Mein Gesprächspartner auf dem Hamburger Harley Days will seinen Namen nicht genannt wissen. Das ist verständlich. Japanische Hersteller schätzen es nicht, wenn sich ihre Vertragshändler in der Krise nach einem zweiten Standbein umschauen, weil sie um ihre Existenz fürchten: "Die Mittelklasse-Bikes sind total weggebrochen. Null Verkäufe, null Gewinnspanne", erklärt der Händler. Jetzt will er mit einem zweiten Markennamen an der Fassade mehr Umsatz machen. Auf seiner Kandidatenliste steht weit oben eine Firma, die man hierzulande kaum kennt: Victory Motorcyles.
Victory? Der Händler erklärt, warum er die obskuren Amerikaner für eine gute Wahl hält: "Die Motorräder haben Herz und Charakter. Die Technik ist auf dem aktuellen Stand. Und Polaris Industries ist eine gesunde und innovative Muttergesellschaft. Das Paket stimmt und verkauft sich in den USA ja auch gut." Seit 2009 wollen die Amerikaner auch den deutschen Markt aufrollen - mit opulenten Tourenschiffen und martialischen Power-Cruisern wie der Hammer S.
Blitzsaubere Technik hinter der Old-School-Fassade
Einen Hang zum Exhibitionismus sollte man schon mitbringen, wenn man sich eine Hammer S kauft. An diesem Fahrzeug ist alles massiv, von Understatement keine Spur. Ein kraftvoller Chopper halt: langgestreckt; Arme und Beine werden weit nach vorne gezwungen, der Hintern verschwindet in einer behelfsmäßig anmutenden Sitzmulde. Die Optik ist eigen; der Scheinwerfer erinnert an eine Gießkanne. Die 305 Kilogramm-Fuhre ist knallrot; der Name prangt fett auf einem schmiedeeisernen Heckkotflügel, der als Doppelkinderwagen durchgehen könnte. Der hintere Reifen ist 250 Millimeter breit - ab Werk.
Doch wirklich monströs ist der Motor, den Victory seit 1998 verbaut: einen luftgekühlten 50 Grad-Zweizylinder mit 1731 Kubikzentimetern Hubraum. Der 106 CI Freedom-V-Twin leistet zwar nur 89 PS, aber hat bereits bei 2800 Umdrehungen ein sattes Drehmoment von 140 Nm. Damit ist die Gangart vorgegeben - bereits knapp über 1500 Umdrehungen geht die Post ab: Bei schlechtem Asphalt oder Kopfsteinpflaster geht die Hammer hinten gern seitwärts auf die Reise.
Errungenschaften neueren Datums wie ABS und Traktionskontrolle bringt die Hammer nicht mit. Sie verlangt nach feinfühliger Motorik in der rechten Hand des Fahrers. Dafür kann man das Schalten, bei dem es artgerecht jedes Mal "Klonck" macht, komplett vergessen; 1731 Kubik stampfen stumpf vorwärts, egal in welchem Gang und klaglos wie ein Schiffsdiesel. Bei 200 Stundenkilometern im sechsten Overdrive-Gang signalisiert der Drehzahlmesser gerade 3900 Umdrehungen.
Möglich macht das unaufgeregte Gleiten die moderne Technik, die sich hinter der Old-School-Fassade verbirgt. Das Freedom-Triebwerk hat Victory für den 2011er Jahrgang komplett renoviert und zu einem modernen V-Twin gemacht: eine Ausgleichswelle, je eine oben liegende, kettengetriebene Nockenwelle, vier Ventile pro Zylinder.
Eine Victory mag auf den ersten Blick wirken wie eine Harley, aber da rüttelt kein Aggregat, und nichts ist sinnlos verchromt und verbaut - das ganze Fahrzeug kommt mit Riemenantrieb, Doppelscheiben-Bremse und Upside-Down-Gabel vorne äußerst professionell und aufgeräumt daher. Und es fährt sich - am besten ohne Sozia - auch anders und besser als die Konkurrenz: wendiger und Spurstabil. Wegen des tiefen Baus setzten die Fußrasten schnell auf, doch dafür sind sie beweglich. Auch das Aufstellmoment und das Eigenleben des breiten Heckreifens sind nach wenigen Kurven leicht zu beherrschen. Und wenn man sich angewöhnt hat, die Hammer energisch um die Ecke zu führen, fängt Sport-Cruisen auch abseits der Geraden an, richtig Spaß zu machen.
Langer Atem und frischer Wind bei Polaris
Victory Motorcycles baut seit 1998 Motorräder und hat inzwischen um die 50.000 Stück hauptsächlich in den USA verkauft - Tendenz kontinuierlich steigend, trotz der Krise auf dem amerikanischen Markt, unter der die japanischen Hersteller und Harley-Davidson massiv gelitten haben.
Und Victory beweist einen langen Atem. Die Firma ist eine hundertprozentige Tochter von Polaris Industries, einem der weltweit größten und erfolgreichsten Hersteller von Schneemobilen und ATVs. Die Geschäfte mit den Offroad-Fahrzeugen und kleinen Arbeitstieren gehen gut. Polaris hat eine gut gefüllte Kriegskasse und offensichtlich einen langfristigen Business-Plan: Schon 2005 haben die Amerikaner 25 Prozent Anteile am österreichischen Motorradhersteller KTM gekauft. Die wurden inzwischen zwar wieder abgestoßen, aber Polaris ist immer noch auf Akquise-Tour.
Neue Geschäftsfelder sollen erschlossen werden: Vor vier Monaten erwarb der Konzern einen amerikanischen Elektrofahrzeuge-Hersteller; vor wenigen Wochen übernahm ein Polaris-Spitzenmanager einen Vorstandsitz beim E-Bike-Hersteller Zero.
Doch der eigentliche Paukenschlag fand im April dieses Jahres statt: Polaris kaufte die älteste amerikanische Motorradmarke, die Ikone Indian Motorcycles - damit hat man neben der Technik auch den Mythos im Programm. Indian soll als eigenständige Markt erhalten bleiben, aber mit Polaris- und Victory-Unterstützung auf den letzten Stand der Technik gebracht werden. Zwei All-American-Cruiser-Hersteller unter einem Dach, eine breite Palette mit barocken Traditionalisten und potenten Muscle-Bikes - das ist eine lautstarke Kampfansage an den amtierenden Champion Harley-Davidson.
Der Fight wird spannend, der Ausgang ist offen.






