04 Dezember 2005

Salzburg II: Gib Dir die Kugel!

Für den Salzburg-Touristen ist die Mozartkugel das ideale Mitbringsel - praktisch, rund, gut. Für den Einheimischen hingegen ist die wohl bekannteste österreichische Confiserie-Spezialität neben der Sachertorte ein seit langem tobender Glaubenskrieg.

Unter welchen Fahnen scharen sich nun die Feinschmecker? Der Platzhirsch ist die Firma Mirabell mit den "Echten Salzburger Mozartkugeln". Die Tochter des Lebensmittelriesen Kraft Foods fertigt maschinell rot-goldene, vollendet runde Kugeln mit dem charakteristischen Kern aus Pistazien-Marzipan, einer dunklen und einer hellen Nougatcreme-Umhüllung sowie dem zartherben Schokoladen-Mantel. Mirabell balgt sich um den großen (Welt-)Markt mit Herstellern wie Lindt und Manner. Die Umsätze sind natürlich Betriebsgeheimnisse, aber Mirabell gibt an, pro Jahr Kugeln "im hohen zweistelligen Millionenbereich" zu produzieren.

Von solchen Mengen können die "blau-silbernen" Konkurrenten nur träumen, doch sie halten die eigenbrödlerische Salzburger Tradition hoch: Alt eingesessene Confiserien wie die Cafe-Konditorei Fürst ("Original Salzburger Mozartkugeln", 1,3 Mio. Exemplare pro Jahr) oder die Konditorei Schatz (hat 1900 den Begriff "Mozartkugel" einführt) lassen die Kugeln noch per Hand formen und tunken. Die Manufakturen schwören auf die "kleinen Geheimnisse" in der Mischung von Nougat und Marzipan.

Alle kleinen Hersteller verpacken ihre Kalorien in silberne Folien und verweigern sich übrigens der perfekten Kugelform: Die Fürst-Praline etwa erkennt der Sachverständige an der Wachtelei-Form; die Schatz-Kugel hat immer einen abgeflachten Fuß.

Echte einheimische Experten erkennen die Kalorienbomben aber an Konsitenz und Geschmack: Bei Mirabell bröckelt es gerne und die helle und dunkle Nougatschichten schmelzen zu einer "nicht ausbalancierten Melange". Dem "Original" von Fürst wird oft ein "hervorragender Zartbitter-Mantel" attestiert.

Einig sind sich die Salzburger Kugel-Tester in den schlechten Noten für Eindringlinge in den Markt: "Echte Mozart-Kugeln" von Reuber aus dem bayrischen Bad Reichenhall sind "geschmacklich indifferent": eine echte "Touri-Kugel" halt, die nach "Kitsch pur!" riecht. Viel Spaß beim Einkaufen und Probieren.

© Jochen Vorfelder

30 November 2005

Salzburg I: Im Zeichen der Mozart-Kugel

Seit heute ist die neue Ausgabe No. 5 des ADAC travellers an den Kiosken - mit dem Schwerpunkt "Kreuzfahrten".

Auch im Heft meine längere Reportage über die Suche nach Wolfgang Amadeus Mozart im Salzburger Land. Den Original-Text kann man hier lesen.

Weiter gibt es zum Thema Mozart eine Dia-Show, die zeigt, wo genau in Salzburg die besten Eindrücke über das Leben des berühmten Tonmeisters zu orten sind.

Warum sich jetzt alle auf Mozart stürzen? Ganz einfach: Ganz Österrreich feiert am 27. Januar 2006 den 250. Geburtstag des wohl bekanntesten Landeskinds. Wohl an also:

Im Zeichen der Mozart-Kugel

Am Fuß der gewaltigen Festung Hohensalzburg, wo die Salzach träge zwischen Mönchsberg und Mirabellgarten mäandert, liegt seine Stadt. Im historischen Quartier mit den wunderbar barocken Patrizierhäusern und Palais, den verwunschenen Wandelgängen und dem gestrengen Dombezirk wurde er geboren. Dort hat er gelebt, dort hat er gewirkt.

Am 27. Januar 1756 erblickte in Salzburg ein Kind das Licht der Welt, das als Wolfgang Amadeus Mozart zum Komponisten aller Komponisten wurde. Es war kein einfaches Leben. Das musikalische Genie verzweifelte an seiner Geburtsstadt; Mozart mußte weg, denn die feinen Herrschaften liebten den Freigeist nicht.

Doch heute, fast 250 Jahre nach der Geburt, ist Mozart den Salzburgern wieder ihr "Wolferl", der Sohn aller Söhne. Vereinahmt und omnipräsent, wird er eifersüchtig verteidigt gegen die Konkurrenz aus Wien. Zum apollonischen Wunderkind verklärt durch den frühen Tod, und als halb-göttliche Instanz aus dem öffentlichen Leben der Provinzmetropole nicht wegzudenken: Goethe war in Weimar; Marco Polo kam aus Venedig. Mozart IST Salzburg.

"Oh, mein Gott, es ist so hinreißend, so bezaubernd. Wir müssen unbedingt so ein Bild haben!" Mary Stairs aus San Diego, Kalifornien, tänzelt um die Staffelei des Landschaftsmalers, der in der Getreidegasse die Fassade von Haus Nummer 9 auf's Tuch wirft. Na ja, mit der Realität hat das Werk wenig zu tun: An Stelle der mitteralterlichen Hofeinfahrt, die der Künstler mit flinker Hand in warmes, verträumtes Abendlicht legt, buhlen Halogenscheinwerfer, Edelstahlvitrinen und Bauchläden um zahlende Kundschaft aus Asien und Übersee. Marys Mann Peter, Rechtsanwalt und auch skeptisch, was die Qualität des Aquarells angeht, lächelt gequält. Seine Miene ersetzt ein kapitulierendes Schulterzucken. Da muss man durch, wenn man Salzburg und ein "Mozart-Package" bucht.

Sicher, es gibt sie, die beschaulichen Winkel: Drüben etwa am anderen Salzach-Ufer, im Park von Schloss Mirabell unter den alten Kastanien, oder auf dem Friedhof St. Sebastian, wo Mozarts Witwe Constanze, sein Vater Leopold und andere Familienmitglieder begraben liegen. Dort unter den alten Arkaden flanieren die wenigen Besucher so andächtig und still, dass man unwillkürlich lauscht, ob an der nahegelegenen Musikhochschule Mozarteum wieder fleißig geübt wird und ein Klavierkonzert zur Erbauung herüberweht. Dann legen sich die unsterblichen Melodien wie Zuckerguss über die verwitterten Familiengruften und verzaubern das Herz.

In der wuseligen Getreidegasse hingegen, da verdichtet sich der Komponisten-Taumel schon vor Beginn des Jubeljahres 2006 in ein akutes Mozart-Fieber: "You have 15 minutes!" Schnatternde Menschentauben werden aus dem Geburtshaus des Meisters direkt ins Multimedia-Wachs-Museum "Next to Mozart" gelotst und verschubt. Mit dem Slogan "Viva! Mozart" läßt sich im "Mozart-Shop", einem riesigen Devotionalien-Bazaar, jeder erdenkliche Kitsch vermarkten. Die Kreditkarten glühen für abstruse Geschmacksverirrungen: gräusliche Bierhumpen, Jogginghose und Baby-Strampler mit Konterfei, Geigen-Imitationen made in Taiwan in fünf Größen, das Zerrbild des jungen Meisters als 1000er-Puzzle, und natürlich das süssliche Eau de Toilette "Amadeus" im bezaubernden Barockflacon.

"Ein Geruchswässerl aus aktuellem Anlass? Ich bitt Sie, mein Herr, das hat keinen Stil", schmäht ein grauhaariger Brillenträger, Typ Kommerzialrat a.D., am Stammtisch. Im Café Tomaselli, einer Institution am Alten Markt, haben sie kein Verständnis für modische Aufgeregtheiten. Hier sitzen seit 1705 die Besserwisser, Spötter und Grantler bei einem Einspänner, lassen sich einen Strudel oder eine Sacher von der Mamsell mit gestärkter Schürze servieren, und erörtern nach Studium der einschlägigen Blätter wahlweise Stadtpolitik oder Weltlage. Hier haben sie ihre Bleibe gefunden, die Vertreter des flatterhaften Geistes und des pathetischen Gestus dieses alpenländischen Fleckens, der mit Abendkleid und Avantgarde wie kaum ein anderer spießig und weltoffen zugleich ist.

Im Tomaselli, inmitten dieser liebenswerten und sinnesfreudigen Salzburger Melange der Schlawiner, hat zu seiner Zeit auch Mozart gesessen - nach Stand der Forschung nun wahrlich auch kein Kind von Traurigkeit. Und während der Klassik-Star in seinem eigenen musikalischen Universum schwebend seine Klangfolgen schuf, ließ er seinen Blick schweifen: rüber zum Residenzplatz am frühbarocken Dom, wo heuer die offenen Viaker für die "Mozart-Tour" stehen, und weiter zum alten Michaeler-Exerzierfeld, das heute seinen Namen trägt, und das schon weiland 1842 mit dem Mozart-Denkmal geschmückt wurde. Schon damals hatte Salzburg den Wert des Komponisten als touristisches Zugpferd erkannt: "Pfeifen, Brot oder Wein, selbst Hotelzimmer - alles wird mit dem edlen (und gewinnbringenden) Etikett 'Mozart' versehen", schrieb ein Chronist.

Auch die "Festspiele", Salzburgs großer Besuchermagnet und schillernde Projektionsfläche für Finanz- und Hochadel, funktionieren seit ihren Anfängen unter Max Reinhardt, Hugo von Hoffmannsthal und Richard Strauss in einträchtiger Symbiose mit dem berühmtesten aller Tonmeister: Im Jahr 1922, als erstmals Opern auf dem Festspiel-Programm stehen, wurden mit Don Giovanni, Der Hochzeit des Figaro, Cosi fan tutte und der Entführung aus dem Serail vier Mozart-Werke gegeben. Zum Jubiläum 2006 rollt der Noch-Intendant Peter Ruzicka den roten Teppich aus für's theatralische Gesamtwerk: Von Juli bis Ende August kommen alle 22 Opern, Singspiele und szenischen Fragmente des Komponisten auf die Bühne. Manche Aufführungen ("La Traviata") und die edleren Etablissements zur Logis der Schönen und Reichen, "... die mit etwas Kultur ihr Dasein behübschen", ätzt "Die Welt", sind jetzt schon ausgebucht.

In Lofer im Pinzgau, ganz im Westen des Salzburger Landes, sind noch viele Betten frei. Na Gott sei Dank. Denn sechs Stunden auf dem Radl macht rechtschaffen müde. Abfahrt in Kufstein, am Walchsee vorbei, dann gegen Süden nach Kirchdorf, über Erpfendorf nach Waidring, und zum Abschluss durch's lauschige Haselbachtal nach Lofer - der Tagesritt auf dem Tourenrad ist eine der Etappen auf dem "Mozart-Radweg". Den haben wir gewählt, um uns abseits des Kulturhochbetriebs tief im Salzburgischen auf Spurensuche zu begeben.

"Nehmen Sie sich die Zeit", hatte Dr. Steckenbauer von der Salzburger-Land Promotion geworben, "das lohnt sich. Und wenn Sie genau hinschauen, finden's den Mozart überall entlang der Strecke. Spuren hat er überall hinterlassen, er war ja schon früh im Leben viel unterwegs." Wie das? "Na ja, meist stellt man sich Mozart als den erwachsenen Komponisten vor. Aber Mozart, das war ja auch das frühreife Wunderkind, das fast seine gesamte Jugend auf Konzertreisen und in Kutschen verbracht hat."

Danke, Dr. Steckenbauer, für Ihre Überzeugungsarbeit; es hat sich gelohnt. Der "Mozart-Radweg" führt über 450 Kilometer durch die traumhaft schöne Landschaft des Salzkammergut und die beschauliche Seelandschaft im Flachgau, macht einen Abstecher nach Bayern, und touchiert auf dem Rückweg nach Salzburg die Ausläufer der Alpen mit ihren Dreitausendern. Und entlang der Route: Erholung pur, ländliche Ruhe nach dem Salzburger Rummel, und tatsächlich die historisch verbürgten Mozart-Punkte.

In Lofer haben sich die Wolken, die uns den ganzen Tag gedroht haben, zu einer Gewitterfront aufgetürmt, und die ersten wüsten Tropfen fallen. Natürlich Gegenwind. Aber wir werden gebührend empfangen: "Radfahrer willkommen!" An allen Pensionen und Gasthäusern entlang der Ortseinfahrt flattern diese Wimpel; an den Biergärten grüßt die Spaß-Variante: "Gaudi-Radler! Ende der Durststrecke!"

Wir entscheiden uns für die Übernachtung im Gasthof "Zur Post" - gerade noch rechtzeitig vor dem Wolkenbruch - und sammeln damit ein weiteres Stück unseres ganz persönlichen Mozart-Puzzles: Auf seiner ersten Italienreise im Dezember 1769 machte der junge Mozart - damals gerade 13 Jahre alt - mit Vater Leopold und Schwester Nannerl in Lofer Halt. Genächtigt wurde in der heutigen "Post" - damals das Wohnhaus des Rechtspflegers Johann Chrysostomus Helmreichen zu Brunfeld.

Vater Mozart beschrieb die Übernachtung in einem Brief an seine Frau: "Um sieben Uhr abend langten wir in Lofer an. Nachdem ich das Essen angeordnet, sind wir den Herrn Pfleger besuchen gegangen, welcher sehr übel mit uns zufrieden war, weil wir nicht gleich bey ihm abstiegen. Weil wir ihm Wirtshaus schon Speisen angefrimt hatten, so ließen wir solche in die Pflege bringen, aßen dort, schwätzten bis 10 Uhr und wurden alda mit einem schönen Zimmer mit gutem Bethe bedient."

Spuren zu einem Gasthof "Zur Post" führen auch in St. Gilgen, dem "Mozart-Dorf" am Wolfgangsee und rund eine Autostunde von Salzburg entfernt. "Seine Mutter wurde hier geboren und seine Schwester in der Pfarrkirche getraut", referiert Franz Mayrhofer, Obmann des lokalen Tourismusverbands, der eine kleine Musikergedenkstätte im ehemaligen Bezirksgericht eingerichtet hat, und jetzt noch pünktlich zum Jubeljahr das Geburtshaus der Mutter restaurieren läßt. "Und ihre Hochzeitgesellschaft abgehalten haben Nannerl und ihr Mann im Gasthof Post. Das war damals 1784." Heute ist der Gasthof "Post" am St. Gilgener Dorfplatz ein architektoni-sches Schmuckstück mit historischer Fassade, hinter der sich noble Designer-Zimmer und geschicktes Nannerl-Marketing verbergen.

Auch schräg gegenüber neben dem Rathaus und dem Mozart-Brunnen in der Konditorei Dallmann macht Besitzer Franz Mayrhofer vor, was man mit dem Namen Mozart alles auf die Beine stellen kann: Er backt und vertreibt weltexklusiv die "Mozart Reisetorte" - angeblich ein altes St. Gilgener Rezept aus Nüssen, Marzipan, Orangade und Marzipan. Die Konditorei wird von japanischen Reisegruppen quasi überrannt, seit sie neuerdings auch Mozartkugel-Seminare anbietet. Dann herrscht unter der Führung von Mayrhofer-San großes Gedränge in der Backstube, aber nach rund 30 Minuten meistert selbst der unbedarfteste Tourist mit zwei linken Händen die Kunst der Herstellung der "Echten St. Gilgener Mozartkugeln". Trotz heftiger Schokospuren auf der Schürze darf jeder Teilnehmer ein Diplom mitnehmen. Mayrhofer: "Die Besucher sollen das Mozartdorf bleibend in Erinnerung behalten." Ja, wenn's dem Mozart-Kult dient.

"Natürlich ist der Mayerhofer damit auf einen fahrenden Zug gesprungen, aber das ist ja völlig legitim, das haben wir ja auch gemacht", sagt Juniorchef Martin Fürst von der Konditorei Fürst in Salzburg. Auch in dem Traditionsunternehmen in der Brodgasse, vis à vis zum Café Tomaselli, sind Name und Bild des Künstlers allgegenwärtig; bei Fürst werden in der fünften Generation die "Original Salzburger Mozartkugeln" hergestellt. Jede der kleinen Kalorienbomben wird auf einem Holzspießchen handgetunkt. Der Gründervater Paul Fürst habe die Schleckerei quasi erfunden, meint der junge Konditor: "Es war einfach eine geniale Marketing-Idee, eine Pistazien-Nougat-Praline unter dem Label 'Mozart' zu vertreiben." In der Tat. Inzwischen werden von einem Dutzend Hersteller weltweit rund 80 Millionen Stück pro Jahr verkauft; Tendenz steigend.

So funktioniert's halt in Salzburg: Den Mozart lieben sie jetzt alle, weil er lange tot und gleichwohl unsterblich ist. Und 250 Jahre nach der Geburt hält Mozart wie zäher Nougat barocke Tradition und kulturelle Moderne vor Ort zusammen und schwebt wie ein guter Geist schützend über der Salzach-Metropole.

Wie ein guter Geist? Nein, eher wie eine Kugel. Das passt schon zu diesem Salzburg und seinen Salzburgern, daß sie ihren Stadtheiligen in Gestalt eines kitschsüssen, mit Edelschokolade überzogenen Pistazienklumpens verehren. Mozart hätte sich gekugelt vor Lachen.

© Jochen Vorfelder

14 November 2005

Langstrecke: Marter für Guiness

Nun hatte ich vergangene Woche das zweifelhafte Vergnügen, einen Lufthansa-Flug von Hanoi nach Hamburg abzureiten: Nach elf Stunden Stoppover in Bangkok und einem verpassten Anschluß in München hatten ich und die anderen Untoten, die in Hamburg aus der Maschine wankten, insgesamt 31 Stunden zwischen Punkt A und Punkt B verbracht. Beschwert man sich darüber? Nein.

Aber man greift sich doch an die Waffel, wenn man wenige Tage später liest, daß Boing seine neue Langstreckenmaschine, die 777-200LR Worldliner, auf einen Non-Stop-Rekord-Flug von Hong Kong nach London schickt: 22 Stunden und 43 Minuten und insgesamt 13422 Flugmeilen entlang der langen Route über den Pazifik, über die Vereinigten Staaten und den Atlantik bis zum Touchdown in Heathrow. Ein Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde? Ja.

Gute Werbung für den neuen Luxusliner? Nein. Man stelle sich den Rekordflug bitte einmal praktisch vor: vier schlechte Mahlzeiten, sieben mittelmäßige Filme und null Zentimeter Beinfreiheit. Viel Spaß.

© Jochen Vorfelder

09 November 2005

Die Queen wieder in Hamburg

Es gibt noch Hoffnung für Süddeutsche. Spätestens dann, wenn man sich frierend auf einem zugigen Kai stehend darüber begeistert, daß in schwarzer Nacht ein dunkel gestrichenes Schiff auf der grauen Elbe vorbeigleitet, kann man von sich behauptet: Ich bin een Hamburger Jung.


Besonders Spaß macht das perverse Hamburger Vergnügen, wenn es sich um ein Kaliber wie die inzwischen von der Hansestadt adoptierten "Queen Mary 2" handelt - am Dienstagabend haben wieder Zehntausende QM2-Fans an den Elbstränden und den St. Pauli Landungsbrücken gewartet, bis das Kreuzfahrtschiff sich gegen 18:30 vorsichtig den Fluß hoch tastete. Unerwartet niederiger Wasserstand verhinderte allerdings das direkte Eindocken bei Blohm + Voss. Nach einer Nach am Kreuzfahrterminal wurde das Manöver dann am Mittwoch morgen nachgeholt.


Uns hat die QM2-Verzögerung nicht aus dem Gleichgewicht gebracht: Spaggis gab's wie geplant gegen 19:00, der Prosecco war lecker, und der Blick vom Balkon auf den Container-Hafen auch nach dem Defilee der Queen noch richtig grandios.


© Jochen Vorfelder

02 November 2005

Hanoi: Bikes (beasts) of Burden

Gut angekommen in Hanoi. Ausfahrten zur Recherchen folgen dem bekannten Muster: Frühmorgendlich verläßt der fleissige Journalist das Hotel; unternehmungslustig schwingt er sich auf seine 125er Minsk - das unverwüstliche ukrainische Arbeitstier, mit dem er sich eine Schneise durch den wahnwitzigen Verkehr bahnt.

Bewaffnet mit Notizblock, Kamera und einem kleinen, leckeren Lunchpaket. Seit allerdings die Vogelgrippe in der vietnamesischen Hauptstadt wütet, ist das Hühnchen-Sandwich weniger beliebt. Schwein dagegen wird gerne mitgenommen.

Aufgefallen sind wir damit nicht. Die Vietnamesen transportieren so ziemlich alles Lebendige oder Tote in jeglichem Format auf ihren Mopeds.

Auf's Feinste dokumentiert hat dies der holländische Fotografen-Kollege Hans Kemp in seinem Fotoband Bikes of Burden, einer Hommage an vietnamesische Fahrer(innen) und ihre Mopeds, die die gut geölten Rädchen in der auf Hochtour laufenden Wirtschaftsentwicklung des Landes sind.

Ohne die Minsks, Hondas und Yamahas ginge in Vietnam gar nichts; und nirgendwo auf Erden gibt es eine so hohe Konzentration davon auf den Straßen - beladen mit unzählichen Passagierern und unvorstellbarer Fracht. Ein Lastwagenreifen, zwei Schweine, fünf Personen, 1000 Eier. Machbar ist alles - und Kemps brilliantes Buch zeigt es.

© Jochen Vorfelder

15 Oktober 2005

Onkel Ho und die Kunst ein Motorrad zu warten

Auf in die Heimat der Vogelgrippe und das letzte Refugium der südostasiatischen 2-Takter-Arbeitsbiene, der Minsk 125: Vietnam. Bis zum 28. Oktober sind wird dort auf Recherche - und unter anderem mit den Rough Riders des legendären Minsk Club Hanoi unterwegs.


Mal sehen, was so alles passiert. Vogelmärkte und das Tragen von Indianer-Kostümen mit Hühner-Federschmuck werden wir beim Fahren mit Sicherheit meiden.


© Jochen Vorfelder

14 Oktober 2005

Hybrid-Motorräder: Neues aus dem Land des (Be)Lächelns?

Während hier zu Lande mit den letzten Sonnenstrahlen eines goldenen Oktobers eine erfolgreiche Motorradsaison zu Ende geht - die Bilder und Notizen den sommerlichen Alpendurchquerung auf einer fast historischen XT 500 werden bald ausgewertet und verarbeitet, versprochen - also während hier der Winterschlaf von Mensch und Maschine immer näher rückt, denkt man im Land des Lächelns schon über die zukünftigen Modelle nach.

Konkret: Yamaha stellt neben anderen Maschinen auf der am 22. Oktober beginnenden Tokyo Motor Show die "GEN-RYU" vor, die weltweit erste Studie eines "High Performance Hybrid"-Motorrads und erste Verbindung eines klassischen Verbrennungsmotors mit einem Elektromotor auf zwei Rädern.

Zusammengeschraubt haben die Yamaha-Techniker dabei das leichtgewichtigen YZF-R&600 Kubik-Motor und ein eigens entwickeltes Elektroaggregat; das Ganze werkelt aufgehängt in einem Aluminiumrahmen mit extrem langem Radstand, der dem Gefährt die Anmutung eines Cruisers der Elefanten-Klasse gibt.

Unter den überladenen Verkleidungsblechen soll sich Hightech verbergen - Abstand-Warnmelder, Cornering-Lichtsystem, anpassbare Windabweiser, Voice-Navigation, eingebautes Intercom, Bluetooth-Mobile-Verbindung und an Stelle des Rückspiegels eine mit Cockpit-LCD verbundene Heck-Camera. Wirkliche Details über das spacige Teil sind bisher noch nicht zu haben; das erste Bild allerdings erinnert doch stark an ein Batman-Mobile gepaart mit einem Straßenkreuzer der 30er Jahre.

Ist das jetzt etwas zum Lächeln? Stay tuned.

© Jochen Vorfelder

08 Oktober 2005

Venedig - Gedanken aus der Ferne

Mit zwei Wochen Abstand - ja, so lange ist das schon wieder her - geht mir Venedig noch einmal durch den Kopf. Die spannende Frage, die ich hin und her wälze: Hat diese Stadt eine Zukunft?

Venedig ist zweifellos eine museale, rückwärts gewandte Veranstaltung, ein Gemeinwesen, dessen Zentrum schon vor Jahrhunderten definiert wurde und dessen Herz seit dieser Zeit im Gleichklang schlägt: gegründet auf rotten Holzpfählen, durchschnitten von Kanäle, umgeben von anderen totflachen Inseln inmitten einer versalzenen Lagune - schon seit Jahrhunderten hat sich hier grundlegend nichts verändert. Stillstand.

Und die Zukunft sieht nicht rosig aus: Versinkt die Stadt aus Gründen der Schwerkraft im eigenen Morast, oder steigt der Meeresspiegel im Klimawandel so weit an, dass die Straßen irgendwann permanent überflutet werden? Was bleibt den Städtern, wenn die Touristen nicht durch die Fluten waten wollen und irgendwann ganz ausbleiben?

Die melancholischen Momente aus Thomas Manns "Tod in Venedig" - wenn Gustav von Aschenbach nach endlosen Wanderungen durch die verworrenen Gassen am Lido-Strand seufzend seinen letzten Atemzug verhaucht - so weit hergeholt sind sie nicht.

Doch halt: Was auf den ersten Blick morbide und altertümlich wirkt, könnte zukunftsweisend sein. Die radikale Abwesenheit von Verbrennungsmotoren - die notgedrungen Verbannung des Individualverkehrs nach der atemlosen Verschwendung von fossilen Energien - wird in nicht all zu weiter Zukunft die Norm in unseren Innenstädten sein. Die Stadt, die nachts in fast qualvolle Stille fällt, lebt von der Kraft und der Kreativität des täglichen babylonischen Stimmengewimmels - und die Besucher, die über den Stadtflughafen einschweben, machen die alte Seefestung inzwischen zu einem festen Bestandteil einer künftigen, noch globalen Ökonomie. Sie wird heute schon geprägt von der massiven Arbeitsteilung - produziert wird in China, Urlaub machen die Chinesen in Old Europe.

Venedig, das fast alle seine früheren Handelsverbindungen in den fernen Osten verloren hat, hat sich erfolgreich neu erfunden als eine Stadt des Spektakels, als Heimat der Künste, als Hort der Biennale und der Kreativität. Die visionären Videos - auch von chinesischen Künstlern - laufen mit gutem Grund im historischen Waffenlager, dem Arsenale.

Und es geht weiter voran, zurück in die Zukunft: Wie vor Jahrhunderten, als Stoffe aus dem Morgenland allemal in der Adria-Stadt anlandeten, drängt Venedig wieder ins Geschäft mit der Haute Couture. In Mestre, dem venezianischen Industriezentrum am Festland, soll ein Mode- und Designzentrum in Konkurrenz zum bislang übermächtigen Mailand entstehen.

"Made in Venezia" als Gütesiegel für die Symbiose von Anachronismus und Avantgarde? Eine interessante Perspektive.

Auf dem Weg zum Airport - mit dem Bummelboot - passieren wir einen alten Gondoliere. Der in Ehren ergraute Macho stochert elegant mit einer Hand durch den Kanal. Singen kann er gerade nicht, weil er wie selbstverständlich in sein Mobile parliert. Die Venezianer - um die muß man sich keine Sorgen machen.

© Jochen Vorfelder

04 Oktober 2005

Amadeus, Amadeus - 250 Jahre Mozart versetzen Salzburg in einen Komponistentaumel

Salzburg feiert seinen Liebling: Im Januar 2006 wird Mozart 250 Jahre alt.

Ich bin den Spuren des Musikgenies bis ins Salzkammergut gefolgt. Herausgekommen ist dabei eine Geschichte über Marzipan-Nougat-Kugeln, gewieftes Marketing und den Unterschied zwischen echt und original ...

... Am Fuß der Festung Hohensalzburg, wo die Salzach träge zwischen Mönchsberg und Mirabellgarten mäandert, liegt seine Stadt. Im historischen Quartier mit den barocken Patrizierhäusern und Palais, den verwunschenen Wandelgängen und dem strengen Dombezirk wurde er geboren. Dort hat er gelebt und gewirkt.

Am 27. Januar 1756 erblickte in Salzburg ein Kind das Licht der Welt, das als Wolfgang Amadeus Mozart zum Komponisten aller Komponisten wurde. Ein einfaches Leben hatte er nicht. Das musikalische Genie verzweifelte an seiner Geburtsstadt; Mozart musste weg, denn die feinen Herrschaften liebten den Freigeist nicht.

Doch heute, fast 250 Jahre nach seiner Geburt, ist Mozart den Salzburgern wieder ihr "Wolferl", der Sohn aller Söhne. Vereinnahmt und überall präsent, wird er eifersüchtig verteidigt gegen die Konkurrenz aus Wien. Zum Wunderkind ernannt und durch den frühen Tod zusätzlich verklärt, ist er aus dem öffentlichen Leben der Provinzmetropole nicht mehr wegzudenken: Goethe war in Weimar; Marco Polo kam aus Venedig. Mozart IST Salzburg.

"Oh, mein Gott, es ist so hinreißend, so bezaubernd. Wir müssen unbedingt so ein Bild haben!" Mary Stairs aus San Diego, Kalifornien, tänzelt um die Staffelei des Landschaftsmalers, der in der Getreidegasse die Fassade von Haus Nummer 9 aufs Tuch wirft. Na ja, mit der Realität hat das Werk wenig zu tun: An Stelle der mittelalterlichen Hofeinfahrt, die der Künstler mit flinker Hand in verträumtes Abendlicht legt, buhlen Halogenscheinwerfer, Edelstahlvitrinen und Bauchläden um zahlende Kundschaft aus Asien und Übersee. Marys Mann Peter, Rechtsanwalt und etwas skeptisch, was die Qualität des Aquarells angeht, lächelt gequält. Seine Miene ersetzt ein kapitulierendes Schulterzucken. Da muss man durch, wenn man Salzburg und ein "Mozart-Package" bucht.

Sicher, es gibt sie, die beschaulichen Winkel: drüben etwa am anderen Salzachufer, im Park von Schloss Mirabell unter den alten Kastanien, oder auf dem Friedhof St. Sebastian, wo Mozarts Witwe Constanze, sein Vater Leopold und andere Familienmitglieder begraben liegen. Dort unter den alten Arkaden flanieren die wenigen Besucher so andächtig und still, dass man unwillkürlich lauscht, ob an der nahe gelegenen Musikhochschule Mozarteum wieder fleißig geübt wird und ein Klavierkonzert zur Erbauung herüberweht. Dann legen sich die unsterblichen Melodien wie Zuckerguss über die verwitterten Familiengruften ...


Weiter geht die Reise auf Mozarts Spuren im ADAC traveller Nr. 5, der am 29. November 2005 an den Kiosk kommt. Dann mehr zum Thema Mozart.

© Jochen Vorfelder

02 Oktober 2005

Terror: Bali revisited

Nach fast 3 Jahren Ruhe ist der Terror heute nach Bali zurückgekehrt. In Jimbaran und Kuta sind drei Bomben hochgegangen - 23 Menschen wurden getötet, inklusive der drei Selbstmordattentäter.

Die Machart der Attentate erinnert fatal an die Explosion vom 12. Oktober 2002, bei der insgesamt 202 getötet und 209 zum Teil schwer verletzt wurden.

Daß es nun wieder zu Anschlägen auf Touristen gekommen ist, wird Bali in seinen Grundfesten erschüttern. Der Unglaube und die Verzweiflung, die nach dem ersten Anschlag herrschten, wird ebenfalls zurückkehren. Und bleiben. Bali wird nie wieder so sein, wie es war.

Damals, 2002, habe ich Bali zwei Monate nach dem Attentat besucht und darüber geschrieben. Meine Eindrücke wären heute sicher kaum anders.

Trübe Aussicht unter den Palmen

"Zwei Monate nach dem Bombenattentat auf Bali sind die Touristen verunsichert und viele Einheimischen verzweifelt.

Candi Dasa war bis vor 15 Jahren ein winziges, völlig unbedeutendes Fischerdorf im Osten von Bali, an dessen weisse Strände sich kaum eine Touristenseele verirrte. Dann kamen nach den Backpackern die Scouts der Freizeitbranche und die Dinge überschlugen sich: erst kleine Pensionen, dann grosse Hotels, unzählige Andenkenläden, pralles Nachtleben, das volle Programm.

Die Götter sind uns wohlgesonnen, dachten die Einheimischen, opferten weiter fleissig an ihren Hausaltaren, und erfreuten sich am jährlichen Wachstum, das ihr Dorf zu einem prosperierenden Flecken werden liess. Vorbei die guten Zeiten. Seit dem 12. Oktober 2002, dem Tag, an dem zwei verheerende Bomben in den balinesischen Diskos Paddy's Cafe und Sari Club über 200 Menschenleben auslöschten, ist Candi Dasa auf dem Weg zurück zum Fischerdorf. Die Auslegerboot haben statt Taucher und Ausflügler wieder Netze und Langleinen an Bord. Die Ausbeute auf See ist allerdings so gering wie der Umsatz der Tourismusbranche vor Ort - die Dorfstrasse liegt verlassen da, die Hotels stehen leer, keine Gäste in Sicht.

"Es ist eine Katastrophe", sagt Made Waring Putra, der im Puri Bagus Hotel an der Rezeption arbeitet, "in den ersten Dezemberwochen haben wir in Candi Dasa sonst Belegraten von rund siebzig Prozent. Jetzt liegen wir bei rund fünfzehn Prozent." Fünfzehn Prozent auf einer Insel, auf der fast 80 Prozent des Einkommens vom Tourismus generiert wird und 40 Prozent der Bevölkerung von der Branche abhängig sind. Mit fünfzehn Prozent, das muss man sich klarmachen, ist die balinesische Wirtschaft de facto kollabiert.

Schnelle Besserung ist kaum abzusehen: Der Anschlag hat Reiseveranstalter wie Fernreisende tiefgehend verunsichert. Das Vertrauen in die Sicherheit in Südostasien allgemein und auf der "Insel des Lächelns" im Speziellen ist erschüttert. Nach Reisewarnungen in weltweit 17 Ländern und direkten Aufforderungen, Indonesien zu meiden, hat es seit Mitte Oktober keine nennenswerten Neubuchungen, sondern nur noch Stornierungen gegeben." Bali Pauschal" ist vor Weihnachten bei den grossen Reisediscountern aus den Katalogen gestrichen und im Internet bei den Last-Minute-Anbietern schwer verkäuflich.

Nicht nur in Kuta, wo die Bomben hochgingen, im Künstlerzentrum Ubud oder in Candi Dasa, sondern auch in Nusa Dua, wo die grossen Hotels nebeneinander am Strand stehen und alle Reiseveranstalter dieser Welt ihre amerikanischen, japanischen, australischen und europäischen Pauschaltouristen unterbringen, hat die Krise voll durchgeschlagen. Die Liegen an den Pools sind verwaist. Restaurants sind gähnend leer, jeder Gast wird fürstlich begrüsst und ist von dienstbaren Geistern umringt.

Im Sheraton Laguna, sagt uns der PR-Manager, sei die Lage im Vergleich zur Konkurrenz noch erträglich. Man halte sich mit speziellen Packages über Wasser und habe neben Wochenendausflüglern aus Jakarta überraschend viel Russen im Anmarsch. Aber auch er gibt zu: "Lange können wir das nicht durchhalten, kein Resort kann auf Dauer überleben,wenn vier Fünftel des Umsatzes wegbricht."

Man redet über Entlassungen, ok, nicht heute, und nicht in absehbarer Zeit, aber wenn sich die Lage in sechs Monaten nicht halbwegs stabiliert haben sollte, droht vielen kleineren Betrieben das Aus; Schätzungen gehen davon aus, dass die zwei Bomben direkt und indirekt rund 700.000Arbeitsplätze kosten werden. Manchen Beobachter befürchten bereits kommende Unruhen, denn die Auswirkungen der Detonationen in den touristischen Randzonen pflanzen sich schockwellenartig ins Inselinnnere fort.

"Mister, please, have massage, please..." Wayan Mitra, die am Strand von Kuta massiert und Früchte verkauft, ist ein typischer Fall. Normalerweise verdient sie um die 70.000 Rupiah knapp 8 Euro ˆpro Tag; heute kann sie ihre Familie in einem Bergdorf nördlich vom Inselzentrum Ubud kaum noch ernähren. Alle sind betroffen wie sie: Ihre Nachbarfamilie hat plötzlich viele Abnehmer für das biologisch angebaute Gemüse verloren. In den Dörfern um Ubud sind Dutzende von Schnitzern und Silberschmieden ansässig; plötzlich bleiben die Reisebusse aus. Überall spielen sich kleine Tragödien ab: Hier wird eine Hochzeit verschoben, da ein Neubau gestoppt, dort ein Kind von der Schule genommen, weil das Schulgeld fehlt.

Auch an der Internationalen Schule in der Inselhauptstadt Denpasar, wo Jugendliche und eine gestorbene Lehrerin betrauert werden, die bei dem Anschlag ums Leben kamen, sind die Auswirkungen einschneidend. "In manchen Klassen sind plötzlich 30 Prozent weniger Schüler. Viele Eltern, die es sich leisten können, haben ihre Kids auf Internate in Australien oder in Singapore geschickt; andere sind mit Kind und Kegel ausgereist", sagt der Engländer Mark, der einen Sohn und eine Tochter auf der Schule hat. Viele der älteren Schüler waren Stammgäste in Paddy's Cafe, auch sein eigener Sohn war Samstagsagends manchmal dort. "Nein, wir bleiben hier, jetzt erst recht" sagt er fast trotzig.

Diese Haltung, und der Wille, die schlechten Zeiten durchzustehen, ist bei vielen Westlern, aber auch die meisten Balinesen zu spüren. Die Versuche, dem dramatischen Niedergang entgegen zu steuern, haben schon wenige Tage nach dem ersten Schock begonnen. Nach den gemeinsamen Gebeten, den hinduistischen Prozessionen, und den rituellen Reinigungen greifen nun die ersten Versuch, die Besucherzahlen wieder auf das alte Niveau zu hieven.

Der Vorsitzende der balinesischen Handelskammer I Gde Wiratha, ihm gehörte auch das zerstörte Paddy's Cafe, hat mit anderen Gastronomen eine Initiative gestartet, die vor wenigen Tagen mit ersten Veranstaltungen an die Öffentlichkeit gegangen ist. "Was wir brauchen, sind Durchhaltevermögen und ein Bündel von internationalen Events, Wettbewerben, Konferenzen sowie Kunst- und Kulturveranstaltungen, die potentiellen Gästen signalisiert Bali ist sicher und lässt sich so schnell nicht unterkriegen," sagt Wiratha.

Den langen Atem wird Wiratha – und Bali überhaupt – dringend brauchen: Erfahrungen mit ähnlichen Situationen wie die Anschläge auf Touristen in Ägypten zeigen, dass sich touristische Ziele nach solchen Desastern frühestens nach etwas 12 Monaten wieder erholen.

Wie viele Balinesen bis dahin ihre Arbeit und ihr Lächeln verloren haben, wer weiss. Die Angst grassiert, dene Etwas schwebt wie eine Giftwolke in der Luft: ein weiterer Anschlag. Das wäre das Ende, glauben viele.

Legian, Mitte Dezember 2002

© Jochen Vorfelder



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26 September 2005

Lido: genug der Kunst, auf nach Italien

Nach zwei Tagen Biennale tritt bei mir doch eine gewisse Kunst-Müdigkeit zu Tage - und oft ist ja ohnehin diejenige Kunst die beste, die man nicht sieht oder die gar nicht statt findet: Aktuelles Beispiel ist Gregor Schneiders Projekt "Cube, Venice 2005". Der Deutsche, der noch 2001 mit einem gewagten Gesamtumbau des deutschen Pavillons einen Goldenen Löwen gewonnen hatte, plante mit Kuratorin Rosa Martinez einen Riesenquader auf dem Markusplatz - ein schwarz verhangenes 15 Meter hohes und breites Metallgerüst.

Also den symbolischen Nachbau der Kaaba in Mekka - darf man so provozieren? Den Moslems in Zeiten der Unruhe ihr Allerheiligstes entreißen und den amerikanischen Touristen zum Fraß vorwerfen? Wer hielte es für eine Kunstaktion, wenn in Islamabad oder Bagdad tote Schweine ans Kreuz genagelt würden? Die Stadtverwaltung von Venedig ging der öffentlichen Diskussion aus dem Wege; das Projekt wurde wegen formaler bautechnischer Gründe gestoppt.

Doch wie gesagt: Kunst macht müde, und für den müden Geist hat Venedig seinen Lido. Rasch mit der Fähre rüber, die Hauptstraße mit den Eiscafes liegt einladend unter den Koniferen, und schon ist man eingetaucht in eine Welt aus Müsiggang und Jugendstil, in ein Ambiente aus verblasster Eleganz und Dolce Vita am Strand.

Überhaupt der Strand - nirgendwo an der Adria schlägt die Dekadenz solche Kapriolen wie im alterwürdigen Strand-Hotel Des Bains, wo sich der Preis für die Umkleidepavillons mit gestärktem Laken auf der Liege mal locker bei 125 Euro pro Tag eingepegelt hat. Das muß heute nicht sein; hundert Meter weiter ist der öffentliche Strand, da kosten zwei Liegen mit Sonnenschirm 12 Euro, und der Sonnenbrand ist der gleiche.

Zudem hält die öffentliche Badeanstalt von Lido mit dem verblichenen Waschbeton, den schmiedeeisernen Gittern und den gewagt geschwungenen Wandelgängen, deren Stufen im sandigen Nichts enden, die Tradition der 60er Jahre hoch. Ach, was waren das für Zeiten, als Gina Lollobrigida im Damensitz auf dem Roller von Rock Hudson verbeibrauste.

Aber auch heute noch strahlt diese Stätte trotz der schreienden Bambini eine unglaublich stilvolle Langsamkeit aus, die einen augenblicklich entweder in einen erholsamen Urlaubs-Schlaf (Vorsicht, Sonnenbrand!) fallen läßt oder dem kunstfertigen Touristen ein wunderbar doofes Honigkuchenpferdgrinsen ins Gesicht treibt.

Am Lido darf man sein, wie man ist und wie man will. Keine hohe Kunst mehr, hier gibts Pommes an der Bude und Gelati satt, hier ist das kleine Venedig wieder das große Italien. Das ganz große. Wir kommen wieder.

© Jochen Vorfelder

22 September 2005

Biennale - Leistungsschau des operativen Kunstschaffens

Da können sich die Venezianer noch so bitterlich über den Feldherren und Fahrensmann Napoleon Bonaparte beklagen, dass er sie 1797 niederkartäschen ließ und sie in ihren hochfahrenden Stolz verletzt hat, doch eins wird dem Franzosen immer zu Gute gehalten: Ohne ihn und sein Edikt, den Holzeinschlag in den vom ihm verfügten Gartenanlagen einzustellen, gäbe es in der gesamten Lagunen-Stadt keine ausgedehnte Grünfläche mehr.

So müßte man heute auf die Spaziergänge in den "Giardini", den wunderbaren Gärten, verzichten, in denen seit 1903 die Kunst-Biennale stattfindet. Deren Konzept hat sich grundsätzlich seit der ersten Ausstellungssaison nicht verändert: Man hat alte und neue Gartenpavillions und Konzertsäle in Begegnungstätten der Avangarde verwandelt und stellt mehr oder weniger erfolgreich - und vom einen oder anderen Eklat begleitet - zeitgenössige Kunst in den Länderpavillions und Übersichtsschauen aus.

Dieses Jahr ging's ohne den wirklich großen Skandal ab; zu dem kleinen kommen wir gleich. Dafür gab's zu ersten Mal zwei weibliche Kuratorinnen: Maria de Corral und Rosa Martinez zeichnen für "Experience of Art" (Corral, in den Giardini, eine Retrospektive der jüngeren Moderne) und für "Always a little futher" (Martinez, Video-Schwerpunkte, eher Avangarde) in den nahegelegenen Räumen des historischen Arsenals verantwortlich. Zusätzlich gab es 73 Länderbeiträge in eigenen Pavillions oder in Ausstellungsstätten über die Stadt verstreut.

Obwohl die diesjährige Biennale noch bis 6. November zu sehen ist, sind die Preisträger schon gekürt: Der Düsseldorfer Bildhauer und Grafiker Thomas Schütte wurde schon zum Auftakt im Juni mit dem Preis für den besten Künstler ausgezeichnet. Seine großen architektonischen Skulpturen und Frauernkörper stehen im Garten vor dem italienischen Pavillion: "Expressiv, kubistisch, klassisch, archaisch: All diese Definitionen der Kunstgeschichte öffnen und vermischen sich unter einem formalen Gesichtspunkt", salbadert der offizielle Ausstellungs-katalog.

Schüttes Erfolg ging nun allerdings etwas unter in der partiellen Errregung über die Auszeichnung für den besten Nachwuchskünstler unter 35 Jahre: Regina José Galindo aus Guatemala erhielt diesen Preis für ihre überaus kontroversen und provokanten Video-Performances, in der neben einer öffentlichen Gesamtkörperrasur auch gezeigt wird, wie sich die Künstlerin ihr Jungfernhäutchen operativ wiederherstellen lässt. «Sie benutzt ihre individuellen Emotionen als artistische Quelle», heißt es über ihr Werk. Aha.

Mein persönlichen Gewinner der beiden Tage - die man definitv braucht, um sich gemächlich durch Gärten und Arsenal zu sehen - waren andere.

Kommen wir zunächst zum Sonderpreis für architektonischen Größenwahn: Wer sich bis zum österreichischen Beitrag durchgearbeitet hatte, wurde nicht wie in den früheren Jahren von einem filigranen, offenen Hoffmann-Bau mit seinen lichten Glasflächen empfangen.

Nein, an der gleichen Stelle erhebt sich nun massiven Bau aus Holz, Spanplatte und Dachpappe: Der Wiener Hans Schabus hat mit dem künstlichen Fels, der erst nach einem klaustrophobischen Aufstieg den erlösenden Blick durch eine minimalistische Dachluke zuläßt, "eine physische und psychische Neudimensionierung des Raumes" und eine "kritische Analyse des Ortes" geschaffen. Klaro, aber für mich war's eher das Abbild einer offen gelegten österreichischen Volksseele - eine düstere, bedrohlich dräuende Alpenfestung.

Und nun zum Hauptpreis: Applaus, Signore e Signori, für das unschlagbare englische Duo Gilbert & George, die aus den Untiefen ihrer offensichtlich unerschöpflichen Schaffenskraft die "Ginko Pictures" gezaubert haben. Selten so was Buntes und Schrilles gesehen. Geil.

Schade für all die, die es diesmal nicht nach Venedig geschafft haben. Aber noch ist ja noch Zeit - bis 6. November sind die Pavillons und das Arsenal noch offen; Hlx fliegt ab 99 Euro hin und zurück.

© Jochen Vorfelder

19 September 2005

Venedig - runter vom Trampelpfad

Venedig ist klein. Sehr klein sogar. Wenn man drei Tage - so wie wir - im Labyrinth der Gassen unterwegs war, trifft man fast jeden wieder.

Hey, war das nicht der Gondoliere, der uns gestern abgezockt hat? Und das nicht der dritte Laden, der Stanley Kubrick und Tom Cruise "exklusiv" mit Ledermasken für "Eyes Wide Shut" beliefert hat? Wow, das sind doch schon wieder die amerikanischen Kreuzfahrer von Bord der "Carneval Liberty", die eben über die Piazza San Marco hergefallen sind!

Die wichtigste Regel, um den Wahnsinn hinter sich zu lassen und Venedig zu geniessen, lautet also: runter von den Trampelpfaden, die in diesen steinigen Irrgarten geschlagen wurden.

Beispiel Rialto-Brücke. Wer sich von den Massen vom Markusplatz nach San Polo hat schieben lassen, sollte tunlichst direkt nach der Brücke nach rechts in die Erbaria abbiegen - die Gegend um den Gemüsemarkt. Ein Stadtviertel, in dem die Venezianer noch unter sich sind.

Mit Blick auf den Canale Grande - grandios vor allem die Farbspiele auf den alten Wasserpalästen beim Sonnenuntergang - und einem Gläschen Wein in der Hand stellt man fest: So hab ich mir's vorgestellt. Daß der Radio im Hintergrund dudelt, und die Stehbars wie die "Bancogiro" und das "Naranzeria" kleine Häppchen auf die Hand servieren. Für den größeren Hunger gibt es auch Tische schön im Schatten.

Endlich angekommen.

© Jochen Vorfelder

13 September 2005

1996: "Free Billy, das Urzeitkrebschen!"

Greenpeace Deutschland feiert diesen Monat seinen 25. Geburtstag.

Aus diesem Anlaß mal wieder in den Archiven gekramt und einen alten Artikel gefunden, den ich heute vor neun Jahren zum 25. Jahrestag von Greenpeace International online gestellt habe.

Free Billy, das Urzeitkrebschen!

Greenpeace hat Geburtstag - die Zeit der Feiern und Gratulanten, die Stunde der Analysen und Orakel, die Gelegenheit für Dissidenten und Kritikaster ist gekommen. Von VIVA bis Hessischer Rundfunk, von ZEIT bis Schwarzwälder Bote - es wird ein Greenpeace-Abend, eine Jubiläumswoche werden: mehr oder weniger bunt, da fairer, dort schlauer.

Hat diese Organisation eine Zukunft, welche Fehler wurden gemacht, welche Kampagnen sind wie erfolgreich? Was ist eigentlich Erfolg? Alle diese Fragen werden durchdekliniert und alleinseligmachende Antworten fein gedrechselt.

Inzwischen geht hinter den Kulissen, unbeachtet von den Medien und ohne spektakuläre Konfrontation, in über 30 Büros weltweit die normale Arbeit weiter. Denn: In der Regel macht sich Greenpeace die Hosen nicht im Schlauchboot naß, sondern kümmert sich um die alltäglichen Dinge des Lebens. Und muß auch da manchmal vor der Tücke des Sujets kapitulieren.

Diese Woche, in der Telefonzentrale des deutschen Büros: Eine besorgte Mutter ist am Apparat. Ihr Sohn, neun Jahre, hat Ausgabe Nr. 36 von "Micky Maus" mit nach Hause gebracht und damit eine mittlere Katastrophe heraufbeschworen. Dem Heftchen war ein Beutel mit "Urzeit-Krebschen in Perlenform" beigepackt, die nun nach der Aussetzung in einem Marmeladenglas nicht nur im Wasser wimmeln, sondern sich explosionsartig vermehren.

Das wirft ebenso explosionsartig bange Eltern-Fragen auf: Wo soll das hinführen? Kann man geborenes Leben bei steigendem kindlichem Desinteresse einfach in die Toilette spülen? Was geschieht dort mit den Tierchen?

Die Micky Maus-Auflage liegt bei über einer Million Exemplaren. Steht uns bei über einer Million Toilettenspülungen zwecks Entsorgung von Milliarden Urzeitkrebschen eine ökologische Katastrophe ins Haus? War die Beipack-Aktion zum Amüsement der Kleinen gar ein Eingriff in die Natur?

Greenpeace, hilf.

Was tun? Nach einer Viertelstunde Ferngespräch einigt man sich darauf, daß es zwei Lösungsansätze gibt: Wer in der Nähe der Nord- oder Ostsee wohnt, kann die wogende Masse am Strand einer artgerechten Existenz zuführen und das Marmeladenglas recyclen. Für Süddeutsche bleibt nur der Anruf beim Verlag, mit dem es über eine Rücknahme zu verhandeln gilt.

Eine neue Kampagne, wie damals bei Free Willy, sollte man allerdings nicht starten. Da sind sich Mutter und Telefonzentrale einig.

Schönen Dank auch, daß Sie sich Zeit für mich genommen haben.

Aufwiederhören.

Ja, Greenpeace hat 25. Geburtstag. Ist es nicht schön, daß manche Leute nicht erwachsen werden wollen und nicht alle Herzen aus Stein sind?

Siehe auch: die alte Website von Greenpeace Deutschland zum 25. Geburtstag von GPI am 13. September 1996

© Jochen Vorfelder

09 September 2005

Update: Hunter S. Thompson

Kaum haben wir den notorischen Hunter S. Thompson und seinen Hang zum Verfertigen von Motorrad-Reportagen unter Drogeneinfluß im Beitrag "The Bikeriders" erwähnt, taucht ein Abschiedsbrief des Selbstmörders auf.

Es gibt da wohl keinen Zusammenhang, aber "ein großen deutsches Nachrichtenmagazin" berichtet online darüber. Hier der SPIEGEL-Beitrag.

© Jochen Vorfelder