Am kommenden Mittwoch, Donnerstag und Freitag stellt Honda Deutschland im Spessart seine Modellpalette 2010 vor - wie jedes Jahr. Die Modelle an sich sind solide Fahrzeuge, aber nicht revolutionär. Wie jedes Jahr.
Bis zu einem bestimmten Grad Damm brechend sind dagegen die Begleitumstände des Pressetermins.
Zum ersten Mal hat Honda Deutschland - als erster Hersteller hier zu Lande - neben den üblichen Verdächtigen unter den Fachjournalisten und Tageszeitungsschreiber einige ausgewählte Blogger, Tweet-Artists und emsige Facebooker zu der Veranstaltung geladen.
Deren Anwesenheit und Testrunden wären, wenn man lediglich die Online- und Social Network-Aktivitäten von Honda-Pressesprecher Aaron Lang und Marketingmann David Plättner als Maßstab nimmt, nicht weiter verwunderlich. Lang und Plättner sind beide Twitterer mit Verve und Erfolg mit einer treuen Fan-Gemeinde. Dass Honda hier vorprescht, ist also nicht verwunderlich.
Bemerkenswert ist dagegen der grundsätzliche Paradigmenwechsel - das System hinter der Einladung. Das Internet hat alles verändert, und jetzt ist die Motorradbranche mit ihren Dinosauriern, den Fachblättern wie Motorrad und PS, dran. Die einen PR-Leute merken es früher, andere zu spät.
Die Fans der Marken und potentiellen Käufer haben es längst aufgegeben, auf die aktuellen Informationen, die Testberichte und die Meinungsbildung solange zu warten, bis altgediente Redakteure im altvorderen Erscheinungsrythmus geschrieben, Chefredakteure redigiert, Druckereien gedruckt und Grossisten an den Kiosk ausgeliefert haben.
Wenn hier auf moto1203 z.B. der Multistrada 1200-Test läuft, vermerkt Google das innerhalb kurzer Zeit und honoriert Schnelligkeit und geschicktes Betexten der Headline mit Ranking - der Test wurde in den ersten sieben Tagen 8.000 mal abgerufen. Ein Testbericht auf Spiegel Online schafft sechsstellige Abrufe innerhalb von Stunden. Wann kommt mein Abo? In drei Wochen?
Das erste MotoGP-Rennen der Saison 2010 war am schnellsten am Bildschirm zu erfassen, doch die besten Eindrücke und fundiertesten Analysen lieferten nicht Tage oder Stunden später die Fachmagazine, sondern David Emmett.
Der Gründer von motogpmatters.com war von FIAT-Yamaha eingeladen, als exclusiver Twitter- und Blogger-Korrespondent live aus den Paddocks zu berichten - näher, besser und authentischer hat man MotoGP-Sport noch nie gelesen.
Ein zorniges, aber müdes Ächzen geht durch das Pressezentrum: Während sich die verdienten Korrespondenten darum schlagen, wer die vollständigen Ergebnislisten zuerst bei der Agentur hat, haben draussen an der Strecke hunderte von Zuschauern schon die Antwort auf die einzige Frage getwittert, die das Gros der Empfänger und Vervielfältiger in der Welt interessiert: Wer hat gewonnen?
Die Regeln haben sich geändert. BMW hat mit seiner neuen Online-Agentur Serviceplan den Table Trick-Video abgeliefert: In der ersten Woche wurde der Spot - die billige, aber umso geniale Übersetzung einer uralten Idee - über 2,5 Millionen Mal bei YouTube angeklickt. Wer will da in Zukunft noch allen Ernstes in Zeiten eng geschnürter Werb-Budgets einseitige Anzeigen in der Fachpresse schalten und zu den Bekehrten predigen?
Der Spessart ist nicht Qatar. Spannend werden das Auftauchen der Online-Schreiber auf der Honda-Veranstaltung und ihre Elaborate - sei es länglich im Blog oder prägnant in 140 Twitter-Zeichen - aber allemal. Denn auch Soziale Netzwerke leben von der Etikette, die man sich gibt oder nimmt.
Ein schneller Twitterer hat die gleiche Verantwortung gegenüber seinen Followers wie ein Journalist mit Stift und Block.
Und Speed schafft Probleme, da unterscheidet sich Berichtersatattung nicht von der Rennstrecke. Wem gehört das knallige Zitat von der Pressekonferenz, wenn der Pressesprecher auf die Frage des dpa-Manns antwortet? Ist das guter Stil gegenüber den Kollegen, jede Wortmeldung gleich als Tweet zu verbraten? Ist geladene Öffentlichkeit grundsätzlich zeitgleich öffentlich?
So oder so wird das Honda-Experiment die beginnende Diskussion anheizen: Die PR-Arbeit und Berichterstattung zu öffnen bedeutet auch, Rahmen abzustecken und unbequeme Stimmen zu zu lassen. Denn noch öder als ein selbstgestricktes Social Network ist nur ein geschlossener Firmenblog zum Product Placement.
BMW hat da viel Lehrgeld gezahlt. Der mit viel Fanfare angekündigte Blog zur S1000RR wurde tief versteckt in der speziellen Website, wird jetzt nur auf Englisch betrieben und von einem BMW-Mann vollgeschrieben. Resonanz, Diskussion, Bewegung, Netzwerk - Null. Wenigstens sind die Motorräder gut. Sagen die Experten von der Fachpresse. Ob die Blogger auch so dächten?
moto1203 berichtet von den Honda-Pressetagen zusammen mit Marc von
http:/www.das-motorrad-blog.de , Dennis von
http://www.moppedblog.de und Ralf von
http://www.motodino.de/.
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