27 Februar 2008

Vietnam: zu Fuß durch den Norden


Dreißig. Zwanzig. Zehn. Geschafft. Nächster Anstieg. Noch dreißig, noch zwanzig, noch zehn Schritte, wieder geschafft. Pause. Der Schweiß läuft von der Stirn; der Rucksack klebt an Hemd und Rücken. Es ist ein diesiger Wintertag und die Sonne strahlt nur verborgen hinter dichten Wolken, doch der Trekk heizt gewaltig ein. Seit zwei Tagen sind wir zu Fuß im äußersten Norden Vietnams unterwegs und seit zwei Tagen geht es bergauf, bergab.

Noch einmal dreißig Schritte, noch ein Anstieg; wir hangeln uns zur nächsten Rast. Der steile Hohlweg durch den Bambushain öffnet sich und gibt den Blick auf das Tal frei. Grandios. "Dort hinten liegt Ban Ho, dort wollen wir bis heut nachmittag hin. Kein Problem", erklärt Tranh, unser Führer, und deutet in die Ferne, wo der Moung Hoa-Fluss sich durch die Reisterrassen windet und im Dunst verschwindet.

Zu Beginn hatte sich das viertägige Wanderabenteuer, spontan gebucht in Hanoi, noch bequem angelassen. Eine kurzweilige Nacht hatte die Fahrt im Schlafwagen nach Lao Cai gedauert; von dem öden Endbahnhof war es nach der Ankunft am frühen Morgen nur noch ein Katzensprung nach Sapa. Rund zwölf Stunden - doch zwischen den beiden Orten liegen Welten.

Dort das Herz Vietnams mit der pulsierenden Altstadt um die 36 Gassen der Handwerkszünfte - volle Märkte für über drei Millionen Einwohner, kokelnde Feuer am Straßenrand, Garküchen und Motorrad-Werkstätten, fliegende Händler und schicke Kunstgalerien. Hier die verschlafene, von den Franzosen vor einem Jahrhundert gegründete Sommerfrische. Die kleine Stadt an den Flanken der Hoang Lien-Berge dient als Marktflecken für die umliegenden Dörfer der Hmong-, Dzao- und Tay-Tribes. Seit ein paar Jahren ist sie auch das Ziel aller Trekking-Touristen im Norden Vietnams.



Ban Ho. Auf der Terrasse des Gästehauses ist die Anstrengung des Sechs-Stunden-Marschs längst vergessen. Tranh ist mit dem Hausherren in der Küche verschwunden; das Söhnchen lukt mit großen Augen um die Ecke. Das Dorf, das ausschließlich von Tay-Montagnards bewohnt wird, liegt schläfrig im späten Nachmittagslicht. Wasserbüffel suhlen sich im Schlamm; Enten schnattern vorbei.

Autos gibt es hier keine. Gelegentlich knattert ein Moped. Doch die staubige Hauptstraße gehört den Kindern und den vagabundierenden Hängebauchschweinen. Vor dem Kiosk halten die Dorfältesten und die Parteikader Hof; eine Gruppe von amerikanischen Touristen kommt vom Bad am Wasserfall zurück und deckt sich mit Marlboros ein. Die Amis spendieren eine Runde: Geredet wird mit Händen und Füßen, gelacht aus vollem Hals.

Vor Jahrzehnten wäre die Eintracht zwischen Amerikanern und vietnamesischen Berglern noch Hochverrrat gewesen. Die ethnischen Minderheiten lebten abgeschottet in dem politisch sensiblen Grenzgebiet zu China; von der kommunistischen Partei in Hanoi misstrauisch beäugt. Die Hill-tribes bauten Opium zum Eigenbedarf an und darbten an den kargen Erträgen, die ihre Reisfelder hergaben.

Sapa und Umgebung war vergessenes Land. Erst "Doi Moi" - die große wirtschaftliche Neuorientierung gen Westen zu Anfang der Neunziger Jahre - öffnete Vietnam. In den Jahren darauf versöhnten sich die Reformer an der Spitze der Sozialistischen Republik mit den kapitalistischen Nachbarn wie Japan und Thailand; 2000 folgte ein Handelsabkommen mit den USA.

Binnen kurzer Frist ist so aus dem vom Krieg geschundenen Land einer der erfolgreichen asiatischen Tiger-Staaten geworden - mit enormer Anziehungskraft auch für westliche Touristen. Der Aufschwung gab auch den Bergstämmen eine Perspektive. Ausländische Entwicklungshilfe floss in die abgelegenen Hochtäler; Geld für die Wasserleitungen wurden genauso begierig angenommen wie Kochkurse für westliche Homestay-Gäste. Die Kinder der Hmong und Tay gingen zur Schule, lernten jede erdenkliche Sprache, die mit den Besuchern ins Dorf kam, und sind heute die cleversten Guides der Gegend für die steigenden Zahl der weißen Wanderer und Mountainbiker.


"Das Geld kommt durch Trekks, die Übernachtungen und den Verkauf von Souvenirs", sagt Thranh beim Abendessen, das wir gemeinsam mit der Gastfamilie im Schneidersitz einnehmen. "Ja, es geht in riesigen Schritten vorwärts", bestätigt Hausherr Herr Van Minh und schenkt noch eine Runde Reisschnaps nach. "Unglaublich, was sich hier bei uns in den letzten Jahren getan hat."


Die Hill-tribes - allen voran die Hmong-Frauen, die den Trekkern gelegentlich im Dutzend auflauern - haben den lukrativen Färberei- und Webdecken-Markt fest im Griff. Sie seien die geborenen Entrepreneurs, sagen anerkennend sogar die Tieflandvietnamesen, die selbst ob ihrer Geschäftstüchtigkeit gefürchtet sind.

Nach einer zweiten Homestay-Nacht - von November bis März kann es in Sapa und den umliegenden "tonkinesischen Alpen" unangenehm kalt werden - machen wir uns auf den Rückweg. Die bisherigen Tagesetappen waren fast dreimal so lang; die letzten zwei Stunden Aufstieg können jetzt nicht mehr schrecken. An der Asphalt-Straße wartet der ausrangierte Militärjeep, der uns wieder in die Stadt zurückbringt.

Und siehe da, nach den zwei Tagen in den abgelegenen, friedlichen Dörfern wirkt Sapa, dieser kleine Flecken, plötzlich so geschäftig wie Hanoi. Markttag: Vor den überquellenden Gemüseständen drängeln die Einheimischen. Wildes Palaver. Alte Dzao-Damen mit hochrasierter Stirn unter dem roten Turban feilschen um einige hundert Dong Nachlass. Das sind Cent, aber es geht um die Ehre.

Am Stand der Motorrad-Taxen unter der roten Fahne mit dem gelben Stern werden die Maschinen mit Einkäufen vollgepackt. Junge Hmong-Mädchen mit schwarzen Hüten und strammen Wadenwickeln flanieren untergehakt die Hauptstraße entlang und signalisieren, dass es Zeit für Brautschau und Heirat wird.

Ihre Mütter haben derweil einige arglosen Rucksacktouristen umzingelt und handeln sie routiniert in Grund und Boden: "You buy me, I give you special price." Zehn. Zwanzig. Dreißig. Dollar. Die erste Decke ist verkauft. Zehn. Zwanzig. Wieder Dreißig. Das nächste Andenken wechselt flottt den Besitzer - ein wunderbares Schauspiel.

Schade, dass der Nachtzug nach Hanoi schon gebucht ist.

(c) Jochen Vorfelder

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