30 Mai 2012

Concorso d'Eleganza 2012: Zwei Räder für ein Halleluja

Seit 1929 treffen sich die Reichen und Schönen jährlich beim Concorso d'Eleganza zum Protzen: Mein Auto, mein Auto, mein Auto! Doch seit zwei Jahren werden am Comer See auch historische Motorräder gezeigt. Deren Besitzer unterscheiden sich allerdings recht deutlich vom Auto-Zeiger.

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Sonntag ist Familientag in der Villa Erba, deshalb wird die weitläufige Parkanlage am Comer See überrannt von Anwohnern mit Kinderwagen, der Rasen platt getreten von Ausflüglern. Die Menschen sind in Trauben, zu Hunderten gekommen, weil es über Pfingsten was zu sehen gibt: Ausgestellt sind 60 wertvolle automobile Oldtimer, seltene Prototypen, einmalige Unikate.

Es ist ein faszinierende Schau, an mehreren Orten rund um die Villa D'Este in Cernobbio, denn mit den vierrädrigen Pretiosen sind meist auch deren stolze Besitzer zu begutachten. Viele Eigentümer sind älter als ihre historischen automobilen Schätze; ihre Begleiterinnen tragen bunte Hütchen und liegen gerne in Liegestühlen neben den Fahrzeugen. 

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Die Männer tauschen sich über kommende Autoshows und aktuelle Auktionspreise aus; manchmal auch über künstliche Hüftgelenke. Es ist ein Sehen und gesehen werden; nur schade, dass George nicht vorbeikommen konnte. Clooney wohnt doch um die Ecke.

Eine verschworene Gemeinschaft

Die dazugehörige Motorradausstellung Concorso e Mostra di Motociclette, 2012 zum zweiten Mal im Programm, hat ihren Platz in diesem Ambiente noch nicht endgültig gefunden. Die 36 ausgestellten Maschinen sind unter einem Sonnenschutz abseits vom Trubel aufgereiht; den Ausstellern ist das nur recht. Sie freuen sich über neugierige Besucher, doch sie sind auch gerne unter sich. Das Automobil-Spektakel ist nicht ihre Welt.

Peter Rohrer steht bei einer Condor Super-Sport TT, Baujahr 1927. Die gehört einem Freund aus der Schweiz, der sie für die Wettbewerb "Best Bike of Show" angemeldet hat. Der Freund hat sich das Bein gebrochen, also präsentiert Rohrer stellvertretend. Die Condor ist ein seltenes Exemplar: "Mit 750er Franconi-Motor!", sprudelt es aus ihm heraus.

Rohrer saugt Informationen über alte Motorräder auf, seit er neunzehn war. Für ihn ist es selbstverständlich, dass man über den Schweizer Rennfahrer Francesco Franconi und seinen speziellen Motor Bescheid weiß.

Jäger, Sammler, Schrauber

Die Männer, die beim Concorso e Mostra di Motociclette 2012 ausstellen, sind allesamt Sammler und allesamt Sachverständige. "Ich bin eher einer von den Schraubern," sagt Rohrer, der zu Hause eine eigene Werkstatt hat. "Da ziehe ich meine Befriedigung raus."

Andere sind stattdessen einsame Jäger. Rohrer sagt: "Manche Sammler sind vom Motorrad schon gelangweilt, wenn sie es in ihrem Besitz haben. Denen geht es nur um die Jagd, die Suche, den Garagenfund. Das ist deren Ding, deren Kick."

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In Cernobbio ist Peter Rohrer einer der Wenigen, die ihren Namen gedruckt sehen mögen. Die meisten Sammler sind extrem öffentlichkeitsscheu. Ein Aussteller beim Motorrad-Concorso sieht es so: "Wir kennen uns untereinander, das reicht mir. Und außerdem: Ein hoher Bekanntheitsgrad verdirbt die Einkaufspreise." Er muss es wissen; er hat inzwischen fast tausend Zweiräder und eine komplette Mannschaft, die seine Sammlung unterhält.

Weg damit, ins Museum

Ein anderer Liebhaber, beim Concorso auch mit mehreren Ausstellungsstücken vertreten, hat inzwischen so viele Maschinen, dass er die Mehrzahl als Leihgabe weggeben muss, aus Platzmangel. Jetzt hat er eine Lösung gefunden: Ab 2013 bestückt er in Norddeutschland ein neues Museum mit der kompletten deutschen Motorradgeschichte.

Der Hang zur Geschwindigkeit ist das Element, das alle Teilnehmer am Concorso verbindet. Alain Wicki ist einer der Speedfreaks. Früher ist er Skeleton-Rennschlitten in St. Moritz gefahren und hat für den Mailänder Sportwagen-Designer Zagato gearbeitet. Jetzt verdient er mit Immobilien so viel Geld, dass er sich seine eigene Ducati entwickeln und bauen lassen kann: die Hillclimber 62.

Sie ist eine der Prototypen und Designstudien, die sich beworben haben und außer Konkurrenz in der Villa Erba ausgestellt werden. "Mich fasziniert die Kombination aus historischen Anleihen mit modernster Technik, die Symbiose: altes Bugatti-Blau und aktuelle Motorentechnik als Reminiszenz an die Bergrennen der Vergangenheit." Wenn jemand eine Exemplar kaufen mag, so sagt Wicki, würde er gern ein zweites bauen lassen. Der Preis? Über so etwas Profanes redet man in diesem Segment nicht mehr.

Unikat auf eigener Achse

Mit der ausgestellten Hillclimber ist er aus der Schweiz angereist: Das bringt ihm den besonderen Respekt der Aussteller-Kollegen, denn Fahrbereitschaft - sowohl bei Mensch als auch bei Maschine - ist unter den Sammlern in der Villa Erba ein besonderes Prädikat, denn viele bringen ihre Motorräder auf dem Hänger zu dem Treffen und gelten dann als "Trailer Queens".

Entschuldigt sind nur besondere Exponate etwa die Opel Motoclub T von 1928. Die Maschine hat einen Plattfuß vorne und ist kaum restauriert - was ihrer seltenen Cadmium-Beschichtung und der Patina geschuldet ist, die sich über die Jahrzehnte darauf entwickelt hat.

Entworfen hat die Opel übrigens der Künstler und "Simplicissimus"-Zeichner Ernst Neumann-Neander: Solche abseitigen Details beflügeln die Phantasie der Sammler und treiben Kaufpreise nach oben, ebenso wie gewonnene Medaillen.

Jagd auf das Siegerexemplar

Den Sieger des Wettbewerbs 2012 stellt die vierköpfige Jury am Sonntag Nachmittag vor: Es ist eine Gilera 500 Rondine, Baujahr 1939, eine Rennmaschine mit liegendem Vierzylinder, ein seltenes Exemplar. Dorino Serafini hat damit 1939 gegen Schorsch Meier und seine Kompressor-BMW die Europameisterschaft geholt. Jetzt steht die Gilera im offiziellen Piaggio-Firmenmuseum in Pontedera - und ist damit nur noch bedingt erwerbbar.

Doch die echten Suchtcharaktere unter den Sammlern stört das nicht: "Ich kenne außer mir noch mindestens vier, fünf andere, die sich gerade überlegen, wie sie an die Rondine rankommen", lacht einer der Zuschauer. Auch er will nicht genannt werden, auch er ist ein stiller Genießer.

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23 Mai 2012

Honda Crosstourer DCT - Verloren im falschen Segment

Man könnte die Crosstourer als die  übergewichtige Nachfolgerin der erfolglosen Honda Varadero abhaken. Sollte man aber nicht. Weil in der japanische „Groß-Enduro“ das sehr clevere Doppelkupplungsgetriebe DCT und viel verschenktes Potential steckt. 

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Bitte, erspart mir den Sand!!!

Am Ende des Tages es ja so: Ein Vollsortiment-Anbieter wie Honda kann es sich nicht leisten, ohne ein Motorrad wie die neue Crosstourer da zu stehen. Als weltweiter Verkaufsprimus muss man schon aus Imagegründen in der Klasse der Großen Enduros präsent sein. 

Dieser Markt ist ein wachsendes, aber gleichzeitig schwieriges Terrain. Es wird seit mehr als einem Jahrzehnt von der BMW R 1200 GS dominiert; Jahr für Jahr verkaufen die Münchener allein in Deutschland davon über 6.000 Stück.

Honda würde für die Crosstourer, die das bisherige Modell Varadero ersetzt, liebend gerne auch eine vierstellige Verkaufszahl  melden; 1500 etwa wäre gut fürs Prestige und ein Riesenerfolg. Aber: Es sieht nicht danach aus.

Trend zum Dickschiff

Die Käufer aktueller Groß-Enduros haben mit echtem Geländesport – mit Schlamm und Sprunghügel - wenig am Hut. Sie sind die Brüder im Geiste der SUV-Besitzer, die beim Abstecher zum Spargelbauern entschlossen den Vierradantrieb zuschalten. Auch die Honda Crosstourer ist im Herzen ein Poser. 

Sie wird aus dem gleichen Plattform-Baukasten zusammengesetzt, aus dem sich die Honda-Ingenieure neuerdings bei vielen Modellen bedienen. Die Crosstourer hat den fetten V4-Motor des Sporttourers VFR 1200, das gedrungenen Design der kleineren Crossrunners und liegt so tief auf der Straße wie die neue NC 700-Familie. Das macht mit Blick auf die Fertigungskosten Sinn, aber Abkürzungen über Waldwege und Ausflüge in die Wallachei sind mit der Crosstourer tabu – die Plastikteile, der fehlende Unterschutz und die vergleichsweise kurzen Federwege flehen den Piloten an: „Bleib mir bitte auf dem sicheren Asphalt.“

Fun-Dampfer auf großer Fahrt

Dort allerdings macht die Crossrunner eine umso bessere Figur. Sie ist mit fast 280 Kilogramm voll getankt zwar eine ziemlich fette Fuhre, aber der auf 129 PS herunter geregelte Vierzylinder-Motor hat ein gewaltiges Drehmoment von 126 Newtonmeter und fühlt sich auf Landstraßen pudelwohl. Dort lässt der Antrieb mit 28 Grad Hubzapfenversatz, Big-Bang-Zündfolge und je einer oben liegenden Nockenwelle  seinen Sport-Charakter voll röhrend raushängen. 

Die nötigen Accessoirs wie Alu-Gußchassis, Kardanantrieb, Bremsen, Combined ABS, Traktionskontrolle: alles vom feinsten. Auch Autobahnfahrten und Ferienverschickung mit dem Autoreisezug – wofür Groß-Enduros heute in Wahrheit gekauft werden – mit der vollen Tourenausstattung Topcase, Koffern und Windschutz geht das formidabel.

Ein überzeugender Fun-Dampfer also. Doch die Konkurrenz unter den Zweirad-SUVs ist auch lustig zu fahren: Die BMW ist wendiger, hat mehr Boxer-Wumms und Geländesport-Gene; andere, wie die Triumph Explorer, bringen mehr Power und die besseren Allrounder-Eigenschaften mit. 

Und ein Schnäppchen ist die Crosstourer in der  konventionelle Sechsganggetriebe-Ausführung mit 13.845,00 Euro keineswegs.  

Exklusive Schaltautomatik

Ein richtig spannendes und einzigartiges Motorrad wird die Crosstourer allerdings, wenn man noch einmal 1.000 Euro draufpackt. Dafür gibt es das Doppelkupplungsgetriebe DCT, das Honda zur Zeit als einziger Hersteller anbietet. DCT ist kein stufenloses Automatikgetriebe wie in einem Roller, sondern ein automatisch geschaltetes Ganggetriebe ohne Kupplung. Honda schreibt: „Die erste Motorrad-Adaption eines Systems, das im PKW-Bereich bereits seit Jahren erfolgreich eingesetzt wird.“ 

Der automobilen Variante entspricht daher auch die Grundmechanik des Honda DCT: Zwei in einander greifende Teilgetriebe (eins für die Gänge 1, 3 und 5, das andere für die Stufen 2, 4 und 6) machen einen vollautomatischen Gangwechsel ohne Zugkraftunterbrechung (sprich Kupplung) möglich. Die Zeit für einen Gangwechsel liegt im Millisekunden-Bereich. Die Tüftlern in Hondas Entwicklungsabteilung haben es auch hingekriegt, dass DCT extrem kompakt baut und jetzt unter zehn Kilogramm Mehrgewicht liegt.

2009 kam die erste DCT-Version im Tourer VFR 1200 auf den Markt, mit teilweise noch seltsamem Verhalten: Speziell bei langsamer Fahrt in engen Kurven rückte der erste Gang teilweise unvermittelt ein und aus. Situationen, die ein erfahrener Fahrer sonst mit leicht schleifender Kupplung regelt, wurden plötzlich kritisch. 

Die Systematik war auch unlogisch: Ob man im vollen Automatik-Modus oder im manuelle Betrieb war – schlüssig war das nicht immer. Überzeugte Knieschleifer und Schaltveteranen ätzten unisono, DCT sei der erste Schritt, aktives, sportliches Motorradfahren komplett abzuschaffen.

Sportliche Fahrt in die Zukunft

Mit der aktuellen DCT-Version in der Crosstourer hat Honda diese Kritik und die Kinderkrankheiten vollständig ausgeräumt, das zeigen schon die ersten Kilometer. 

Sowohl im D(rive)- als auch im S(port)-Modus schaltet die Elektronik jetzt sauber und präzise. Sie lernt dazu und berücksichtigt das Verhalten des Fahrers: Je mehr Gas man gibt, desto höher dreht in der Folge das System. Die wichtigste Verbesserung: Wenn der Automatik-Mode angewählt wird, bleibt er der Leit-Modus - auch wenn man gelegentlich mit den Kippschaltern am linken Griff eingreift und manuell schaltet.

Das hört sich zunächst nicht spektakulär an. Doch auf den verwinkelten Landstraßen im Spessart ist diese kleine Finesse von entscheidendem Wert: Wenn z.B. die Kurve überraschend immer enger wird, genügt ein kurzes Klick-Klick mit dem Daumen, und Bang-Bang ist runtergeschaltet: Die Motorbremse setzt sofort helfend ein. Dass nach dem Rausbeschleunigen aus der Kurve wieder hoch geschaltet wird – darum haben wir uns jetzt nicht mehr zu kümmern. Das übernimmt DCT, während wir Zeit für den Fahrspaß oder die Landschaft haben. 

DCT – das ist keineswegs die befürchtete Entschleunigung, sondern die Technik der Zukunft. Honda hat sie bisher exklusiv. 

Wenn die japanischen Strategen sich jetzt noch entschließen könnten, das Motorrad nicht als „Adventure Bike“ und „GS-Herausforderer“, sondern als sportlichen Spaß-Tourer zu vermarkten: Honda könnte  den Crosstourer sicher gut verkaufen.

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18 Mai 2012

Ehemalige Mädels-Crew vom MOTORRAD wagt neues Magazin "ABENTEUER WEGE"

Es gab sie, die anderen Zeiten, bei der MOTORRAD: Da hatte Michael Pfeiffer, der einsame Ober-Chefredakteur und Mubarak des deutschen Zweiradjournalismus, noch ein Korrektiv an seiner Seite. Ein weibliches.

Monika Schulz hieß die stellvertretende Redaktionsleiterin, und man merkte dem Heft die weibliche Präsenz an. Aber dann musste Schulz im Mai 2009, als die Auflage massiv zurückging, zusammen mit einem Dutzend anderer Beschäftigten der Motor Presse Stuttgart die MOTORRAD-Redaktionsräume verlassen. Nach einem Bericht bei Kress traf es bei MOTORRAD vor allem das mittlere Redaktions-Management - beim damaligen Verkaufsführer am Kiosk sollte die zweite Hierarchie-Ebene komplett wegfallen, aus acht "Ressorts" drei "Einheiten" werden.

Jedenfalls wurde Monika Schulz zusammen mit Sylvia Lischer und Annette Johann geschasst - und die Mädels blieben lange in der Versenkung verschwunden.

Jetzt sind sie wieder da, zumindest Schulz und Johann:

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ABENTEUER WEGE - Das Magazin für Menschen in Bewegung soll 2012 noch zwei Mal und ab 2013 vier Mal am Kiosk liegen, und "die Verbindung
zwischen Outdoor-, Reise- und Hintergrundmagazin" schaffen.

"Der Name des Titels ist Programm. Unser verbindendes Thema sind Wege – das Element aller Reisen: ob über Land, auf dem Wasser, durch die Luft oder im Kopf. Wir folgen der verblichenen Mauerroute durch Berlin, einsamen Wanderpfaden in entsiedelten Tälern des Piemont, einer Postschifflinie entlang Norwegens Küste. Wir erforschen alte Handelsrouten, spüren Pionieren und Flüchtlingen voriger Jahrhunderte nach und den geheimnisvollen Strecken von Wildtieren."

Motorräder sollen - Na, Gott sei Dank, wie soll man Wege besser erforschen - in ABENTEUER WEGE auch vorkommen.

Das erste Heft liegt seit 8. Mai 2012 am Kiosk. Mehr dazu unter http://www.abenteuer-wege.de

Danke, Anonym, für den Tipp.

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05 Mai 2012

Piaggio X10 350 Executive - der König des Durchstechens


Man kann mit dem Automobil sein Nervenkostüm ruinieren. Oder man fährt clever mit dem Roller in verstopfte Innenstädte. Piaggio hat seine neue Luxus-Baureihe X10 jetzt in Paris vorgestellt -  mitten im Getümmel.

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Auf der Pariser Avenue de Grande Armee kann man sie genau ausmachen: jene Verkehrsteilnehmer, die im Elend, und jene, die mit dem Hoffnungsträger des innerstädtischen Individualverkehrs unterwegs sind.

Die Magistrale, abgehend vom Place Charles de Gaulle, verfügt über sechs Fahrspuren, die ständig dicht befahren werden. In Stoßzeiten käme der Verkehr auf der Avenue de Grande Armee völlig zum Erliegen, wenn die Pariser Motorrad- und Rollerfahrer nicht acht zusätzliche Fahrspuren eröffnen würden: in Schleichfahrt rechts und links der PKWs, millimetergenau zwischen den stauenden Kolonnen, fahren sie an den Ampeln vor. Und den Automobilen bei zartem Grün augenblicklich davor.

Paris ist die Hauptstadt der Roller, die Dichte ist dort noch höher also in Rom; für den italienischen Hersteller Piaggio ist der französische der wichtigste Exportmarkt. Schlüssig also, dass Piaggio seine neue Luxus-Rollerlinie X10 rund um Louvre und Champs-Élysées vorstellt. Die neue „Grand Tourismo“-Reihe wird in drei Motorversionen angeboten. In Paris hat Piaggio zunächst den X10 125 (15 PS) und den X10 350 Executive (33 PS) aufgeboten; der 41 PS starke X10 500 soll ab Ende Mai produziert werden. 

Luxus für die Mittelklasse

Auf der Île Saint-Louis vor Notre Dame ist das tägliche Chaos bereits perfekt: Lieferwagen, Touristenbusse, Taxen, Limousinen. Die Geschwindigkeit tendiert gegen Null, während der Hup- und Lärmpegel auf Stresslevel oszilliert.

Das richtige Ambiente also, damit die in Frankreich allseits akzeptierten Vorteile eines Rollers richtig zum Tragen kommen: maximale Beweglichkeit beim Durchstechen durch jede noch so kleine Lücke, rasante Beschleunigung aus dem Stand, zügige Entfernung von schimpfenden Fußgängern dank Automatik-Kupplung und –Getriebe, genügend Wetterschutz bei Wind und kurzen Schauern und ein viel geringerer Verbrauch gegenüber Blechdosen.

Diese Scooter-Essentials bieten auch Fahrzeuge in der Preisklasse bis 2000 Euro, doch seit einigen Jahren geht der Trend bei den Käufern zum Luxus: elektronische Vollausstattung, ABS, quasi ein Wohnzimmer auf Rädern. Diese Maxi-Scooter über 600 Kubik, mit über 50 PS und Preisen jenseits 10.000 Euro haben inzwischen Yamaha, Suzuki, Kymco und bald auch BMW im Angebot.

Mit der X10-Palette geht Piaggio einen anderen Weg. Der 125er glänzt mit einem niedrigen Preis (4890,00 Euro); dafür nimmt man bei Fahrleistung und Ausstattung Abstriche in Kauf. Die 350er (6990,00 Euro) und 500er-Modelle (7790,00 Euro) kommen mit einem zu der Konkurrenz vergleichsweise schwachbrüstigen Einzylindermotor, aber dem vollen Executive-Luxuspaket. 

Frage: Sind ein zweiter Zylinder oder 20 PS  mehr Leistung einen Mehrpreis von 3.000 Euro wert? Piaggio sagt Nein. Im Stadtverkehr und den üblichen Tagesfahrten zählt der Komfort; und der ist bei allen X10-Rollern enorm. Der Windschutz ist selbst für große Fahrer bis 1,90 Meter völlig ausreichend. Beim 350er-Modell liegt der Radstand bei beachtlichen 1625 mm; die Sitzbank für zwei Passagiere misst gefühlte zwei Meter, ist bequem, aber nicht zu weich. Das Steißpolster für den Fahrer ist individuell einstellbar; die Sitzposition durch die endlos langen Fußablagen auch für den Sozius sehr variabel. 

Stauraum ist ab Werk genügend vorhanden, unter die Sitzbank passen zwei Jethelme, Regenanzüge und eine Laptop-Tasche. Wer mehr Raum braucht, kann sich beim Zubehör bedienen; ein Topcase und ein Packtaschensystem sind ebenso im Angebot wie die in Paris offenbar obligatorische Knieschutzdecke. Die verwundert nicht mehr, wenn man die hohe Zahl von Anzug-, Krawatten- und Maßschuhträgern unter den Scooteristen realisiert hat.

Der Piaggio-Schwung

Motorisiert hat Piaggio den X10 350 mit einem neuen, angeblich sehr effizienten Einzylinder-Viertakt-Motor, der mit einem Automatikgetriebe gekoppelt ist. Der Verbrauch soll unter vier Litern liegen; testen konnten wir das in Paris nicht wirklich. Motor und Getriebe sind in einem konventionelles Chassis mit 15 Zoll- (vorne) und 13 Zoll-Rädern (hinten) verbaut, das von einer Teleskop-Gabel und zwei Stoßdämpfern gefedert wird. Nur das 500er-Modell hat im Heck ein einzelnes, elektronisch einstellbares Federbein. Sehr schön ist das ABS, fraglich die Traktionskontrolle, die trotz Pariser Kopfsteinpflaster und Straßenbahnschienen bei 33 PS wohl selten zum Einsatz kommt. Ein schönes Detail ist die mit dem Seitenständer gekoppelte Feststellbremse; das haben aber auch schon Andere. 

Wirklich anders als die Konkurrenz ist bei der X10-Palette nur das Design in den Farben Mercury Braun, Orion Grau, Midnight Blau und Cosmo Schwarz. Unabhängig von den Farben haben sich die Piaggio-Gestalter auf weiche Linien und massive, breite Hecks mit LED-Bändern festgelegt. Doch den ersten Eindruck schindet bei der Piaggio X10-Palette die Front. Das breite, geschwungene Lichtband aus hoch angesetzten Blinkern und Dreifach-Scheinwerfern vermittelt sofort: Ich bin ein großer, starker Roller – auch der 125er kommt so daher, er unterscheidet sich von den beiden Top-Modellen nur in der Motorisierung und elektronischen Add-ons.

Der Schwung setzt sich fort an den Seiten. Dort mäandern als Ausdruck der neuen Piaggio-Formensprache jetzt zwei Wellen entlang der Verkleidung; unterstützt wird die Bewegung durch ein metallisches Insert-Band, das die Verkleidungen beim Umfallen stützen soll. Ob das stimmt, wird sich zeigen, ob die neuen Linien beim Publikum ankommen, ebenfalls. Mann muss sie nicht lieben, die X10-Piaggios, aber Technik und Preis stimmen.