30 Dezember 2005

Chernobyl: Motorradtrip in die Todeszone

"Good Girls go to heaven. Bad ones go to hell. And girls on fast bikes go anywhere they want."

Neid. Die Welt der Motorrad-Blogs ist erfüllt mit Stories von gloriösen weihnachtlichen Aus- und nachweihnachtlichen Fernfahrten. Beispiele gefällig? Worldrider ist derzeit in Kolumbien unterwegs. Und Dylan von Twisting Asphalt beschreibt in aller gemeinen Ausführlichkeit, wie er mit seiner Ducati 999 durch das warme Südkalifornien brezelt.

Hier in Hamburg sind die Straßen vereist; Zeit für Schnupfen, dicke Nasen und ausführliches Surfen.

Dabei bin ich auf die Website von Elena Filatova gestoßen, die ihre Motorradausflüge auf einer alten Kawasaki Ninja ZX-11 wie viel andere in Bild und Text im Netz dokumentiert. Das Besondere dabei: Filatowa wohnt in der Ukraine und eines ihrer Reviere für ausführliche Touren ist die gottverlassene Todeszone um den havarierten Atomreaktor Chernobyl.

Die Bilder und Notizen von Filatowas Motorradtrips nach Chernobyl sind so ziemlich das Eindrücklichste, was ich in der letzten Zeit auf dem Netz gefunden habe.

Nun gibt es ausführliche Debatten darüber, ob die Trips ein Hoax sind oder echt, weil Filatowa nicht allein unterwegs war. Mich interessiert das weniger. Fakt ist: Sie war in einem toten Land.

Vielleicht sollte man den Link mal ZEITgenossen wie dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulf schicken, der in den letzten Wochen aus statistischem Kalkül ("Immer sicherer.") und Kostengründen ("Öl wird viel zu teuer und wir müssen konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt bleiben.") die Rückbesinnung auf die Atomkraft und den Neubau von Reaktoren eingefordert hat.

© Jochen Vorfelder

26 Dezember 2005

Ducati: To cruise or not to cruise?

Kürzlich traf ich einen bekannten Designer und Hochschullehrer, der auf hohem Niveau klagte: Schrecklich wäre der aktuelle Sparkurs an seiner Fakultät.

Die Nachwuchs-Designer seien praktisch gezwungen, außerhalb der Hochschule zu arbeiten, weil dort für Computer, Arbeitsplätze und Software-Updates kein Geld mehr vorhanden sei. Seine Kernthese: Der Standort Deutschland vermassle sich systematisch seine kreative Zukunft.

Das ist ja heutzutage nichts Neues, fiel mir aber wieder ein, als ich durch den Blog "Metacool, thoughts on the art & science of bringing cool stuff to life" von Diego Rodriguez stöberte. Rodriguez ist ebenfalls Designer und Hochschullehrer, aber nicht in Nordrhein-Westfalen wie der oben erwähnte Kollege, sondern am Hasso Plattner Institute of Design (aka "the d.school").

Diese Hochschule im kalifornischen Stanford ist nicht nur ziemlich brandneu, sondern auch auf's Beste ausgestattet - erstaunlicherweise mit mehreren Millionen US-Dollar von erwähntem Hasso Plattner. Da taucht doch die erste Frage auf: Warum sponsort der deutscher SAP-Mitbegründer und Milliardär Plattner die US-amerikanische Hochschule, während die Gestalter-Schmiede in Essen quasi verkommt?

Da wir diese Frage auch nach längerem Nachdenken nicht beantworten können, widmen wir uns doch einer anderen: Sind die deutschen Profs weniger kreativ als ihre amerikanischen Spezis wie z.B. Rodriguez?

Rodriguez jedenfalls hat derzeit in Stanford einen Design-Kurs laufen, der sich u. a. mit der der Frage beschäftigt, ob eine Erweiterung der Ducati-Modellpalette in Richtung fette Cruiser das über mehrere Jahrzehnte mühsam erworbene Markenimage als Heiliger Kral der Supersportler verwässert oder gar zerstört.

Eine spannende Frage - doch was den Rodriguez-Kurs wirklich aussergewöhnlich machte, war die Beteiligung von Ducati: Nicht nur, daß deren Nordamerika-Chef Michael Lock persönlich für Fragen und Antworten bereitstand. Ducati lieferte auch mit Monstern, 999ern und Multistadas rotes Anschauungsmaterial direkt in den Hörsaal. So etwas würde ich gerne mal in Deutschland sehen und hören: "And the roar of those Desmos wasn't half bad, either!" sagt Rodriguez.



Universitäten sind keine Gebäude, sondern Ideen und Initiatoren. Und Marken sind nicht Marken, sondern Personen, die Produkte zu Marken machen. Das funktioniert in Stanford wie in Bologna. Auch dort - bei Ducati - gibt's die Person, die jene Design-Ikonen namens 900SS, 900 MHE, 999 and Multistrada schuf: Pierre Terblanche, geboren 1956 in Südafrika, arbeitete zunächst als Kontakter für die Werber Young & Rubicam in Kapstadt, bevor er seine Liebe zum Motorraddesign entdeckte.

Inzwischen ist der Mann, der die strauchelnde Marke Ducati wieder auf die Erfolgsspur geführt hat, eine lebende Legende. Seine Multistrada, die seit 2003 auf dem Markt ist, ist die Ducati-Baureihe, die sich nach Marktgerüchten neben der Monster am besten verkauft.

Sollte Terblanche nun auf's Altenteil abgeschoben werden - was manche Auguren in diesem Jahr vermuteten - bliebe der Grund dafür die letzte unbeantwortete Frage in diesem heutigen Posting und schlichtweg ein Rätsel.

Vor allem, nachdem Ducati die supercoole Augenweide, die aus Terblanches Multistrada-Linienführung abgeleitet wurde, kürzlich erfolgreich auf der EICMA in Mailand vorgestellt hat: die Hypermotard.

Nachtrag vom 4. Januar 2006:
Ducati hat offiziell bestätigt, daß die Hypermotard nicht nur eine Studie bleibt, sondern tatsächlich in Serie geht.

Das war die gute Nachricht. Die schlechte: Schnell war Ducati noch nie. Aber so langsam schon lange nicht mehr. Es soll bis Ende 2007 / Anfang 2008 (!) dauern, bis die ersten Exemplare in den Verkauf rollen.

Bis dahin haben andere Hersteller das Konzept schon längst abgekupfert - wenn nicht sogar verbessert.

© Jochen Vorfelder

15 Dezember 2005

Steve McQueen II: The Kind Racer

Auch schon wieder ein paar Tage her - seit Steve McQueens Todestag am 7. November dieses Jahres und meinem Blog "Der erste King of Cool starb vor 25 Jahren".

Aber Geschichten über ihn poppen überall noch im Netz auf - speziell auf Sites von Autoren, die sich dem Themen Autos und Motorrädern widmet. Ein nettes Beispiel ist z.B. "40on2", aka "40 years on two wheels" von Doug Klassen aus Arizona. Klassen bloggt: "I've been riding a long time now and have accumulated a lot of stories, most of them true. It seemed like I should start writing them down." Netter Grund. Und hier seine Schilderung, wie er McQueen beim Elsinore Grand Prix 1963 getroffen hat.

Was gibt es sonst noch zu Empfehlen? Ja, eine Ausstellung. Wer es in den nächsten vier Monaten nach Los Angeles schafft, kann sich im Petersen Automotive Museum die zwanzig Exponate (12 Autos und 8 Motoräder) von "Steve McQueen - the Legend and the Cars" anschauen. Viel Vergnügen und bitte Fotos schicken!

© Jochen Vorfelder

14 Dezember 2005

Charles Bukowski: Mittagessen auf Hoher See

Gestern abend waren ich in "Factotum", dem Film über das Leben von Henry "Hank" Chinaski, dem Alter ego des amerikanischen Schriftstellers Charles Bukowski.

Sehr zu empfehlen; ein grandioser Streifen - er ist ein genauso abstruses Zeitdokument wie das beiliegende Foto (Vergrößerung mit Klick), das mir gleichwohl gestern ein guter Freund aus Port Harcourt zuschickte. Der Mann verdient dort sein Geld mit gewissen Offshore-Aktivitäten, die er derzeit wegen der Feindseeligkeit einiger Einheimischer nur unter permanentem Militärschutz ausüben kann, und die im engen Zusammenhang mit dem rotchinesischen Streben nach möglichst billigem Erdölerwerb stehen - aber das ist eine ganz anderes Kapitel im großen Buch über die Globalisierung, das wir hier nicht weiter vertiefen wollen.

Port Harcourt, um darauf zurückzukommen, Port Harcourt jedenfalls liegt nicht gerade um die Ecke, sondern am bitterbitterbösen Ende von Nigeria, und Charles Bukowski hat sich, obwohl er viele extrem dunkle und gewalttätige Ecken dieser Welt gesehen hat, wohlweislich dort nicht hingetraut.

Dennoch liegt die Überlegung nah, daß die Port Harcourtsche Art der Containerverschiffung den Gossen- und Fäkalpoeten zu seinem ebenso wie der Film grandiosen Spätwerk "The Captain Is Out to Lunch and the Sailors Have Taken over the Ship" inspiriert haben könnte. Denn wie das Bild erzählt das Buch von einem skurilen Alltag mit burlesken Ereignissen, bei denen die ewigen Looser doch das eine oder andere zu Lachen haben - zumindest wenn mein Bekannter beim Mittagessen ist.

"We´re all going to die, all of us, what a circus! That alone should make us love each other but it doesn´t. We are terrorized and flattened by trivialities, we are eaten up by nothing." - The Captain is Out to Lunch and the Sailors have taken over the Ship, 1998

© Jochen Vorfelder

12 Dezember 2005

Ratespiel: Tod eines reisenden Künstlers

Zwei Internierungen haben eine entscheidende - und letztlich tödliche - Rolle im Leben unseres travellers gespielt.

Die erste: Kurz vor seinem 20. Geburtstag wird der Sohn eines deutschen Konsuls wegen aufrührerischer Umtriebe von der zaristischen Geheimpolizei in ein Lager östlich von Moskau gesteckt. Erst im Oktober 1918 kann er aus Russland nach Berlin fliehen.

Während seines Kunst- und Musikstudiums in Berlin und Dresden lernt er neben Otto Dix und Oskar Kokoschka auch einen ehemaligen Schüler des Dramaturgen Max Reinhardt kennen, der auf dem besten Weg ist, einer der bekanntesten deutschen Stummfilmregisseure zu werden.

Die unglückliche Liebesbeziehung zu diesem Regisseur ist einer der Gründe, warum traveller Deutschland den Rücken kehrt und nie wieder zurückkommt: Im August 1923 schifft er sich nach Batavia ein und lebt dort als Barpianist und musikalischer Begleiter von Stummfilmen, bevor er vom weltlichen Oberhaupt von Jogjakarta zum Leiter des Hoforchesters berufen wird.

Nach ausgedehnten Reisen durch Holländisch-Ostindien lässt sich traveller 1927 als Maler auf der einzig buddhistisch geprägten Insel des Archipels nieder: Hier hat er die exzentrische und extrovertierte Schwulenszene des Weimarer Berlins endlich hinter sich gelassen und ist bei sich selbst angekommen.

Er entwickelt mit einheimischen Malern einen komplett neuen Stil, der bis heute das Kunstschaffen vor Ort prägt und ihn zu einem der unsterblichen Helden der heutigen Gay-Community vor Ort macht. Er baut ein Haus in Ca... nahe U... (heute ein Hotel) und verlebt in den 30ern seine glücklichsten Jahre; sein Heim wird ein Treffpunkt für Berühmtheiten wie Charlie Chaplin und Wissenschaftler wie Margaret Mead.

Ende 1938 wird er wegen seines deutschen Passes von der Kolonialverwaltung zunächst unter Hausarrest gestellt und 1942 beim Vorrücken der japanischen Invasionsarmee um zweiten Mal in seinem Leben interniert. Als die Japaner vorrücken, soll traveller mit anderen Internierten per Schiff von Padang nach Sri Lanka verlegt werden. Doch das Frachtschiff kommt nie in Colombo an: Im Januar 1942 sinkt es vor Nias, getroffen und versenkt bei einem japanischen Flugangriff. Die Besatzung verweigerte den Gefangenen den Zugang zu den Rettungsbooten. traveller war einer von 411 Personen, die im Indischen Ozean ertranken.

Wer war da unterwegs?

Viel Spaß bei Googlen - UND: Bis Ende Januar 2006 können Sie zum Beispiel eine Digitalkamera, zwei Flugtickets und ggf. ein Auto gewinnen, wenn Sie bei meinem Rätsel beim ADAC traveller mitmachen.

© Jochen Vorfelder

08 Dezember 2005

Salzburg IV: Ein Leben für den Musikmeister

Der Name Köchel - und das Köchel-Verzeichnis - sind so untrennbar mit dem Namen Mozart verbunden wie Salzburg mit den Mozartkugeln. Was aber hat Jürgen Köchel aus Hamburg damit zu tun?

"Nein", sagt Jürgen Köchel und lacht dabei verschmitzt, "mit dem anderen Köchel, dem Bibliografen Ludwig Ritter von Köchel, bin ich weder verwandt noch verschwägert. Der hat schließlich noch zu Mozarts Zeiten gelebt und mit dem Köchel-Verzeichnis aller Mozart-Werke wirklich Zeitloses geschaffen."

Typisch Jürgen Köchel: Obwohl der 80-jährige Hamburger mit mehr als 5000 Büchern, Noten-Erstdrucken und Musik-Aufnahmen die weltweit bedeutendste private Mozart-Arien-Sammlung besitzt, bleibt er bescheiden und stellt sein Licht unter den Scheffel: "Ach, wissen Sie, ich sammle und arbeite zu Mozart, weil es mich jung hält."

Und sehr aktiv: Der Musikpädagoge, Oratoriensänger und ehemalige Verlagsdirektor im Musikverlag Sikorski ist heute Vorsitzender der Hamburger Mozart-Gesellschaft und bereitet gerade die Ausstellung "Mozart und Hamburg" vor, die pünktlich zum 250. Geburtstag am 27. Januar 2006 in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg eröffnet wird.

Ich habe mit Jürgen Köchel darüber gesprochen, warum er sich ausgerechnet für Mozart so begeistert, was das Geniale an dessen Kompositionen ist und wie es der Meister schafft, noch 250 Jahre nach seinem Tod die Herzen der Hörer zu betören.

Hören Sie rein in das Interview.

© Jochen Vorfelder

05 Dezember 2005

Salzburg III: Das Mozartkugel-Diplom

Mozartkugeln bieten - wie wir seit dem letzten posting wissen - viele Hersteller an. Aber wie funktioniert eigentlich das Mozartkugel-Machen? Die Konditorei Dallmann in St. Gilgen am Wolfgangsee formt und tunkt die kleinen Köstlichkeiten noch per Hand - und Besitzer Franz Mayrhofer bietet in seiner Backstube die dazu passenden Mozartkugel-Seminare an.

Nach 30 Minuten hält man bei Mayrhofer seine "Echte St. Gilgener Mozartkugel" und ein Diplom in der Hand. Klar, dass darauf besonders japanische Touristen stehen. Hier der Film zum Diplom.

04 Dezember 2005

Salzburg II: Gib Dir die Kugel!

Für den Salzburg-Touristen ist die Mozartkugel das ideale Mitbringsel - praktisch, rund, gut. Für den Einheimischen hingegen ist die wohl bekannteste österreichische Confiserie-Spezialität neben der Sachertorte ein seit langem tobender Glaubenskrieg.

Unter welchen Fahnen scharen sich nun die Feinschmecker? Der Platzhirsch ist die Firma Mirabell mit den "Echten Salzburger Mozartkugeln". Die Tochter des Lebensmittelriesen Kraft Foods fertigt maschinell rot-goldene, vollendet runde Kugeln mit dem charakteristischen Kern aus Pistazien-Marzipan, einer dunklen und einer hellen Nougatcreme-Umhüllung sowie dem zartherben Schokoladen-Mantel. Mirabell balgt sich um den großen (Welt-)Markt mit Herstellern wie Lindt und Manner. Die Umsätze sind natürlich Betriebsgeheimnisse, aber Mirabell gibt an, pro Jahr Kugeln "im hohen zweistelligen Millionenbereich" zu produzieren.

Von solchen Mengen können die "blau-silbernen" Konkurrenten nur träumen, doch sie halten die eigenbrödlerische Salzburger Tradition hoch: Alt eingesessene Confiserien wie die Cafe-Konditorei Fürst ("Original Salzburger Mozartkugeln", 1,3 Mio. Exemplare pro Jahr) oder die Konditorei Schatz (hat 1900 den Begriff "Mozartkugel" einführt) lassen die Kugeln noch per Hand formen und tunken. Die Manufakturen schwören auf die "kleinen Geheimnisse" in der Mischung von Nougat und Marzipan.

Alle kleinen Hersteller verpacken ihre Kalorien in silberne Folien und verweigern sich übrigens der perfekten Kugelform: Die Fürst-Praline etwa erkennt der Sachverständige an der Wachtelei-Form; die Schatz-Kugel hat immer einen abgeflachten Fuß.

Echte einheimische Experten erkennen die Kalorienbomben aber an Konsitenz und Geschmack: Bei Mirabell bröckelt es gerne und die helle und dunkle Nougatschichten schmelzen zu einer "nicht ausbalancierten Melange". Dem "Original" von Fürst wird oft ein "hervorragender Zartbitter-Mantel" attestiert.

Einig sind sich die Salzburger Kugel-Tester in den schlechten Noten für Eindringlinge in den Markt: "Echte Mozart-Kugeln" von Reuber aus dem bayrischen Bad Reichenhall sind "geschmacklich indifferent": eine echte "Touri-Kugel" halt, die nach "Kitsch pur!" riecht. Viel Spaß beim Einkaufen und Probieren.

© Jochen Vorfelder

30 November 2005

Salzburg I: Im Zeichen der Mozart-Kugel

Seit heute ist die neue Ausgabe No. 5 des ADAC travellers an den Kiosken - mit dem Schwerpunkt "Kreuzfahrten".

Auch im Heft meine längere Reportage über die Suche nach Wolfgang Amadeus Mozart im Salzburger Land. Den Original-Text kann man hier lesen.

Weiter gibt es zum Thema Mozart eine Dia-Show, die zeigt, wo genau in Salzburg die besten Eindrücke über das Leben des berühmten Tonmeisters zu orten sind.

Warum sich jetzt alle auf Mozart stürzen? Ganz einfach: Ganz Österrreich feiert am 27. Januar 2006 den 250. Geburtstag des wohl bekanntesten Landeskinds. Wohl an also:

Im Zeichen der Mozart-Kugel

Am Fuß der gewaltigen Festung Hohensalzburg, wo die Salzach träge zwischen Mönchsberg und Mirabellgarten mäandert, liegt seine Stadt. Im historischen Quartier mit den wunderbar barocken Patrizierhäusern und Palais, den verwunschenen Wandelgängen und dem gestrengen Dombezirk wurde er geboren. Dort hat er gelebt, dort hat er gewirkt.

Am 27. Januar 1756 erblickte in Salzburg ein Kind das Licht der Welt, das als Wolfgang Amadeus Mozart zum Komponisten aller Komponisten wurde. Es war kein einfaches Leben. Das musikalische Genie verzweifelte an seiner Geburtsstadt; Mozart mußte weg, denn die feinen Herrschaften liebten den Freigeist nicht.

Doch heute, fast 250 Jahre nach der Geburt, ist Mozart den Salzburgern wieder ihr "Wolferl", der Sohn aller Söhne. Vereinahmt und omnipräsent, wird er eifersüchtig verteidigt gegen die Konkurrenz aus Wien. Zum apollonischen Wunderkind verklärt durch den frühen Tod, und als halb-göttliche Instanz aus dem öffentlichen Leben der Provinzmetropole nicht wegzudenken: Goethe war in Weimar; Marco Polo kam aus Venedig. Mozart IST Salzburg.

"Oh, mein Gott, es ist so hinreißend, so bezaubernd. Wir müssen unbedingt so ein Bild haben!" Mary Stairs aus San Diego, Kalifornien, tänzelt um die Staffelei des Landschaftsmalers, der in der Getreidegasse die Fassade von Haus Nummer 9 auf's Tuch wirft. Na ja, mit der Realität hat das Werk wenig zu tun: An Stelle der mitteralterlichen Hofeinfahrt, die der Künstler mit flinker Hand in warmes, verträumtes Abendlicht legt, buhlen Halogenscheinwerfer, Edelstahlvitrinen und Bauchläden um zahlende Kundschaft aus Asien und Übersee. Marys Mann Peter, Rechtsanwalt und auch skeptisch, was die Qualität des Aquarells angeht, lächelt gequält. Seine Miene ersetzt ein kapitulierendes Schulterzucken. Da muss man durch, wenn man Salzburg und ein "Mozart-Package" bucht.

Sicher, es gibt sie, die beschaulichen Winkel: Drüben etwa am anderen Salzach-Ufer, im Park von Schloss Mirabell unter den alten Kastanien, oder auf dem Friedhof St. Sebastian, wo Mozarts Witwe Constanze, sein Vater Leopold und andere Familienmitglieder begraben liegen. Dort unter den alten Arkaden flanieren die wenigen Besucher so andächtig und still, dass man unwillkürlich lauscht, ob an der nahegelegenen Musikhochschule Mozarteum wieder fleißig geübt wird und ein Klavierkonzert zur Erbauung herüberweht. Dann legen sich die unsterblichen Melodien wie Zuckerguss über die verwitterten Familiengruften und verzaubern das Herz.

In der wuseligen Getreidegasse hingegen, da verdichtet sich der Komponisten-Taumel schon vor Beginn des Jubeljahres 2006 in ein akutes Mozart-Fieber: "You have 15 minutes!" Schnatternde Menschentauben werden aus dem Geburtshaus des Meisters direkt ins Multimedia-Wachs-Museum "Next to Mozart" gelotst und verschubt. Mit dem Slogan "Viva! Mozart" läßt sich im "Mozart-Shop", einem riesigen Devotionalien-Bazaar, jeder erdenkliche Kitsch vermarkten. Die Kreditkarten glühen für abstruse Geschmacksverirrungen: gräusliche Bierhumpen, Jogginghose und Baby-Strampler mit Konterfei, Geigen-Imitationen made in Taiwan in fünf Größen, das Zerrbild des jungen Meisters als 1000er-Puzzle, und natürlich das süssliche Eau de Toilette "Amadeus" im bezaubernden Barockflacon.

"Ein Geruchswässerl aus aktuellem Anlass? Ich bitt Sie, mein Herr, das hat keinen Stil", schmäht ein grauhaariger Brillenträger, Typ Kommerzialrat a.D., am Stammtisch. Im Café Tomaselli, einer Institution am Alten Markt, haben sie kein Verständnis für modische Aufgeregtheiten. Hier sitzen seit 1705 die Besserwisser, Spötter und Grantler bei einem Einspänner, lassen sich einen Strudel oder eine Sacher von der Mamsell mit gestärkter Schürze servieren, und erörtern nach Studium der einschlägigen Blätter wahlweise Stadtpolitik oder Weltlage. Hier haben sie ihre Bleibe gefunden, die Vertreter des flatterhaften Geistes und des pathetischen Gestus dieses alpenländischen Fleckens, der mit Abendkleid und Avantgarde wie kaum ein anderer spießig und weltoffen zugleich ist.

Im Tomaselli, inmitten dieser liebenswerten und sinnesfreudigen Salzburger Melange der Schlawiner, hat zu seiner Zeit auch Mozart gesessen - nach Stand der Forschung nun wahrlich auch kein Kind von Traurigkeit. Und während der Klassik-Star in seinem eigenen musikalischen Universum schwebend seine Klangfolgen schuf, ließ er seinen Blick schweifen: rüber zum Residenzplatz am frühbarocken Dom, wo heuer die offenen Viaker für die "Mozart-Tour" stehen, und weiter zum alten Michaeler-Exerzierfeld, das heute seinen Namen trägt, und das schon weiland 1842 mit dem Mozart-Denkmal geschmückt wurde. Schon damals hatte Salzburg den Wert des Komponisten als touristisches Zugpferd erkannt: "Pfeifen, Brot oder Wein, selbst Hotelzimmer - alles wird mit dem edlen (und gewinnbringenden) Etikett 'Mozart' versehen", schrieb ein Chronist.

Auch die "Festspiele", Salzburgs großer Besuchermagnet und schillernde Projektionsfläche für Finanz- und Hochadel, funktionieren seit ihren Anfängen unter Max Reinhardt, Hugo von Hoffmannsthal und Richard Strauss in einträchtiger Symbiose mit dem berühmtesten aller Tonmeister: Im Jahr 1922, als erstmals Opern auf dem Festspiel-Programm stehen, wurden mit Don Giovanni, Der Hochzeit des Figaro, Cosi fan tutte und der Entführung aus dem Serail vier Mozart-Werke gegeben. Zum Jubiläum 2006 rollt der Noch-Intendant Peter Ruzicka den roten Teppich aus für's theatralische Gesamtwerk: Von Juli bis Ende August kommen alle 22 Opern, Singspiele und szenischen Fragmente des Komponisten auf die Bühne. Manche Aufführungen ("La Traviata") und die edleren Etablissements zur Logis der Schönen und Reichen, "... die mit etwas Kultur ihr Dasein behübschen", ätzt "Die Welt", sind jetzt schon ausgebucht.

In Lofer im Pinzgau, ganz im Westen des Salzburger Landes, sind noch viele Betten frei. Na Gott sei Dank. Denn sechs Stunden auf dem Radl macht rechtschaffen müde. Abfahrt in Kufstein, am Walchsee vorbei, dann gegen Süden nach Kirchdorf, über Erpfendorf nach Waidring, und zum Abschluss durch's lauschige Haselbachtal nach Lofer - der Tagesritt auf dem Tourenrad ist eine der Etappen auf dem "Mozart-Radweg". Den haben wir gewählt, um uns abseits des Kulturhochbetriebs tief im Salzburgischen auf Spurensuche zu begeben.

"Nehmen Sie sich die Zeit", hatte Dr. Steckenbauer von der Salzburger-Land Promotion geworben, "das lohnt sich. Und wenn Sie genau hinschauen, finden's den Mozart überall entlang der Strecke. Spuren hat er überall hinterlassen, er war ja schon früh im Leben viel unterwegs." Wie das? "Na ja, meist stellt man sich Mozart als den erwachsenen Komponisten vor. Aber Mozart, das war ja auch das frühreife Wunderkind, das fast seine gesamte Jugend auf Konzertreisen und in Kutschen verbracht hat."

Danke, Dr. Steckenbauer, für Ihre Überzeugungsarbeit; es hat sich gelohnt. Der "Mozart-Radweg" führt über 450 Kilometer durch die traumhaft schöne Landschaft des Salzkammergut und die beschauliche Seelandschaft im Flachgau, macht einen Abstecher nach Bayern, und touchiert auf dem Rückweg nach Salzburg die Ausläufer der Alpen mit ihren Dreitausendern. Und entlang der Route: Erholung pur, ländliche Ruhe nach dem Salzburger Rummel, und tatsächlich die historisch verbürgten Mozart-Punkte.

In Lofer haben sich die Wolken, die uns den ganzen Tag gedroht haben, zu einer Gewitterfront aufgetürmt, und die ersten wüsten Tropfen fallen. Natürlich Gegenwind. Aber wir werden gebührend empfangen: "Radfahrer willkommen!" An allen Pensionen und Gasthäusern entlang der Ortseinfahrt flattern diese Wimpel; an den Biergärten grüßt die Spaß-Variante: "Gaudi-Radler! Ende der Durststrecke!"

Wir entscheiden uns für die Übernachtung im Gasthof "Zur Post" - gerade noch rechtzeitig vor dem Wolkenbruch - und sammeln damit ein weiteres Stück unseres ganz persönlichen Mozart-Puzzles: Auf seiner ersten Italienreise im Dezember 1769 machte der junge Mozart - damals gerade 13 Jahre alt - mit Vater Leopold und Schwester Nannerl in Lofer Halt. Genächtigt wurde in der heutigen "Post" - damals das Wohnhaus des Rechtspflegers Johann Chrysostomus Helmreichen zu Brunfeld.

Vater Mozart beschrieb die Übernachtung in einem Brief an seine Frau: "Um sieben Uhr abend langten wir in Lofer an. Nachdem ich das Essen angeordnet, sind wir den Herrn Pfleger besuchen gegangen, welcher sehr übel mit uns zufrieden war, weil wir nicht gleich bey ihm abstiegen. Weil wir ihm Wirtshaus schon Speisen angefrimt hatten, so ließen wir solche in die Pflege bringen, aßen dort, schwätzten bis 10 Uhr und wurden alda mit einem schönen Zimmer mit gutem Bethe bedient."

Spuren zu einem Gasthof "Zur Post" führen auch in St. Gilgen, dem "Mozart-Dorf" am Wolfgangsee und rund eine Autostunde von Salzburg entfernt. "Seine Mutter wurde hier geboren und seine Schwester in der Pfarrkirche getraut", referiert Franz Mayrhofer, Obmann des lokalen Tourismusverbands, der eine kleine Musikergedenkstätte im ehemaligen Bezirksgericht eingerichtet hat, und jetzt noch pünktlich zum Jubeljahr das Geburtshaus der Mutter restaurieren läßt. "Und ihre Hochzeitgesellschaft abgehalten haben Nannerl und ihr Mann im Gasthof Post. Das war damals 1784." Heute ist der Gasthof "Post" am St. Gilgener Dorfplatz ein architektoni-sches Schmuckstück mit historischer Fassade, hinter der sich noble Designer-Zimmer und geschicktes Nannerl-Marketing verbergen.

Auch schräg gegenüber neben dem Rathaus und dem Mozart-Brunnen in der Konditorei Dallmann macht Besitzer Franz Mayrhofer vor, was man mit dem Namen Mozart alles auf die Beine stellen kann: Er backt und vertreibt weltexklusiv die "Mozart Reisetorte" - angeblich ein altes St. Gilgener Rezept aus Nüssen, Marzipan, Orangade und Marzipan. Die Konditorei wird von japanischen Reisegruppen quasi überrannt, seit sie neuerdings auch Mozartkugel-Seminare anbietet. Dann herrscht unter der Führung von Mayrhofer-San großes Gedränge in der Backstube, aber nach rund 30 Minuten meistert selbst der unbedarfteste Tourist mit zwei linken Händen die Kunst der Herstellung der "Echten St. Gilgener Mozartkugeln". Trotz heftiger Schokospuren auf der Schürze darf jeder Teilnehmer ein Diplom mitnehmen. Mayrhofer: "Die Besucher sollen das Mozartdorf bleibend in Erinnerung behalten." Ja, wenn's dem Mozart-Kult dient.

"Natürlich ist der Mayerhofer damit auf einen fahrenden Zug gesprungen, aber das ist ja völlig legitim, das haben wir ja auch gemacht", sagt Juniorchef Martin Fürst von der Konditorei Fürst in Salzburg. Auch in dem Traditionsunternehmen in der Brodgasse, vis à vis zum Café Tomaselli, sind Name und Bild des Künstlers allgegenwärtig; bei Fürst werden in der fünften Generation die "Original Salzburger Mozartkugeln" hergestellt. Jede der kleinen Kalorienbomben wird auf einem Holzspießchen handgetunkt. Der Gründervater Paul Fürst habe die Schleckerei quasi erfunden, meint der junge Konditor: "Es war einfach eine geniale Marketing-Idee, eine Pistazien-Nougat-Praline unter dem Label 'Mozart' zu vertreiben." In der Tat. Inzwischen werden von einem Dutzend Hersteller weltweit rund 80 Millionen Stück pro Jahr verkauft; Tendenz steigend.

So funktioniert's halt in Salzburg: Den Mozart lieben sie jetzt alle, weil er lange tot und gleichwohl unsterblich ist. Und 250 Jahre nach der Geburt hält Mozart wie zäher Nougat barocke Tradition und kulturelle Moderne vor Ort zusammen und schwebt wie ein guter Geist schützend über der Salzach-Metropole.

Wie ein guter Geist? Nein, eher wie eine Kugel. Das passt schon zu diesem Salzburg und seinen Salzburgern, daß sie ihren Stadtheiligen in Gestalt eines kitschsüssen, mit Edelschokolade überzogenen Pistazienklumpens verehren. Mozart hätte sich gekugelt vor Lachen.

© Jochen Vorfelder

14 November 2005

Langstrecke: Marter für Guiness

Nun hatte ich vergangene Woche das zweifelhafte Vergnügen, einen Lufthansa-Flug von Hanoi nach Hamburg abzureiten: Nach elf Stunden Stoppover in Bangkok und einem verpassten Anschluß in München hatten ich und die anderen Untoten, die in Hamburg aus der Maschine wankten, insgesamt 31 Stunden zwischen Punkt A und Punkt B verbracht. Beschwert man sich darüber? Nein.

Aber man greift sich doch an die Waffel, wenn man wenige Tage später liest, daß Boing seine neue Langstreckenmaschine, die 777-200LR Worldliner, auf einen Non-Stop-Rekord-Flug von Hong Kong nach London schickt: 22 Stunden und 43 Minuten und insgesamt 13422 Flugmeilen entlang der langen Route über den Pazifik, über die Vereinigten Staaten und den Atlantik bis zum Touchdown in Heathrow. Ein Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde? Ja.

Gute Werbung für den neuen Luxusliner? Nein. Man stelle sich den Rekordflug bitte einmal praktisch vor: vier schlechte Mahlzeiten, sieben mittelmäßige Filme und null Zentimeter Beinfreiheit. Viel Spaß.

© Jochen Vorfelder

09 November 2005

Die Queen wieder in Hamburg

Es gibt noch Hoffnung für Süddeutsche. Spätestens dann, wenn man sich frierend auf einem zugigen Kai stehend darüber begeistert, daß in schwarzer Nacht ein dunkel gestrichenes Schiff auf der grauen Elbe vorbeigleitet, kann man von sich behauptet: Ich bin een Hamburger Jung.


Besonders Spaß macht das perverse Hamburger Vergnügen, wenn es sich um ein Kaliber wie die inzwischen von der Hansestadt adoptierten "Queen Mary 2" handelt - am Dienstagabend haben wieder Zehntausende QM2-Fans an den Elbstränden und den St. Pauli Landungsbrücken gewartet, bis das Kreuzfahrtschiff sich gegen 18:30 vorsichtig den Fluß hoch tastete. Unerwartet niederiger Wasserstand verhinderte allerdings das direkte Eindocken bei Blohm + Voss. Nach einer Nach am Kreuzfahrterminal wurde das Manöver dann am Mittwoch morgen nachgeholt.


Uns hat die QM2-Verzögerung nicht aus dem Gleichgewicht gebracht: Spaggis gab's wie geplant gegen 19:00, der Prosecco war lecker, und der Blick vom Balkon auf den Container-Hafen auch nach dem Defilee der Queen noch richtig grandios.


© Jochen Vorfelder

02 November 2005

Hanoi: Bikes (beasts) of Burden

Gut angekommen in Hanoi. Ausfahrten zur Recherchen folgen dem bekannten Muster: Frühmorgendlich verläßt der fleissige Journalist das Hotel; unternehmungslustig schwingt er sich auf seine 125er Minsk - das unverwüstliche ukrainische Arbeitstier, mit dem er sich eine Schneise durch den wahnwitzigen Verkehr bahnt.

Bewaffnet mit Notizblock, Kamera und einem kleinen, leckeren Lunchpaket. Seit allerdings die Vogelgrippe in der vietnamesischen Hauptstadt wütet, ist das Hühnchen-Sandwich weniger beliebt. Schwein dagegen wird gerne mitgenommen.

Aufgefallen sind wir damit nicht. Die Vietnamesen transportieren so ziemlich alles Lebendige oder Tote in jeglichem Format auf ihren Mopeds.

Auf's Feinste dokumentiert hat dies der holländische Fotografen-Kollege Hans Kemp in seinem Fotoband Bikes of Burden, einer Hommage an vietnamesische Fahrer(innen) und ihre Mopeds, die die gut geölten Rädchen in der auf Hochtour laufenden Wirtschaftsentwicklung des Landes sind.

Ohne die Minsks, Hondas und Yamahas ginge in Vietnam gar nichts; und nirgendwo auf Erden gibt es eine so hohe Konzentration davon auf den Straßen - beladen mit unzählichen Passagierern und unvorstellbarer Fracht. Ein Lastwagenreifen, zwei Schweine, fünf Personen, 1000 Eier. Machbar ist alles - und Kemps brilliantes Buch zeigt es.

© Jochen Vorfelder

15 Oktober 2005

Onkel Ho und die Kunst ein Motorrad zu warten

Auf in die Heimat der Vogelgrippe und das letzte Refugium der südostasiatischen 2-Takter-Arbeitsbiene, der Minsk 125: Vietnam. Bis zum 28. Oktober sind wird dort auf Recherche - und unter anderem mit den Rough Riders des legendären Minsk Club Hanoi unterwegs.


Mal sehen, was so alles passiert. Vogelmärkte und das Tragen von Indianer-Kostümen mit Hühner-Federschmuck werden wir beim Fahren mit Sicherheit meiden.


© Jochen Vorfelder

14 Oktober 2005

Hybrid-Motorräder: Neues aus dem Land des (Be)Lächelns?

Während hier zu Lande mit den letzten Sonnenstrahlen eines goldenen Oktobers eine erfolgreiche Motorradsaison zu Ende geht - die Bilder und Notizen den sommerlichen Alpendurchquerung auf einer fast historischen XT 500 werden bald ausgewertet und verarbeitet, versprochen - also während hier der Winterschlaf von Mensch und Maschine immer näher rückt, denkt man im Land des Lächelns schon über die zukünftigen Modelle nach.

Konkret: Yamaha stellt neben anderen Maschinen auf der am 22. Oktober beginnenden Tokyo Motor Show die "GEN-RYU" vor, die weltweit erste Studie eines "High Performance Hybrid"-Motorrads und erste Verbindung eines klassischen Verbrennungsmotors mit einem Elektromotor auf zwei Rädern.

Zusammengeschraubt haben die Yamaha-Techniker dabei das leichtgewichtigen YZF-R&600 Kubik-Motor und ein eigens entwickeltes Elektroaggregat; das Ganze werkelt aufgehängt in einem Aluminiumrahmen mit extrem langem Radstand, der dem Gefährt die Anmutung eines Cruisers der Elefanten-Klasse gibt.

Unter den überladenen Verkleidungsblechen soll sich Hightech verbergen - Abstand-Warnmelder, Cornering-Lichtsystem, anpassbare Windabweiser, Voice-Navigation, eingebautes Intercom, Bluetooth-Mobile-Verbindung und an Stelle des Rückspiegels eine mit Cockpit-LCD verbundene Heck-Camera. Wirkliche Details über das spacige Teil sind bisher noch nicht zu haben; das erste Bild allerdings erinnert doch stark an ein Batman-Mobile gepaart mit einem Straßenkreuzer der 30er Jahre.

Ist das jetzt etwas zum Lächeln? Stay tuned.

© Jochen Vorfelder

08 Oktober 2005

Venedig - Gedanken aus der Ferne

Mit zwei Wochen Abstand - ja, so lange ist das schon wieder her - geht mir Venedig noch einmal durch den Kopf. Die spannende Frage, die ich hin und her wälze: Hat diese Stadt eine Zukunft?

Venedig ist zweifellos eine museale, rückwärts gewandte Veranstaltung, ein Gemeinwesen, dessen Zentrum schon vor Jahrhunderten definiert wurde und dessen Herz seit dieser Zeit im Gleichklang schlägt: gegründet auf rotten Holzpfählen, durchschnitten von Kanäle, umgeben von anderen totflachen Inseln inmitten einer versalzenen Lagune - schon seit Jahrhunderten hat sich hier grundlegend nichts verändert. Stillstand.

Und die Zukunft sieht nicht rosig aus: Versinkt die Stadt aus Gründen der Schwerkraft im eigenen Morast, oder steigt der Meeresspiegel im Klimawandel so weit an, dass die Straßen irgendwann permanent überflutet werden? Was bleibt den Städtern, wenn die Touristen nicht durch die Fluten waten wollen und irgendwann ganz ausbleiben?

Die melancholischen Momente aus Thomas Manns "Tod in Venedig" - wenn Gustav von Aschenbach nach endlosen Wanderungen durch die verworrenen Gassen am Lido-Strand seufzend seinen letzten Atemzug verhaucht - so weit hergeholt sind sie nicht.

Doch halt: Was auf den ersten Blick morbide und altertümlich wirkt, könnte zukunftsweisend sein. Die radikale Abwesenheit von Verbrennungsmotoren - die notgedrungen Verbannung des Individualverkehrs nach der atemlosen Verschwendung von fossilen Energien - wird in nicht all zu weiter Zukunft die Norm in unseren Innenstädten sein. Die Stadt, die nachts in fast qualvolle Stille fällt, lebt von der Kraft und der Kreativität des täglichen babylonischen Stimmengewimmels - und die Besucher, die über den Stadtflughafen einschweben, machen die alte Seefestung inzwischen zu einem festen Bestandteil einer künftigen, noch globalen Ökonomie. Sie wird heute schon geprägt von der massiven Arbeitsteilung - produziert wird in China, Urlaub machen die Chinesen in Old Europe.

Venedig, das fast alle seine früheren Handelsverbindungen in den fernen Osten verloren hat, hat sich erfolgreich neu erfunden als eine Stadt des Spektakels, als Heimat der Künste, als Hort der Biennale und der Kreativität. Die visionären Videos - auch von chinesischen Künstlern - laufen mit gutem Grund im historischen Waffenlager, dem Arsenale.

Und es geht weiter voran, zurück in die Zukunft: Wie vor Jahrhunderten, als Stoffe aus dem Morgenland allemal in der Adria-Stadt anlandeten, drängt Venedig wieder ins Geschäft mit der Haute Couture. In Mestre, dem venezianischen Industriezentrum am Festland, soll ein Mode- und Designzentrum in Konkurrenz zum bislang übermächtigen Mailand entstehen.

"Made in Venezia" als Gütesiegel für die Symbiose von Anachronismus und Avantgarde? Eine interessante Perspektive.

Auf dem Weg zum Airport - mit dem Bummelboot - passieren wir einen alten Gondoliere. Der in Ehren ergraute Macho stochert elegant mit einer Hand durch den Kanal. Singen kann er gerade nicht, weil er wie selbstverständlich in sein Mobile parliert. Die Venezianer - um die muß man sich keine Sorgen machen.

© Jochen Vorfelder

04 Oktober 2005

Amadeus, Amadeus - 250 Jahre Mozart versetzen Salzburg in einen Komponistentaumel

Salzburg feiert seinen Liebling: Im Januar 2006 wird Mozart 250 Jahre alt.

Ich bin den Spuren des Musikgenies bis ins Salzkammergut gefolgt. Herausgekommen ist dabei eine Geschichte über Marzipan-Nougat-Kugeln, gewieftes Marketing und den Unterschied zwischen echt und original ...

... Am Fuß der Festung Hohensalzburg, wo die Salzach träge zwischen Mönchsberg und Mirabellgarten mäandert, liegt seine Stadt. Im historischen Quartier mit den barocken Patrizierhäusern und Palais, den verwunschenen Wandelgängen und dem strengen Dombezirk wurde er geboren. Dort hat er gelebt und gewirkt.

Am 27. Januar 1756 erblickte in Salzburg ein Kind das Licht der Welt, das als Wolfgang Amadeus Mozart zum Komponisten aller Komponisten wurde. Ein einfaches Leben hatte er nicht. Das musikalische Genie verzweifelte an seiner Geburtsstadt; Mozart musste weg, denn die feinen Herrschaften liebten den Freigeist nicht.

Doch heute, fast 250 Jahre nach seiner Geburt, ist Mozart den Salzburgern wieder ihr "Wolferl", der Sohn aller Söhne. Vereinnahmt und überall präsent, wird er eifersüchtig verteidigt gegen die Konkurrenz aus Wien. Zum Wunderkind ernannt und durch den frühen Tod zusätzlich verklärt, ist er aus dem öffentlichen Leben der Provinzmetropole nicht mehr wegzudenken: Goethe war in Weimar; Marco Polo kam aus Venedig. Mozart IST Salzburg.

"Oh, mein Gott, es ist so hinreißend, so bezaubernd. Wir müssen unbedingt so ein Bild haben!" Mary Stairs aus San Diego, Kalifornien, tänzelt um die Staffelei des Landschaftsmalers, der in der Getreidegasse die Fassade von Haus Nummer 9 aufs Tuch wirft. Na ja, mit der Realität hat das Werk wenig zu tun: An Stelle der mittelalterlichen Hofeinfahrt, die der Künstler mit flinker Hand in verträumtes Abendlicht legt, buhlen Halogenscheinwerfer, Edelstahlvitrinen und Bauchläden um zahlende Kundschaft aus Asien und Übersee. Marys Mann Peter, Rechtsanwalt und etwas skeptisch, was die Qualität des Aquarells angeht, lächelt gequält. Seine Miene ersetzt ein kapitulierendes Schulterzucken. Da muss man durch, wenn man Salzburg und ein "Mozart-Package" bucht.

Sicher, es gibt sie, die beschaulichen Winkel: drüben etwa am anderen Salzachufer, im Park von Schloss Mirabell unter den alten Kastanien, oder auf dem Friedhof St. Sebastian, wo Mozarts Witwe Constanze, sein Vater Leopold und andere Familienmitglieder begraben liegen. Dort unter den alten Arkaden flanieren die wenigen Besucher so andächtig und still, dass man unwillkürlich lauscht, ob an der nahe gelegenen Musikhochschule Mozarteum wieder fleißig geübt wird und ein Klavierkonzert zur Erbauung herüberweht. Dann legen sich die unsterblichen Melodien wie Zuckerguss über die verwitterten Familiengruften ...


Weiter geht die Reise auf Mozarts Spuren im ADAC traveller Nr. 5, der am 29. November 2005 an den Kiosk kommt. Dann mehr zum Thema Mozart.

© Jochen Vorfelder

02 Oktober 2005

Terror: Bali revisited

Nach fast 3 Jahren Ruhe ist der Terror heute nach Bali zurückgekehrt. In Jimbaran und Kuta sind drei Bomben hochgegangen - 23 Menschen wurden getötet, inklusive der drei Selbstmordattentäter.

Die Machart der Attentate erinnert fatal an die Explosion vom 12. Oktober 2002, bei der insgesamt 202 getötet und 209 zum Teil schwer verletzt wurden.

Daß es nun wieder zu Anschlägen auf Touristen gekommen ist, wird Bali in seinen Grundfesten erschüttern. Der Unglaube und die Verzweiflung, die nach dem ersten Anschlag herrschten, wird ebenfalls zurückkehren. Und bleiben. Bali wird nie wieder so sein, wie es war.

Damals, 2002, habe ich Bali zwei Monate nach dem Attentat besucht und darüber geschrieben. Meine Eindrücke wären heute sicher kaum anders.

Trübe Aussicht unter den Palmen

"Zwei Monate nach dem Bombenattentat auf Bali sind die Touristen verunsichert und viele Einheimischen verzweifelt.

Candi Dasa war bis vor 15 Jahren ein winziges, völlig unbedeutendes Fischerdorf im Osten von Bali, an dessen weisse Strände sich kaum eine Touristenseele verirrte. Dann kamen nach den Backpackern die Scouts der Freizeitbranche und die Dinge überschlugen sich: erst kleine Pensionen, dann grosse Hotels, unzählige Andenkenläden, pralles Nachtleben, das volle Programm.

Die Götter sind uns wohlgesonnen, dachten die Einheimischen, opferten weiter fleissig an ihren Hausaltaren, und erfreuten sich am jährlichen Wachstum, das ihr Dorf zu einem prosperierenden Flecken werden liess. Vorbei die guten Zeiten. Seit dem 12. Oktober 2002, dem Tag, an dem zwei verheerende Bomben in den balinesischen Diskos Paddy's Cafe und Sari Club über 200 Menschenleben auslöschten, ist Candi Dasa auf dem Weg zurück zum Fischerdorf. Die Auslegerboot haben statt Taucher und Ausflügler wieder Netze und Langleinen an Bord. Die Ausbeute auf See ist allerdings so gering wie der Umsatz der Tourismusbranche vor Ort - die Dorfstrasse liegt verlassen da, die Hotels stehen leer, keine Gäste in Sicht.

"Es ist eine Katastrophe", sagt Made Waring Putra, der im Puri Bagus Hotel an der Rezeption arbeitet, "in den ersten Dezemberwochen haben wir in Candi Dasa sonst Belegraten von rund siebzig Prozent. Jetzt liegen wir bei rund fünfzehn Prozent." Fünfzehn Prozent auf einer Insel, auf der fast 80 Prozent des Einkommens vom Tourismus generiert wird und 40 Prozent der Bevölkerung von der Branche abhängig sind. Mit fünfzehn Prozent, das muss man sich klarmachen, ist die balinesische Wirtschaft de facto kollabiert.

Schnelle Besserung ist kaum abzusehen: Der Anschlag hat Reiseveranstalter wie Fernreisende tiefgehend verunsichert. Das Vertrauen in die Sicherheit in Südostasien allgemein und auf der "Insel des Lächelns" im Speziellen ist erschüttert. Nach Reisewarnungen in weltweit 17 Ländern und direkten Aufforderungen, Indonesien zu meiden, hat es seit Mitte Oktober keine nennenswerten Neubuchungen, sondern nur noch Stornierungen gegeben." Bali Pauschal" ist vor Weihnachten bei den grossen Reisediscountern aus den Katalogen gestrichen und im Internet bei den Last-Minute-Anbietern schwer verkäuflich.

Nicht nur in Kuta, wo die Bomben hochgingen, im Künstlerzentrum Ubud oder in Candi Dasa, sondern auch in Nusa Dua, wo die grossen Hotels nebeneinander am Strand stehen und alle Reiseveranstalter dieser Welt ihre amerikanischen, japanischen, australischen und europäischen Pauschaltouristen unterbringen, hat die Krise voll durchgeschlagen. Die Liegen an den Pools sind verwaist. Restaurants sind gähnend leer, jeder Gast wird fürstlich begrüsst und ist von dienstbaren Geistern umringt.

Im Sheraton Laguna, sagt uns der PR-Manager, sei die Lage im Vergleich zur Konkurrenz noch erträglich. Man halte sich mit speziellen Packages über Wasser und habe neben Wochenendausflüglern aus Jakarta überraschend viel Russen im Anmarsch. Aber auch er gibt zu: "Lange können wir das nicht durchhalten, kein Resort kann auf Dauer überleben,wenn vier Fünftel des Umsatzes wegbricht."

Man redet über Entlassungen, ok, nicht heute, und nicht in absehbarer Zeit, aber wenn sich die Lage in sechs Monaten nicht halbwegs stabiliert haben sollte, droht vielen kleineren Betrieben das Aus; Schätzungen gehen davon aus, dass die zwei Bomben direkt und indirekt rund 700.000Arbeitsplätze kosten werden. Manchen Beobachter befürchten bereits kommende Unruhen, denn die Auswirkungen der Detonationen in den touristischen Randzonen pflanzen sich schockwellenartig ins Inselinnnere fort.

"Mister, please, have massage, please..." Wayan Mitra, die am Strand von Kuta massiert und Früchte verkauft, ist ein typischer Fall. Normalerweise verdient sie um die 70.000 Rupiah knapp 8 Euro ˆpro Tag; heute kann sie ihre Familie in einem Bergdorf nördlich vom Inselzentrum Ubud kaum noch ernähren. Alle sind betroffen wie sie: Ihre Nachbarfamilie hat plötzlich viele Abnehmer für das biologisch angebaute Gemüse verloren. In den Dörfern um Ubud sind Dutzende von Schnitzern und Silberschmieden ansässig; plötzlich bleiben die Reisebusse aus. Überall spielen sich kleine Tragödien ab: Hier wird eine Hochzeit verschoben, da ein Neubau gestoppt, dort ein Kind von der Schule genommen, weil das Schulgeld fehlt.

Auch an der Internationalen Schule in der Inselhauptstadt Denpasar, wo Jugendliche und eine gestorbene Lehrerin betrauert werden, die bei dem Anschlag ums Leben kamen, sind die Auswirkungen einschneidend. "In manchen Klassen sind plötzlich 30 Prozent weniger Schüler. Viele Eltern, die es sich leisten können, haben ihre Kids auf Internate in Australien oder in Singapore geschickt; andere sind mit Kind und Kegel ausgereist", sagt der Engländer Mark, der einen Sohn und eine Tochter auf der Schule hat. Viele der älteren Schüler waren Stammgäste in Paddy's Cafe, auch sein eigener Sohn war Samstagsagends manchmal dort. "Nein, wir bleiben hier, jetzt erst recht" sagt er fast trotzig.

Diese Haltung, und der Wille, die schlechten Zeiten durchzustehen, ist bei vielen Westlern, aber auch die meisten Balinesen zu spüren. Die Versuche, dem dramatischen Niedergang entgegen zu steuern, haben schon wenige Tage nach dem ersten Schock begonnen. Nach den gemeinsamen Gebeten, den hinduistischen Prozessionen, und den rituellen Reinigungen greifen nun die ersten Versuch, die Besucherzahlen wieder auf das alte Niveau zu hieven.

Der Vorsitzende der balinesischen Handelskammer I Gde Wiratha, ihm gehörte auch das zerstörte Paddy's Cafe, hat mit anderen Gastronomen eine Initiative gestartet, die vor wenigen Tagen mit ersten Veranstaltungen an die Öffentlichkeit gegangen ist. "Was wir brauchen, sind Durchhaltevermögen und ein Bündel von internationalen Events, Wettbewerben, Konferenzen sowie Kunst- und Kulturveranstaltungen, die potentiellen Gästen signalisiert Bali ist sicher und lässt sich so schnell nicht unterkriegen," sagt Wiratha.

Den langen Atem wird Wiratha – und Bali überhaupt – dringend brauchen: Erfahrungen mit ähnlichen Situationen wie die Anschläge auf Touristen in Ägypten zeigen, dass sich touristische Ziele nach solchen Desastern frühestens nach etwas 12 Monaten wieder erholen.

Wie viele Balinesen bis dahin ihre Arbeit und ihr Lächeln verloren haben, wer weiss. Die Angst grassiert, dene Etwas schwebt wie eine Giftwolke in der Luft: ein weiterer Anschlag. Das wäre das Ende, glauben viele.

Legian, Mitte Dezember 2002

© Jochen Vorfelder



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26 September 2005

Lido: genug der Kunst, auf nach Italien

Nach zwei Tagen Biennale tritt bei mir doch eine gewisse Kunst-Müdigkeit zu Tage - und oft ist ja ohnehin diejenige Kunst die beste, die man nicht sieht oder die gar nicht statt findet: Aktuelles Beispiel ist Gregor Schneiders Projekt "Cube, Venice 2005". Der Deutsche, der noch 2001 mit einem gewagten Gesamtumbau des deutschen Pavillons einen Goldenen Löwen gewonnen hatte, plante mit Kuratorin Rosa Martinez einen Riesenquader auf dem Markusplatz - ein schwarz verhangenes 15 Meter hohes und breites Metallgerüst.

Also den symbolischen Nachbau der Kaaba in Mekka - darf man so provozieren? Den Moslems in Zeiten der Unruhe ihr Allerheiligstes entreißen und den amerikanischen Touristen zum Fraß vorwerfen? Wer hielte es für eine Kunstaktion, wenn in Islamabad oder Bagdad tote Schweine ans Kreuz genagelt würden? Die Stadtverwaltung von Venedig ging der öffentlichen Diskussion aus dem Wege; das Projekt wurde wegen formaler bautechnischer Gründe gestoppt.

Doch wie gesagt: Kunst macht müde, und für den müden Geist hat Venedig seinen Lido. Rasch mit der Fähre rüber, die Hauptstraße mit den Eiscafes liegt einladend unter den Koniferen, und schon ist man eingetaucht in eine Welt aus Müsiggang und Jugendstil, in ein Ambiente aus verblasster Eleganz und Dolce Vita am Strand.

Überhaupt der Strand - nirgendwo an der Adria schlägt die Dekadenz solche Kapriolen wie im alterwürdigen Strand-Hotel Des Bains, wo sich der Preis für die Umkleidepavillons mit gestärktem Laken auf der Liege mal locker bei 125 Euro pro Tag eingepegelt hat. Das muß heute nicht sein; hundert Meter weiter ist der öffentliche Strand, da kosten zwei Liegen mit Sonnenschirm 12 Euro, und der Sonnenbrand ist der gleiche.

Zudem hält die öffentliche Badeanstalt von Lido mit dem verblichenen Waschbeton, den schmiedeeisernen Gittern und den gewagt geschwungenen Wandelgängen, deren Stufen im sandigen Nichts enden, die Tradition der 60er Jahre hoch. Ach, was waren das für Zeiten, als Gina Lollobrigida im Damensitz auf dem Roller von Rock Hudson verbeibrauste.

Aber auch heute noch strahlt diese Stätte trotz der schreienden Bambini eine unglaublich stilvolle Langsamkeit aus, die einen augenblicklich entweder in einen erholsamen Urlaubs-Schlaf (Vorsicht, Sonnenbrand!) fallen läßt oder dem kunstfertigen Touristen ein wunderbar doofes Honigkuchenpferdgrinsen ins Gesicht treibt.

Am Lido darf man sein, wie man ist und wie man will. Keine hohe Kunst mehr, hier gibts Pommes an der Bude und Gelati satt, hier ist das kleine Venedig wieder das große Italien. Das ganz große. Wir kommen wieder.

© Jochen Vorfelder

22 September 2005

Biennale - Leistungsschau des operativen Kunstschaffens

Da können sich die Venezianer noch so bitterlich über den Feldherren und Fahrensmann Napoleon Bonaparte beklagen, dass er sie 1797 niederkartäschen ließ und sie in ihren hochfahrenden Stolz verletzt hat, doch eins wird dem Franzosen immer zu Gute gehalten: Ohne ihn und sein Edikt, den Holzeinschlag in den vom ihm verfügten Gartenanlagen einzustellen, gäbe es in der gesamten Lagunen-Stadt keine ausgedehnte Grünfläche mehr.

So müßte man heute auf die Spaziergänge in den "Giardini", den wunderbaren Gärten, verzichten, in denen seit 1903 die Kunst-Biennale stattfindet. Deren Konzept hat sich grundsätzlich seit der ersten Ausstellungssaison nicht verändert: Man hat alte und neue Gartenpavillions und Konzertsäle in Begegnungstätten der Avangarde verwandelt und stellt mehr oder weniger erfolgreich - und vom einen oder anderen Eklat begleitet - zeitgenössige Kunst in den Länderpavillions und Übersichtsschauen aus.

Dieses Jahr ging's ohne den wirklich großen Skandal ab; zu dem kleinen kommen wir gleich. Dafür gab's zu ersten Mal zwei weibliche Kuratorinnen: Maria de Corral und Rosa Martinez zeichnen für "Experience of Art" (Corral, in den Giardini, eine Retrospektive der jüngeren Moderne) und für "Always a little futher" (Martinez, Video-Schwerpunkte, eher Avangarde) in den nahegelegenen Räumen des historischen Arsenals verantwortlich. Zusätzlich gab es 73 Länderbeiträge in eigenen Pavillions oder in Ausstellungsstätten über die Stadt verstreut.

Obwohl die diesjährige Biennale noch bis 6. November zu sehen ist, sind die Preisträger schon gekürt: Der Düsseldorfer Bildhauer und Grafiker Thomas Schütte wurde schon zum Auftakt im Juni mit dem Preis für den besten Künstler ausgezeichnet. Seine großen architektonischen Skulpturen und Frauernkörper stehen im Garten vor dem italienischen Pavillion: "Expressiv, kubistisch, klassisch, archaisch: All diese Definitionen der Kunstgeschichte öffnen und vermischen sich unter einem formalen Gesichtspunkt", salbadert der offizielle Ausstellungs-katalog.

Schüttes Erfolg ging nun allerdings etwas unter in der partiellen Errregung über die Auszeichnung für den besten Nachwuchskünstler unter 35 Jahre: Regina José Galindo aus Guatemala erhielt diesen Preis für ihre überaus kontroversen und provokanten Video-Performances, in der neben einer öffentlichen Gesamtkörperrasur auch gezeigt wird, wie sich die Künstlerin ihr Jungfernhäutchen operativ wiederherstellen lässt. «Sie benutzt ihre individuellen Emotionen als artistische Quelle», heißt es über ihr Werk. Aha.

Mein persönlichen Gewinner der beiden Tage - die man definitv braucht, um sich gemächlich durch Gärten und Arsenal zu sehen - waren andere.

Kommen wir zunächst zum Sonderpreis für architektonischen Größenwahn: Wer sich bis zum österreichischen Beitrag durchgearbeitet hatte, wurde nicht wie in den früheren Jahren von einem filigranen, offenen Hoffmann-Bau mit seinen lichten Glasflächen empfangen.

Nein, an der gleichen Stelle erhebt sich nun massiven Bau aus Holz, Spanplatte und Dachpappe: Der Wiener Hans Schabus hat mit dem künstlichen Fels, der erst nach einem klaustrophobischen Aufstieg den erlösenden Blick durch eine minimalistische Dachluke zuläßt, "eine physische und psychische Neudimensionierung des Raumes" und eine "kritische Analyse des Ortes" geschaffen. Klaro, aber für mich war's eher das Abbild einer offen gelegten österreichischen Volksseele - eine düstere, bedrohlich dräuende Alpenfestung.

Und nun zum Hauptpreis: Applaus, Signore e Signori, für das unschlagbare englische Duo Gilbert & George, die aus den Untiefen ihrer offensichtlich unerschöpflichen Schaffenskraft die "Ginko Pictures" gezaubert haben. Selten so was Buntes und Schrilles gesehen. Geil.

Schade für all die, die es diesmal nicht nach Venedig geschafft haben. Aber noch ist ja noch Zeit - bis 6. November sind die Pavillons und das Arsenal noch offen; Hlx fliegt ab 99 Euro hin und zurück.

© Jochen Vorfelder

19 September 2005

Venedig - runter vom Trampelpfad

Venedig ist klein. Sehr klein sogar. Wenn man drei Tage - so wie wir - im Labyrinth der Gassen unterwegs war, trifft man fast jeden wieder.

Hey, war das nicht der Gondoliere, der uns gestern abgezockt hat? Und das nicht der dritte Laden, der Stanley Kubrick und Tom Cruise "exklusiv" mit Ledermasken für "Eyes Wide Shut" beliefert hat? Wow, das sind doch schon wieder die amerikanischen Kreuzfahrer von Bord der "Carneval Liberty", die eben über die Piazza San Marco hergefallen sind!

Die wichtigste Regel, um den Wahnsinn hinter sich zu lassen und Venedig zu geniessen, lautet also: runter von den Trampelpfaden, die in diesen steinigen Irrgarten geschlagen wurden.

Beispiel Rialto-Brücke. Wer sich von den Massen vom Markusplatz nach San Polo hat schieben lassen, sollte tunlichst direkt nach der Brücke nach rechts in die Erbaria abbiegen - die Gegend um den Gemüsemarkt. Ein Stadtviertel, in dem die Venezianer noch unter sich sind.

Mit Blick auf den Canale Grande - grandios vor allem die Farbspiele auf den alten Wasserpalästen beim Sonnenuntergang - und einem Gläschen Wein in der Hand stellt man fest: So hab ich mir's vorgestellt. Daß der Radio im Hintergrund dudelt, und die Stehbars wie die "Bancogiro" und das "Naranzeria" kleine Häppchen auf die Hand servieren. Für den größeren Hunger gibt es auch Tische schön im Schatten.

Endlich angekommen.

© Jochen Vorfelder

13 September 2005

1996: "Free Billy, das Urzeitkrebschen!"

Greenpeace Deutschland feiert diesen Monat seinen 25. Geburtstag.

Aus diesem Anlaß mal wieder in den Archiven gekramt und einen alten Artikel gefunden, den ich heute vor neun Jahren zum 25. Jahrestag von Greenpeace International online gestellt habe.

Free Billy, das Urzeitkrebschen!

Greenpeace hat Geburtstag - die Zeit der Feiern und Gratulanten, die Stunde der Analysen und Orakel, die Gelegenheit für Dissidenten und Kritikaster ist gekommen. Von VIVA bis Hessischer Rundfunk, von ZEIT bis Schwarzwälder Bote - es wird ein Greenpeace-Abend, eine Jubiläumswoche werden: mehr oder weniger bunt, da fairer, dort schlauer.

Hat diese Organisation eine Zukunft, welche Fehler wurden gemacht, welche Kampagnen sind wie erfolgreich? Was ist eigentlich Erfolg? Alle diese Fragen werden durchdekliniert und alleinseligmachende Antworten fein gedrechselt.

Inzwischen geht hinter den Kulissen, unbeachtet von den Medien und ohne spektakuläre Konfrontation, in über 30 Büros weltweit die normale Arbeit weiter. Denn: In der Regel macht sich Greenpeace die Hosen nicht im Schlauchboot naß, sondern kümmert sich um die alltäglichen Dinge des Lebens. Und muß auch da manchmal vor der Tücke des Sujets kapitulieren.

Diese Woche, in der Telefonzentrale des deutschen Büros: Eine besorgte Mutter ist am Apparat. Ihr Sohn, neun Jahre, hat Ausgabe Nr. 36 von "Micky Maus" mit nach Hause gebracht und damit eine mittlere Katastrophe heraufbeschworen. Dem Heftchen war ein Beutel mit "Urzeit-Krebschen in Perlenform" beigepackt, die nun nach der Aussetzung in einem Marmeladenglas nicht nur im Wasser wimmeln, sondern sich explosionsartig vermehren.

Das wirft ebenso explosionsartig bange Eltern-Fragen auf: Wo soll das hinführen? Kann man geborenes Leben bei steigendem kindlichem Desinteresse einfach in die Toilette spülen? Was geschieht dort mit den Tierchen?

Die Micky Maus-Auflage liegt bei über einer Million Exemplaren. Steht uns bei über einer Million Toilettenspülungen zwecks Entsorgung von Milliarden Urzeitkrebschen eine ökologische Katastrophe ins Haus? War die Beipack-Aktion zum Amüsement der Kleinen gar ein Eingriff in die Natur?

Greenpeace, hilf.

Was tun? Nach einer Viertelstunde Ferngespräch einigt man sich darauf, daß es zwei Lösungsansätze gibt: Wer in der Nähe der Nord- oder Ostsee wohnt, kann die wogende Masse am Strand einer artgerechten Existenz zuführen und das Marmeladenglas recyclen. Für Süddeutsche bleibt nur der Anruf beim Verlag, mit dem es über eine Rücknahme zu verhandeln gilt.

Eine neue Kampagne, wie damals bei Free Willy, sollte man allerdings nicht starten. Da sind sich Mutter und Telefonzentrale einig.

Schönen Dank auch, daß Sie sich Zeit für mich genommen haben.

Aufwiederhören.

Ja, Greenpeace hat 25. Geburtstag. Ist es nicht schön, daß manche Leute nicht erwachsen werden wollen und nicht alle Herzen aus Stein sind?

Siehe auch: die alte Website von Greenpeace Deutschland zum 25. Geburtstag von GPI am 13. September 1996

© Jochen Vorfelder

09 September 2005

Update: Hunter S. Thompson

Kaum haben wir den notorischen Hunter S. Thompson und seinen Hang zum Verfertigen von Motorrad-Reportagen unter Drogeneinfluß im Beitrag "The Bikeriders" erwähnt, taucht ein Abschiedsbrief des Selbstmörders auf.

Es gibt da wohl keinen Zusammenhang, aber "ein großen deutsches Nachrichtenmagazin" berichtet online darüber. Hier der SPIEGEL-Beitrag.

© Jochen Vorfelder

29 August 2005

Ein Abend mit kessen Sprüchen und flotten Bienen

Alles begann damit, daß die Klassenlehrerin der Moskauer Schule "712" den Eltern des jungen Wladimir den Erwerb eines Klaviers empfahl. Dann passierten viele mysteriöse Dinge in einer Russendisko zwischen durch und als den bisherigen Höhepunkt der Geschichte kann man durchaus den 25. August dieses Jahres erachten. Was geschah an diesem Donnerstag?

An diesem lauschigen Sommerabend versammelten sich auf Berlins Eventmeile "Unter den Linden" eine repräsentative Mischpoke der Schönen und Schlauen unserer Hauptstadt im ehemaligen Quartier der Berliner Stadtkommandanten - heute die gemeinsame Repräsentanz der Bertelsmann AG und der Bertelsmann Stiftung - und lauschten den Erzählungen einer russischen Plaudertasche.

Wladimir Kaminer, ein begnadeter russischer Schlawiner, Discjockey und Selbstvermarkter, stellte sein bisher letztes Werk, den DJ-Roman ""Karaoke", vor.

Das übliche Programm. Junge Damen mit leuchtenden Augen und schwarzen Hornbrillen himmelten, alte Literaten mit Schlips und Cordjacke neideten. Und Kaminer ging seiner Lieblingsbeschäftigung nach - der ausschweifenden Beantwortung existenzieller Fragen des Lebens:

Wieso funktioniert der Kassettenrekorder Romantiker 306, ein Wunderwerk sowjetischer Technologie gebaut aus Abfällen der Raketenindustrie, nur auf heimischem Territorium? Warum bekommt der kleine Wladi statt des Klaviers eine Sperrholzgitarre? Und wie tanzt man als Pinguin »Die Eroberung des Nordpols« im Volksballett-Kollektiv?

Nach rund einer Stunde Lesung, dem anschließenden lustigen Fragen-Anwort-Spiel und dem opulenten Buffet waren wir schlauer: Gott ist ein DJ. Die Details lesen wir im Buch. Und Lachsröllchen passen hervorragend zu gefüllten Nudeln und kaltem Chardonnay.

PS: Für Freunde des gehobenen deutschen Liedguts (Ja, für so etwas haben wir heutzutage einen Russen...) empfehlen wir Wladimir Kaminers Adaption von "Biene Maja".

© Jochen Vorfelder

17 August 2005

Die Wirklichkeit - besser als Werner Herzog

Da sitzt man nun am Gardasee im schönen Garten von Gabriele d'Annunzio und kommt zur folgenden Erkenntnis: Jeder Künstler trifft irgendwann zwangsläufig seine Nemesis.

Doch von vorne: Der französische Maler Jean-Louis-Ernest Meissonier, ein Meister von Pinsel und Palette und berühmt für historisches Schlachtengetümmel, wurde nicht nur in Ehren gehalten ob seiner ergreifenden Todesszenen, sondern auch wegen der naturgetreuen Wiedergabe von Pferden - und dabei vor allem ihres Galopps.

Im Jahr 1879 hatte Meister Meissonier in Paris schließlich die Gelegenheit, die Bilder eines gewissen Eadward Muybridge zu studieren. Der Mann aus dem fernen Kalifornien war ebenfalls ein Spezialist für Pferde; arbeitete allerdings mit einer völlig anderen Technik. Muybridge, später als Vater der modernen Fotografie gefeiert, war es 1872 als Erstem gelungen, mit extrem kurzen Verschlußzeiten seiner Kamera den Bewegungsablauf eines Galoppers in einzelne Schritte und Aufnahmen aufzuteilen.

Muybridge produzierte Bilder, die seine Zeitgenossen wie ein Droge in den Bann zogen; eine visuelle Revolution - auch für Meissonier: "Dreißig Jahre lang haben mich meine Augen getäuscht", erklärte er in schierer Verzweiflung, und erwog, nie mehr einen Pinsel anzufassen. So schlimm kam es nicht, aber der Franzose machte sich demütig daran, selbst an seinen berühmtesten Bildern die Fußstellung der gallopierenden Schlachtrösser zu korrigieren.

Mit ebenso halluzinierenden Aufnahmen hat der Regisseur Werner Herzog wiederum 1982 in seinem Werk Fitzcarraldo den Wahn des Opernliebhabers Fitzgerald (gespielt vom in Sachen Wahn auch höchst kompetenten Klaus Kinski) bebildert und die Geschichte erzählt, wie ein durchgeknallter weißer Pflanzer mit Hilfe von stoischen Indios einen Frachtdampfer durch den peruanischen Dschungel und über die Anden ziehen läßt.

Was bitte, mag sich der geneigte Leser fragen, haben nun Messonier und Muybridge mit Herzog und Kinski vor allem mit Gabriele d'Annunzios Garten am Gardasee zu tun?

Dieser Garten, ach, dieser Garten. wie er wuchert voll Grün und erblüht in italienischer Eleganz und Grandezza. Angesichts dieses Gartens würde der Visionen nicht gänzlich abholde deutsche Filmemacher seufzend in die Knie sinken und sein Haupt ebenso demütig senken wie weiland Meissonier, denn hier hat Herzog seinen persönlichen Muybridge und in Gestalt von Gabriele d'Annunzio seinen wahren Meister gefunden.

Denn besagter d'Annunzio, ein begnadeter Phantast, Hochstapler, Ehebrecher vor dem Herrn, Dandy und notorischer Querulant, hat eine monumentale Schiffsverschiebung schon im Jahr 1925, also fast fünfzig Jahre vor Herzog und Kinski, durchexerziert. Was die beiden Cineasten als Methapher für das "Scheitern des europäischen Tatmenschen in den Tropen" (Joseph Conrad) inszenierten, hat sich die multiple Persönlichkeit d'Annunzio, der sowohl als italienischer Heimatdichter, konservativer Parlamentarier und romantischer Nationalist in Erscheinung trat, zur Ehre der großen Italienischen Nation und in Realitas vor das Schlafzimmerfenster stellen lassen.

D'Annunzio's Versuch, mit dem Vittoriale das größte Freilichtmuseum der Welt zu errichtete, scheiterte kläglich an des Dichters Sprunghaftigkeit und permanenter Geldnot. Doch als er 1923 den ausgesetzten Kreuzer Puglia von der Italienischen Marine zum Geschenk erhielt, ließ er sich nicht lumpen und das Wrack von Landarbeitern auf einen Berggrat schleppen; mit dem Bug ausgerichtet hin zum Adriatischen Meer und hin zu dem zurückeroberten Dalmatien.

Erst 1955, siebzehn Jahre nach d'Annunzios Tod, wurde sein Mausoleum, ein weiteres Monument der Vittoriale-Anlage, vollendet; dort ruht der Faschist nun still über dem See in toskanischem und lombardischem Marmor.

Ach, wieder einmal hat die Realität doch das bessere Drehbuch geschrieben. Und wie gerne hätte man Klaus Kinski in der Rolle des in seinen Spätjahren heftig dilirierenden Gabriele d'Annunzio gesehen - und Werner Herzog in einer Nebenrolle: als Duce del Fascismo Benito Mussolini bei d'Annunzio's Beerdigung.

© Jochen Vorfelder

12 August 2005

Boxenstopp im Museumshop

Für Nordlichter mit quengelnden Kindern auf dem Rücksitz, Fahrer von Caravan-Gespannen und Urlauber mit ungebremstem Drang nach Süden bietet sich kurz vor der Schweizer Grenze ein idealer Boxenstopp zur Besinnung, Erholung und Abkühlung der familiären Betriebstemperatur an: das Vitra Design Museum in Weil am Rhein.

Nach einer eher unspektakulären Fahrt durch's Weiler Industriegebiet - Füttern Sie dort Ihren Nachwuchs noch kurz bei McDonalds ab und folgen Sie dann den braunen Hinweistafeln! - geht es weiter zum Produktionsitz des Schweizer Möbelfabrikanten Vitra: eine Firma, die hochwertiges Design und innovative Architektur zum zentralen Wert ihren Öffentlichkeitsarbeit gemacht hat.

Hat man sich erst einmal bei den Einheimischen durchgefragt ("Was suchet's se? D'Stuhlfabrigg?"), erreicht man eines der interessantesten zeitgenössischen Architekturensembles mit Fabrikationshallen von Frank O. Gehry (der mit dem Guggenheim-Bau in Bilbao), Alvaro Siza und Nicholas Grimshaw, der Feuerwehrstation von Zaha Hadid (heute Ort der Stuhlsammlung), einer geodätischen Kuppel von Buckminster Fuller und dem Konferenzpavillion von Tadao Ando.

Fahren Sie dort erst wieder vom Parkplatz, wenn Folgendes abgearbeitet ist:

1. Ein Rundgang im Museum, wo noch bis Januar 2006 eine Sonderausstellung "Il rumore del tempo" über das Werk von Gaetano Pesce, einer der international einflussreichsten Designern der letzten 40 Jahre, gezeigt wird.
2. Ein Eistee in der Cafeteria, bevor die Architektur-Führung beginnt.
3. Ein zweistündiger, aber kurzweiliger Gang mit Architekturvortrag über das gesamte Betriebsgelände, bei dem dem Besucher klar wird, daß der Begriff "Industrielandschaft" durchaus positive Assozationen wecken kann.
4. Ein Besuch im Museumshop, den er ist definitiv besser sortiert als Ihr Souvenirladen an der Costa Brava.
5. Die Toiletten. Sie kennen das doch: Kaum ist man auf der Autobahn, geht das Quengeln wieder los.

© Jochen Vorfelder

04 August 2005

Das Karussell von Colmar

Als sich Anfang der Neunziger Jahre Architekten von Euro-Disneyland auf die Suche nach passenden Blaupausen und Fassaden für das projektierte Fantasyland machten, wurden sie zügig fündig: in Colmar. Die Straßenzüge der Stadt im Herzen des Elsaß sind gesäumt mit den mittelalterlichen Stammhäusern und Residenzen von alteingesessenen Bourgeois.

Allesamt sind sie so kunstgerecht und zuckersüß restauriert, daß einem das Herz aufgeht in Anbetracht dieser heilen Welt und man hofft, ein Tor werde aufgestoßen und Aschenputtel flöhe barfuß durch die Hundertschaften der Touristen, die sich zu Urlaubszeiten durch die Fußgängerzone wälzen.

Auch der zentrale Place Rapp, benannt nach Napoleons's eisernen Frontgeneral Jeau Rapp, hält nicht wirklich das, was er oberflächlich vorgibt. Was mit den grauen Granitplatten und dem Springbrunnen wie ein moderne Version des Rapp'schen Exerzierfeldes wirkt, ist in Wahrheit das Dach eines versenkten Parkhauses für 1200 Fahrzeuge.

Nur an den südlichen Ausläufern des Place Rapp, unter den alten Kastanien, steht noch etwas Altes, das nicht vorgibt oder vortäuscht: das Kinderkarussell der Familie Roland Dieudonne. Gebaut vor über 100 Jahren, seit drei Generation in Familienbesitz, mit über 3000 Lampen, 50 Motivwagen und 30 Holzpferden, ruckelt und knarrt es um die eigene Achse, die sich mit einem kecken Wimpel obendrauf forsche elf Meter in den Himmel reckt.

Die Lautsprecher sind altersschwach; die Melodien auch. Da und dort blättert schon etwas die Farbe ab, doch die Augen der kleinen Madames strahlen vor Freude und die Wangen der zukünftigen Zinedine Zidanes mit den aktuellen Fußball-Trikots erröten vor Stolz beim Ritt auf dem Löwen.

Das Meisterwerk der Mechanik, bei dem zum Start noch ein schwerer Hebel umgelegt wird, betört unsere Herzen noch genauso wie vor einem Jahrhundert. Da fragt man sich spontan: Ob Euro-Disney in hundert Jahren wohl noch steht?

© Jochen Vorfelder

01 August 2005

Ratespiel: Ein Leben aus dem Koffer

Wer Ende des 18. Jahrhunderts als talentierter österreichische Autor publizistischen Erfolg erringen wollte, mußt nach Berlin. Auch unser traveller, geboren in Wien, kam 1908 in die Hauptstadt des Kaiserreiches und hospitierte zunächst beim Scherl-Verlag.

Doch erst als ihn der Assistent von Theodor Wolff, des legendären Chefredakteurs des Berliner Tageblatts, aufforderte, zukünftig "kleine Sachen" zu schreiben, kam seine bemerkenswerte Karriere in Fahrt.

Aus Gründen, die hier nicht näher erörtert werden sollen, schrieb er im Tageblatt ab 1909 nicht unter seinem richtigen Namen: Er zeichnete seine kurzen Lokalfeuilletons mit "Baptist" oder "Belial", bevor er dazu überging, einen Tiroler Bauernnamen als Pseudonym zu benutzen.

"A........ H........l" wird mit seinen kurzen Betrachtungen schnell eine Berliner Kultfigur: "Wer ist dieser A..... H.........l? fragte man sich alle Morgen, wenn man das Berliner Tageblatt aufschlug." Doch bald wurde es dem traveller in Berlin zu eng - und er muß Berlin ohnehin verlassen, weil der Erste Weltkrieg ihn nach Wien zurückzwang, wo er, so der Chronist Hermann Broch, einen "pazifistischen Kriegsberichterstatter" gab.

Ab 1923 verbringt traveller den größten Teil seines Lebens auf Reisen: London, Kalkutta, 1924 dann Ägypten, Palestina und der Amazonas, 1926 ein Ausflug über Kanada in die Südsee, Polynesien nach Neuseeland, und erstmal die USA und Hollywood. Bis 1933 folgen weitere Reisen in die Staaten, nach Schottland und schließlich die Teilnahme an einer Expedition in die libysche Wüste zusammen mit dem Fotografen Hans Casparius.

Alle seine Reisen kann traveller, der ein bemerkenswert präziser Beobachter ist, gut vermarkten: Er publiziert erfolgreich Bücher, weiter unter seinem Pseudonym, unter anderem das archivarisch hoch gehandelte "Die Mahdi-Trommel" und ein traumhaftes Werk über die Suche nach "Z............", einem verlorenen Archipel, das von seltenen Kleintieren bewohnt wird.

Nach travellers Reise nach Ägypten holte ihn die hässliche Realität in Berlin ein: Das liberale Tageblatt kündigt ihrem linksintellektuellen Mitarbeiter jüdischer Abstammung. Als der "Anschluß" Österreichs bevorsteht, steht er auf den Listen der Gestapo. Im Frühjahr 1838 gelingt traveller im letzten Moment die Flucht über die Tschechoslowakei und London in die USA. Seine letzte Reise: Im September 1939 stirbt er dort an einem Herzinfarkt.

Wer war da unterwegs?

Viel Spaß beim googlen.

© Jochen Vorfelder

27 Juli 2005

Ratespiel: Low budget durch die Wüste

Wenn sich im frühen 18. Jahrhundert Europäer ins unbekannte Innere Afrikas wagten, dann tat sie dies aus zwei Gründen. Sie waren entweder unerschrockene Händler oder wagemutige Wissenschaftler. Sie mussten bereit sein, ordentlich Geld zu investieren.

Denn Reisen war allemal ein teures und aufwendiges Unterfangen: Eine Expedition, wie sie z.B. der deutsche Forscher Heinrich Barth in den Jahren 1852 bis 1855 durch Westafrika unternahm, verschlang mehr als 100.000 Taler – in heutigen Maßstäben also fast eine Million Euro.

Wenden wir uns deshalb einem Traveller zu, der wenige Jahre nach Barth über das Mittelmeer setzte, und sich vom Hafen Tripoli aus auf den bisher undokumentierten Fußweg nach Timbuktu machte. Seine Reisekasse für den 3500 Kilometer langen Marsch ins Ungewisse: magere 2.500 Taler.

Dennoch war Traveller gut vorbereitet: Nach einem Medizinstudium – ohne Abschluß – verschlug es den Norddeutschen über Italien und die Schweiz nach Frankreich, wo er in die Fremdenlegion eintrat und sechs Jahre lang in Algier diente. Während der Feldzüge gegen die Kabylen überlebte er große körperliche Strapazen, eignete sich Arabisch sowie mehrere nordafrikanische Dialekte an und lernte das Überleben in der Wüste.

Traveller reiste low budget: Mit lokalen Führern und wenigen Kamelen schloß er sich einheimischen Karawanen an und versuchte, möglichst unauffällig und unerkannt zu reisen. Oasen ging er oft aus dem Weg – und kam so fast zwangsläufig vom Weg nach Timbuktu ab.

Traveller beschrieb in seinem bekanntesten Expeditionsbericht „Q... ..... .....a“, wie die Lastkamele eins nach dem anderen starben und er sich schon fast verloren gab, aber dann doch weiter unbeirrt nach Süden marschierte. Irrlichtend und nah am Wahnsinn erreichte er etwas, was vor ihm noch kein Europäer vollbracht hatte: die Durchquerung der Sahara nach Süden - vom Mittelmeer zum Golf von Benin.

Diese Reise – viele andere sollten folgen – machte ihn berühmt und Traveller wurde ein Publikumsliebling und begehrter Vortragsreisender, der an den fürstlichen Höfen in ganz Europa von der Sahara berichtete. In seinen Memoiren lobt er besonders seinen Vortrag in Riga: Dort lernte er seine Lebensgefährtin kennen, die Nichte des Afrikaforschers Georg Schweinfurth. Aber Schweinfurth, das ist eine andere Geschichte.

Wer war da unterwegs?

Viel Spaß beim googlen.

© Jochen Vorfelder

21 Juli 2005

Strom ist nicht gelb, sondern nass

Ja, sind die Balinesen jetzt ganz verrückt geworden? Da zapfen sie sich den teuren Strom aus der Leitung, und leiten ihn über dicke Kabel direkt ins Meer. Wo er die badenden Touristen unter Spannung setzt.

Keine Angst, hört sich schlimmer an, als es ist. Die wunderschönen Taman Sari Bali Cottages in Pemuteran an der Nordküste Balis bieten keine besonders harte Form von Selbsterfahrungskursen an, sondern sind Teil eines von der UNESCO und Klaus Töpfer höchstpersönlich ausgezeichneten Projektes zum Wiederaufbau von zerstörten Korallen-Ökosystemen. Und für Gäste garantiert ungefährlich.

„Der Fachbegriff für den Einsatz von Strom unter Wasser heisst mineralische Aggregation“, erklärt mir Nyoman Satri, der Techniker der Projekts. Und vereinfacht, funktioniert das Ganze so: Der Strom aus der Leitung wird auf 12 Volt herunter gepegelt, bevor er über die Unterwasserkabel raus zu Stahlkonstruktionen und Eisenmatten geleitet wird.

Diese Stangengebilde und Baumatten werden seit zwei Jahren nah am Strand versenkt, um Korallenstöcken und anderen Riff-Organismen einen „Bauplatz“ und neue Heimat zu bieten. Eine alte Technik, aber um ein vielfaches effizienter durch den Schwachstrom. Die leichte Spannung produziert Sandstein und zieht die „Riffbauer“ wie magisch an; die Wachstumsraten unter Wasser sind in Pemuteran sensationell.

Und dringend nötig: An der Nordküste Balis sind die Korallen in weiten Teilen durch Überfischung sowie Dynamiteinsatz geschädigt – die lokalen Fischer finden kaum mehr ein Auskommen. „Bisher sind die Fischer noch nicht ganz vom Projekt überzeugt,“ sagt dazu Satri, der mich durch die Anlage führt. „Aber wir haben jetzt begonnen, spezielle Riffs zur Zucht von Speisefischen anzulegen, das wird sie auf unsere Seite bringen.“

Hoffen wir das Beste – und wer das Projekt unterstützen will, kann das über die Taman Sari Bali Cottages einfach tun: Ankommen und sich’s gut gehen lassen, am Pool relaxen und im Restaurant lecker schnabulieren. Ein Teil des Umsatzes kommt dem Projekt zu Gute.

Mehr zum Projekt und den Taman Sari Cottages:
www.balitamansari.com
www.baliwww.com

© Jochen Vorfelder

26 Juni 2005

Auf den Spuren des "Englischen Patienten"

Eine Expedition unter Leitung des Deutsch-Libanesen Samir Lama erkundete im März 2003 den Gilf Kebir. Das Wüstenplateau im Länderdreieck Ägypten-Libyen-Sudan ist eine gottverlassene Stein- und Sandwüste. Und deshalb unwirklich schön.

Der Gilf Kebir und das Jebel Uweinat-Gebirge – zusammen so groß wie die Schweiz – wurden erst ab 1934 systematisch erforscht und kartografiert. Im Frühjahr 2003 besuchten der Expeditionsleiter Samir Lama und der 77-jährige Peter Clayton, der Sohn des damaligen Landvermessers Patrick Clayton, das Gebiet auf den Spuren und mit den Originalkarten seines Vaters.

Der alte Clayton, Anfang der dreißiger Jahre oft mit dem legendären "Englischen Patienten" Graf Ladislaus Almásy unterwegs, inspirierte den Autor Michael Ondaatje zur Person des "Mason" in seinem verfilmten Bestseller.

Für Samir Lama, einen Kosmopoliten mit italienisch-libanesischen Wurzeln und deutschem Pass, wurde der Gilf Kebir zur letzten Fahrt: Der alte Wüstenfuchs starb im Frühjahr 2004.

Hier der Link zum Film >

Und dazu noch einige Fotos aus dem moto1203-Flickr-Archiv.



www.flickr.com






© Jochen Vorfelder

20 Juni 2005

Zehn Jahre Brent Spar: Prost Shell!

Brent SparHeute vor zehn Jahren entschied der Ölkonzern Shell, einen Schiffskonvoi mit der ausrangierten Ölsammelstation "Brent Spar" im Schlepptau auf dem Weg in den Nordatlantik zu stoppen.

Ganz freiwillig fällte Shell die Entscheidung nicht. Nach wochenlanger Kampagne von Greenpeace hatten sich erst zwei, dann vier Aktivisten an Bord verschanzt und die Öffentlichkeit verfolgte mit wachsender Empörung, was da draußen geschah: Die Brent Spar war tagelang allabendlich in aufreizender Ruhe durch die Tagesschau gezogen worden und der Konzern stand unter schwerem Druck. In Hamburg wurde eine Shell-Tankstelle beschossen.

Wenige Wochen, nachdem die Kampagne für Greenpeace glücklich endete, habe ich das Buch "Brent Spar und die Zukunft der Meere" veröffentlicht.

Hören Sie das erste Kapitel des Buches , das einen Eindruck von der Kampagne und der Stimmung vor exakt 10 Jahren vermittelt.

© Jochen Vorfelder

15 Juni 2005

Die Reise zum Mittelpunkt der Erde

Ein alter französischer Klassiker! Aber mit deutscher Besetzung! Und im Gegensatz zu den anderen Werken des Romancier Jules Verne (geboren im Jahr 1828 - hundertster Todestag war am 23. März 2005) ) sind in „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ die teutonischen Nachbarn keine trotteligen Diener oder perfiden Betrüger.

Nein, in dem spannenden Abenteuerepos, das Jules Verne 1864 verfasste, sind der Hamburger Professor Lidenbrock und sein Neffe Axel zwar kauzige, aber durchaus sympathische Zeitgenossen auf spannender Mission.

Alles beginnt damit, dass Lidenbrock, ein angesehener Geologe, in einer alten Chronik eine geheimnisvolle Karte des isländischen Alchimisten Arne Sacknussem findet. Durch Zufall kann Axel das Dokument entziffern: Ein Reisender gelangt, wenn er in der Krater des Vulkans Snaefellsjökull steigt, zum Mittelpunkt der Erde.

Und los geht die Reise in vorweg genommener "Indiana-Jones"-Rasanz: Nach Kopenhagen und Island geht es über Gletscher, Vulkane und Höhlen tief in den Erdkern, der manche Endeckung und Überraschung für die wackeren Forscher bereithält. Soviel sei verraten: Einige Plots aus Stephen Spielberg's Dinosaurier aus "Jurassic Park", Tom Hanks epische Flossfahrt in "Verschollen" und die Verfilmung von "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" kommen einem nach der Lektüre des immerhin 140 Jahre alten Buches seltsam bekannt vor, offensichtlich hat der eine oder andere Drehbuchschreiber freimütig Anleihen genommen.

„Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ ist mit knapp über 200 Seiten ein idealer Reisebegleiter für Langstreckenflieger, die der Videofilm-Berieselung überdrüssig sind und sich einem Original widmen wollen. Denn als solches kann neben dem Buch auch Jules Verne selbst gelten: Während er seinen Lebensunterhalt tagtäglich als Börsenmakler verdiente, versank er in seiner Freizeit in eine Welt, die voller Ballone, Luftschiffe, Stahlstädte, U-Boote und Propellerinseln seiner Zeit ganz weit voraus war.

Die Wertung: kurios, aber amüsant. Im Jules-Verne-Jahr 2005 unbedingt lesen!

© Jochen Vorfelder

11 Juni 2005

Balsam für die Fantasie

Die bizarren Bilder verlieren sich in der Weite der Wüste. Im Westen Ägyptens, wo Staub und Luft verschmelzen, wo Felsen wie Brucheis aussehen, kann Reisen zur Meditation werden.


N 27° 27. 747’ E 28° 42. 817’
An der Karawanenstraße


Es muss ein fideler Heiligabend gewesen sein für den deutschen Afrika-Forscher Gerhard Rohlfs, jener 24. Dezember 1873 – sein Diener brachte ihm den Tischwein und als Überraschung das Geschenk seiner Frau Gemahlin: handgestrickte Hausschuhe. Die passten zwar nicht in die karge Wüste, doch Rohlfs war dennoch hoch erfreut. Just zum Weihnachtstag hatte seine Karawane auf dem Weg zum Großen Sandmeer und nach Libyen die Djara-Tropfsteinhöhle erreicht, die er als erster Weißer betrat.

Auch 128 Jahre später ist Djara an der alten Karawanenstraße von Assiut nach Bahariya im Westen Ägyptens noch immer eine Sensation: In einem Hügelfeld verbirgt sich in einer Felsspalte eine schmale Öffnung, hinter der sich eine teilweise zwölf Meter hohe und tennisplatzgroße Höhle öffnet. Tausende von Stalaktiten hängen an der Decke, am Boden befinden sich Stalagmiten – vom Flugsand umbrandet. In die Wände sind Zeichnungen geritzt.

Eine Nebenhöhle mit Feuerspuren, wie alt mögen sie sein? Wie kommt Tropfstein in diese wasserlose Einöde? Und was mochte Rohlfs gedacht haben?

Wir sind seit zwei Tagen auf seiner Fährte: Die Hand voll Oasen im Westen Ägyptens sind trotz asphaltierter Straßen und regelmäßigen Busverkehrs nach Kairo immer noch Entdeckerland. Dramatische Wüsten, menschenleere Winkel, überraschende Grabfunde wie im Tal der Mumien und Geschichten von Liebe und Entbehrung – das endlose Land westlich des Nil schlägt den Besucher mit einer Vielfalt von Eindrücken in den Bann, wenn, ja wenn er sich auf gelegentliche Strapazen einlässt.

Von Bahariya, einer der Oasen im westlichen Ägypten, waren wir mehr als 100 Kilometer Richtung Osten vorgedrungen, hatten die zwei Toyota-Geländewagen durch tiefe Wadis und auf hohe Plateaus geprügelt und waren dann an einem Gebirge aus Sanddünen gen Süden abgedreht, bevor wir die Djara-Höhle erreichten. „Abdel, wie findest du diese Höhle, wo alle Hügel hier gleich aussehen?“ Abdel Kadr el-Badramany, Rektor der Grundschule von Bahariya und unser Führer durch die Wüste, lacht und zieht an seiner Zigarette. „Einfach den Spuren nach, auch wenn du keine siehst. Kann jeder von uns Badramanys. Frag Magdi, Wüste liegt uns im Blut.“ Auch Magdi Badri el-Badramany, unser zweiter Fahrer, navigiert völlig entspannt durch das raue Niemandsland, vor allem, weil bei dieser Exkursion außer zwei zahlenden Fahrgästen viele Freunde aus der Oase mit an Bord sind: Abdel, der Onkel, Achmed, Abdullah und Peter Wirth, der Deutsche, der mit seiner japanischen Frau Miharu in Bahariya ein Hotel betreibt.

Abends am Lagerfeuer, als ich mein GPS-Gerät auspacke und mir von den Satelliten am Sternenhimmel die Koordinaten unseres Camps berechnen lasse, kommt das Thema noch einmal auf. „Manchmal glaube ich, dass die Beduinen den richtigen Weg riechen wie Kamele das Wasser“, sinniert Wirth abschließend aus seinem Schlafsack.

Mir kommt dazu eine Passage aus den „Sieben Säulen der Weisheit“ von T.E. Lawrence in den Sinn: „Meine Führer witterten gleich Hunden in der Luft, führten mich von einem verfallenen Raum in den anderen und erklärten: ‚Das hier ist Jasmin, das Veilchen, das Rose.‘ Aber zuletzt zog mich Dahoum mit sich: ‚Komm und rieche den schönsten Duft von allen.‘ Wir gingen in den Hauptraum, traten an die gähnenden Fensterhöhlen und tranken dort mit offenem Mund den leichten, reinen, unbeschwerten Wüstenwind, der uns umfächerte. Das ist der beste, sagten sie zu mir: ,Er hat keinerlei Geschmack.‘“

Was gibt es Schöneres, als in fast schmerzhafter Stille unter dem Sternenhimmel im Sand zu liegen? Die Reinheit und Leere der Wüste – wer sich auf sie einlassen kann, wird mit einer meditativen Reise durch eine einzigartige Landschaft belohnt. Vor rund 70 Millionen Jahren lag diese trockenste Zone der Erde noch auf dem Boden eines Urmeeres. Doch seither haben Wind und Sand aus dem abgelagerten Sediment- und Kalkgestein verschiedenste Formationen und Gegenden geschaffen – wie die Schwarze Wüste, wo Kegel- und Pyramidenformen dominieren, changierende Brauntöne, der allgegenwärtige Schiefer und anderes schwarzes Gestein. In der Weißen Wüste dagegen gibt es nur Sand und weißen Kalkstein. Doch wer denkt, das sei langweilig, täuscht sich gewaltig – die genial einfache Mischung lässt der Fantasie viel Raum.

N 27° 15. 763’ E 28° 11. 708’
Camp in der Weißen Wüste


Wenige Tage nach dem Trip zur Djara-Höhle sind wir mit Magdi und Samy, einem der jüngeren Brüder aus dem Badramany-Klan, wieder unterwegs. Es wird Abend, die Hitze des Tages lässt nach. Während Magdi und Samy das Lager aufschlagen, wandern Andreas, der Fotograf, und ich in der Weißen Wüste umher. Die Kalkstein-Skulpturen liegen unter sanftem Licht und werfen lange Schatten.

Das kurze Intermezzo zwischen Sonnenuntergang und Dunkelheit ist die Mußestunde der Wüste; jetzt zeigt sie sich von ihrer milden Seite. Alle Lebewesen, die sich unter Tage vor der unbarmherzigen Sonne versteckt hatten, erwachen zum Leben. Käfer, schwarz und groß wie ein Fünf-Mark-Stück, wagen sich aus der Deckung. Ein paar Wüstensteinschmätzer, die an den wenigen Wasserstellen leben, schwirren herum.

Mein Blick fällt immer wieder auf die Erde, die Wüste liegt mir in Form von Souvenirs zu Füßen – Scherben römischer Amphoren, Bruchstücke von Straußeneiern und fossile Muscheln.

Die Gedanken schweifen zurück, zur Abfahrt. Der schnelle Abschied von Bahariya, wo wir den Wüstentrip ohne Probleme innerhalb eines halben Tages organisiert hatten, kam uns zupass. Der Unterhaltungswert der Wüsten-Enklave tendiert nach einem Tag intensiver Erkundung gegen null; abendlicher Höhepunkt sind der Spaziergang vom Hotel zur Hauptstraße und die warme Pepsi vor dem Kaffeehaus, während auf der Straße das Leben tobt: Bauern treiben ihre Esel durchs Dorf, vor dem Bäckerladen werden Brotfladen kunstvoll gestapelt. Die Wasserpfeifen blubbern; der Geruch von süßem Apfeltabak signalisiert: Der Tag ist gelaufen, aber morgen geht’s wieder weiter – wie seit tausend Jahren.

Nicht ganz so altvordern wie die lokalen Sitten, aber doch auch von bemerkenswerter Verweildauer sind die Toyotas, mit denen Magdi und seine Kollegen die Touristen durch die Wüste fahren. Mehrfach umgebaute und zerbeulte Allrad-Veteranen aus den siebziger Jahren sind keine Seltenheit, neumodischer Schnickschnack wie Scheibenwischer, Klimaanlagen und elektrische Fensterheber zwar bekannt, aber unerwünscht. Was es nicht gibt, kann auch nicht kaputtgehen.

Gutes altes Auto, stundenlang waren wir an Bord des Landcruisers wie auf einem Schiff durch den Sand geschlingert. Die Zeit verging wie im Flug. Am Morgen noch die Gesteinspyramiden im Aqabat, der Bruch-Region, in der das vom Nil kommende Plateau in die Farafra-Senke übergeht. Dann weite Stein- und Geröllebenen mit Sandinseln und einsamen Tamarisken und Akazien, die wie ein Wunder die Trockenheit überleben.

Gegen Mittag Magic Spring und Ain Hadra, zwei artesische Brunnen mit einem Büschel Dattelpalmen, zu deren Füßen schon römische Söldner Rast machten. Die Gegend, die von den Einheimischen „die Zelte“ genannt wird, wo zahllose Kalkhügel wie Muffins frisch vom Backblech aus dem Boden wachsen.

Die Bilder verlieren sich in der Weite der Wüste, die endlos erscheint am Horizont, wo das zärtliche Abendlicht und der Staub in der Luft miteinander verschmelzen wie Eindrücke und Fantasie. Hier, die hellen Quader, die aus dem weißen, verkeilten Brucheis und den Schneeverwehungen ragen, könnte das nicht die Antarktis sein? Und dort, die hoch aufragenden Riesenpilze und Kreidebrocken – im schwindenden Licht verwandeln sie sich in Trolle, Kamele und Pharaonen.

Es ist fast dunkel geworden, und die Badramanys haben über dem Holzfeuer das Abendessen gezaubert: Tomaten- und Gurkensalat, gebratene Hähnchen, Reis und süßen Beduinen-Tee. Nach dem Essen machen wir es uns bequem unter den Sternen. Magdi erzählt von seiner Familie, die seit Menschengedenken in der Wüste lebt: „Die letzten Kamel-Karawanen über Bahariya bis ins libysche Kufra sind in den sechziger Jahren gezogen“, sagt er mit einem Anflug von Bedauern, obwohl er die Mühen dieser Touren aus den Erzählungen seines Großvaters kennt.

Dessen Vater wiederum war einer der ersten Badramanys, die aus dem Wissen, wie man in der Wüste überlebt, Kapital schlugen: Er fuhr Anfang der dreißiger Jahre mit dem ungarischen Adligen Ladislaus Almásy und dem Engländer P.A. Clayton auf der Suche nach der geheimnisumwitterten Oase Zarzura in den noch unerforschten Süden der Westlichen Wüste. Almásy entdeckte im Gilf Kebir, einem Hochplateau von der Größe der Schweiz, prähistorische Wandmalereien wie die „Schwimmer in der Wüste“. Die Funde belegten, dass vor 10 000 oder mehr Jahren noch Krokodile und Giraffen in der Gegend gelebt hatten, und wurden zu einem Thema in der romantischen Romanverfilmung „Der englische Patient“.

N 28° 20. 342’ E 28° 51. 608’
Zurück in der Oase Bahariya


„Jala, hier rechts rein!“ Peter Wirth dirigiert Fahrer Achmed – der seit 30 Jahren der Chef der örtlichen Ausweisstelle und damit gehobener Beamter ist, aber seinen Lebensunterhalt damit bei weitem nicht bestreiten kann – in eine staubige Seitenstraße von Bawiti. Achmed quittiert Wirths Anweisungen mit einem müden Seitenblick; er kennt hier jeden Weg.

Bahariya ist wie die anderen Oasen Siwa, Farafra, Dakhla und Kharga kein schöner Ort; das Klischee vom verträumten Winkel unter Palmen, die sich dicht um eine einsame Wasserstelle drängen, stimmt nur bedingt. Bahariya etwa besteht aus rund einem Dutzend Weilern, die teilweise bis zu 30 Kilometer voneinander entfernt liegen. Die Orte sind Verwaltungszentren, Militärstützpunkte und Marktflecken mit Neubauten und verfallenen Lehmhäusern; die Bewohner mancher Orte müssen noch heute auf Strom verzichten. Keine Wüstenromantik, nur nackte Hausmauern und versandende Gärten.

Hunde bellen, Kinder johlen. Der Jeep hält vor einem Sandhügel, Geröll und Steinen; obendrauf zwei Hütten, die in der Mittagshitze oszillieren. Ein typisches Anwesen in Bawiti, wäre da nicht ein kleiner Unterschied: Unter dem Schutt liegen die Gräber des vorchristlichen Oasen-Herrschers Zed Amun Ef Ankh und seines Sohnes Banentiu. Ihre letzte Heimstatt wurde vor mehr als zwei Jahrtausenden in den Sandstein gemeißelt; die mit Hieroglyphen bemalten Wände erzählen von mächtigen Herrschern und glanzvollen Siegen – Bahariya scheint mal ein spannender Ort gewesen zu sein.

In allen fünf westlichen Oasen stößt man auf historische Stätten; in Kharga etwa auf Bagawat, einen der ältesten christlichen Friedhöfe Ägyptens. In Dakhla stehen 20 Grabanlagen auf dem Besuchsprogramm, nahe der libyschen Grenze liegt der Tempel des Orakels von Siwa, das schon Alexander der Große konsultierte. Für Hotelier Peter Wirth sind diese Altertümer touristische Schätze, die im Verborgenen schlummern. „In ein paar Jahren haben wir hier Reisegruppen aus Japan.“

Dass Wirth mit seiner Prognose wahrscheinlich Recht behalten wird, ist auf den Fehltritt eines Esels in der Oase Bahariya zurückzuführen. Der alte Zausel stolperte und brach mit einem Huf durch ein dünnes Gewölbe. Darunter taten sich Welten auf: In der Katakombe lagen Leichname, mumifiziert, mit vergoldeter Gesichtsmaske geschmückt, dicht an dicht.

Die Ausgrabungen fördern die Spuren versunkener Zivilisationen aus dem sechsten vorchristlichen bis zum vierten nachchristlichen Jahrhundert zu Tage. Ein Ende der sensationellen Funde ist nicht abzusehen: Die Gruft unter der Oase erstreckt sich schätzungsweise über sechs Quadratkilometer; die Wissenschaftler vor Ort rechnen mit mindestens 8000 Mumien. Anfang des Jahres 2001 hatten sich die Helfer von Dr. Zahi Hawass, dem verantwortlichen Ausgrabungsdirektor, bis zu Gad Khensu Eyuf Ankh, dem Herrscher über die Oase zwischen 589 und 570 vor Christus, und seiner Gemahlin, der Königin Naas, vorgegraben. Deren Mumie im vergoldeten Kalksteinsarg war gut erhalten und mit 100 goldenen Amuletten geschmückt.

Inzwischen wird darüber spekuliert, wie die Oasen-Noblen zu solch spektakulären Reichtümern kamen und warum ihre Macht schwand. Hatten sie bisher unbekannte Kolonien im Süden? Waren sie die Herrscher über geheime Karawanenrouten, die das Mittelmeer mit dem fruchtbaren und an Bodenschätzen reichen Schwarzafrika verbanden?

Warum verarmten die Oasen? Auch Zahi Hawass kann diese Frage nicht beantworten. Doch er ist überzeugt, dass nun ein Teil des Reichtums in Form von Devisen zurückkehren wird: „Mit Königin Naas bringen wir die Oasen endgültig auf die touristische Landkarte.“

© Jochen Vorfelder

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