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21 August 2009

Magazine-Krise: Bauer Verlag entläßt BIKE-Chefredakteur Steve Rose

Nach der Motor Presse Stuttgart (MPS), bei der im Mai 2009 Redaktionsplätze bei MOTORRAD gestrichen wurden, greift nach einer Meldung aus den USA nun der Hamburger Bauer Verlag bei seinem internationalen Ableger Bauer Media Group durch: Beim englischen BIKE, nach eigenen Angaben "Britain's best-selling bike magazine", wurde der Chefredakteur Steve Rose überraschend entlassen.

Rose war erst 2007 zum Chef von BIKE ernannt worden, damals noch unter der Ägide des alten Besitzers, der EMAP Gruppe. Bauer Media hatte u.a. BIKE erst im vergangene Jahr gekauft.

In den einschlägigen Foren wird kolportiert, dass "Rose mit der neuen Verlagsleitung nicht zurecht kam und sich mehr klare Strategien von oben gewünscht hatte. Andererseits ist Rose mehr der Typ des schreibenden Journalisten statt des kühl kalkulierenden Chefredakteurs."

Die Entlassung von Steve Rose, eines unter Moto-Journalisten sehr beliebten Kollegen, fällt zusammen mit der allgemeinen Krise der Druck-Branche: BIKE hat nach Schätzungen noch eine monatliche Auflage von etwa 70.000 Exemplaren - ein schlechtes Ergebnis für den UK-Markt und Tendenz fallend.

Auch MOTORRAD, wo der chirurgische Eingriff in die Redaktion schneller als bei Bauer kam, leidet unter Leserschwund. Das Monats-Blatt hat in den vergangenen fünf Jahren rund 19 Prozent des Gesamtverkaufs verloren und liegt beim Einzelverkauf zur Zeit noch bei knapp über 40.000 Exemplaren.Die Abonnentenzahl ist im gleichen 5-jährigen Zeitraum um 17 Prozent gesunken. Branchenkenner fragen sich wohl zu Recht, ob der 14-tägige Rhythmus für ein solches Special-Interest-Magazin noch zeitgemäß ist.


Dabei ist MOTORRAD vergleichsweise noch gut dabei: Schrillere Titel wie etwa die BIKER NEWS stürzen 2009 komplett ab - nach den aktuell vorliegenden Zahlenverkauft das Blatt noch 12.000 Stück am Kiosk und hat in den letzten fünf Jahren einen Rückgang am Kiosk von 72 Prozent zu vermelden. Trotz Babes on Bikes ...

26 Mai 2008

Irbit Bike Show: Wodka im Tank der Ural


Reichen drei Räder für eine bessere Zukunft? Das marode Ural-Motorradwerk in Sibirien kämpft um sein Überleben. Die Fans allerdings feiern die glorreiche Vergangenheit der Komsomolzen-Marke. Ich habe auf der letzten wodka-geschwängerten Irbit Bike Show recherchiert.

Stix schwankt und schwitzt. Der Russe trägt trotz der prallen Sonne eine geringelte Wollmütze, schwere Springerstiefel und eine speckige Lederweste. Nach einem Dutzend Tritte auf den Kickstarter dünstet er den konsumierten Wodka literweise aus. Vergeblich: Seine Ural, ein schwarzes Boxer-Ungetüm Baujahr 1990, röchelt schwer, aber springt nicht an. Anna, seine hochattraktive Freundin im Seitenwagen, begutachtet mucksmäuschen-still ihre schwarzen Fingernägel.

Auch die russischen Bikeri, die das Pärchen und ihren neu adoptierten deutschen Freund umringen, sind peinlich berührt. Stix, dessen richtiger Namen längst vergessen ist, ist der Präsident des Black Knifes. Dem Motorradclubs aus Yekaterinburg eilt der Ruf der ganz bösen Buben voraus. Stix ist für seinen Jähzorn bekannt; was kommt jetzt? Gott sei Dank nur neuer Wodka. Stix reicht mir die Flasche, tritt gegen den Zylinder der Ural und lässt lachend einen Wortschwall los. Ich spreche kein Wort Russisch, aber verstehe: Monster. Wodka. Und Druschba. Freundschaft.

Bist Du des Wahnsinns, hatten mich wohlmeinende Freunde gefragt, als ich ihnen erzählte, dass ich mit Zelt und Schlafsack zum Camping nach Irbit wollte.

Irbit liegt gut 300 Kilometer östlich des Urals. An 363 Tagen im Jahr ist dort tote Hose, nur während der restlichen 48 Stunden geht die Post voll ab. Seit zehn Jahren wird in dem unbedeutenden Provinznest die Irbit Motorcycle Show ausgerichtet, ein Biker-Meeting, über das viel gemunkelt wird. Gegen Irbit sei das Elefantentreffen eine Versammlung frommer Betschwestern; die Teilnehmer allesamt üble Zeitgenossen und meist nur auf Freigang.

Freunde, es kam ganz anders.

Fast 5.000 russische Motorradfahrer sind gekommen, mit Sack und Pack, und haben aus einem holprigen Acker an einem kleinen See eine improvisierte Zeltstadt gemacht. Feuer und Grills kokeln, überall quäken tragbare Stereoanlagen und Autoradios. Wacken meets Ural: Die Verkaufstände von Heavy Metal-Aufnähern und Festival-Devotionalien sind aus den gleichen rohen Planken zusammengehauen wie die Toilettenhäuschen, vor denen sich lange Schlangen bilden.

Alle Fotos aus Irbit >


Ein Dunst aus Alkohol, Grillfleisch und Abgasen liegt über dem Gelände; heraus in den blauen Himmel ragt nur die riesige Bühne, auf der Rock- und Metal-Band sich abwechselnd um den Dezibel-Preis bemühen. Vor der Bühne herrscht Anarchie; Gespanne mit sieben oder acht Beifahrern karriolen wild durch die Zuhörer.

Doch Freunde, alles bleibt freundlich und friedlich.

Gekommen sind die Biker aus allen Ecken der Föderation, wie die zarte Ludmilla nach einem langen Ritt aus dem 1800 Kilometer entfernten Moskau. Oder Sergej und Kolja vom der wilden MC R19-Horde aus Kasachstan - auf Straßen mit Schlaglöchern so groß, dass Kleinwagen unversehens darin verschwinden. Ihre Maschinen hätten bei einem deutschen TÜV-Inspektor den Puls in den roten Bereich getrieben: uralte und notdürftig zusammengeflickte Ural- oder Dnepr-Gespanne; als Replikas der BMW R71 meist gebaut, als ihre Fahrer noch nicht auf der Welt waren. Qualmende Izh-58-Zweitakter auf den technischen Stand der DKW NZ 350, und vorsintflutliche Jawas.

Die vielen alten Hondas und Yamahas, die über den Festival-Platz toben, sind alle aus dritter oder vierter Hand und keinesfalls verkehrssicher. Die neueren Maschinen, darunter eine Fireblade, werden bestaunt als die Exoten, die sie sind.

„Für Irbit sind die Show und die Motorräder ein Segen. Die Stadt lebt davon. Zwar nicht mehr gut, aber wir leben noch,“ sagt Vladimir Kurmatchev, der das Festival offiziell eröffnet hat. Kurmatchev ist nicht nur Schirmherr der Veranstaltung, sondern auch Leitender Direktor der lokalen Ural-Werke. In Irbit werden seit 1942 die berühmt-berüchtigten russischen Gespanne hergestellt. Als Kurmatchev vor 35 Jahren am Montageband angefangen hat, war die Marke noch ein sowjetischer Staatsbetrieb und musste sich um den Absatz der Maschinen nicht sorgen.

Er rekapituliert: „Ende der Achtziger hatten wir noch fast 7.000 Beschäftigte und haben jährlich 140.000 Stück produziert. Fast alle für das Militär, für den Einsatz in den Kolchosen und den großen russischen Privatmarkt.“ Der Niedergang nahm mit Gorbatschows Glasnost seinen Lauf. Kurmatchev: „Auf die Marktwirtschaft waren wir nicht vorbereitet. Die Verkäufe gingen Jahr für Jahr zurück.“

Inzwischen sind die Ural-Werke mehrfach durch die Hände von russischen Investoren gegangen und zu einer unbedeutenden Manufaktur geschrumpft. Von den 7.000 Genossen und Genossinnen, die 1990 die Urals bauten, stehen heute noch 600 auf der Gehaltsliste. Sie fertigten 2007 rund 2.000 Maschinen; über 90 Prozent davon für Liebhaber der Gespanne in Europa und den USA.

Der russische Markt selbst ist tot: „2007 haben wir nur noch 100 Maschinen verkauft.“ Vom Stolz der sowjetischen Motorradproduktion sind nur Ruinen übrig. In den riesigen leeren Werkshallen rosten die alten Fertigungsanlagen; die neuen Modelle werden in kleinen, abgetrennten Ecken in Handarbeit montiert. „Konsequentes Downsizing“, nennt Vladimir Kurmatchev den traurigen Abgesang.

Doch eine Resthoffnung besteht. Die Maschinen sind weniger grob geschnitzt und in Maßen zuverlässiger. Viele Anbauteile werden nicht mehr selbst gefertigt, sondern in Italien, Japan und Taiwan zugekauft. Mit einer Baureihe von eleganten Retro-Maschinen für Europa und Modellen wie der Gear-up, die mit Desert-Storm-Camouflage den amerikanischen Geschmack treffen soll, ist die Palette clever erweitert worden. Der europäische Importeur im österreichischen Linz hat mit technischen Infusionen dafür gesorgt, dass die Maschinen endlich mit funktionierenden Bremsen und zuverlässiger Elektronik ausgestattet werden und die Euro3-Norm-Hürde schaffen.

Und mit der Pustinja war in diesem Frühjahr wieder ein Verkaufsschlager zu den Händlern kommen: mit über 380 kg Leergewicht echt Heavy Metal, aber mit Reservekanister und Verbandskasten so Vertrauen erweckend wie ein Schweizer Lawinenhund. Allradantrieb und Rückwärtsgang wecken den Wunsch, den Asphalt sofort in Richtung schlammige Niederungen zu verlassen. Die limitierte Auflage von 35 Stück war vergriffen – innerhalb von Tagen. Für Herbst 2008 ist das Modell „Arctic“ geplant.

„Wir sind wieder konkurrenzfähig“, schreit Kurmatchev noch trotzig, doch seine weiteren Ausführungen gehen im Getöse unter. Auf der Bühne spielt inzwischen eine Band, deren blutjunger Sänger mit wehendem Haar und schwarz-weiß bemaltem Gesicht den Skandalrocker Alice Cooper imitiert.

Die begnadeten Dilettanten legen einen brachialen Klangteppich über die Bikeri, die in ihrem Rausch nicht nur restlos begeistert, sondern ausgelassen wie kleine Kinder sind. Die musikalische Reminiszenz an die Siebziger Jahre passt zu dem Festival wie der Wodka zum Ural. Ein Trip zur Irbit Motorcycle Show ist wie eine Zeitreise in die ersten Jahre des deutschen Wirtschaftwunders: ein Ritt durch die Tage, als Motorradfahren noch aus der Not geboren war, und deutsche Halbstarke sich noch kein Auto leisten konnten.

Freunde, eigentlich waren das doch schöne Zeiten.

(c) Jochen Vorfelder

Die Irbit Motorcycle Show findet jedes Jahr Ende Juli statt. Eine einwöchige Motorradreise mit Festival-Camping, Werksbesichtigung und viertägiger Rundfahrt mit Ural-Leihmaschinen organisiert der europäische Importeur der Ural im österreichischen Linz. Mehr Infos und Kontakt unter www.ural.cc

17 August 2007

Motorradfahren: Weltanschauung oder pure Not?

Wer die Bilder, die ich auf der Irbit Bike Show 2007 geschossen habe, betrachtet, dem fällt vor allem eins auf: Russische Biker und ihre Mädels sind unglaublich jung. Das läßt sich schnell erklären, denn in den drögen Vororten herunter gekommener ex-sowjetischer Metropolen sind Zweiräder ein probates und vor allem bezahlbaren Mittel für kleine Fluchten.

Wem diese knappe Erklärung nicht reicht, und es eher sorgsam evaluiert und untermauert haben will, kann zu wissenschaftlichen Hilfsmitteln greifen. Zumindest in der USA und Großbritannien, denn dort ist die Aufarbeitung des Phänomens "Motorradfahren" ein ernstzunehmender Forschungszweig.

Einen Blick in diesen abgelegenen Wissenschaftkosmos bietet regelmäßig u.a. das online verfügbare International Journal of Motorcycle Studies: "The International Journal of Motorcycle Studies (IJMS) is dedicated to the study and discussion of motorcycling culture in all its forms—from the experience of riding and racing to the history of the machine, the riders and design to the images of motorcycling and motorcyclists in film, advertising and literature."

In der aktuellen Ausgabe wird auch - auf die britische Bühne transferiert - die Frage, warum die russischen Bikerii so jung sind, beleuchtet und in erheblicher Tiefe ausgelotet. Die Autorin Suzanne McDonald-Walker hat für ihren Artikel "Outcast but not Cast Out: The Effects of Marginalisation on the British Motorcycling Community" Motorradfahrer auf der Insel interviewt und die Antworten in Zusammenhang mit der Entwicklung und Lage der britischen Arbeiterklasse gestellt.

Was die Biker von damals zu sagen hatten, gilt auch für die Russen heute:"I mean, young men of my background, my class, couldn’t afford cars…. The only way you could get to work without pedaling your bicycle was by buying a little motorcycle. And… there was a genuine culture around motorcycles then. You know, young men bought motorcycles, rode motorcycles."

Auf deutsch: In Sibirien heute isses wie in London und Castrop-Rauxel in den frühen Sechzigern. Nix zu knabbern, kein Arsch inner Hose. Aber solang der Ford Taunus unerschwinglich ist, fahren wir halt Zündapp. So wars damals, oder?

(c) Jochen Vorfelder

07 August 2007

Irbit Bike Show 2007: Wodka & Death Metal

Ein Posting in eigener Sache. Letzte Woche hatte ich das Vergnügen, mich in Irbit, rund 300 Kilometer östlich des Urals, auf dem platten Land in Sibirien rumzutreiben.

Da sagen sich an 363 Tagen im Jahr Fuchs und Taiga-Hase Gute Nacht. Nur an 48 Stunden ist in Irbit die Hölle los - wenn jährlich Ende Juli rund 3500 russische Bikeri zu der Irbit Bike Show einfallen und mit Hilfe von Sex, Drugs and Rock & Roll - sprich auf Russisch: Sex, Wodka und Death Metal - die Nacht zum Tag machen.

Am Bericht feile ich noch, hier schon einmal eine Auswahl an Fotos. Das gesamte Set gibt es bei flickr.