Man mag die ver.di-Forderungen berechtigt finden oder nicht, geißeln muß man unbedingt die gewerkschaftliche Öffentlichkeitsarbeit an der Basis: Da stehen erwachsene Menschen von halb vier morgens über vier Stunden hinweg gelangweilt in der Schlange vor der Hamburger KFZ-Zulassungsstelle - und bilden somit die ideale Zielgruppe für halbwegs eloquente Argumentations- und Überzeugungstrupps. Doch was macht der streikende Genosse? Liegt im Bett. Schläft bis in die Puppen. Läßt das Streikfähnchen kraftlos flattern wie ein ersterbendes Grablicht. Läßt uns alleine, draußen im kalten Wind. Uns, die da ausharren vor der verschlossenen Drehpforte, um hoffentlich, hoffentlich um halb acht zu den Glücklichen zu zählen, denen das Privileg des Zugangs zu den Amtsräumen und damit die ersehnte Zuteilung eines Motorrad-Fahrzeugkennzeichens zufliegt wie der heisse Hauch des ewigen Glücks.
Lassen wir das, es hat keinen Sinn, hier in Prosa zu verfallen, der Streik geht weiter. Aber ich habe seit Freitag mein Kennzeichen, meine Zulassung, meine Multistrada. (Wir wollen jetzt nicht auf widersprüchliche und mindere Details eingehen, wie etwa auf die Frage, warum im Schein der Mai 06 als Monat der Zulassung angegeben ist, auf dem Schild die Wiedervorführungsmarke dagegen auf 08 steht. Das lassen wir jetzt einfach mal unkommentiert stehen, und schreiben es der unterschwelligen Angst des Sachbearbeiters vor vergeblich auf-, an- und rumgestandenen und nun auf Satisfaktion sinnenden Zulassungswilligen zu.)
Jawoll, es war ein schönes Wochenende mit einer langen Ausfahrt am Samstag.
Die Reifen haben ersten seitlichen Abrieb, der Sattel paßt sich langsam dem Hintern an oder umgekehrt, und das Ohr gewöhnt sich an den typischen Ducati-Sound. Nein, es geht hier nicht um den sonore Bollern, der hinten aus den beiden Tröten rauskommt. Den bekommt der Fahrer ohnehin kaum mit.
Ducati-Sound, da denkt der Sachkundige sofort an das kranke Wimmern der beiden Zahnriemen, die die Ventile steuern, und das Schrabbeln der Trockenkupplung im Standgas. Schwer zu beschreiben, der Ton. Für mich klingt das orchestrale Gesamtkunstwerk ungefähr so, wenn man einen Sack lose Schrauben prügelt.
Wohlgesonnene Passanten drängt es danach, den Finger zu heben und fragend die Äußerung vorzubringen: "Entschuldigung, ich glaube, bei Ihnen is grad was kaputtgegangen..".
Da muß man cool bleiben: "Ne, is ganz neu und serienmäßig..."
© Jochen Vorfelder
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