31 Dezember 2011

Zum Motorradjahr 2011: Ich sollte Flugzeuge testen & OT– Oberer-Totpunkt-Preis 2011 wird vergeben

Arrogante Jungs in Schiesser-Unterhemden, schmuddelige Autobahntankstellen, stets bemühte japanische Konstrukteure und Weltreisen, um Öko-Motorräder zu begutachten – das Motorradjahr 2011 war kein Ponyhof. Der OT–Oberer-Totpunkt-Preis wird dennoch (oder gerade deshalb) verliehen.

Beginnen wir mit Bruce Chatwin, der nach Weihnachten mal wieder auf dem Sofa rum liegt: "Das Abhandenkommen eines Passes war das geringste aller Übel - ein Notizbuch zu verlieren war eine Katastrophe." Meine Notizen aus dem Jahr 2011 sind Gott sei Dank noch alle vorhanden; so schusselig bin ich 2011 noch nicht geworden.

Das erstaunlichste Motorrad der letzten Monate war mit Abstand die Husqvarna Nuda 900. Beeindruckend sind nicht nur die Technik und die Leichtigkeit, mit der die BMW-Tochter ein eigenständiges Design aus der Hand geschüttelt hat. Frappierend ist vor allem die Taktzahl, mit der im einst so beschaulichen Varese spannende Straßenmodelle geboren werden.

Wesentlich längere Zeit nehmen sich dafür Kleinserienhersteller wie Zero Motorcycles in Kalifornien. Dafür gebührt den Amis der Preis für die längsten Flugreise zu einer Präsentation: Hamburg – San Francisco und zurück – das ist rekordverdächtig. Besonders für ein Zweirad, das mit dem Label "Umweltfreundlich" verkauft wird.

Wenigsten dürfte man die Zeros vor Ort ausgiebig fahren – im Gegensatz zu der Ducati Monster 110EVO. Die gebotoxte und geliftete Mutter alle Naked Bikes wurde im April auf Sizilien vorgestellt. Zur Testfahrt am Ätna blieben gerade mal zweieinhalb Stunden Zeit abzüglich lästiger Fotostopps und Staus. Super Timing - vielleicht sollte ich 2012 Flugzeuge testen.

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Länger dauerte Anfang Juli der Trip zu den BMW Garmisch Days und dem Treffen mit den Jungs von der GS Trophy auf einer Aprilia Dorsuduro 1200. Insgesamt 1500 Kilometer auf einer knüppelharten Supermoto bei meist strömendem Regen – da freut man sich sogar über den 13-Liter-Tank und den absurden Verbrauch von zehn Litern – bei gemäßigter Gangart. Auch wenn die Autobahnraststätten so speckig sind wie Kassel-West.

Apropos Garmisch Days. Der idealtypische deutsche Tourenfahrer ist konservativ und hört abends im Festzelt am liebsten ein Medley, das mit "highway to hell" beginnt und mit "born to be wild" endet. Das hatten die Berliner Schnösel von BossHoss allerdings nicht drauf und wurden erbarmungslos ausgepfiffen.

Applaus dagegen erntete KTM. Die Österreicher stellten im Frühsommer die Duke 125 vor, ein Fahrzeug für die Generation Facebook. Der Plan – einen scharfen Feger für die Novizen zu bauen – ist aufgegangen; inzwischen sind knapp zehntausend Stück verkauft.

Gut verkauft hat auch Harley-Davidson und darf deshalb die Domain http://fetteschlotze.de auch 2012 behalten. Die Geschäftergebnisse in Deutschland weisen darauf hin, dass es doch eine Menge Zahnärzte, Rechtsanwälte und Amtsleiter mit Hang zum Outlaw-Lifestyle gibt. So richtig durchreiten konnten diese Hardcore-Biker vergangenes Jahr allerdings nicht: Anfang Oktober wurden weltweit mehr als 300.000 Maschinen wegen eines Defekts in die Werkstätten zurückgerufen.

Wie man Technik richtig macht, zeigte Honda im November auf der Mailänder Motorradmesse Eicma. Der 700-Kubik-Motor in den NC 700-Modellen, ein lange entwickelter Reihenzweizylinder mit extrem niedrigem Verbrauch, hat was. Z.B. das Zeug, eine gesamte neue Mittelklasse zu befeuern.

Feuer brennt auch im lukrativen Markt der Großroller. BMW steigt mit der Vorstellung von zwei Maxi-Scootern ein, will nächsten Jahr eine Elektro-Variante bringen, und hat den Platzhirschen von Yamaha und Suzuki damit den Fehdehandschuh hingeworfen. Gefahren werden sollen die Hightech-Roller ab nächstes Jahr.

Aber wer will eigentlich soviel Elektro-Großmarkt auf Rädern? Am Besten bleibt man dieser Tage auf besagtem Sofa, geht zu Fuß – wie weiland Bruce Chatwin – oder besinnt sich zumindest auf die Retro-Bikes, die nur eins können: geil fahren.

Einfach nur fahren, so wie es diese Jungs hier machen. Da kommt Vorfreunde für 2012 auf. http://vimeo.com/19061363

PS: moto1203 lässt es sich nicht nehmen, am Ende des Jahres 2011 den großen "OT-Oberer-Totpunkt-Preis“ für besondere Verdienste um den gehobenen Motorradjournalismus auszuloben.

Der Preis geht dieses Jahr an die Redaktion Manuel Fuchs (Ltg./CvD), Markus Biebricher, Gerd Eirich, Klaus Herder, Michael Rohrer, Mike Schümann, Thomas Waldhauer unter der Leitung von Chefredakteur Michael Pfeiffer für den epochalen MOTORRAD-Beikleber "142 Dinge, die ein Motorradfahrer machen muss".

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Mit 142 sachdienlichen Tipps in der gedanklichen Maelstromtiefe von "Die Führerscheinprüfung bestehen" bis "Von der Route 66 träumen und sich irgendwann bei Ruth (66) wieder finden“ haben es die acht Kollegen verstanden, eine besonders vernachlässigte Zielgruppe an das Motorradfahren heranzuführen: Menschen mit einem IQ unter winterlicher Zimmertemperatur.

Gratulation.


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