
Nach fünf Tagen - mit 187.000 Zuschauern und knapp 20 Prozent weniger Besuchern als prognostiziert - ist am Sonntag die Kölner Motorradmesse INTERMOT zu Ende gegangen.
Für die Veranstalter, die die Messe aus München zurückholten, "einfach ein sensationelles Erlebnis". Die Aussteller hingegen blicken mit gemischten Gefühlen auf die Veranstaltung zurück: Die Besucher waren offensichtlich von den 2007er Modellen angetan, aber der Markt stagniert weiter.
Doch was gab es nun Bemerkenswertes bei den wichtigsten Herstellern?
BMW - Junge Einzylinder im Baukastensystem
Die Münchner müssen dringend neuen Käuferschichten - wesentlich jünger als der bisherige BMW-Fahrer - erschließen. Sie präsentierten deshalb in Köln gleich drei Spielarten der G 650 X-Baureihe: die "Hard-Enduro" G650 Xchallenge, die "Streetmoto" G650 Xmoto (im Bild) und die "Scrambler" G650 Xcountry.
Die drei Maschinen - allesamt cool durchgestylt - basieren auf dem modifizierten 650 ccm-Einzylindermotor aus der F 650 GS, bringen 53 PS bei rund 160 Kilo Leergewicht und sind als erste Maschinen in dieser Klasse auch mit ABS zu haben.
Honda - Variationen des Bewährten
Honda hatte in der Halle 5.1 zwar den größten Stand auf der Messe - über 2100 Quadratmeter - aber nichts Bahnbrechendes zu bieten: den 2007er Supersportler CBR 600 RR (im Bild), jetzt mit mehr Leistung und noch weniger Gewicht. Aber brauchen wir wirklich Maschinen, die sich nur noch im Grenzbereich auf der Rennstrecke vage unterscheiden?
Ein Lichtblick zumindest: Die gute alte Tante Goldwing wird als erste Maschine auf dem deutschen Markt mit einem Fahrer-Airbag ausgeliefert. Der Aufpreis für das Pro-Modell mit dem Prallschutz und dem Navigationssystem liegt gegenüber der Standard-Ausführung bei rund 3000 Euro.
Harley-Davidson - Anleihen aus der Rennabteilung
Harley-Davidson geht's gut - der Umsatz mit den Chromschiffen und dem passenden Zubehör ist 2005 wieder um über zehn Prozent gestiegen. Doch bisher hatten die Modell-Strategen aus Milwaukee und Mörfelden keine Antwort auf die japanischen und bayrischen Sportler. Das soll sich mit dem vorgestellten XR 1200-Prototypen ändern.
Die sportliche XR 1200 (im Bild), die noch 2007 kommen soll, basiert in Philosophie und Design auf den legendären Dirt Track Racern XR 750, bringt aber schätzungsweise 88 PS aus 1200 ccm auf die Straße. Weiter im Paket: Sportfahrwerk, Upside-Down-Gabel von Showa und Dunlop-Qualifier-Reifen.
Benelli - Italo-chinesische Modelloffensive
Seit Benelli im Oktober 2005 von der chinesischen Qianjiang-Gruppe übernommen wurde, die pro Jahr rund eine Million Motorräder bis 150 cm³ baut, haben die Konstruktions- und Designabteilungen unzählige Überstunden gemacht.
In Köln wurden nach nur zehn Monaten Zusammenarbeit drei Studien - ein Einzylinder- Crosser, ein Zweizylinder-Tourer und ein Roller - gezeigt.
Ob und wann aus den Studien allerdings reale Angebote werden sollen - Antwort Fehlanzeige. Statt dessen weiter im Angebot - die Benelli Trek 1103 (im Bild), ein flotter Zweisitzer aus der Trendklasse der Urban Sport-Adventure Bikes, im Modelljahr 2007 auch als Sondermodell Amazonas mit grobstolliger Bereifung.
Ducati - Vertröstungen auf Mailand
Wenig Spektakuläres am Ducati-Stand. Die bekannte Vorstudie der Hypermotard, die DesmosediciRR zum Weiterträumen (im Bild), eine Zweifarb-Lackierung in Metallicschwarz/Creme für die GT 1000 und rote Verkleidungen in der SportClassic-Abteilung.
Die Multistrada 1000 (sowohl als DS als auch als S DS) heisst 2007 nun 1100, wird auf 1083 ccm aufgebohrt und hat noch mehr Durchzug.
Der Grund für die Zurückhaltung: Die Überraschungen haben sich Ducati und die anderen Italiener für die Hausmesse EICMA ab dem 14. November in Mailand aufgehoben.
Suzuki - Der König kommt spät und ist hässlich
Detailverbesserungen: Die Bandits bekommen wassergekühlte Motoren, die gleichbleibende Leistung bringen. Die Rollerpalette wird ausgebaut. Die GSX-R 1000 hat drei am Lenker anwählbare Leistungscharakteristika.
Doch was alle interessierte: Wie sieht die seit Jahren erwartete B-King, das Leistungsmonster mit der Hayabusa-Motor, nun tatsächlich aus? Lächerlich. Von vorne wie ein Billigroboter aus Star Wars. Von hinten wie ein weißäugiger Zyklop mit Fledermausohren.
Triumph - Der Triumph der Modellpflege
Vor einem Jahr hätte ich auf die Zukunft der Tiger Reiseenduro kein Euro verwettet: eine technisch erprobte, aber in Sachen Design in die Jahre gekommene Veteranin. Seit Köln gilt es, vor Triumph Kotau zu machen. Die liebevoll neu gezeichnete Tiger (im Bild) mit dem 115 PS starken Dreizylindermotor ist eine echte Herausfordererin der GS, der Multistrada und der Varadero.
Zu beobachten am Triumph-Stand: Man braucht nicht jedes Jahr neue Modelle, wenn man einige Klassiker von zeitlosem Wert wie die Tiger, die Bonneville oder die Scrambler im Programm hat.
Kawasaki - Weg vom giftgrünen Image
Wer - sagen wir mal zwei Jahre - die Kawasaki-Modellpalette ignoriert hat, wurde am Kölner Stand positiv überrascht.
Das Zerrbild der giftgrünen Hooligan-Bikes verblasst; trotz der Sportler und des aggressiven Streetfighters Z 1000. Nicht nur durch die fein weiterentwickelte ER-6-Linie, sondern seit Köln auch durch die feine Versys (siehe Bild.)
Die hat den gleichen Zweizylinder-Motor wie die ER-6er, aber durch das elegant designte Kleid weit mehr Potential: Auf der Basis dieses Konzept sind noch interessante Folgemodelle möglich.
KTM - Scharfe Ware für Kurvenflitzer
Am KTM-Stand gab es kontroverse Debatten: Die technischen Daten der neuen Supermoto 690 mit 63 PS (im Bild) waren allseits akzeptabel.
Die verbalen Auseinandersetzungen wurden um das nadelscharfe Design mit den doppelten Endschalldämpfern in Form von fast senkrecht stehenden Ofenrohren geführt. Den einen hats gefallen, die anderen fanden es potthässlich. Geschmackssache.
Interessant auch die vorsichtigen Schritte der Österreicher in andere Marktsegmente - die 990 Adventure wurde in voller Montur mit Topcase, Koffer und Navigator und damit als sportliche Alternative zu den alten Platzhirschen in der Reiseenduro-Klasse gezeigt.
Hyosung - Kampfpreise aus dem Osten
Beispielhaft für die Motorrad- und Rolleroffensiven der taiwanesischen, chinesischen und koreanischen Hersteller, die in ihrer Masse die größte Gruppe der Aussteller in Köln stellten: Hyosung.
Die Südkoreaner präsentierten Roller jeglicher Coleur und Motorräder, die auf den ersten Blick technisch überzeugten, aber irgendwie bekannt wirkten.
Hyosungs Sportcruiser GV 650 (siehe Bild) ist mit 6820 Euro vergleichweise billig - aber wer will den Nachbau der Harley V-Rod fahren?
Auf der nächsten Messe im Oktober 2008 kennen wir die Verkaufszahlen und wissen, ob die asiatischen Hersteller den Markt aufrollen.
© Jochen Vorfelder