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20 Februar 2009

100 Jahre Futuristisches Manifest: Zwei Faschisten auf Speed

Tommaso Minaretti und Gabriele D'Annunzio waren Prediger der Avantgarde – und bekennende Faschisten. Vereint hat sie das Futuristische Manifest, das am 20. Februar 1909 im französischen Le Figaro erschien, und ihre Liebe zu schnellen Maschinen.



Für die italienischen Fischer, die das Automobil finden, ist es ein simpler Verkehrsunfall: Mehrere junge Trunkenbolde, offensichtlich aus besseren Kreisen, sind bei einer frühmorgendlichen Spritztour von der Straße abgekommen und kopfüber in einen Graben gestürzt. Keiner der Insassen ist ernsthaft verletzt; der Wagen wird von den Fischern mit Stangen auf die Straße zurück gestemmt.

Für Filippo Tommaso Marinetti hingegen, den blutjungen Schriftsteller und Fahrer des Wagens, ist der Unfall die Zäsur seines Lebens. Bei dem Sturz in den nassen Graben ist in einer Grenzerfahrung alles zusammen gekommen, an dem er sich berauscht: der Faszination von Maschinen, dem Tempo von Veränderung, der Kopfgeburt einer neuen Gesellschaft durch die Destruktion des Alten.

Marinetti schreib wenig später: “Mit dem Dreck im Gesicht, bedeckt von Schrammen, Schweiß und himmlischem Ruß, inmitten der Anklagen von bedächtigen Fischern und aufgeregten Naturalisten, diktierten wir unseren letzten Willen und Nachlass an alle lebendigen Männer dieser Welt: das Futuristische Manifest.“

Als Marinetti sein Manifest wenige Monate später am 20. Februar 1909 publiziert, hat noch niemand von ihm und den Futuristen gehört. Es gibt kein Futuristisches Kunstwerk, doch dafür aber erscheint der Aufruf an einem prominenten Ort und in ungewöhnlicher Auflage: Es wird der Aufmacher auf der Titelseite der Pariser Tageszeitung Le Figaro.

Das selbstverliebte Traktat, verfasst in elf kurzen Paragraphen, ist starker Tobak für einen in Alexandria geboren Millionärssohn. Versatzstücke der kruden Ideologie hat sich Marinetti während des Studiums der Rechtswissenschaften in Paris bei den nächtlichen Diskussionen mit Symbolisten und Anarchisten angeeignet. Er macht sich Notizen nach den unerfreulichen Besuchen bei Prostituierten und liest Friedrich Nietzsche: „(...) Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.(...),“ postuliert Marinetti und verkündet, „ (...) „daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit.“

Der jugendliche Schwärmer, finanziell auf Rosen gebettet, besingt den Neuen Menschen, der in eben dieser Geschwindigkeit eine Neue Welt schafft, getragen von einer „vielfarbigen, vielstimmigen Flut der Revolutionen in den modernen Hauptstädten“ mit ihrer „nächtlichen, vibrierenden Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden.“

Für Marinettis zerstörerische Helden gilt:“„Schönheit gibt es nur noch im Kampf.“ „Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein,“ schreibt Marinetti und lässt danach seinem verquasten Gedankenguts freien Lauf – am Vorabend des Ersten Weltkriegs und des Faschismus wie ein dunkles Orakel: “Wir wollen den Krieg verherrlichen — diese einzige Hygiene der Welt -, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.“

Tempo, Tempo, zieht in den Krieg!

Marinettis Aufruf, die Museen und Akademien zu schleifen, fällt bei vielen italienischen Künstlern, die den herrschenden Kunstbetrieb und die konservative Monarchie hassen, auf fruchtbaren Boden. Maler wie Giacomo Balla, der Bildhauer Ferruccio Vecchi, Musiker und Literaten gründen eigene Schulen des Futurismus, die Jugend, Geschwindigkeit, Gewalt und Krieg verherrlichen. Ein Künstler, der sofort nach der Veröffentlichung des Futuristischen Manifests einen begeisternden Brief an Marinetti schreibt, ist der Dichter Gabriele D'Annunzio.

D'Annunzio ist Abgeordneter der Konservativen, ein Dandy mit Spielschulden und ein Ehebrecher vor dem Herrn. Seine amorösen Abenteuer und die Dauerliaison mit dem Schauspiel-Star Eleonora Duse sind ein Skandal in der besseren Gesellschaft Italiens. Er liebt schnelle Autos, Motorräder, Sportboote, ist ein begeisterter Flieger und genießt das große Spektakel – die Futuristischen Abende, die Tommaso Marinetti inszeniert, sind ganz nach seinem Geschmack. Publikumsbeschimpfungen, Tumulte und handgreifliche Auseinandersetzungen mit Kritikern sind dabei Konzept und fester Bestandteil des absurden Programms.

Mit dem Eintritt Italiens in den Ersten Weltkriegs kreuzen sich Marinettis und D’Annunzios Wege – der verklemmte Hohenpriester des Futurismus und der zwanghafte Erotomane, der angeblich seidene Nachthemden mit einem kreisrunden Ausschnitt unter dem Nabel trug, wurden Unterstützer der Faschisten: D’Annunzio wirbt als überzeugter Interventionist für den Krieg und wird Parteigänger von Mussolini; Marinetti organisiert Veranstaltungen mit dem Duce als Redner wie seine Futuristischen Abende – als er 1914 in Mailand österreichische Flaggen auf der Bühne verbrennt, wird er mit zwei Gesinnungsgenossen inhaftiert. Zum Kriegseintritt Italiens ist Marinetti wieder auf freiem Fuß; wie die meisten Futuristen melden sie sich freiwillig. D’Annunzio, der Flieger, geht zur Luftwaffe, obwohl er fast Mitte Fünfzig ist. Marinetti dient erst bei den „Freiwilligen Radfahrern und Automobilsten“ und später bei den Gebirgsjägern; beide gehören zu den wenigen ihrer futuristischen Schar, die den Schlachten lebend entkommen.

Den Krieg begreifen die „Kämpfer-Dichter“ als Fortsetzung ihres Futuristischen Aktionismus und – nach dem Wortlaut ihres Manifests – als „angriffslustige Bewegung“– der Hasadeur D’Annunzio unternimmt eigenmächtig einen strategisch völlig sinnlosen Langstreckenflug und kreist über dem feindlichen Wien, wo er Flugblätter abwirft. Beide sind nach Kriegsende und dem genossenen Blutbad beseelt wie nie zuvor von ihrer Idee einer Neuen Gesellschaftsordnung - nach Kriegsende führt D'Annunzio zusammen mit dem Futuristischen Bildhauer Ferruccio Vecchi im September 1919 eine Gruppe faschistischer Söldner bei der Besetzung von Fiume (das heutige Rijeka). Die Freischärler unter Führung der Futuristen errichten eine kurzlebige Operetten-Republik, bauen Altäre für Ares, den Gott des Krieges, und spielen Schlachten mit selbst entworfenen Uniformen nach – von Toscanini mitsamt Orchester musikalisch begleitet.

Die theatralische Liebe zum Faschismus ist weder bei Marinetti noch bei D’Annunzio ungetrübt und für lange Dauer: Mussolinis Strategie, „das bürgerliche Schiff nicht versenken, sondern an Bord gehen, um die parasitären Elemente über Bord zu werfen“, behagt den Futuristen nicht. Sie sind sprunghafte Aktionisten; auch der Kämpferbildhauer Vecchi tritt aus der faschistischen Bewegung aus. Marinetti gründet eine eigene Futuristische Partei, schreibt in einem politischen Manifest ein Loblied auf den Anarchismus und die Oktoberrevolution - und heiratet seine große Liebe Benedetta Cappa, wohl wissend, dass er gegen das Eheverbot seines eigenen „Futuristischen Manifestes der Lust“ verstößt.

Futuristen mit faschistischem Segen


1922 träumt D’Annunzio von der Macht. Als „Held von Fiume“ rechnet er sich Chancen aus, Benito Mussolini als Volkstribun abzulösen – dafür ist ihm jedes Mittel recht. Der Phantast, der sich die Zerschlagung jeglicher Institutionen auf die Fahnen geschrieben hat, bemüht sich darum, im Auftrag des Königs eine Regierung bilden zu dürfen. Als der Duce ihm mit dem Marsch auf Rom zuvor kommt, bedeuten die Fachisten D’Annunzio, sich aus der aktiven Politik zurück zu ziehen. Er verkriecht sich in einer beschlagnahmten Villa bei Gardone Riviera am Gardasee; 1924 wird der Verbannte auf Mussolinis Vermittlung geadelt.

Im gleichen Jahr erklärt Marinetti den offiziellen Rückzug des Futurismus aus der Parteipolitik – nachdem er mit dem Duce seinen eigenen künstlerischen Führungsanspruch ausgehandelt hat. Der Utopist wird 1924 faschistischer Kultusminister und damit hoffähig bei allen totalitären Regimen: Bei einem Besuch in Berlin im Jahre 1934 begrüßt ihn der Dichter Gottfried Benn als „Exzellenz Marinetti, Führer der Futuristen, Mitglied der Königlichen Italienischen Akademie und Präsident des italienischen Schriftstellerverbandes“ – damit war der Futurismus offiziell vereinnahmt.

Den Kampf, den Krieg hat Marinetti sein Leben lang verherrlicht und geliebt. Er nimmt am italienischen Afrika-Feldzug gegen die Abessinier teil und zieht 1942 – im Alter von Sechsundsechzig -mit einem Expeditions-Korps bis nach Stalingrad. Noch kurz vor seinem Tod im Dezember 1944 diktiert er Gedanken im gleichen Duktus wie in seinen wirren Jugendjahren: „Der Krieg ist schön, weil er neue Architekturen, wie die der großen Tanks, der geometrischen Fliegergeschwader, der Rauchspiralen aus brennenden Dörfern und vieles andere schafft“.

Walhalla am Gardasee


Ach, dieser Garten, wie er wuchert voll Grün und erblüht in italienischer Eleganz und Grandezza. Hingeworfen an die Flanken von Gardone Riviera mit Blick auf den Gardasee umfriedet er den Gebäudekomplex „Vittoriale degli Italiani“, angelegt einst im Auftrag des Kunsthistorikers Henry Thode, beschlagnahmt als Feindgut, ausgebaut und „entdeutscht“ nach dem Willen des Besatzers Gabriels D’Annunzio.

Angesichts dieses Gartens würde selbst Visionäre wie der Filmemacher Werner Herzog seufzend in die Knie sinken und ihr Haupt demütig senken, denn in D'Annunzio haben sie ihren wahren Meister gefunden. Herzog hat in „Fitzcarraldo“ erzählt, wie der Opernliebhabers Fitzgerald (gespielt von dem in Sachen Wahn ebenfalls höchst kompetenten Klaus Kinski) mit Hilfe von stoischen Indios einen Frachtdampfer durch den peruanischen Dschungel und über die Anden zu ziehen versucht. Was die Cineasten Herzog und Kinski 1982 als Metapher für das "Scheitern des europäischen Tatmenschen" inszenierten, hat d'Annunzio zum Ruhme der Italienischen Nation schon im Jahre 1925 durchexerziert.

D'Annunzio's Vision, nach seiner Exilierung mit dem Vittoriale das größte Freilichtmuseum der Welt zu errichtete, scheitert kläglich an des Dichters permanentem Geldmangel. Doch als er 1923 für seine Verdienste beim Feldzug nach Fiume den ausgesetzten Kreuzer Puglia von der Italienischen Marine zum Geschenk erhält, läßt er das Wrack von Landarbeitern und Freiwilligentrupps der lokalen Faschisten auf einen steilen Berggrat in seinen Garten schleppen. Mit dem Bug ausgerichtet hin zum Adriatischen Meer und zu dem erfolgreich zurückeroberten Dalmatien steht er hier noch heute.

Nur wenige Meter entfernt liegt die Halle mit dem Torpedoboot MAS 96, mit dem der Verbannte in den Jahren seines Exils von der Römer Politik ziellos über den See kreuzt. Passagier habe er in seinen letzten Jahren nur noch wenige gehabt, erzählen die Einheimischen in Gardone nach einem Gläschen Wein, gelegentlich mal eine Hure. Aber mit einem roten Motorrad habe er die Straßen unsicher gemacht, bis zu dem Tag im Jahr 1938, an dem er aus dem Fenster stürzt und stirbt.

Erst 1955, siebzehn Jahre nach seinem Tod, wird ein Mausoleum, ein weiteres Monument der Vittoriale-Anlage, vollendet; dort ruht der Faschist nun still über dem See in toskanischem Marmor. Heute werden an den Ramsch-Ständen vor dem Vittoriale kitschige T-Shirts und Küchenschürzen verkauft. Neben dem Duce und Gabriele D’Annunzio ist auch der MotoGP-Weltmeister Valentino Rossi im Angebot - der neue Held für alle Italiener auf Speed.