
Die Anzahl der Personen, die einen Gedanken oder gar eine Textsequenz aus einem Roman von John Berger spontan und frei zitieren könnten, tendiert gegen Null. Vielleicht ein Philosophie- oder Literaturstudent mit dem abstrusen Ansinnen, seiner nichtsnutzige Doktorarbeit über den englischen Rommancier und Denker zu schreiben.
Ich jedenfalls gehöre nicht zum Kreis dieser Auserwählten; ich habe in meinem Leben noch nichts von Berger gelesen.
Das ist eine läßliche Sünde.
Berger mit seinem kaleidoskopischen Stil ist in der Liga der großen Entwicklungsromane ein echter Problemfall, an den man sich als passionierter Leser erst heranwagt, wenn man die ganz harten Nummern wie Thomas Pynchon locker wegschmökert.
Bekannt geworden jedenfalls ist der inzwischen achtzigjährige Brite dem breiten Publikum nicht durch sein literarisches Werk, sondern durch sein pointierten politischen Positionen.
Berger war in den Fünfzigern eine treibende Kraft hinter der angelsächsischen Künstlervereinigung
Artist for Peace und entfacht 1972 einen mittleren Skandal, als er die Hälfte seines Preisgeldes für den renommierten
Booker Prize den Black Panthers in den USA spendete. (Berger war damals übrigens
nicht der Einzige, der sich offen auf die Seite der militanten Schwarzentruppe stellte.) Letztes Jahr rief Berger wegen des Angriffs auf den Libanon zum General-Boykott Israels auf.
Nun gibt es derzeit wieder eine Berger-Welle - in Korea, wie ich gelernt habe - die die ZEIT-Autoren Susanne Mayer zum Anlass genommen hat, der Schriftsteller an seinem Wohnort Quincy, einem kleinen französischen Bergort, zu besuchen, ihn zu interviewen, und sich zu einer kleinen Spritztour auf Bergers alter
1100er Honda Blackbird durch die Serpentinen und Haarnadelkurven der Region nötigen zu lassen.
Ein Text auch über MotorräderBerger scheint die "Haben Sie nicht Lust auf einen kleinen Ritt?"-Nummer mit allen lieb- oder unliebsamen Pressemenschen durchzuziehen - wer was ähnliches lieber auf Englisch liest -
voila.
(c) Jochen Vorfelder