
Kürzlich traf ich einen bekannten Designer und Hochschullehrer, der auf hohem Niveau klagte: Schrecklich wäre der aktuelle Sparkurs an seiner Fakultät.
Die Nachwuchs-Designer seien praktisch gezwungen, außerhalb der Hochschule zu arbeiten, weil dort für Computer, Arbeitsplätze und Software-Updates kein Geld mehr vorhanden sei. Seine Kernthese: Der Standort Deutschland vermassle sich systematisch seine kreative Zukunft.
Das ist ja heutzutage nichts Neues, fiel mir aber wieder ein, als ich durch den Blog "
Metacool, thoughts on the art & science of bringing cool stuff to life" von Diego Rodriguez stöberte. Rodriguez ist ebenfalls Designer und Hochschullehrer, aber nicht in Nordrhein-Westfalen wie der oben erwähnte Kollege, sondern am Hasso Plattner Institute of Design (aka "
the d.school").
Diese Hochschule im kalifornischen Stanford ist nicht nur ziemlich brandneu, sondern auch auf's Beste ausgestattet - erstaunlicherweise mit mehreren Millionen US-Dollar von erwähntem Hasso Plattner. Da taucht doch die erste Frage auf: Warum sponsort der deutscher SAP-Mitbegründer und Milliardär Plattner die US-amerikanische Hochschule, während die Gestalter-Schmiede in Essen quasi verkommt?
Da wir diese Frage auch nach längerem Nachdenken nicht beantworten können, widmen wir uns doch einer anderen: Sind die deutschen Profs weniger kreativ als ihre amerikanischen Spezis wie z.B. Rodriguez?
Rodriguez jedenfalls hat derzeit in Stanford einen Design-Kurs laufen, der sich u. a. mit der der Frage beschäftigt, ob eine Erweiterung der Ducati-Modellpalette in Richtung fette Cruiser das über mehrere Jahrzehnte mühsam erworbene Markenimage als Heiliger Kral der Supersportler verwässert oder gar zerstört.
Eine spannende Frage - doch was den Rodriguez-Kurs wirklich aussergewöhnlich machte, war die Beteiligung von Ducati: Nicht nur, daß deren Nordamerika-Chef Michael Lock persönlich für Fragen und Antworten bereitstand. Ducati lieferte auch mit Monstern, 999ern und Multistadas rotes Anschauungsmaterial direkt in den Hörsaal. So etwas würde ich gerne mal in Deutschland sehen und hören: "And the roar of those Desmos wasn't half bad, either!" sagt Rodriguez.

Universitäten sind keine Gebäude, sondern Ideen und Initiatoren. Und Marken sind nicht Marken, sondern Personen, die Produkte zu Marken machen. Das funktioniert in Stanford wie in Bologna. Auch dort - bei Ducati - gibt's die Person, die jene Design-Ikonen namens 900SS, 900 MHE, 999 and Multistrada schuf: Pierre Terblanche, geboren 1956 in Südafrika, arbeitete zunächst als Kontakter für die Werber Young & Rubicam in Kapstadt, bevor er seine Liebe zum Motorraddesign entdeckte.
Inzwischen ist der Mann, der die strauchelnde Marke Ducati wieder auf die Erfolgsspur geführt hat, eine lebende Legende. Seine
Multistrada, die seit 2003 auf dem Markt ist, ist die Ducati-Baureihe, die sich nach Marktgerüchten neben der Monster am besten verkauft.

Sollte Terblanche nun auf's Altenteil abgeschoben werden - was manche Auguren in diesem Jahr vermuteten - bliebe der Grund dafür die letzte unbeantwortete Frage in diesem heutigen Posting und schlichtweg ein Rätsel.
Vor allem, nachdem Ducati die supercoole Augenweide, die aus Terblanches Multistrada-Linienführung abgeleitet wurde, kürzlich erfolgreich auf der EICMA in Mailand vorgestellt hat: die
Hypermotard.
Nachtrag vom 4. Januar 2006: Ducati hat offiziell bestätigt, daß die Hypermotard nicht nur eine Studie bleibt, sondern tatsächlich in Serie geht.
Das war die gute Nachricht. Die schlechte: Schnell war Ducati noch nie. Aber so langsam schon lange nicht mehr. Es soll bis Ende 2007 / Anfang 2008 (!) dauern, bis die ersten Exemplare in den Verkauf rollen.
Bis dahin haben andere Hersteller das Konzept schon längst abgekupfert - wenn nicht sogar verbessert.
© Jochen Vorfelder