08 Oktober 2005

Venedig - Gedanken aus der Ferne

Mit zwei Wochen Abstand - ja, so lange ist das schon wieder her - geht mir Venedig noch einmal durch den Kopf. Die spannende Frage, die ich hin und her wälze: Hat diese Stadt eine Zukunft?

Venedig ist zweifellos eine museale, rückwärts gewandte Veranstaltung, ein Gemeinwesen, dessen Zentrum schon vor Jahrhunderten definiert wurde und dessen Herz seit dieser Zeit im Gleichklang schlägt: gegründet auf rotten Holzpfählen, durchschnitten von Kanäle, umgeben von anderen totflachen Inseln inmitten einer versalzenen Lagune - schon seit Jahrhunderten hat sich hier grundlegend nichts verändert. Stillstand.

Und die Zukunft sieht nicht rosig aus: Versinkt die Stadt aus Gründen der Schwerkraft im eigenen Morast, oder steigt der Meeresspiegel im Klimawandel so weit an, dass die Straßen irgendwann permanent überflutet werden? Was bleibt den Städtern, wenn die Touristen nicht durch die Fluten waten wollen und irgendwann ganz ausbleiben?

Die melancholischen Momente aus Thomas Manns "Tod in Venedig" - wenn Gustav von Aschenbach nach endlosen Wanderungen durch die verworrenen Gassen am Lido-Strand seufzend seinen letzten Atemzug verhaucht - so weit hergeholt sind sie nicht.

Doch halt: Was auf den ersten Blick morbide und altertümlich wirkt, könnte zukunftsweisend sein. Die radikale Abwesenheit von Verbrennungsmotoren - die notgedrungen Verbannung des Individualverkehrs nach der atemlosen Verschwendung von fossilen Energien - wird in nicht all zu weiter Zukunft die Norm in unseren Innenstädten sein. Die Stadt, die nachts in fast qualvolle Stille fällt, lebt von der Kraft und der Kreativität des täglichen babylonischen Stimmengewimmels - und die Besucher, die über den Stadtflughafen einschweben, machen die alte Seefestung inzwischen zu einem festen Bestandteil einer künftigen, noch globalen Ökonomie. Sie wird heute schon geprägt von der massiven Arbeitsteilung - produziert wird in China, Urlaub machen die Chinesen in Old Europe.

Venedig, das fast alle seine früheren Handelsverbindungen in den fernen Osten verloren hat, hat sich erfolgreich neu erfunden als eine Stadt des Spektakels, als Heimat der Künste, als Hort der Biennale und der Kreativität. Die visionären Videos - auch von chinesischen Künstlern - laufen mit gutem Grund im historischen Waffenlager, dem Arsenale.

Und es geht weiter voran, zurück in die Zukunft: Wie vor Jahrhunderten, als Stoffe aus dem Morgenland allemal in der Adria-Stadt anlandeten, drängt Venedig wieder ins Geschäft mit der Haute Couture. In Mestre, dem venezianischen Industriezentrum am Festland, soll ein Mode- und Designzentrum in Konkurrenz zum bislang übermächtigen Mailand entstehen.

"Made in Venezia" als Gütesiegel für die Symbiose von Anachronismus und Avantgarde? Eine interessante Perspektive.

Auf dem Weg zum Airport - mit dem Bummelboot - passieren wir einen alten Gondoliere. Der in Ehren ergraute Macho stochert elegant mit einer Hand durch den Kanal. Singen kann er gerade nicht, weil er wie selbstverständlich in sein Mobile parliert. Die Venezianer - um die muß man sich keine Sorgen machen.

© Jochen Vorfelder

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