat diese Organisation eine Zukunft, welche Fehler wurden gemacht, welche Kampagnen sind wie erfolgreich? Was ist eigentlich Erfolg? Alle diese Fragen werden durchdekliniert und alleinseligmachende Antworten fein gedrechselt.

Inzwischen geht hinter den Kulissen, unbeachtet von den Medien und ohne spektakuläre Konfrontation, in über 30 Büros weltweit die normale Arbeit weiter. Denn: In der Regel macht sich Greenpeace die Hosen nicht im Schlauchboot naß, sondern kümmert sich um die alltäglichen Dinge des Lebens. Und muß auch da manchmal vor der Tücke des Sujets kapitulieren.

Diese Woche, in der Telefonzentrale des deutschen Büros: Eine besorgte Mutter ist am Apparat. Ihr Sohn, neun Jahre, hat Ausgabe Nr. 36 von "Micky Maus" mit nach Hause gebracht und damit eine mittlere Katastrophe heraufbeschworen. Dem Heftchen war ein Beutel mit "Urzeit-Krebschen in Perlenform" beigepackt, die nun nach der Aussetzung in einem Marmeladenglas nicht nur im Wasser wimmeln, sondern sich explosionsartig vermehren.

Das wirft ebenso explosionsartig bange Eltern-Fragen auf: Wo soll das hinführen? Kann man geborenes Leben bei steigendem kindlichem Desinteresse einfach in die Toilette spülen? Was geschieht dort mit den Tierchen?

Die Micky Maus-Auflage liegt bei über einer Million Exemplaren. Steht uns bei über einer Million Toilettenspülungen zwecks Entsorgung von Milliarden Urzeitkrebschen eine ökologische Katastrophe ins Haus? War die Beipack-Aktion zum Amüsement der Kleinen gar ein Eingriff in die Natur?

Greenpeace, hilf.

Was tun? Nach einer Viertelstunde Ferngespräch einigt man sich darauf, daß es zwei Lösungsansätze gibt: Wer in der Nähe der Nord- oder Ostsee wohnt, kann die wogende Masse am Strand einer artgerechten Existenz zuführen und das Marmeladenglas recyclen. Für Süddeutsche bleibt nur der Anruf beim Verlag, mit dem es über eine Rücknahme zu verhandeln gilt.

Eine neue Kampagne, wie damals bei Free Willy, sollte man allerdings nicht starten. Da sind sich Mutter und Telefonzentrale einig.

Schönen Dank auch, daß Sie sich Zeit für mich genommen haben.

Aufwiederhören.

Ja, Greenpeace hat 25. Geburtstag. Ist es nicht schön, daß manche Leute nicht erwachsen werden wollen und nicht alle Herzen aus Stein sind?

Siehe auch: die alte Website von Greenpeace Deutschland zum 25. Geburtstag von GPI am 13. September 1996

© Jochen Vorfelder

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