Die Ex-Motorradfahrer Wimmer und Waldmann wollen die marode Ost-Motorradmarke MZ retten. Bisher waren die Business-Pläne bescheiden. Jetzt soll das Land Sachsen und ein neuer Partner helfen – und der Bau des Elektrorollers emmely.Es sind die letzten Getreuen, die zur Pressekonferenz gekommen sind. Eine Handvoll einheimischer Nostalgiker mit ausgewaschenen MZ-T-Shirts und eine Trupp schwarz gekleideter Biker stehen Spalier auf dem Gelände der Motorenwerke Zschopau. Es ist heiß. Sehr heiß. Die Hitze liegt wie eine dicke Rheumadecke über den schläfrigen riesigen Werkshallen. Dort drin regt sich nichts.
Nur auf dem Hof ist Betrieb: Sachsens Finanzminister Prof. Georg Unland von der CDU (
Korrektur: Prof. Georg Unland wurde von Sachsens CDU-Ministerpräsident Tillich 2008 ins Kabinett berufen, ist aber parteilos. J.V.) steigt aus seinem Dienstwagen, zieht sein Anzug-Jacke an, und strebt mit dynamischem Wahlkampf-Schritt auf Martin Wimmer zu: „Freut mich, Sie zu sehen, Herr Wimmer. Können wir anfangen?“
Wimmer kann. Er führt den Politiker zu seinem Highlight des Tages: den Prototypen eines Elektrorollers mit Namen emmely, grün-weiß in den Farben von MZ. Mit emmely, in wenigen Tagen eiligst zusammengebaut aus einem chinesischen Massenprodukt und einem Batterie-Motor-Block des neuen Partners Clean Mobile, will Wimmer retten, was viele für ein extrem riskantes Investment halten.
Schlingerkurs bei der Finanzierung Prof. Unland ist die letzte Hoffnung für den abgewirtschafteten sächsischen Motorradhersteller MZ: Wimmer, der ehemalige Motorradfahrer, hat mit seiner Frau Dr. Martina Häger und seinem Rennkollegen Ralf Waldmann im März 2009 das Werk und die Marke MZ gekauft. Für angeblich 4 Mio. Euro vom malaysischen Mischkonzern Hong Leong und einem vagen, konventionellen Geschäftsmodell: 125er Viertakt-Maschinen und Roller sollten von 50 Mitarbeitern montiert, die Teile wie in der Branche üblich aus China bezogen werden.
Der Plan stößt auf Beifall in der extrem strukturschwachen Region: „MZ lebt!“. Aber in der Branche und der Landespolitik überwiegt die Skepsis: Auf dem 125er- und Rollermarkt tummeln sich unzählige Mitbewerber. Mindestens 70 Mio. Euro Verlust haben die Vorbesitzer aus Malaysia mit MZ gemacht; schon 1996 gab es einen Konkurs, nachdem geschätzte 45 Mio. DM Treuhand-Gelder, Landeszuschüsse und Fördersummen verbrannt worden waren.
Wirtschaftsminister Thomas Jurk (SPD) erklärt, man wolle sich mit keinen weiteren Fördergelder am Kauf beteiligen, aber Anträge auf Zuschüsse bei Neuentwicklungen wolle man wohlwollend prüfen. Bisher sind keine Anträge im Wirtschaftsministerium eingegangen. Auch die Banken halten sich zurück bei der Kreditzusage.
Womit soll jetzt die Entwicklung und Produktion vorfinanziert werden? Die diesjährige Saison ist vorbei. Von den versprochenen 50 Arbeitsplätzen sind 23 besetzt, sie kümmern sich um Verwaltung und Ersatzteilversorgung. Bis die Kundschaft in 2010 wieder Mopeds und Roller kauft, kommen ein langen Herbst und ein harter Winter im Erzgebirge. Wimmer ist nach knapp vier Monaten mit seiner abenteuerlichen MZ-Fahrt in eine Sackgasse gelandet: Ohne Kreditzusagen sind Anträge auf Landesförderung und staatliche Bürgschaft erfolglos, ohne Bürgschaft durch das Land sind die Taschen der Banken wie zugenäht.
Nach Wirtschaftsminister Jurk jetzt also Prof. Unland: Martin Wimmer steht in der brütenden Sonne und erklärt dem Finanzminister, der jede Landesbürgschaft über 2,5 Mio. Euro persönlich zeichnen muss, die strombetriebene emmely. Prof. Unland nickt wohlwollend.
Technisches Hilfswerk aus Bayern„Wir müssen mit der Zeit gehen, sonst haben wir als MZ auf Dauer keine Chance“, konzidiert Martin Wimmer. An den 125er-Modellen mit dem erprobten Verbrennungsmotor will man festhalten, aber ansonsten soll die Fertigung radikal umgestellt werden: „Elektrofahrzeuge für die urbane Mobilität, darin liegt auch unsere Zukunft.“ Ein guter Plan, wie Häschen aus dem Hut gezaubert, aber in Zeiten des grundsätzlichen Mobilitätswandels einer mit Perspektive: Nur ein radikaler Schwenk weg vom alten, stinkigen Zweitakter-Image kann MZ vielleicht noch retten.
Die emmely wird in den nächsten Monaten weiter entwickelt und getestet, am Design werde noch gefeilt. Sie soll im Frühjahr 2010 in den Verkauf gehen, als Modell EL1 mit einer maximalen Geschwindigkeit von 25 Stundenkilometern. Die EL2 mit Mopedgeschwindigkeit von 45 Stundenkilometern soll wenig später kommen, ebenso ein „revolutionäres“ Hybridfahrzeug mit 80 Sachen, dessen Lithiumbatterie während der Fahrt geladen wird.
Geliefert wird der Antrieb der Fahrzeuge aus München, von einem neuen MZ-Kooperationspartner. Die Clean Mobile AG liefert bisher Batterien, Controller und Elektromotoren für Post-E-Bikes und den Brennstoffzellen-Antrieb für die Trikes der gelben Post.


Ein seriöser Partner also für Wimmer, Häger und Waldmann: Man hat einen Kooperationsvertrag über zwei Jahre vereinbart. Clean Mobile liefert im Consumer-bereich exklusiv an MZ, die Zschopauer verbauen in dieser Zeit bei der Montage vor Ort ausschließlich E-Aggregate aus München. Alle Beteiligten wären zufrieden, wäre da nicht das fehlende Geld. Denn finanziell beteiligen, das will sich auch Clean Mobile nicht.
Realistisch gesehen, braucht MZ mindestens 5 Mio. Euro, um über die Runden zu kommen. Das Geld muss von den ungenannten Banken kommen. Aber Prof. Unland und das Land Sachsen müssen dafür 90 Prozent der Investitionen in Millionenhöhe verbürgen.
Die Zeit läuft ausDie Unterlagen, die das Land bei einem Bürgschaftsantrag in dieser Höhe erwartet, sind noch nicht fertig. Vielleicht noch zwei, drei Wochen, sagt Wimmer. Erst wenn sie im Ministerium entgegen genommen sind, machen sich Spezialisten von PricewaterhouseCoopers im Auftrag des Landes Sachsen an die Prüfung der MZ-Bücher und des Geschäftsmodells.
Man wird mit der Bank reden und in den Betrieb kommen müssen. Eine Bewertung und Entscheidung braucht Zeit. Wochen, womöglich Monate. Martin Wimmer sagt: „Wir hoffen natürlich, dass es schnell geht, möglichst schnell, vielleicht noch vor den Wahlen.“
Prof. Unland nickt wieder wohlwollend und formuliert seine Antwort bedächtig und vorsichtig: „Mir hat gefallen, was ich heute hier gesehen habe. Aber die Vergabe einer Bürgschaft, und dabei geht es ja um öffentliche Gelder, ist immer eine Sachentscheidung basierend auf den Fakten, und keine politische Entscheidung.“
Martin Wimmer lächelt müde.
Auch Unland wirkt erschöpft. Die stehende Hitze hat ihm sichtlich zugesetzt. Er nimmt auf der neuen emmely Platz. Fahren, nein, fahren will er mit dem Hoffungsträger heute nicht mehr. Er hat heute noch zwei weitere Ortstermine; sein Auto wartet schon.