Claudia Hunts Wangen glühen rot. Ist es die brütende Hitze, die wie Zuckerwatte auf der historischen Piazza Arringo in Ascoli Piceno liegt? Zwischen dem Renaissance-Dom Sant'Emidio, dem Bischofspalast und dem Rathaus aus dem 17. Jahrhundert bewegt sich kein Lüftchen. Es ist Mai und fast Sommer in den italienischen Marken; am Horizont schmilzt der letzte Schnee auf den Höhen der Abruzzen."Nein, mir ist nicht heiß", schreit Claudia Hunt und setzt ihren Helm auf. "Das ist nur die Aufregung vor dem Start." Der Rest ihres Satzes geht in infernalischem Gebollere unter, weil 190 Piloteure ihre Maschinen anwerfen: Die dritte von fünf Tagesetappen der Motogiro d'Italia 2006, einer Rundtour für historische Motorräder durch die Marken und die Abruzzen mit Start- und Zielort Rimini, ist freigegeben. Die beleibten Carabinieri auf den BMW-Dickschiffen lassen das Blaulicht rotieren und räumen den Weg mit Grandezza frei - jetzt jubeln die alten Motoren.
Die Starterlisten in den vier Vintage-Klassen - mit maximal 175 Kubik bis Baujahr 1957 - lesen sich wie die Annalen der italienischen Motorradindustrie. Ducatis, Gileras, Moto Guzzis, MV Agustas, Mondials und Aermacchis stehen neben den Youngtimern der Taglioni Memorial Class - Maschinen über 250 Kubik, gebaut zwischen 1968 und 1978. Auch hier sind Meilensteine der Motorradgeschichte im Feld: Laverdas, Matchless, Nortons, Moto Morinis und die Ducati-Legenden wie die Darmah und die legendären Scramblers.
Claudia Hunt ist auf einer blauen 175er Ducati unterwegs: "Frankenstein. So haben wir sie getauft." Aus gutem Grund, denn ihre Maschine ist streng genommen kein Oldtimer, sondern wurde erst vor kurzem zum Leben erweckt. Vor eineinhalb Jahren haben die Deutsche, die in London lebt, und ihr Mann Andrew begonnen, die Ducati zusammenzubauen - aus Teilen, die sie allesamt bei Ebay ersteigerten. "Zuerst gab's nur den Rahmen und den Tank, aber vor einem Monat hatten wir dann alles zusammen" - rund 9000 Euro hat die beiden Ducati-Liebhaber der Spaß gekostet.
Die meisten Teilnehmer an der Motogiro, angereist sind Fahrer und Fahrerinnen aus ganz Europa und den USA, sind Amateure im wahrsten Sinne des Wortes - Alexander Clahsen aus Mönchengladbach etwa, Projektmanager bei Daimler Chrysler, ist mit seiner Gilera Rossa Super in der 150 Kubik-Klasse angetreten. Ihn reizt an der Motogiro der touristische Aspekt: "Auf dem alten Maschinchen durch die schönsten Gegenden Italiens - dafür opfere ich gerne eine Woche Jahresurlaub. Außerdem macht es einfach Spaß, mit den alten Italienern wie Remo Venturi in einer Gruppe zu fahren."
Die Italiener gehen nämlich mit nicht geringem sportlichen Ehrgeiz an den Start - für sie ist die Motogiro seit dem ersten Rennen im Jahr 1914 Ehrensache und ernsthafter Motorsport. Die Gewinner sind Legenden - und einige davon auch dieses Jahr wieder am Start: Remo Venturi (Sieger im letzten Rennen 1957, bevor die Motogiro 2001 neu aufgelegt wurde) und Guiliano Maoggi (Sieger 1956) sind beide inzwischen achtzig Jahre alt, aber reiten die täglichen Distanzen um die 270 Kilometer stoisch ab.
Und Etappe drei, das ist kurz nach dem Start klar, ist nach den beschaulichen ersten beiden Tagen ("Das ist doch 'ne Kaffeefahrt," hat mir gestern einer beim Abendessen zugeraunt) eine echte Herausforderung an Mensch und Maschine. Heute ist der Tag, an dem sich auf den Pässen im Nationalpark Gran Sasso in Sachen Endklassement die Spreu vom Weizen trennt. Die Ankunftszeiten werden einige nicht einhalten können: Unübersichtliche Landstraßen mit haarigen Schüttelpassagen, die fast nur aus Schlaglöchern bestehen, Haarnadelkurven, die die Oldtimer - und ihre Piloteure - an den Rande ihrer Fähigkeiten treiben, und natürlich Steigungen satt. Eben haben wir einen Pass auf knapp 1900 Meter passiert.Zwei Tage und mehrere Sonderprüfungen später steht der Sieger fest: "And the Winner is - Angelo Spinelli on Gilera!" Ein Tusch vom Band; die Scheinwerfer strahlen. Die Stimme des TV-Komikers, den die Veranstalter als Moderator verpflichtet haben, überschlägt sich, aber geht im Applaus von 350 begeisterten Galateilnehmern unter - nach fünf langen Tagen im Sattel und fast 1300 Kilometern geht die Motogiro 2006 zu Ende.
Mit Angelo Spinelli als Gewinner der Vintage Class-Wertung und der roten Ducati "Sport 1000 Motogiro Special Edition" hatte keiner gerechnet. Aber die Favouriten patzten am letzten Tag - entweder wsährend einer der Sonderprüfungen oder durch eine desolate Navigationsleistung.
Auch die Gruppe mit Remo Venturi - und Clahsen im Schlepptau - hat es erwischt. Bei der Ausfahrt aus Ascona zurück nach Rimini waren sie den roten Pfeilen gefolgt, mit denen die Strecke ausgeschildert war: Leider waren es die Falschen, nämlich die vom zweiten Etappentag... Nach einem Umweg von rund 70 Kilometern und einer Stunde Zeitstrafe am ersten Checkpoint war die Motogiro 2006 für Venturi gelaufen. Er nahm es sichtlich schwer, während Alexander Clahsen gelassen blieb: "Ich halt mich am olympischen Gedanken fest - Dabeisein ist alles."
So werden sich nächstes Jahr auf Sizilien zur Motogiro 2007 wieder treffen: die fanatischen Ducatisti wie Claudia Hunt, die Amateure wie Clahsen, und natürlich die alten Haudegen wie Remo Venturi. Bis zum nächsten Mai hat er die diesjährige Enttäuschung verdaut. Und seine MV Agusta, so betont er, ist "taufrisch" wie er selbst und definitiv ein Siegerfahrzeug: "Seit wir 1957 zusammen gewonnen haben, wurde sie immer gut gepflegt." Die nächste Chance auf den Sieg kommt also gewiss.
© Jochen Vorfelder
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