30 Oktober 2006

Zufall - Unfall: The Rambling Man Duane Allman

Gestern war ich auf regennassen Straßen in der holsteinischen Schweiz und in der Gegend von Ratzeburg unterwegs.

Seit langer Zeit mal wieder mit dem iPod unterm Helm und im Jukebox-Modus - Musik also nach dem Zufallsprinzip - na, ja, relativ zufällig aus der großen eigenen Bibliothek.

Jedenfalls hat es leicht gerieselt und es war eigentlich nicht gerade angenehm zu fahren - wäre da nicht zufällig der eine oder andere Song gewesen, der die Tropfen metal vom Visier gefegt hätte - z.B. "Layla" von "Derek and the Dominos". Ein altes Blues-Rock-Stück, aufgenommen Anfang der Siebziger Jahre von Eric Clapton und Freunden.

Heute morgen jedenfalls habe ich aus einem Instinkt heraus "Derek and the Dominos" gegooglet und bin zufällig auf auf den Namen des Gitarristen gestoßen, der die Takes auf "Layla and Other Assorted Love Songs" mit Clapton aufgenommen hat: Duane "Skydog" Allman.

Duane Allman ist zufällig gestern vor 35 Jahren bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. Der Unfallhergang: Nach einer Party für Linda Oakley, der Frau des Bassisten der "Allman Brothers Band", kollidierte Allman auf seiner Harley Sportster in Macon, Georgia mit einem abbiegenden Tieflader, der ihm die Vorfahrt genommen hatte.

Duane Allman, der vom Rolling Stone zum zweiwichtigsten Gitarristen der siebziger Jahre nach Jimi Hendrix gewählt worden war, starb am 29. Oktober 1971 an schweren inneren Verletzungen - nur wenige Monate, nachdem die beiden Allman-Brüder Duane und Gregg zusammen mit Bassist Berry Oakley den Klassiker "The Allman Brothers at Fillmore East" aufgenommen hatten.

Fast auf den Tag genau ein Jahr später - am 11. November 1972 - starb zufällig an der gleichen Stelle Bassist Berry Oakley, als er mit seiner Triumph von einem Schulbus gerammt wurde.

Die bekanntesten Stücke, die Duane Allman neben "Layla" interpretiert hat, sind "Hey Jude" mit Wilson Pickett, "Southbound", "Rambling Man", "Statesboro Blues", "Livin on the open road" und das zum Niederknien schöne "Please be with me" im Duett mit Cowboy:

"Won't you please read my signs be my gypsy
Tell me what I hope to find deep within me
Because I cant see my mind please be with me.
"

Nach Duane Allmans Tod brachte die Band als nächste Platte "Eat a Peach" heraus - Duane hatte in einem der letzten Interviews vor seinem Tod auf die Frage "How do you help the revolution?" geantwortet: "There ain't no revolution, only evolution, but every time I'm in Georgia I eat a peach for peace. "

© Jochen Vorfelder

Namibia III: Fußballfans im Stammesland


Nach Khorixas, wo wir unsere Vorräte auffrischten, und den Felsgravuren bei Twyfelfontein lag das Brandberg-Massiv mit der berühmten "White Lady"-Felszeichnung auf der Route. Hinter unserer einheimischen Führerin Belinda - "Hello, I'm you black lady for the White Lady, you follow" - stiegen wir in die Tsisab-Schlucht zu der schätzungsweise 2000 Jahre alten Abbildung eines jungen Kriegers mit Pfeil und Bogen, den europäische Antropologen nach seiner Entdeckung als Frau gedeutet hatten.

Dort, wo das Brandberg-Massiv weithin sichtbar aus der Trockensavanne ragt, und Sand der ältesten Wüste der Welt in die schroffen Tälern des zentralen Plateaus weht, haben Damara wie San vor der Ankunft der weißen Siedler als Jäger und Hirten gelebt. Dort stießen wir auf ein Namibia, wie wir es gesucht hatten: rauher, ursprünglicher, archaischer. Stammesland.


Keine asphaltierten Straßen mehr; Schotter und Sand führten zu weit abgelegenen Damara-Siedlungen mit versprengten Ziegenherden und rotznäsigen Kindern, denen wir Äpfel schenkten. Mit ihnen radebrechten wir auf Englisch über Collin Benjamin, den einzigen namibischen Fußballprofi in der Bundesliga.

Der Regen hatte aufgehört. Wir hatten uns in unserem Ferienheim auf vier Rädern zurechtgeruckelt. Ich schrieb auf: "Camping, so heißt es, sei erdverbunden und entspannend. In der Tat. Das Leben reduziert sich auf nomadische Fortbewegung und auf die existenziellen Dinge des Lebens wie Lagerbau, Essenszubereitung und Sex unterm Sternenhimmel."

Meist genehmigten wir uns ein spätes, ausgedehntes Frühstück und fuhren dann selten mehr als 200 Kilometer am Tag. An manchen Orten wie den Tiras-Bergen im Süden oder der Gästefarm Okambara knapp zwei Stunden östlich von Windhoek blieben wir einfach stehen, weil wir nicht wussten, wo es schöner sein sollte.

Abends machten wir Quartier auf einem der Stellplätze, die überall auf den Gästefarmen und Lodges zu finden sind. Wir grillten riesige Kudu- und Impalasteaks, die wir von den Farmersfrauen gekauft hatten, tranken dazu südafrikanischen Wein, namibisches Bier und wurden erschlagen von den überwältigenden Sonnenuntergängen. In manchen Nächten waren wir mutterseelen allein und hörten am Lagerfeuer nur den Wind und ein Rascheln im Unterholz.


Fortsetzung folgt.

© Jochen Vorfelder

26 Oktober 2006

"Mit Herz und Hand" startet heute am 26.10.

Über den deutschen Verleih, der aus dem Originaltitel des Film "The World's Fastest Indian" den nichtssagenden und völlig bescheuerten deutschen Titel "Mit Herz und Hand" gemacht hat, habe ich bereits bei meiner Besprechung vom 5. Oktober rumgenölt. Der Film startet nun heute - warum er verschoben wurde, kann mir keiner bei Universal sagen. Egal.

Aber da wir schon mal beim Rumkritteln sind - wie die Publikumsansprache und die stategische Platzierung eines Films durch den Vorfilm funktioniert, zeigt der Vergleich zwischen dem amerikanischen Trailer, der auf wenige klare Claims, kurze fetzige Actionszenen und ein Stakkato von schnellen Schnitten setzt. Dagegen der deutsche Vorfilm - elegische Musik, Ausschnitte aus Dialogen und wachsweiche Farben. Ja, bin ich denn im gleichen Film?

Hier der amerikanische Trailer:


Und hier im Vergleich dazu der Link zum deutschen Vorfilm bei UCI-Kinowelt.

Der Platzwart

24 Oktober 2006

Namibia II: Wasserschlacht im Trockenraum

Ankunft in Windhoek; der Wagen - ein geländegängiger Nissan 4X4 mit kompletter Camping-Ausrüstung, den wir bei ASCO übers Internet gebucht hatten - war in perfektem Zustand. Er erfüllte sogar Christianes absolute Priorität, das Schlafzelt auf dem Fahrzeugdach: "Du glaubst doch nicht, dass ich in einem Nationalpark mit Löwen und Nashörnern auf dem Boden schlafe?"

Kaum waren wir vom Hof gerollt, fing es an zu regnen. Ohne Ende. In den nächsten Tagen fielen die höchsten Niederschläge in Namibia seit Menschengedenken; es gab keinen Fluss, der nicht über die Ufer trat. Wir strichen also den äußersten Norden, die angolanische Grenze und den tropischen Caprivi-Strip, ebenso den überschwemmten Fish River Canyon ganz im Süden und ließen es langsam angehen.

Die ersten Tage: ein Abstecher zum Naturpark am Waterberg-Plateau, wo vor hundert Jahren deutsche Kolonialtruppen unter General von Trotha den Herero-Aufstand erbarmungslos niederkartäscht hatten, und dann das erste Glanzlicht: den Etosha.

Wasser überall. In Okaukuejo, einem der drei staatlichen Camps, saßen wir unter einem stahlgrauen Himmel; am Horizont bauten sich stündlich dunkle Gewitterfronten auf. Wir kauften uns einen Schirm im Andenkenladen, gingen oft ins überdachte Restaurant und ich kritzelte in mein Notizbuch: "Wir sind im falschen Film. Das hier ist nicht Namibia. Keine trockene Savanne, kein roter Staub wie in diesen Afrika-Historienschinken bei ARD oder ZDF, sondern schlammige, feuchte Hölle."

Die berühmte Etosha-Salzpfanne war wahrscheinlich seit ihrem Ausdorren vor hunderttausend Jahren nie mehr so ausufernd überschwemmt, das Gelände nie so saftig grün gewesen. Das erfreute die Ranger und die Moskitos, uns weniger. Nach zwei Tagen, an denen wir auf der Suche nach Löwen und Elefanten Zickzack durch den Park gefahren und außer nassen Giraffen, Zebras, alten Gnu-Bullen und wiederkäuenden Antilopen wie Impala, Kudu, Oryx oder Springbock nur ebenso verzweifelte Automobilisten mit Ferngläsern gesichtet hatten, steckten wir deprimiert zurück.

Christiane: "Vergessen wir halt die Nashörner und die Wasserbüffel, es geht im Urlaub doch um die Erholung, oder?" Aber zumindest einen Elefanten, zum Sonnenuntergang, den wollten wir erzwingen. Wir fuhren zum Kalkheuwel - eine sichere Bank, hatte man uns versichert, einer Tränke mit quasi Elefantengarantie - und parkten für Stunden unter einem Kameldornbaum mit Blick auf die Wasserstelle. Das war sehr meditativ und erholsam, doch das Loch war ein kleiner See und im wogenden Gras kaum zu sehen. Es gab viele schöne Vögel und seltsame Trappen.

Die Elefanten und anderen großen Tiere waren allerdings in den Weiten des Nationalparks, immerhin eine Fläche von der Größe Hessens, verschwunden. Das wars. Wir warfen unser nasses Hab und Gut in den Pickup und machten uns ebenfalls aus dem Staub - nach Süden.

Fortsetzung folgt

© Jochen Vorfelder

23 Oktober 2006

Harleys des "King of Cool" im Angebot

Steve McQueen war Hollywoods erster Action-Star und „King of Cool“. Doch im Herzen war er ein Sammler und Schrauber. Von den 210 Motorrädern, die sich in seinem Nachlass fanden, werden nun einige in Los Angeles versteigert.

Wenn am 11. November ab 11:00 Uhr im Petersen Automotive Museum in Los Angeles der Auktionshammer fällt, werden illustre Gäste erwartet. Neben George Clooney haben noch andere Showbiz-Größen ihr Kommen angekündigt.

Der Grund: Das Auktionshaus Bonhams & Butterfields bietet insgesamt 216 Stücke aus dem gewaltigen Nachlass der 1980 verstorbenen Legende Steve McQueen an.

Ganze Story und weitere Links bei zeit.de

Photo unten: 1920er Indian Powerplus ‘Daytona’ Rennmotorrad, © Bonhams & Butterfields

Der Platzwart

Namibia I: Auf der Suche nach den Big Five

Im Urlaub kann ich auf Menschenansammlungen größerer Art gut verzichten. Klar, so ein Trip nach - na, sagen wir Paris - mit Kunst, Kultur und Nightlife ist etwas Feines.

Aber irgendwie rauschen volle Bistros und elegante Boulevards laut und bunt an mir vorbei und die Erinnerung an sie verblasst nach kurzer Halbwertszeit. Nein, für mich sind es die einsamen, ruhigen Momente irgendwo draußen, die sich als die bleibenden Eindrücke tief ins Gedächtnis eingraben.

Auch in Namibia, im Sossusvlei, gab es wieder so einen Moment. Es war ganz früh am Morgen; die Dämmerung zögerlich gewichen. Ich kniete im Sand und notierte ins Reisetagebuch: "Gleich steigt die Sonne über die Naukluft-Berge. Die Gipfel stehen wie Scherenschnitte am Horizont."

Dann kam das Licht. Wie Stahl aus dem Hochofen ergoss sich die Helligkeit über die mächtigen Dünen und floss durch die Senke, der wir in unserem Geländewagen eine Stunde gefolgt waren. Sprachlos verfolgten Christiane und ich vom Kamm einer Düne, wie Sossusvlei, die riesige Lehmpfanne tief in der Namib-Wüste, zum Leben erwachte: Die Rottöne oszillierten vor den Augen wie unter Droge, die Kameldornbäume warfen lange Schatten, die über die Ebene mit dem Buschmanngras rasten.

Ein Lüftchen weckte den See, der sich nach den Regenfällen der letzten Tage gebildet hatte, und Antilopen anlockte. Eine Oryx stieg aus dem weiten Bett des Tsauchab-Flusses und nahm vorsichtig Witterung auf. Ich machte mir eine weitere Notiz: "Das Intermezzo zwischen Dunkelheit und grellem Tag ist die Mußestunde der Wüste; dann zeigt sie sich von ihrer milden Seite."


Rückblende. Unser Plan für Afrika war simpel gewesen. Möglichst unberührte Natur erleben, dabei immer auf eigene Faust unterwegs sein, und so viele Tiere wie möglich sehen - da kommt nur Namibia in Frage. Also mieteten wir einen Camper, um drei Wochen quer durchs Land der San, Himba, Ovambo, Damara, Herero, Nama und der weißen Nachkommen der Buren und deutschen Südwester zu fahren.

Und wir nahmen uns vor, die berühmten "Big Five" zu erlegen: Löwe, Leopard, Elefant, Nashorn und Wasserbüffel - früher ein blutiges Initiationsritual für hartgesottene Kolonialisten und Waidmänner, heute der Ehrgeiz jedes Fototouristen mit Teleobjektiv.

Die besten Chancen, das hatten die Frau und ich noch schnell im Flieger gelesen, hat man im Etosha-Nationalpark im Norden: "Eins der größten afrikanischen Tierreservate, mit endloser Steppe und einer beeindruckenden Zahl von leicht zugänglichen Wasserstellen." Das schien ideal für unsere digitale Trophäenjagd; wir planten wie empfohlen drei Tage vor Ort ein.

Teil II folgt.

© Jochen Vorfelder

18 Oktober 2006

MotoGP: The Doctor und die Honda-Kannibalen

Update 1: Ausführliches Interview mit Nicky Hayden

Update 2: Kurzes Statement von Dani Pedrosa

Schauen Sie Formel 1? Manchmal? Ich eher gar nicht.

Weil mir das Umrunden enger Parcours auf vier Rädern zu langweilig geworden ist: kaum Platz zum Überholen, Positionswechsel durch den Halt an der Tankstelle, und vor allem harte Stallregie.

Nicht geschieht ohne Plan. Keine fährt und fällt aus der Reihe.

Wo kämen wir auch hin, wenn z. B. beim Ferrari-Rennstall Roukie Massa dem Übervater Michael Schuhmacher den Titel dadurch wegnehmen würde, indem der ihn in der entscheidenen Phase der WM bei 300 Stundenkilometer und ohne Not von Hinten rammen und von der Strecke schiebt? Unvorstellbar? Sicherlich in der Formel 1, aber gang und gebe in der MotoGP... Auch wenn's da genauso bescheuert ist.

Doch jetzt mal von Vorne: Bis zum Rennen am vergangenen Sonntag in Estroril/Portugal führte der amerikanische Repsol-Honda Fahrer Nicky Hayden - aus verschiedenen Gründen von seinem Team eher ungeliebt - die Fahrerwertung an; mit wenigen Punkten vor Valentino "The Doctor" Rossi, dem Yamaha-Fahrer, italientischen Nationalhelden, und eigentlichen Titelfavouriten.

Abgeschlagen in den Rängen mit nur noch vagen Chancen auf den Titel: Der Spanier Dani Pedrosa, ebenfalls Repsol-Honda, erst seit zwei Jahren in der Klasse, aber von den Japanern auserkoren, die Nachfolge Rossis als Weltmeister anzutreten.

Bis zur sechszehnten Runde ging alles seinen üblichen Gang: Rossi versuchte sich an der Spitze von seinem Yamaha-Mann Colin Edwards gut abgeschirmt vom Rest des Feldes abzusetzen, Hayden fightete um den schwindenden Titel (er hatte in den letzten Rennen eine komfortable Führung verloren), und Pedrosa hielt die beiden (und den Yamaha-Mann Edwards) vor sich auf Schlagdistanz, um die allerletzten Chancen für sich zu wahren.

In dieser Konstellation und zu diesem frühen Zeitpunkt des Rennens - die normalerweise durch Sekundenbruchteile in der letzten Runde entschieden werden - muß irgend etwas in Pedrodsas Kopf Klick gemacht, irgendeine Synapse sich veheddert, irgendein rationales Zentrum ausgesetzt haben - in dieser Linkskurve innen am Teamkameraden Hayden vorbeiziehen zu wollen, grenzt an suizidalem Fatalismus. Mein erster, zugegebenermaßen perverser Gedanke: Mit soviel Gleichmut begeben sich Selbstmordattentäter auf ihre letze Fahrt.

Anyway, es kam wie es kommen mußte: Pedrosas Vorderrad schmierte auf der Berandung der Strecke weg und der einzige Weg, der der schlitternden Fracht aus Mensch und Maschine noch blieb, was geradewegs in Haydens Hinterrad. Pedrosa schoß nicht nur sich ab und verholte Hayden gleich mit ins Kiesbett, sondern reduzierte die bis Sonntag durchweg realistischen Hoffnungen Hondas, sich den Titel von Rossi/Yamaha zurück zu holen, auf ein marginales Minimum.

Allen war das bewußt, innerhalb von Sekunden nach dem Sturz: Die Videosequenz von Nicky "The Kentucky Kid" Hayden zeigt den normalerweise ruhigen, gefassten Amerikaner in einem Zustand, den seine Landsleute mit den Ausdrücken "going ballistic" oder "going through the roof" umschreiben.

Vor dem letzten Rennen in Valencias Ende dieses Monate führt nun Rossi mit einigen Punkten vor Hayden und kann den Vorsprung nach Hause fahren; der Amerikaner muß gewinnen und Rossi weit zurücklassen, um noch zu triumphieren.

In der Branche rätselt man nun: Warum bekämpfen sich die Honda-Piloten bis aufs Messer, gab es bei Repsol-Honda keine Stallorder, war der Ausrutscher gar Absicht? Hilft Pedrosa Hayden in Valencia und gibt es wieder einen unerklärlichen Fahrerfehler? Wir sind gespannt. Und wissen vor allem wieder, warum wir MotoGP der montonen Formel 1 vorziehen.

Hier schon mal als Einstimmung die Wahnsinnsfahrt von Pedrosa bei youtube....



© Jochen Vorfelder

17 Oktober 2006

Rennsport: Akkuschrauber-Cup powered by Black & Decker

Ach, wie so eine Messe blendet: Nach den Tagen auf der INTERMOT, die doch eher vom lauten und hochmotorisierten Geschehen geprägt waren, verliert man viel zu leicht den Blick für die stillen, aber erhabenenen Ereignisse, die den Alltag auf zwei Rädern so wohlfeil machen.

Schauen wir doch einmal nach Hildesheim wie die Kollegen von Spiegel Online, die Korrespondentin Antonia Götsch zum Rennen der Akkuschrauber entsandten. Doch, es gibt diese Dinge, die es gar nicht gibt, und erwachsene Männer - na, ja zumindest Studenten der technischen Maschinenbaudiziplinen und der Designkunst - waren daran beteiligt:

"11 Teams von 9 Hochschulen aus Deutschland und der Schweiz sind am 14.10.06 im Flughafen Hildesheim gegeneinander angetreten: mit Gefährten, die von einem Akkuschrauber betrieben wurden. 1400 Gäste besuchten das Spektakel und feuerten die Teams begeistert an. Am Ende siegte das Team 30+ von der Fakultät Gestaltung der HAWK Hildesheim."

Mehr dazu bei akkuschrauberrennen.de

Der Platzwart

16 Oktober 2006

INTERMOT-Nachlese: Immer mehr Modelle für den engen Markt

Nach fünf Tagen - mit 187.000 Zuschauern und knapp 20 Prozent weniger Besuchern als prognostiziert - ist am Sonntag die Kölner Motorradmesse INTERMOT zu Ende gegangen.

Für die Veranstalter, die die Messe aus München zurückholten, "einfach ein sensationelles Erlebnis". Die Aussteller hingegen blicken mit gemischten Gefühlen auf die Veranstaltung zurück: Die Besucher waren offensichtlich von den 2007er Modellen angetan, aber der Markt stagniert weiter.

Doch was gab es nun Bemerkenswertes bei den wichtigsten Herstellern?


BMW - Junge Einzylinder im Baukastensystem

Die Münchner müssen dringend neuen Käuferschichten - wesentlich jünger als der bisherige BMW-Fahrer - erschließen. Sie präsentierten deshalb in Köln gleich drei Spielarten der G 650 X-Baureihe: die "Hard-Enduro" G650 Xchallenge, die "Streetmoto" G650 Xmoto (im Bild) und die "Scrambler" G650 Xcountry.

Die drei Maschinen - allesamt cool durchgestylt - basieren auf dem modifizierten 650 ccm-Einzylindermotor aus der F 650 GS, bringen 53 PS bei rund 160 Kilo Leergewicht und sind als erste Maschinen in dieser Klasse auch mit ABS zu haben.


Honda - Variationen des Bewährten

Honda hatte in der Halle 5.1 zwar den größten Stand auf der Messe - über 2100 Quadratmeter - aber nichts Bahnbrechendes zu bieten: den 2007er Supersportler CBR 600 RR (im Bild), jetzt mit mehr Leistung und noch weniger Gewicht. Aber brauchen wir wirklich Maschinen, die sich nur noch im Grenzbereich auf der Rennstrecke vage unterscheiden?

Ein Lichtblick zumindest: Die gute alte Tante Goldwing wird als erste Maschine auf dem deutschen Markt mit einem Fahrer-Airbag ausgeliefert. Der Aufpreis für das Pro-Modell mit dem Prallschutz und dem Navigationssystem liegt gegenüber der Standard-Ausführung bei rund 3000 Euro.


Harley-Davidson - Anleihen aus der Rennabteilung

Harley-Davidson geht's gut - der Umsatz mit den Chromschiffen und dem passenden Zubehör ist 2005 wieder um über zehn Prozent gestiegen. Doch bisher hatten die Modell-Strategen aus Milwaukee und Mörfelden keine Antwort auf die japanischen und bayrischen Sportler. Das soll sich mit dem vorgestellten XR 1200-Prototypen ändern.

Die sportliche XR 1200 (im Bild), die noch 2007 kommen soll, basiert in Philosophie und Design auf den legendären Dirt Track Racern XR 750, bringt aber schätzungsweise 88 PS aus 1200 ccm auf die Straße. Weiter im Paket: Sportfahrwerk, Upside-Down-Gabel von Showa und Dunlop-Qualifier-Reifen.


Benelli - Italo-chinesische Modelloffensive

Seit Benelli im Oktober 2005 von der chinesischen Qianjiang-Gruppe übernommen wurde, die pro Jahr rund eine Million Motorräder bis 150 cm³ baut, haben die Konstruktions- und Designabteilungen unzählige Überstunden gemacht.

In Köln wurden nach nur zehn Monaten Zusammenarbeit drei Studien - ein Einzylinder- Crosser, ein Zweizylinder-Tourer und ein Roller - gezeigt.

Ob und wann aus den Studien allerdings reale Angebote werden sollen - Antwort Fehlanzeige. Statt dessen weiter im Angebot - die Benelli Trek 1103 (im Bild), ein flotter Zweisitzer aus der Trendklasse der Urban Sport-Adventure Bikes, im Modelljahr 2007 auch als Sondermodell Amazonas mit grobstolliger Bereifung.


Ducati - Vertröstungen auf Mailand

Wenig Spektakuläres am Ducati-Stand. Die bekannte Vorstudie der Hypermotard, die DesmosediciRR zum Weiterträumen (im Bild), eine Zweifarb-Lackierung in Metallicschwarz/Creme für die GT 1000 und rote Verkleidungen in der SportClassic-Abteilung.

Die Multistrada 1000 (sowohl als DS als auch als S DS) heisst 2007 nun 1100, wird auf 1083 ccm aufgebohrt und hat noch mehr Durchzug.

Der Grund für die Zurückhaltung: Die Überraschungen haben sich Ducati und die anderen Italiener für die Hausmesse EICMA ab dem 14. November in Mailand aufgehoben.


Suzuki - Der König kommt spät und ist hässlich

Detailverbesserungen: Die Bandits bekommen wassergekühlte Motoren, die gleichbleibende Leistung bringen. Die Rollerpalette wird ausgebaut. Die GSX-R 1000 hat drei am Lenker anwählbare Leistungscharakteristika.

Doch was alle interessierte: Wie sieht die seit Jahren erwartete B-King, das Leistungsmonster mit der Hayabusa-Motor, nun tatsächlich aus? Lächerlich. Von vorne wie ein Billigroboter aus Star Wars. Von hinten wie ein weißäugiger Zyklop mit Fledermausohren.


Triumph - Der Triumph der Modellpflege

Vor einem Jahr hätte ich auf die Zukunft der Tiger Reiseenduro kein Euro verwettet: eine technisch erprobte, aber in Sachen Design in die Jahre gekommene Veteranin. Seit Köln gilt es, vor Triumph Kotau zu machen. Die liebevoll neu gezeichnete Tiger (im Bild) mit dem 115 PS starken Dreizylindermotor ist eine echte Herausfordererin der GS, der Multistrada und der Varadero.

Zu beobachten am Triumph-Stand: Man braucht nicht jedes Jahr neue Modelle, wenn man einige Klassiker von zeitlosem Wert wie die Tiger, die Bonneville oder die Scrambler im Programm hat.


Kawasaki - Weg vom giftgrünen Image

Wer - sagen wir mal zwei Jahre - die Kawasaki-Modellpalette ignoriert hat, wurde am Kölner Stand positiv überrascht.

Das Zerrbild der giftgrünen Hooligan-Bikes verblasst; trotz der Sportler und des aggressiven Streetfighters Z 1000. Nicht nur durch die fein weiterentwickelte ER-6-Linie, sondern seit Köln auch durch die feine Versys (siehe Bild.)

Die hat den gleichen Zweizylinder-Motor wie die ER-6er, aber durch das elegant designte Kleid weit mehr Potential: Auf der Basis dieses Konzept sind noch interessante Folgemodelle möglich.


KTM - Scharfe Ware für Kurvenflitzer

Am KTM-Stand gab es kontroverse Debatten: Die technischen Daten der neuen Supermoto 690 mit 63 PS (im Bild) waren allseits akzeptabel.

Die verbalen Auseinandersetzungen wurden um das nadelscharfe Design mit den doppelten Endschalldämpfern in Form von fast senkrecht stehenden Ofenrohren geführt. Den einen hats gefallen, die anderen fanden es potthässlich. Geschmackssache.

Interessant auch die vorsichtigen Schritte der Österreicher in andere Marktsegmente - die 990 Adventure wurde in voller Montur mit Topcase, Koffer und Navigator und damit als sportliche Alternative zu den alten Platzhirschen in der Reiseenduro-Klasse gezeigt.


Hyosung - Kampfpreise aus dem Osten

Beispielhaft für die Motorrad- und Rolleroffensiven der taiwanesischen, chinesischen und koreanischen Hersteller, die in ihrer Masse die größte Gruppe der Aussteller in Köln stellten: Hyosung.

Die Südkoreaner präsentierten Roller jeglicher Coleur und Motorräder, die auf den ersten Blick technisch überzeugten, aber irgendwie bekannt wirkten.

Hyosungs Sportcruiser GV 650 (siehe Bild) ist mit 6820 Euro vergleichweise billig - aber wer will den Nachbau der Harley V-Rod fahren?

Auf der nächsten Messe im Oktober 2008 kennen wir die Verkaufszahlen und wissen, ob die asiatischen Hersteller den Markt aufrollen.

© Jochen Vorfelder

09 Oktober 2006

INTERMOT 2006: Messe der guten alten Neuheiten

Die Motorradmesse INTERMOT 2006 öffnet am 11. Oktober in Köln. Die Hersteller kündigen diverse Modell-Premieren an, aber haben ein Problem: Wie verkauft man Neues, wenn es so richtig Neues nicht gibt?

Nehmen wir für einen Moment mal an, ein Historiker gäbe im Jahr 2020 im Google-Welt-Archiv, historische Abteilung Medieval Digital Ages, die Suchworte „Oktober 2006 Motorradmesse Intermot“ ein.

Und stellen wir uns weiter vor, er grenzte die 18.694 Treffer weiter ein, indem er einen intelligenten Suchrobot mit seiner Frage “Was gab es damals für aktuelle Motorrad-Trends?“ losschickt.

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Der Platzwart

05 Oktober 2006

„The World's Fastest Indian“: Filmstart wird auf den 26.10. verschoben

Anthony Hopkins macht aus dem Roadmovie über einen alten Kauz und sein Indian-Motorrad eine dichte Charakterstudie. Der deutsche Verleih vermasselt es mit dem unsäglichen Titel “Mit Herz und Hand“ und verschiebt den Start kurzfristig vom 5.10. auf den 26.10. Schade.

Anthony Hopkins? Wer an Hopkins denkt, denkt sofort an böse Menschen. Zumindest erinnert man sich ungern an die Zeitgenossen, denen er in seinen besten Filmen Statur verleiht. Beispiel Richard Nixon. Der Brite Hopkins spielte uns 1995 einen furchterregenden Machtmenschen im Oval Office: misstrauisch, verwirrt; ein fast autistischer Verschwörer.

Oder Hannibal Lecter. Der hochintelligente Serienkiller aus dem „Schweigen der Lämmer“ herrscht über seine Opfer und das FBI in Person von Jodi Foster wie über Figuren auf einem Schachbrett. Er sitzt hinter Gittern, doch er hat eine Waffe – es sind Lecters Augen, seine Blicke, die wie Skalpelle in die Gefühle der Zuschauer schneiden. Hopkins ist ein Virtuose der Kunst, einem Charakter eine Aura der Gewalt, des Willens und der Macht zu geben. Seine Figuren sind Kunstwerke der Suggestion.

Warum also spielt jemand wie Hopkins nun den harmlosen Rentner Burt Munro, der sein Leben in einer Motorradwerkstatt verbringt? Dessen Geschichte ist schnell erzählt: Munro, ein exzentrischer Kauz und Einzelgänger, bastelt seit Dutzenden von Jahren im neuseeländischen Invercargill an seiner alten Indian Scout V-Twin – und nervt seine Nachbarn mit nächtlichen Motorentests.

Munro will herausfinden, wie schnell der umgebaute Oldtimer Baujahr 1920 eigentlich läuft - und zwar nicht zu Hause in Neuseeland, sondern während der jährlichen „Speedweeks“ auf den berühmten Salzseen von Bonneville/Utah. Bevor seine Maschine allerdings über die Ebene fliegt, muss Munro nicht nur einen Herzinfarkt, sondern auch eine epische, chaotische Reise von Down Under bis Utah überstehen. Als Munro halb taub und im für Rennfahrer reichlich fortgeschrittenen Alter in Utah ankommt, hat der Film ihn und uns mit einigen illustren Zufallsbekanntschaften zusammengeführt: mit einem Indianer, der ihm die Prostata heilen will, einer unternehmungslustigen Witwe, die von einer Schnelltrauung träumt, und einem Transvestit mit ganz großem Herz.

Ein Film mit solch wunderlichem Personal kann leicht ins Peinliche abrutschen – dass „The World's Fastest Indian“ elegant die Kurve kriegt, hat zwei Gründe.

Ad eins: Die Figur Burt Munro und die meisten Details der Geschichte sind nicht am Schreibtisch eines Drehbuchschreibers entstanden. Burt Munro lebte von 1899 bis 1978 in Invercargill und hat in den sechziger Jahren bei seinen Ausflügen nach Utah bis heute gültige Rekorde aufgestellt. Im Jahr 1967 erreichte er mit der auf 950 ccm aufgebohrten Indian eine Höchstgeschwindigkeit von 295,44 km/h – auf einer Maschine, die im Vergleich zu den Firmen-gesponserten Konkurrenten so anachronistisch war wie Munro selbst.

1963, als Munro zum ersten Mal in Bonneville antrat, hatte die Marke Indian ihre besten Tage längst gesehen. 1901 und damit zwei Jahre vor der amerikanischen Ikone Harley-Davidson gegründet, entwickelte sich Indian in den zwanziger Jahren zur führenden amerikanischen Motorradmarke. Die riesigen V-Zweizylinder-Viertakter-Motoren in den Scout- und Chief-Modellen waren berühmt für ihre Zuverlässigkeit und machten bis in die vierziger Jahre Harley-Davidson den Spitzenplatz auf dem amerikanischen Markt streitig. Während des Zweiten Weltkriegs expandierte Indian und begann, Flugzeug- und Bootsmotoren zu bauen. Damit hatte sich die Firma übernommen; 1953 wurden die Montagehallen in Springfield, Massachusetts, – von den Indian-Fahrern liebevoll als „The Wigwam“ tituliert – für immer geschlossen. Die schnellste Indian kam erst 14 Jahre später auf die Straße – als Eigenbau von Burt Munro.

Ad zwei: Anthony Hopkins verleiht der Figur des dickköpfigen Zausels ungeahnte Tiefe, weil hinter der Schrulligkeit eine Standfestigkeit und ein fester Glaube aufblitzt, der heutzutage leider etwas aus der Mode gekommen ist. „Ich wollte Munro unbedingt spielen, weil seine Geschichte eine Erfahrung von fast spritueller Qualität ist. Seine Überzeugung, seine Hartnäckigkeit, sein Mut, sich auf die schnellste Rennstrecke der Welt mit den besten Fahrern zu messen, das hat mich zutiefst fasziniert“, gab Anthony Hopkins auf die Frage, was ihn zu dieser Rolle bewegt habe, zu Protokoll.

Und so gesehen, ist der Weg von Hannibal Lecter zu Burt Munro nicht sehr weit: Hier der tödliche Psychopat, dort der mörderisch schnelle Überzeugungstäter. Zwei Männer, die völlig von sich überzeugt in ihrer eigenen Welt leben. Und auch Burt Munro schreckt vor Gewalt – Gewalt gegen sich selbst – nicht zurück; vor einem Rekordversuch mit der Indian schluckt er eine Nitroclyzerin-Tablette gegen seine Herzbeschwerden. Ein einziger Blick in die Kamera, und der Zuschauer weiß Bescheid: Entweder er steht das durch oder er stirbt, doch aufgeben wird Munro nicht. Wer sollte einen solchen Blick besser rüberbringen können als Anthony Hopkins?

© Jochen Vorfelder

Regisseur Roger Donaldson hat Anfang der Siebziger bereits die preisgekrönte Fernsehdokumentation „Offerings to the God of Speed“ über Burt Munro gedreht. Sein aktueller Film „The World's Fastest Indian“ läuft nicht wie lange angekündigt ab 05.10.06, sondern erst ab 26.10. in ausgewählten Kinos. Der deutsche Verleih hat ihm aus unerfindlichen Gründen den nichtssagenden Titel „Mit Herz und Hand“ gegeben.

Mehr Infos:
Trailer zum Film
der Neusseländer Burt Munro
Geschichte der Indian-Motorräder

Foto: Anthony Hopkins als Burt Munro im Film "Mit Herz und Hand", © New Zealand Film Production Fund