09 April 2005

2. Der Blick in dunkle Ecken

Wie E.R.Schiffahrt-Mann Werner Brandstaeter den Bau von Schiffen bei Samsung überwacht

Im gefluteten Dock 3, mit 640 Meter Länge und 97 Meter Breite der größte Baubereich auf Samsungs Geoje-Werft, herrscht Hochbetrieb. Drei Tanker liegen bereit zum Ausschwimmen; sie sollen an die Ausrüstungskais verholt werden. Schade nur, daß zwischen ihnen, dem Docktor und dem offenen Meer noch ein halbfertiger Tanker und die zukünftige "E.R. Yantian" liegt. Das bedeutet zusätzliche Rangierarbeit, aber keine sonderlichen Probleme für die Schleppercrews; sie setzen zunächst mit dem Kran eines der 450 Tonnen schweren "tug boats" hinter die Tanker, bevor sie das Tankerbauteil und die kaum angefangene "E.R. Yantian" in die Bucht hinausschleppen und dort vorübergehend parken.

Für mich ist es ein unlösbares Rätsel, wie der Schiffstorso, der eigentlich nicht mehr als ein vorne und hinten offener Stahlklotz ist, sich überhaupt über Wasser hält. "Machen Sie sich keine Sorgen, bei Samsung ist noch kein Schiff untergegangen", lacht Werner Brandstaeter. Für ihn ist der Anblick normal, er hat das in seinem Berufsleben schon x-mal gesehen. Brandstaeter ist Bauleiter für alle Neubauprojekte der E.R. Schiffahrt in Südkorea und derzeit auf der Goeje-Werft stationiert. Er begleitet den Bau der drei 4.250-TEU-Containerschiffneubauten, die im Rahmen eines "Resales" von der Ofer-Gruppe übernommen wurden und allesamt noch im Laufe des Jahres an die E.R. Schiffahrt abgeliefert werden sollen. Alle drei Schiffe, von denen das erste, die "E.R. New York", bereits am Ausrüstungskai liegt, sind für acht Jahre an die französische Linienreederei CMA-CGM verchartert.

Brandstaeters zentrale Aufgabe ist es, nach Kiellegung eines Schiffes zu überwachen, daß die im Bauplan festgehaltenen Spezifikationen eingehalten werden. Jede Schweißnaht, jede Farbschicht, jeder Schaltkasten, jede Einzelheit muß er überprüfen und gutheißen - und letztendlich dafür sorgen, daß die Investorengelder in Qualitätsschiffe angelegt werden.

Theoretisch gibt es - trotz der hohen Qualität bei Samsung und in Korea überhaupt, das will Brandstaeter betont wissen - so manche Möglichkeit für Pfusch am Bau: "Auf 300 Meter Schiffslänge gibt es viele dunkle Stellen. Zum Beispiel muß man vor der Abnahme beim Korrosionsschutz in den Ballasttanks, beim Entfernen von Rostspuren und beim Aufbringen der Schutzfarbschichten in später nicht mehr zugänglichen Schiffsbereichen sehr genau hinschauen. Aber auch in der Maschine, bei den Rohrleitungen, bei der Schiffselektrik gibt es neuralgische Punkte. Wenn man da minderwertige Nähte oder einen Grat übersieht oder durchgehen läßt, tut man sich, dem Eigner und dem Investor keinen Gefallen. Solche Stellen, die arbeiten ewig und entscheiden schlußendlich über die Lebensdauer eines Schiffes und die Dauer des Aufenthalts im Reparaturdock, also über Kosten und Ausfallszeiten."

Vierundzwanzig Stunden später sind Brandstaeter und ich wieder an Dock 3. Alles ist gutgegangen - der Neubau der E.R. Schiffahrt hat den Ausflug in die Bucht offensichtlich gut verkraftet und liegt an einem neuen Bauplatz. Das Dock ist wieder trocken und sauber; die Koreaner haben das Wasser abgepumpt und die toten Fische wie nach jeder Flutung entsorgt.

Brandstaeter turnt in seinem weißen Overall über die Schiffsbaustelle und ist guter Dinge: "Sieht so aus, als ob der Zeitplan für die drei Schiffe exakt eingehalten wird. Dezember 2003 sind wir hier durch." Nicht, daß er ungern auf Samsung wäre, aber just im Dezember wartet auf ihn ein neuer großer Brocken: fünf 7.500-TEU-Schiffe bei Hyundai in Ulsan.

© Jochen Vorfelder

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