15 März 2005

1. Die Freunde der Isola di Pantelleria

Position:
36° 30,2' N, 001° 23,6' W.

Die OOCL Malaysia pflügt mit 24 Knoten und 81° östlichem Kurs durch das Mittelmeer. In der Nacht hat das Containerschiff der E.R. Schiffahrt die Straße von Gibraltar passiert. Jetzt, am Morgen, liegen an Steuerbord klar die marokkanischen Küstengebirge.

Auf der Brücke vibriert unter dem blitzblanken Linoleum-Belag der Stahl; die 93 Umdrehungen, die die Hauptmaschine macht, zerren neun Decks weiter oben noch an allen Nähten des Schiffs. Kapitän Michael Seidel, der erste Mann an Bord, macht einen morgendlichen Rundgang. Er scannt das Radar, beugt sich über die eingegangen Telexe und überblickt von der Brückennock sein Schiff: 40 Meter breit, Post-Panamax, 277 Meter Länge über alles, eine schwimmende Containerburg. Überwacht wird sie gerade von Thorsten Saager, dem ersten Offizier: "Alles im grünen Bereich, Herr Saager?" "Alles Roger, Kapitän."

Seidel, ein korpulenter Neubrandenburger Mitte Fünfzig, führt das Schiff mit ruhiger Hand, aber viel Autorität. Er trägt die Verantwortung für 21 Mann Besatzung und eine nicht unerhebliche Fracht: Auf ihrer Voyage No. 18E - wie East, weil das Schiff von Rotterdam kommend Häfen wie Hamburg, Singapur und Hongkong anfährt und nach 28 Tagen im chinesischen Tsingtau eintrifft, wo Reise 18W zurück nach Rotterdam beginnt - verholt die OOCL im asiatisch-europäischen Dienst Waren, deren Gesamtwert leicht in sechsstellige Euro-Millionen geht.

Allein auf der rund 8.000 Seemeilen langen Teilstrecke von Southampton nach Singapur, die die OOCL Malaysia gerade zurücklegt, befördert das Schiff 5.012 TEU: Die 1.336 Stück 20-Fuß- und 1.838 Stück 40-Fuß-Container an Bord ergäben auf einzelne LKWs verladen und hintereinander gestellt einen formidablen Stau von 45 Kilometern Länge.

Von diesen Giganten der Meere hat die E.R. Schiffahrt in den vergangenen vier Jahren neben der OOCL Malaysia noch 14 Schwesterschiffe in Dienst gestellt; sie laufen außer für die Orient Overseas Container Lines (6 Schiffe) für die P&O Nedlloyd Containerline (3), die China Shipping Container Line (2) und die Neptune Orient Lines (4 Schiffe).

Seidel, der mehrere von ihnen aus der Werft überführt und gefahren hat, steht vor dem Kartentisch. "Wann passieren wir die Isola di Pantelleria, Herr Saager?" Saager zögert keinen Augenblick; er hat die Frage nach der kleinen italienischen Insel bereits erwartet: "Morgen, gegen fünfzehnhundert." Aha, also noch rund 29 Stunden, dann werden die Freunde der Isola di Pantelleria an Bord sich wieder zu ihrem liebgeworden Ritual zusammenfinden und wie auf Kommando ihre Handys zücken.

Denn die italienische Enklave hat - und das ist eines der kleinen Geheimnisse der christlichen Seefahrt - einen starken GSM-Sendemast und bietet damit die letzte Möglichkeit vor Port Said, mit dem eigenen Gerät die Familie in Deutschland oder die Freundin in Kroatien anzurufen. "Herr Saager, dann machen sie doch morgen kurz vor drei Uhr die üblich Ansage." "Selbstverständlich, Kapitän."

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