
Schnee in den Alpen, Schietwetter in Hamburg. Es ist kalt und es nieselt; Zeit fürs Erinnern an den Sommer - und die schönen Zeiten der Sommertouren. Auch weil heute der erste Schnee oben am Grimsel gefallen ist und der Pass bis ins Frühjahr hinein geschlossen sein wird...
Es dräut noch Zwielicht, an diesem frühen Junimorgen oben auf der Passhöhe am Grimsel. Das Hotel Alpenrösli mit der beheizten Stube und den spartanischen Kammern für die Gäste liegt still wie der Totensee, auf dem die letzten schorfigen Schollen der Eisschmelze treiben. Über tausend Meter tiefer im Haslital kauert das Städtchen Innertkirchen im Dunkel, im Westen windet sich die enge Stichstraße hoch zum Oberaar. Violette Wolkenfetzen wie Zuckerwatte von der Kirmes markieren den nackten Gipfel und das Nahen des Tages.
Ein Morgen in den Bergen: grandiose Weitblicke und atemlose Stille, vervollkommend von der Andacht in der kleinen Bergkapelle und dem dem nervösen Pfeifen der Murmeltiere im kleinen Zoo-Gatter des Alpenrösli, die den frühen Besucher wittern.
Mit der frühmorgendlichen Stille ist es am Totensee bald vorbei. Die Piste von Innertkirchen hoch zum Grimselpass auf 2165 Metern Höhe, eine hypnotisierende Sequenz von Serpentinen, ist eines der Kurvenparadiese für Motorradfahrer. Die letzten Kilometer bis zum Alpenrösli an der Passhöhe mit dem See sind Fahrspaß pur. So ist zwischen Juni und September der Parkplatz vor dem Hotel schon zum Frühstück voll geparkt – Dutzende von Bikes sind keine Seltenheit.
Auch unsere Maschinen sind darunter, am dritten Tag unserer Tour durch die Alpen. Das Berner Oberland haben wir auf dem Weg nach Italien schon hinter uns gelassen: zwei Mann, einer auf der alten 100er BMW und der zweite mit seiner über dreißig Jahre alten Yamaha XT 500 – und damit wohl eines der ältesten Gespann in diesem Motorrad-Sommer.
Als die XT 500 im Herbst 1976 auf den Markt kam, war sie das Motorrad für den damaligen Zeitgeist, denn sie brach mit allem Muff im Motorrad-Establishment: ein einfacher 500 ccm-Viertakter, aber ein neues Konzept, eine revolutionäre Vision. Schluss mit den schweren Tourenschiffen und den nervösen Zweitakthobel; rein ins Gelände, auf in die Freiheit! Wer damals XT fuhr, galt als harter Hund und ultracool. Janis Joplin sang Freedom 's just another word for nothing left to loose: Rucksack und Zelt aufgeschnallt! Abseits der Autobahn und unter dem Pflaster lag der Strand.
Damit wäre schon einmal die Frage beantwortet, warum ein über 30 Jahre altes Zweirad das richtige Fahrzeug für die Pässe und Hochgebirgsstraßen zwischen Lörrach und Verona, zwischen Comer See und Dolomiten ist: Technik veraltert und korrodiert, aber alte Liebe rostet nicht.
Warum allerdings gestandene Männer überhaupt Alpen-Touren unternehmen und eine geschlagene Woche für eine Strecke vertändeln, die man auf direktem Wege per E35 und St. Gotthard-Tunnel bequem in sechs Stunden bewältigen kann - das gilt es noch zu klären. Wer einst die Alpen querte - entweder auf dem Rücken von Elefanten oder auf dem Bußgang nach Canossa – hatte gewichtige Gründe.
Soweit zunächst: "Ich warf mich ganz allein, nur einen Mantelsack und Dachs-ranzen aufpackend, in eine Postchaise", schrieb Goethe im September 1786 über seine Reise nach Italien: "Früh drei Uhr stahl ich mich aus Karlsbad, weil man mich sonst nicht fortgelassen hätte." Heute, über 200 Jahre später, hätten der reiselustige Dichter oder Kollegen wie George Bernhard Shaw oder Hunter S. Thompson – beide begeisterte Motorradfahrer - statt der Pferdekutsche sicher eine Harley-Davidson oder BMW bestiegen. Goethe flüchtete vor Frau von Stein nach Italien, Thompson fuhr den Dämonen seiner Trunksucht davon.
Motorräder sind die zeitgenössischen Vehikel für kleine oder große Fluchten romantischer Art aus Alltag und Verbindlichkeit. Ihr Gebrauch ist daher mit der schnöden Bewegung von Punkt A nach Punkt B nicht zu erklären. Natürlich ist ein PKW bequemer. Natürlich hilft es ungemein, wenn bei einem Platzregen auf 2500 Metern Höhe das Schiebedach zufährt und die Autoheizung anspringt. Doch auf Zweirädern ist der Weg das Ziel; unterwegs tummeln sich Lust, Spaß und Wahnsinn in Sicht- und Riechweite.
Beim Aufbruch am Grimsel hebt sich der leichte Frühnebel vom Totensee. Die Fahrt im Sonnenschein runter ins Tal nach Gletsch wird Meditation pur: Die Eindrücke durchs Visier oszillieren zwischen Nahaufnahme - Achtung, Kurve! - und Panoramablick auf die umliegenden Gipfel. Während sich das Asphaltband den Berg hinab windet, lösen sich schwere Gedanken in wohlfällige Leere auf, doch die Konzentration wird scharf wie ein Messer. Ohren auf: Motor läuft rund, Getriebe schaltet ohne Klonk und Klack. Aus Fahrt von Kurve zu Kurve wird Tanz; die Serpentinenfolge wird zelebriert wie ein klassischer Tango. Der Rhythmus stimmt, die Geschwindigkeit passt. Das Gewicht optimal verlagert, der Kopf locker, die Arme entspannt im richtigen Winkel, ein harmonisches Zwiespiel aus Fliehkraft und Schräglage - ein formalisierter, aber zugleich höchst lustvoller Austausch von Signalen zwischen Mensch und Maschine.
Da blitzt es kurz giftgrün im Rückspiegel. Und schon ist ein rollendes Heizkraftwerk vorbeigefegt. Ein Vierzylinder mit rund 160 PS stöhnt mit 9000 Umdrehungen pro Minute auf. Von hinten betrachtet ist das mit extremen Breitreifen versehene Gerät nur noch Sturm und Drang; getrieben von einem modernen Kutscher in einem Kawasaki-Leder-Overall. Jetzt geht er in die Bremseisen und zügelt die Pferde. Das Recklinghausener Kennzeichen schlingert wild auf die Spitzkehre zu, denn der Hinterbau der Fuhre hat beim vollen Biss der vorderen Bremsscheiben kaum noch Kontakt zum Asphalt. Da will es einer wirklich wissen; hoffentlich überlebt der Mann seinen Sommerurlaub.
Sind es allesamt jugendliche Selbstmord-Kandidaten, die hier unterwegs sind? Mitnichten. In der enormen Masse der alpinen Motorradtouristen – an den Mautstationen des Timmelsjochs wurden 2007 immerhin 79.158 Durchfahrten registriert - sind das Ausnahmen. Die Zweirad-Szene wird schnell älter und gesetzter. Der deutsche Biker ist laut einer ADAC-Studie im Durchschnitt schon Mitte vierzig, sich des hohen Unfallrisikos durchaus bewusst, und entsprechend defensiv unterwegs.
Tage später auf dem Timmelsjoch, einem weiteren Wallfahrtsort für Alpentourer, steht in der letzten Kurve vor dem Biker-Parkplatz ein kleines Holzbänkchen: der ideale Ort unter dieser Sonne, um die Statistik zu verifizieren. Kamikaze-Fahrer wie der Recklinghausener Raser sind hier völlig out. Gemächliches Schaulaufen ist angesagt. Harley-Davidsons, die aussehen wie nach einem Sturz ins Chrombad, werden von arrivierten Kapitänen der Landstraße gesegelt. Die Piloten japanischen Sportmaschinen stolzieren durch die Reihen und gleichen sich aus der Distanz wie ein Pfauenei dem andern: verspiegelte Visiere und Leder-Overalls, passend zur Marke in Farbe und Aufschrift. Auch ihre Maschinen sind austauschbar.
Die graumelierten Herrenfahrer auf den BMW-Reiseenduros mit Navi-Geräten und Tourenkoffern stehen als eigener Bike-Tribe etwas abseits in ihrer Wagenburg. Sie lauschen misstrauisch rüber zur Italo-Fraktion, wo die Ducatis im Leerlauf rasseln wie gedopte Tamburine. Wenn man nicht wüsste, dass dieses Klagelied der Kupplung zum Ducati-Mythos gehört, käme fast Mitleid auf – natürlich mit den Fahrzeugen, nicht mit den Fahrern. Denn Leiden gehört zu einer alpinen Motorrad-Tour wie Sonnencreme zum Strandurlaub.
Bei der Anfahrt zum Stilfserjoch, mit 2758 Metern Passhöhe dem höchsten Punkt der Tour, muß die alte XT mit den 48 Spitzkehren und der Steigung kämpfen. Sie blökt wegen des Sauerstoffmangels aus dem Auspuff und bockt wie ein unwilliger Maulesel. Dann fängt es auch noch an zu nieseln; die ersten schweren Tropfen fallen. Binnen kurzer Zeit legen sich Schlieren aufs Visier; die gefühlte Temperatur und die Laune fallen in den Keller.
Zweifel kommen auf. Mussten die 2758 Meter dieses Jahr wirklich sein, hätte es die alternative Route über den Ofenpass mit gerade mal 2149 Meter nicht auch getan? Egal, das Wasser zieht ohnehin schon kalt in den Kragen und die Füße sind naß. Soll das Urlaub, soll das Erholung sein?
Auf der Passhöhe, von Wolken verhangen, lockt ein heißer Tee und ein Imbiss bei den fröstelnden Würstelbratern, doch der erhoffte Panoramablick auf die Orlergruppe und die Ötztaler Alpen liegt irgendwo in der Milchsuppe. Da hilft nur Fahren, immer weiter runter ins Tal. Auch vor St. Moritz schießen noch Sturzbäche über die Straße. Erst kurz vor Maloja reißt es wieder auf und die Sonne bricht durch. Schon ist der Comer See in Sicht. Mit Kaiserwetter, und so bleibt es. An den letzten Tage hinüber zum Gardasee und Verona kommt die Sonnenbrille in Einsatz; kein Wölkchen trübt das Blau und das Gemüt. Abends im Ristaurante fragt man sich: Stilfserjoch, war da was? Der Regen und die Qual, sie sind längst vergessen.
Auf der Rückfahrt im Autoreisezug versüßt wieder Goethes Italienischen Reise die Bummelei: "Hierher gekommen, gleichsam gezwungen, endlich an einen Ruhepunkt, an einen stillen Ort, wie ich ihn mir nur hätte wünschen können. Es war ein Tag, den man jahrelang in der Erinnerung genießen kann."
Ja, von dieser Reise kann man zehren bis zum nächsten Sommer. Dann geht es wieder los, wieder auf dem Moped, wieder durch die Alpen. Dann sicher mit einem Bändchen von Franz Kafka. Auch er war ein begeisterter Motorradfahrer und verstand etwas von der Lust am Leiden.
(c) Jochen Vorfelder
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