Wie Samsung Heavy Industries von Korea aus den Welt-Werftmarkt aufrollen willGeoje Island ist idyllisch: Zwischen schroffen Bergrücken ducken sich alte Wälder. Kurvige Landstraßen schlängeln sich entlang tief eingeschnittenen Buchten; eine Brücke zum Festland gibt es erst seit 20 Jahren. Das Meer ist wild. Die Insel ganz im Süden der Halbinsel ist eine der beliebtesten Ferienziele Südkoreas - und gleichzeitig eine der produktivsten Industrielandschaften des Landes. Hier werden pro Jahr über vier Millionen Tonnen Stahl verbaut, denn auf Geoje Island haben zwei der größten koreanischen Werften ihren Sitz - Daewoo und Samsung Heavy Industries (SHI), wo derzeit auch drei Schiffsneubauten für die E.R. Schiffahrt entstehen.
SHI am frühen Montagmorgen: Aus den Trabantenstädten von Samsung City - aus der Distanz wirken die Hochhäuser, die das alte Fischerörtchen Geoje überragen, wie bewohnte Tetrapak-Milchtüten - schiebt sich eine unglaubliche Springflut von Arbeitern auf das Haupttor der Werft zu; die Frühschicht mit über 13.000 Beschäftigten. Autos, Mopeds, Fahrräder, sie defilieren vorbei an den etwa hundert Mitarbeitern der Abteilung Arbeitssicherheit, die zusammen mit dem oberen Management - inklusive dem General Manager - verschärfte Arbeitssicherheit propagieren. "150 Tage ohne Unfall" heißt derzeit die Losung.
Ob das klappt, ist fraglich angesichts der rasenden Geschwindigkeit, mit der auf der über 3,3 Millionen Quadratmetern großen Werft aus einzelnen Stahlplatten und -profilen zunächst kleine Bauteile, dann größere Blocks und schließlich massive Segmente für Schiffe fast aller Art zusammengeschweißt werden - Containerschiffe mit Containerstellplätzen bis zu 9.000 TEU, moderne Doppelhüllen-Tanker und Flüssiggas-Transporter mit Längen bis zu 320 Metern; komplette Bauzeit von Ausdruck des Plans bis Übergabe an den Eigner maximal neun Monate. Aber auch Offshore-Anlagen, schwimmende Öllager und Passagierschiffe entstehen auf Geoje Island - SHI drängt auf jeden Markt.
Für das Jahr 2003 hat die Samsung-Werft - die in der innerkoreanischen Größenrangliste nach Hyundai und Daewoo nur an dritter Stelle rangiert - 34 Schiffe projektiert; geplant sind in Zukunft über 40 jährliche Neubauten. Und die Auftragsbücher sind voll: "Bis Ende 2005 sind die vier Docks und der Offshore-Baubereich vollständig ausgebucht", sagt Wan-Woo Lee. Der 38-jährige Ingenieur ist auf der bis in den letzten Arbeitsablauf durchstrukturierten Werft zuständig für einen Trupp von 78 Männern und Frauen. Gemeinsam fügen sie in Dock 2 mit Hilfe von Kränen, die bis zu 500 Tonnen schwere Einzelteile hieven können, einzelne Segmente zusammen. Jeder von ihnen hat dabei einen exakt definierten Auftrag.
Verblüffend ist die Präzision, mit der die schweren Bauteile - wie etwa komplette Maschinenräume oder Wohnaufbauten - vorgefertigt und rangiert werden. Hat der Kranfahrer seine Last abgestellt, wird bei SHI in Südkorea nichts mehr nachgeschnitten, nichts verschoben oder - wie in europäischen Werften üblich - nachträglich angepaßt.
Der Abstand von haushohen Stahlrümpfen beträgt nach dem Absetzen maximal 1, 5 Zentimeter; Bauteile passen exakt, einzelne Kabelschächte oder Druckleitungen werden sofort verschraubt. Wan-Woo Lee ist stolz auf diese Präzision: "Hier liegt auch unser Vorteil gegenüber Werften in Europa. Daß wir Schiffe so günstig anbieten können, liegt nicht allein an den niedrigeren Lohnkosten in Korea, sondern an der Qualität der Arbeit, die meine Leute leisten."
© Jochen Vorfelder
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