Alles fing 1974 an. Gerade ins Leben entlassen; ABI-Zeugnis und den Einser, den damaligen Motorradführerschein, in der Tasche. Wohin soll das führen, wo alles enden? Das Ziel war unbekannt, bekannt war nur das Fahrzeug: eine BMW R75/6. Da erschien ein Buch, das damals alle erreichte, die über den Tellerrand hinaus schauen wollten, aber noch nicht wußten, was da auf sie zukam: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Robert M. Pirsig.
Der Amerikaner Pirsig studierte in Minnesota und Benares (Indien) westliche und östliche Philosophie, bevor er am Bozeman State College in Montana Lehrer für Rhetorik und Schriftstellerei wurde.
Anfang der Sechziger Jahre erkrankte er an einem schizophrenen Schub, von dem er sich nach Therapien und Elektroschockbehandlungen erst 1968 erholte. Nach überwundener Krankheit unternahm Pirsig mit seinem Sohn Chris und zwei Freunden, John und Silvia Sutherland, eine Motorrad-Tour auf einer 1964er Honda SuperHawk CB77 vom Mittleren Westen bis nach San Francisco - die Reise, die später die Rahmenhandlung für den Roman "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten" bildet.
Das Werk, das innerhalb von kürzester Zeit zum Kultobjekt von Hippies, Outlaws und Alternativen in den USA avancierte und schnell auch auf Deutsch übersetzt wurde, erklärt Pirsig zu einem "Versuch über Werte". Er schuf damit ein eigenes philosophisches Gedankengebäude - um nicht zu sagen - eine gedankliche Kathedrale: die "Metaphysik der Qualität".
Pirsigs Ansichten über die Welt als solch sowie Einführungen in die Geschichte und Methodik der Philosophie waren etwas, auf das viele damals gewartet hatten - als Gegengewicht zu Marxens Blauen Bänden. Hier stand etwas schwarz auf weiß, das die Grautöne der diffusen Gesellschaftskritik, die damals fester Bestandteil eines jungen Bewußtseins waren, in einem anderen, strahlenderen Licht erscheinen ließen.
Hier war ein Buch, das die Jungs und Mädels vom KBW und den anderen strammen linksradikalen Kadergruppen hassten, weil es ihre Mitläufer eine Rechtfertigung gab, in Richtung der Bewegung 2.Juni, der Spontis, der Esoteriker oder der Baghwans abzudriften. Ich las es, weil ich die Reisebeschreibungen liebte und davon träumte, Pirsigs "Zen-Strecke" abzufahren.
Warum ich dies heute erwähne? Weil das Netz ein Orkus der Erinnerungen ist, und ich beim Surfen auf Bilder gestoßen bin, die Pirsig damals auf seiner Reise mit einer kleinen Knips-Kamera gemacht hat. Um diese wenigen Aufnahmen sammelt sich inzwischen eine geradezu fanatische Gruppe von ernstzunehmenden Wissenschaftler, die ZAMM (abgeleitet vom Originaltitel Zen and the Art of Motorcycle Maintenance) zu einem eigenen Forschungszweig gemacht haben.
Hier der Link zu Pirsigs Bildern und dem Einstieg in die ZAMM-Forschung - hier der Link zum Buch bei Amazon: Pirsigs erstes und wichtigstes Buch hat sich bis heute über 400.000-fach verkauft.
Robert M. Pirsig lebt heute zurückgezogen in England und den USA. Sein Sohn und Beifahrer Chris (siehe Bild), mit dem er 1968 die Reise unternahm, wurde 1979 in San Francisco von einem Straßenräuber erstochen.
© Jochen Vorfelder
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