11 Mai 2006

Videos: Film den Tod / The Final Cut

Zwei plaudernde Pärchen auf der nächtlichen Heimfahrt, zwei Freunde beim Geschichtenerzählen hinterm Steuer - in die beiden Werbvideos wird entspanntes Cruisen perfekt inzeniert.

Doch die Fahrfreude wird jäh unterbrochen: Ein Pickup stößt rückwärts aus der Einfahrt, ein Van übersieht die rote Ampel. Es kracht, splittert - doch die Insassen in beiden Streifen kommen mit dem Schrecken davon - Dank der Airbags des neuen VW Jetta.

Bei den Kollegen von SPIEGEL Online wird heute ausführlich über die in den USA virulente Frage diskutiert ("Wirbel um die Crash-Reklame"), ob die Inszenierung von potentiell tödlichen Verkehrsunfällen zu Werbezwecken ein Tabubruch der Autoindustrie sei: Ist soviel Gewalt in der Werbung erlaubt?

Der Autor schreibt: "Bisher beschränkten sich die Autohersteller, wenn sie denn Unfälle in der Werbung zeigen wollten, auf die Darstellung von Labor-Crashs mit Dummys - oder von Symbolen, wie es Renault zurzeit in Deutschland mit zerplatzenden Weißwürstchen oder zerdrückten Sushi-Häppchen tut. Volkswagen hat im April nun mit den Crash-Spots, in denen Menschen in Unfallwagen sitzen, eine Grenze überschritten."

Da kann ich nur anmerken: You ain't see nothing yet.

Abgesehen von der Motorradindustrie, die das Kniescheibenschleifen auf Asphalt irrtümlicherweise zum Alltagsgeschäft von Motorradpendlern erklärt, hat sich in letzter Zeit ein Unternehmen hervorgetan, das mit jeglicher Art von Mobilität nun reichlich wenig zu tun hat: CASIO.

Man mag es drehen oder wenden, wie man will: Der TV-Spot für die EXILIM CARD EX-S600-Kamera - die mit dem coolen Claim "Film das Leben" verkauft wird - bedient sich so ziemlich jedes platten Klisches, das in den eindeutigen Schubladen von Männerhirnen sicher abgelagert ist.

Ich würde sogar noch weitergehen: Der Spot, den Casio online stolz präsentiert, ist die unzweideutige Aufforderung, die geltende Straßenverkehrsordnung schleunigst zu vergessen, und das Zweirad stande pede mit einem Rollstuhl einzutauschen.

Liebe Werber! Wer das einhändige Fahren von 130 PS-Maschinen im Stadtverkehr zum hippen Lifestyle verklärt, sollte sein Filmwerk mit dem passenderen Slogan "Film deinen Tod / The Final Cut" vermarkten.

© Jochen Vorfelder

PS: Spaßig übrigens, dass sich ausgerechnet die bigotten US-Amerikaner über die werbliche Gewalt auf der Straße aufregen. Weil es doch sonst so sittsam im Mutterland der automobilen Dickschiffe zugeht - siehe dazu dieses nicht gerade zimperliche Real-Life-Video aus Houston, Texas...

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