Position: Liegeplatz Keppel Harbour, Singapur
Auf nach Hongkong! Nach nur fünfzehn Stunden an der Pier in Singapur ist die OOCL Malaysia fertig zum Auslaufen. Es waren geschäftige fünfzehn Stunden.
Nur eine Handvoll Seemeilen vor dem Liegeplatz im Keppel Harbour - mit grandiosem Blick auf die Wolkenkratzer-Skyline von Downtown Singapur - war der Lotse am Montag Nachmittag an Bord gekommen; kaum lag die OOCL Malaysia an den Leinen fest, klappten sechs riesige Verladekräne ihre Ausleger über die Containerfracht an Bord. Für einen Container brauchen die Spezialisten in den luftigen Kabinen, die die tonnenschweren Lasten mit dem Joystick bewegen, kaum 60 Sekunden.
Das Löschen von Teilladungen muß schnell gehen - in Singapur wie in allen anderen Häfen. "Kontrollraum, hier Zweiter Offizier Zovinka. Vorschiffs in Bay drei alles in Ordnung. Es wird gelöscht. Keine Schäden." Der Slowake Michal Zovinka hat die erste der sechstündigen Hafenwachen - zwei Stunden länger als auf See - übernommen und beobachtet mit zwei Mitgliedern der Deckscrew die singapurianischen Lascher und die Kranfahrer beim Entladen. In der Theorie befinden sich die Container für einen Zielhafen möglichst geballt in benachbarten Stapeln in oder auf einer der sieben Frachtluken. Damit werden das Öffnen der Luken, das Umsetzen von Containern, der Zeitverlust und die zusätzlichen Kosten - jeder sogenannte Move eines Containers kann locker mit USD 100 zu Buche schlagen - tunlichst vermieden.
Soweit die Theorie. In der Praxis sieht es meist anders aus. Nicht immer hat der Planner, der von Land aus das Schiff und die Voyage betreut, die optimale Position für jeden Container gefunden. Reefers - Kühlcontainer, die einen Stromanschluß brauchen - und Behälter mit Gefahrgut (Gut belüften! Abstand halten!) machen die Sache darüber hinaus kompliziert. Wenn dann in einem Transithafen wie Singapur, von wo aus kleinere Häfen in Asien beliefert werden und der Fernverkehr nach Australien beginnt, ein Zubringer sich verspätet, rumpeln die schönsten Pläne vollständig in sich zusammen.
Zovinka steht in Funkkontakt mit dem Ersten Offizier Thorsten Saager, der im Kontrollraum die Balance des Schiffes mit den Ballasttanks in der Waagerechten hält, und gerade auf den Bildschirm des Laderechners starrt. Hier laufen, seit die Entlade- und Staupläne vom OOCL-Planner per Diskette an Bord gekommen sind, alle Informationen zusammen: Rund 1.100 Boxen, fast ein Drittel der Ladung gehen von Bord; darunter auch 272 leere Container.
Auf Voyage 18E ist der Anteil der Container ohne Inhalt erstaunlich hoch - er liegt bei fast einem Drittel: Die OOCL Malaysia war auf meiner Reise von Port Said nach Singapur zwar reichlich zugestapelt, aber nicht voll beladen. Es hätten locker 15.000 Tonnen Gewicht mehr an Bord gehen können. Saager klärt mich auf: "Im Frühjahr fahren wir viele Rohstoffe, wie zum Beispiel Baumwolle, und Produkteinzelteile nach Asien. Im Sommer muß das Containerleergut zurück in die chinesischen Häfen. Und im Herbst sind exakt diese Kisten und die Schiffe dann wieder randvoll mit dem, was in Europa an Heiligabend unterm Christbaum liegt. Wir sind die Kulis der Globalisierung."
Nicht alle Crewmitglieder sind mit dem Be- und Entladen beschäftigt; einige ohne Dienst nutzen die frühen Abendstunden mit dem nassen Stempel des Immigrationsoffiziers für einen Landgang und die obligatorischen Einkäufe. Noch am Suezkanal hatten alle an Bord befürchtet, daß angesichts der Lungenseuche SARS der nächste Landurlaub erst in Pusan, Südkorea, genehmigt werden würde. Und Hongkong bleibt weiterhin Off Limits - keiner wird dort einen Fuß an Land setzen, bei Kontakt mit Lotsen, Agenten und Hafenarbeitern ist Mundschutz zu tragen.
Doch für Singapur haben die Reederei und die Crewing-Agentur - analog den Empfehlungen der WHO - die Sicherheitsmaßnahmen wieder gelockert. Zwar dürfen weiterhin nur die Schiffsagenten und Offizielle an Bord, doch die Crew schwärmt aus. Nicht lange, aber immerhin. Am späten Abend kommt Jan Baran, der polnische Elektriker, mit seiner lang ersehnten Erungenschaft zurück: einer kleinen Digitalkamera. Die beiden letzten Wochen hat er Fachzeitschriften gewälzt, Vor- und Nachteile abgewogen und vor allem die Preise verglichen. Jetzt hält er das Prachtstück in Händen; zufrieden.
Am Morgen liegt ein leichter Dunst über dem Hafen. Von der Pier aus wirkt das Schiff wieder gigantisch; zehn Tage auf dem Schiff haben es in meiner Wahrnehmung erheblich schrumpfen lassen. Jetzt sind die Verhältnisse wieder zurechtgerückt; vierzig Meter über mir wirken Kapitän Seidel und der Lotse überraschend klein in der Brückennock der OOCL Malaysia. Auf dem Arbeitsdeck blitzt es zweimal kurz. Gut so, Jan Baran hat sein neues Foto-Spielzeug schon im Einsatz. Viel Spaß damit und allen eine gute Weiterfahrt! Für mich ist Singapur die Endstation meiner Reise an Bord der OOCL Malaysia.
© Jochen Vorfelder



