24 März 2005

4. Piraten auf historischem Kurs

Position:
5° 24,6' N, 097° 29,5' E

Seit heute morgen, als die OOCL Malaysia an der Nordwestspitze Sumatras in die Straße von Malakka eingeschert ist, sind wir auf historischem Kurs. Hier haben sich portugiesische Eroberer tastend ins Unbekannte gewagt; hier kreuzte im Jahr 1345 der arabische Kaufmann und Abenteurer Ibn Battuta auf seiner Reise nach Java und China. Battuta schrieb über einen Landgang: "Die Insel prangt in frischem Grün. An den Bäumen herrschen Kokosnuß, Areka, Gewürznelken, indische Aloe, der Schaki, der Barki und die Apfelsine vor."

Wir an Bord der OOCL Malaysia verzichten auf den Landgang. Zeit ist Geld; in knapp 23 Stunden sollen wir in Keppel Harbour in Singapur Ladung löschen. Auch wenn wir gerne erforscht hätten, was sich hinter dem Schaki und dem Barki verbirgt: An Bord geht man in voller Fahrt weniger prosaischen Tätigkeiten - wie etwa einer der vorgeschriebenen Feuerlösch- und Evakuierungsübungen - nach.

Fire Drill: Das Szenario sieht vor, daß im zweiten Maschinenraumdeck ein Feuer ausgebrochen ist. Alarm gellt durch das Schiff - siebenmal kurz, einmal lang. Die Crew versammelt sich mit Ausrüstung und Schwimmwesten in der Muster Station; jeder an Bord weiß, zu welcher Squad - den Feuerlöschern, den Sanitätern - er gehört. Sicherheitsoffizier Thomas Skairies gibt die Anweisungen, die im minutiös ausgearbeiteten Brand- und Ernstfallplan festgehalten sind.

Der Spähtrupp - im Schutzanzug mit Atemgeräten und Sicherheitsleine - meldet einen Verletzten im Separatorenraum. Kommandos bröckeln verzerrt aus den Walky-Talkys. Während eine andere Squad weiter mit den Flammen kämpft, wird das verletzte Crewmitglied auf einer Trage geborgen. Doch alle Anstrengungen sind umsonst - die Flammen breiten sich aus; für dieses Schiff kommt jede Hilfe zu spät. Der Kapitän gibt Befehl zu evakuieren - was dazu führt, daß sich die Mannschaften in voller Montur vor den Rettungsbooten einfinden und schwitzend der weiteren Befehle harren. Es ist bitterlich heiß und schwül vor Sumatra - auch ohne Brand.

Statistisch weitaus häufiger als Brände, das hat sich seit den Tagen Ibn Battutas nicht geändert, sind in diesem Teil der Welt - wie auch in brasilianischen und afrikanischen Gewässern - Piraterie und bewaffnete Überfälle. Ausgerüstet mit Sturmgewehren, Messern und sonstigem Drohwerkzeug versuchen malaiische, indonesische oder chinesische Freibeuter, mit Hilfe von schnellen Speedbooten Schiffe zu entern oder in den Häfen in ihre Gewalt zu bringen. In ihren Augen sind die Frachter, Küstenmotorschiffe und Yachten, die sich in der Inselwelt des chinesischen Meeres und weiter im Süden zwischen Malaysia und Indonesien bewegen, schwimmende Selbstbedienungsläden und bei geringer Geschwindigkeit leichte Beute.

Die Anzahl der Überfälle, die Gewalt und die Zahl der Toten nimmt zu. Das Piracy Reporting Centre in Kuala Lumpur gibt jede Woche die gesammelten Meldungen für Seeschiffe durch. Auszüge aus dem Bericht vom 17. Mai 2003 zum Gebiet, in dem sich die OOCL Malaysia bewegt: "++++ Versuchte und stattgefundene Angriffe (...) ++++ 02.05.03 um 1258 UTC bei Position 05 Grad 25 N, 097 Grad 43 E, in der Strasse von Malakka. ++++ Etliche Personen, Speedboot ohne Positionslampen, nähern sich Massengutfrachter; Crew richtet starke Schweinwerfer aus, Speedboot kommt bis auf 185 Meter auf, dreht dann ab. ++++"

Bei einem anderer Frachter gelang vergangene Woche der Angriff: "++++ 15.05.03 um 0340 Ortszeit bei Position 00 Grad 48 N, 105 Grad 06 E, vor Pulau Bintan, Indonesien. ++++ Sieben Personen, Speedboot, bewaffnet mit Gewehren und Messern entern Chemietanker in Fahrt. Crew und Brückenoffizier angegriffen, gefesselt und bedroht. Kapitän und Rest der Crew auf der Brücke als Geiseln genommen und bedroht, bis Kapitän einlenkt. Die Piraten verschwinden um 440 Ortzeit mit Bordkasse und Habseligkeiten der Crew. ++++"

Für große, moderne Containerschiffe droht dabei jedoch die geringste Gefahr. Kapitän Michael Seidel: "Schiffe wie die OOCL Malaysia habe mit 25 Knoten eine relative hohe Marschgeschwindigkeit und sind daher schwer zu entern." Doch Seidel gibt wie auf jeder Reise bei der Einfahrt in die Straße von Malakka Befehl, das Schiff zu sichern - Hochdruck-Wasserschläuche werden rund ums Schiff ausgelegt, alle Luken sind spätestens bei Einbruch der Dunkelheit verschlossen. Nachts sind die Decksleute regelmäßig auf Kontrollgang: Denn wissen kann man's nie.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen