23 Oktober 2006

Namibia I: Auf der Suche nach den Big Five

Im Urlaub kann ich auf Menschenansammlungen größerer Art gut verzichten. Klar, so ein Trip nach - na, sagen wir Paris - mit Kunst, Kultur und Nightlife ist etwas Feines.

Aber irgendwie rauschen volle Bistros und elegante Boulevards laut und bunt an mir vorbei und die Erinnerung an sie verblasst nach kurzer Halbwertszeit. Nein, für mich sind es die einsamen, ruhigen Momente irgendwo draußen, die sich als die bleibenden Eindrücke tief ins Gedächtnis eingraben.

Auch in Namibia, im Sossusvlei, gab es wieder so einen Moment. Es war ganz früh am Morgen; die Dämmerung zögerlich gewichen. Ich kniete im Sand und notierte ins Reisetagebuch: "Gleich steigt die Sonne über die Naukluft-Berge. Die Gipfel stehen wie Scherenschnitte am Horizont."

Dann kam das Licht. Wie Stahl aus dem Hochofen ergoss sich die Helligkeit über die mächtigen Dünen und floss durch die Senke, der wir in unserem Geländewagen eine Stunde gefolgt waren. Sprachlos verfolgten Christiane und ich vom Kamm einer Düne, wie Sossusvlei, die riesige Lehmpfanne tief in der Namib-Wüste, zum Leben erwachte: Die Rottöne oszillierten vor den Augen wie unter Droge, die Kameldornbäume warfen lange Schatten, die über die Ebene mit dem Buschmanngras rasten.

Ein Lüftchen weckte den See, der sich nach den Regenfällen der letzten Tage gebildet hatte, und Antilopen anlockte. Eine Oryx stieg aus dem weiten Bett des Tsauchab-Flusses und nahm vorsichtig Witterung auf. Ich machte mir eine weitere Notiz: "Das Intermezzo zwischen Dunkelheit und grellem Tag ist die Mußestunde der Wüste; dann zeigt sie sich von ihrer milden Seite."


Rückblende. Unser Plan für Afrika war simpel gewesen. Möglichst unberührte Natur erleben, dabei immer auf eigene Faust unterwegs sein, und so viele Tiere wie möglich sehen - da kommt nur Namibia in Frage. Also mieteten wir einen Camper, um drei Wochen quer durchs Land der San, Himba, Ovambo, Damara, Herero, Nama und der weißen Nachkommen der Buren und deutschen Südwester zu fahren.

Und wir nahmen uns vor, die berühmten "Big Five" zu erlegen: Löwe, Leopard, Elefant, Nashorn und Wasserbüffel - früher ein blutiges Initiationsritual für hartgesottene Kolonialisten und Waidmänner, heute der Ehrgeiz jedes Fototouristen mit Teleobjektiv.

Die besten Chancen, das hatten die Frau und ich noch schnell im Flieger gelesen, hat man im Etosha-Nationalpark im Norden: "Eins der größten afrikanischen Tierreservate, mit endloser Steppe und einer beeindruckenden Zahl von leicht zugänglichen Wasserstellen." Das schien ideal für unsere digitale Trophäenjagd; wir planten wie empfohlen drei Tage vor Ort ein.

Teil II folgt.

© Jochen Vorfelder

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen