15 Oktober 2005

Onkel Ho und die Kunst ein Motorrad zu warten

Auf in die Heimat der Vogelgrippe und das letzte Refugium der südostasiatischen 2-Takter-Arbeitsbiene, der Minsk 125: Vietnam. Bis zum 28. Oktober sind wird dort auf Recherche - und unter anderem mit den Rough Riders des legendären Minsk Club Hanoi unterwegs.


Mal sehen, was so alles passiert. Vogelmärkte und das Tragen von Indianer-Kostümen mit Hühner-Federschmuck werden wir beim Fahren mit Sicherheit meiden.


© Jochen Vorfelder

14 Oktober 2005

Hybrid-Motorräder: Neues aus dem Land des (Be)Lächelns?

Während hier zu Lande mit den letzten Sonnenstrahlen eines goldenen Oktobers eine erfolgreiche Motorradsaison zu Ende geht - die Bilder und Notizen den sommerlichen Alpendurchquerung auf einer fast historischen XT 500 werden bald ausgewertet und verarbeitet, versprochen - also während hier der Winterschlaf von Mensch und Maschine immer näher rückt, denkt man im Land des Lächelns schon über die zukünftigen Modelle nach.

Konkret: Yamaha stellt neben anderen Maschinen auf der am 22. Oktober beginnenden Tokyo Motor Show die "GEN-RYU" vor, die weltweit erste Studie eines "High Performance Hybrid"-Motorrads und erste Verbindung eines klassischen Verbrennungsmotors mit einem Elektromotor auf zwei Rädern.

Zusammengeschraubt haben die Yamaha-Techniker dabei das leichtgewichtigen YZF-R&600 Kubik-Motor und ein eigens entwickeltes Elektroaggregat; das Ganze werkelt aufgehängt in einem Aluminiumrahmen mit extrem langem Radstand, der dem Gefährt die Anmutung eines Cruisers der Elefanten-Klasse gibt.

Unter den überladenen Verkleidungsblechen soll sich Hightech verbergen - Abstand-Warnmelder, Cornering-Lichtsystem, anpassbare Windabweiser, Voice-Navigation, eingebautes Intercom, Bluetooth-Mobile-Verbindung und an Stelle des Rückspiegels eine mit Cockpit-LCD verbundene Heck-Camera. Wirkliche Details über das spacige Teil sind bisher noch nicht zu haben; das erste Bild allerdings erinnert doch stark an ein Batman-Mobile gepaart mit einem Straßenkreuzer der 30er Jahre.

Ist das jetzt etwas zum Lächeln? Stay tuned.

© Jochen Vorfelder

08 Oktober 2005

Venedig - Gedanken aus der Ferne

Mit zwei Wochen Abstand - ja, so lange ist das schon wieder her - geht mir Venedig noch einmal durch den Kopf. Die spannende Frage, die ich hin und her wälze: Hat diese Stadt eine Zukunft?

Venedig ist zweifellos eine museale, rückwärts gewandte Veranstaltung, ein Gemeinwesen, dessen Zentrum schon vor Jahrhunderten definiert wurde und dessen Herz seit dieser Zeit im Gleichklang schlägt: gegründet auf rotten Holzpfählen, durchschnitten von Kanäle, umgeben von anderen totflachen Inseln inmitten einer versalzenen Lagune - schon seit Jahrhunderten hat sich hier grundlegend nichts verändert. Stillstand.

Und die Zukunft sieht nicht rosig aus: Versinkt die Stadt aus Gründen der Schwerkraft im eigenen Morast, oder steigt der Meeresspiegel im Klimawandel so weit an, dass die Straßen irgendwann permanent überflutet werden? Was bleibt den Städtern, wenn die Touristen nicht durch die Fluten waten wollen und irgendwann ganz ausbleiben?

Die melancholischen Momente aus Thomas Manns "Tod in Venedig" - wenn Gustav von Aschenbach nach endlosen Wanderungen durch die verworrenen Gassen am Lido-Strand seufzend seinen letzten Atemzug verhaucht - so weit hergeholt sind sie nicht.

Doch halt: Was auf den ersten Blick morbide und altertümlich wirkt, könnte zukunftsweisend sein. Die radikale Abwesenheit von Verbrennungsmotoren - die notgedrungen Verbannung des Individualverkehrs nach der atemlosen Verschwendung von fossilen Energien - wird in nicht all zu weiter Zukunft die Norm in unseren Innenstädten sein. Die Stadt, die nachts in fast qualvolle Stille fällt, lebt von der Kraft und der Kreativität des täglichen babylonischen Stimmengewimmels - und die Besucher, die über den Stadtflughafen einschweben, machen die alte Seefestung inzwischen zu einem festen Bestandteil einer künftigen, noch globalen Ökonomie. Sie wird heute schon geprägt von der massiven Arbeitsteilung - produziert wird in China, Urlaub machen die Chinesen in Old Europe.

Venedig, das fast alle seine früheren Handelsverbindungen in den fernen Osten verloren hat, hat sich erfolgreich neu erfunden als eine Stadt des Spektakels, als Heimat der Künste, als Hort der Biennale und der Kreativität. Die visionären Videos - auch von chinesischen Künstlern - laufen mit gutem Grund im historischen Waffenlager, dem Arsenale.

Und es geht weiter voran, zurück in die Zukunft: Wie vor Jahrhunderten, als Stoffe aus dem Morgenland allemal in der Adria-Stadt anlandeten, drängt Venedig wieder ins Geschäft mit der Haute Couture. In Mestre, dem venezianischen Industriezentrum am Festland, soll ein Mode- und Designzentrum in Konkurrenz zum bislang übermächtigen Mailand entstehen.

"Made in Venezia" als Gütesiegel für die Symbiose von Anachronismus und Avantgarde? Eine interessante Perspektive.

Auf dem Weg zum Airport - mit dem Bummelboot - passieren wir einen alten Gondoliere. Der in Ehren ergraute Macho stochert elegant mit einer Hand durch den Kanal. Singen kann er gerade nicht, weil er wie selbstverständlich in sein Mobile parliert. Die Venezianer - um die muß man sich keine Sorgen machen.

© Jochen Vorfelder

04 Oktober 2005

Amadeus, Amadeus - 250 Jahre Mozart versetzen Salzburg in einen Komponistentaumel

Salzburg feiert seinen Liebling: Im Januar 2006 wird Mozart 250 Jahre alt.

Ich bin den Spuren des Musikgenies bis ins Salzkammergut gefolgt. Herausgekommen ist dabei eine Geschichte über Marzipan-Nougat-Kugeln, gewieftes Marketing und den Unterschied zwischen echt und original ...

... Am Fuß der Festung Hohensalzburg, wo die Salzach träge zwischen Mönchsberg und Mirabellgarten mäandert, liegt seine Stadt. Im historischen Quartier mit den barocken Patrizierhäusern und Palais, den verwunschenen Wandelgängen und dem strengen Dombezirk wurde er geboren. Dort hat er gelebt und gewirkt.

Am 27. Januar 1756 erblickte in Salzburg ein Kind das Licht der Welt, das als Wolfgang Amadeus Mozart zum Komponisten aller Komponisten wurde. Ein einfaches Leben hatte er nicht. Das musikalische Genie verzweifelte an seiner Geburtsstadt; Mozart musste weg, denn die feinen Herrschaften liebten den Freigeist nicht.

Doch heute, fast 250 Jahre nach seiner Geburt, ist Mozart den Salzburgern wieder ihr "Wolferl", der Sohn aller Söhne. Vereinnahmt und überall präsent, wird er eifersüchtig verteidigt gegen die Konkurrenz aus Wien. Zum Wunderkind ernannt und durch den frühen Tod zusätzlich verklärt, ist er aus dem öffentlichen Leben der Provinzmetropole nicht mehr wegzudenken: Goethe war in Weimar; Marco Polo kam aus Venedig. Mozart IST Salzburg.

"Oh, mein Gott, es ist so hinreißend, so bezaubernd. Wir müssen unbedingt so ein Bild haben!" Mary Stairs aus San Diego, Kalifornien, tänzelt um die Staffelei des Landschaftsmalers, der in der Getreidegasse die Fassade von Haus Nummer 9 aufs Tuch wirft. Na ja, mit der Realität hat das Werk wenig zu tun: An Stelle der mittelalterlichen Hofeinfahrt, die der Künstler mit flinker Hand in verträumtes Abendlicht legt, buhlen Halogenscheinwerfer, Edelstahlvitrinen und Bauchläden um zahlende Kundschaft aus Asien und Übersee. Marys Mann Peter, Rechtsanwalt und etwas skeptisch, was die Qualität des Aquarells angeht, lächelt gequält. Seine Miene ersetzt ein kapitulierendes Schulterzucken. Da muss man durch, wenn man Salzburg und ein "Mozart-Package" bucht.

Sicher, es gibt sie, die beschaulichen Winkel: drüben etwa am anderen Salzachufer, im Park von Schloss Mirabell unter den alten Kastanien, oder auf dem Friedhof St. Sebastian, wo Mozarts Witwe Constanze, sein Vater Leopold und andere Familienmitglieder begraben liegen. Dort unter den alten Arkaden flanieren die wenigen Besucher so andächtig und still, dass man unwillkürlich lauscht, ob an der nahe gelegenen Musikhochschule Mozarteum wieder fleißig geübt wird und ein Klavierkonzert zur Erbauung herüberweht. Dann legen sich die unsterblichen Melodien wie Zuckerguss über die verwitterten Familiengruften ...


Weiter geht die Reise auf Mozarts Spuren im ADAC traveller Nr. 5, der am 29. November 2005 an den Kiosk kommt. Dann mehr zum Thema Mozart.

© Jochen Vorfelder

02 Oktober 2005

Terror: Bali revisited

Nach fast 3 Jahren Ruhe ist der Terror heute nach Bali zurückgekehrt. In Jimbaran und Kuta sind drei Bomben hochgegangen - 23 Menschen wurden getötet, inklusive der drei Selbstmordattentäter.

Die Machart der Attentate erinnert fatal an die Explosion vom 12. Oktober 2002, bei der insgesamt 202 getötet und 209 zum Teil schwer verletzt wurden.

Daß es nun wieder zu Anschlägen auf Touristen gekommen ist, wird Bali in seinen Grundfesten erschüttern. Der Unglaube und die Verzweiflung, die nach dem ersten Anschlag herrschten, wird ebenfalls zurückkehren. Und bleiben. Bali wird nie wieder so sein, wie es war.

Damals, 2002, habe ich Bali zwei Monate nach dem Attentat besucht und darüber geschrieben. Meine Eindrücke wären heute sicher kaum anders.

Trübe Aussicht unter den Palmen

"Zwei Monate nach dem Bombenattentat auf Bali sind die Touristen verunsichert und viele Einheimischen verzweifelt.

Candi Dasa war bis vor 15 Jahren ein winziges, völlig unbedeutendes Fischerdorf im Osten von Bali, an dessen weisse Strände sich kaum eine Touristenseele verirrte. Dann kamen nach den Backpackern die Scouts der Freizeitbranche und die Dinge überschlugen sich: erst kleine Pensionen, dann grosse Hotels, unzählige Andenkenläden, pralles Nachtleben, das volle Programm.

Die Götter sind uns wohlgesonnen, dachten die Einheimischen, opferten weiter fleissig an ihren Hausaltaren, und erfreuten sich am jährlichen Wachstum, das ihr Dorf zu einem prosperierenden Flecken werden liess. Vorbei die guten Zeiten. Seit dem 12. Oktober 2002, dem Tag, an dem zwei verheerende Bomben in den balinesischen Diskos Paddy's Cafe und Sari Club über 200 Menschenleben auslöschten, ist Candi Dasa auf dem Weg zurück zum Fischerdorf. Die Auslegerboot haben statt Taucher und Ausflügler wieder Netze und Langleinen an Bord. Die Ausbeute auf See ist allerdings so gering wie der Umsatz der Tourismusbranche vor Ort - die Dorfstrasse liegt verlassen da, die Hotels stehen leer, keine Gäste in Sicht.

"Es ist eine Katastrophe", sagt Made Waring Putra, der im Puri Bagus Hotel an der Rezeption arbeitet, "in den ersten Dezemberwochen haben wir in Candi Dasa sonst Belegraten von rund siebzig Prozent. Jetzt liegen wir bei rund fünfzehn Prozent." Fünfzehn Prozent auf einer Insel, auf der fast 80 Prozent des Einkommens vom Tourismus generiert wird und 40 Prozent der Bevölkerung von der Branche abhängig sind. Mit fünfzehn Prozent, das muss man sich klarmachen, ist die balinesische Wirtschaft de facto kollabiert.

Schnelle Besserung ist kaum abzusehen: Der Anschlag hat Reiseveranstalter wie Fernreisende tiefgehend verunsichert. Das Vertrauen in die Sicherheit in Südostasien allgemein und auf der "Insel des Lächelns" im Speziellen ist erschüttert. Nach Reisewarnungen in weltweit 17 Ländern und direkten Aufforderungen, Indonesien zu meiden, hat es seit Mitte Oktober keine nennenswerten Neubuchungen, sondern nur noch Stornierungen gegeben." Bali Pauschal" ist vor Weihnachten bei den grossen Reisediscountern aus den Katalogen gestrichen und im Internet bei den Last-Minute-Anbietern schwer verkäuflich.

Nicht nur in Kuta, wo die Bomben hochgingen, im Künstlerzentrum Ubud oder in Candi Dasa, sondern auch in Nusa Dua, wo die grossen Hotels nebeneinander am Strand stehen und alle Reiseveranstalter dieser Welt ihre amerikanischen, japanischen, australischen und europäischen Pauschaltouristen unterbringen, hat die Krise voll durchgeschlagen. Die Liegen an den Pools sind verwaist. Restaurants sind gähnend leer, jeder Gast wird fürstlich begrüsst und ist von dienstbaren Geistern umringt.

Im Sheraton Laguna, sagt uns der PR-Manager, sei die Lage im Vergleich zur Konkurrenz noch erträglich. Man halte sich mit speziellen Packages über Wasser und habe neben Wochenendausflüglern aus Jakarta überraschend viel Russen im Anmarsch. Aber auch er gibt zu: "Lange können wir das nicht durchhalten, kein Resort kann auf Dauer überleben,wenn vier Fünftel des Umsatzes wegbricht."

Man redet über Entlassungen, ok, nicht heute, und nicht in absehbarer Zeit, aber wenn sich die Lage in sechs Monaten nicht halbwegs stabiliert haben sollte, droht vielen kleineren Betrieben das Aus; Schätzungen gehen davon aus, dass die zwei Bomben direkt und indirekt rund 700.000Arbeitsplätze kosten werden. Manchen Beobachter befürchten bereits kommende Unruhen, denn die Auswirkungen der Detonationen in den touristischen Randzonen pflanzen sich schockwellenartig ins Inselinnnere fort.

"Mister, please, have massage, please..." Wayan Mitra, die am Strand von Kuta massiert und Früchte verkauft, ist ein typischer Fall. Normalerweise verdient sie um die 70.000 Rupiah knapp 8 Euro ˆpro Tag; heute kann sie ihre Familie in einem Bergdorf nördlich vom Inselzentrum Ubud kaum noch ernähren. Alle sind betroffen wie sie: Ihre Nachbarfamilie hat plötzlich viele Abnehmer für das biologisch angebaute Gemüse verloren. In den Dörfern um Ubud sind Dutzende von Schnitzern und Silberschmieden ansässig; plötzlich bleiben die Reisebusse aus. Überall spielen sich kleine Tragödien ab: Hier wird eine Hochzeit verschoben, da ein Neubau gestoppt, dort ein Kind von der Schule genommen, weil das Schulgeld fehlt.

Auch an der Internationalen Schule in der Inselhauptstadt Denpasar, wo Jugendliche und eine gestorbene Lehrerin betrauert werden, die bei dem Anschlag ums Leben kamen, sind die Auswirkungen einschneidend. "In manchen Klassen sind plötzlich 30 Prozent weniger Schüler. Viele Eltern, die es sich leisten können, haben ihre Kids auf Internate in Australien oder in Singapore geschickt; andere sind mit Kind und Kegel ausgereist", sagt der Engländer Mark, der einen Sohn und eine Tochter auf der Schule hat. Viele der älteren Schüler waren Stammgäste in Paddy's Cafe, auch sein eigener Sohn war Samstagsagends manchmal dort. "Nein, wir bleiben hier, jetzt erst recht" sagt er fast trotzig.

Diese Haltung, und der Wille, die schlechten Zeiten durchzustehen, ist bei vielen Westlern, aber auch die meisten Balinesen zu spüren. Die Versuche, dem dramatischen Niedergang entgegen zu steuern, haben schon wenige Tage nach dem ersten Schock begonnen. Nach den gemeinsamen Gebeten, den hinduistischen Prozessionen, und den rituellen Reinigungen greifen nun die ersten Versuch, die Besucherzahlen wieder auf das alte Niveau zu hieven.

Der Vorsitzende der balinesischen Handelskammer I Gde Wiratha, ihm gehörte auch das zerstörte Paddy's Cafe, hat mit anderen Gastronomen eine Initiative gestartet, die vor wenigen Tagen mit ersten Veranstaltungen an die Öffentlichkeit gegangen ist. "Was wir brauchen, sind Durchhaltevermögen und ein Bündel von internationalen Events, Wettbewerben, Konferenzen sowie Kunst- und Kulturveranstaltungen, die potentiellen Gästen signalisiert Bali ist sicher und lässt sich so schnell nicht unterkriegen," sagt Wiratha.

Den langen Atem wird Wiratha – und Bali überhaupt – dringend brauchen: Erfahrungen mit ähnlichen Situationen wie die Anschläge auf Touristen in Ägypten zeigen, dass sich touristische Ziele nach solchen Desastern frühestens nach etwas 12 Monaten wieder erholen.

Wie viele Balinesen bis dahin ihre Arbeit und ihr Lächeln verloren haben, wer weiss. Die Angst grassiert, dene Etwas schwebt wie eine Giftwolke in der Luft: ein weiterer Anschlag. Das wäre das Ende, glauben viele.

Legian, Mitte Dezember 2002

© Jochen Vorfelder



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26 September 2005

Lido: genug der Kunst, auf nach Italien

Nach zwei Tagen Biennale tritt bei mir doch eine gewisse Kunst-Müdigkeit zu Tage - und oft ist ja ohnehin diejenige Kunst die beste, die man nicht sieht oder die gar nicht statt findet: Aktuelles Beispiel ist Gregor Schneiders Projekt "Cube, Venice 2005". Der Deutsche, der noch 2001 mit einem gewagten Gesamtumbau des deutschen Pavillons einen Goldenen Löwen gewonnen hatte, plante mit Kuratorin Rosa Martinez einen Riesenquader auf dem Markusplatz - ein schwarz verhangenes 15 Meter hohes und breites Metallgerüst.

Also den symbolischen Nachbau der Kaaba in Mekka - darf man so provozieren? Den Moslems in Zeiten der Unruhe ihr Allerheiligstes entreißen und den amerikanischen Touristen zum Fraß vorwerfen? Wer hielte es für eine Kunstaktion, wenn in Islamabad oder Bagdad tote Schweine ans Kreuz genagelt würden? Die Stadtverwaltung von Venedig ging der öffentlichen Diskussion aus dem Wege; das Projekt wurde wegen formaler bautechnischer Gründe gestoppt.

Doch wie gesagt: Kunst macht müde, und für den müden Geist hat Venedig seinen Lido. Rasch mit der Fähre rüber, die Hauptstraße mit den Eiscafes liegt einladend unter den Koniferen, und schon ist man eingetaucht in eine Welt aus Müsiggang und Jugendstil, in ein Ambiente aus verblasster Eleganz und Dolce Vita am Strand.

Überhaupt der Strand - nirgendwo an der Adria schlägt die Dekadenz solche Kapriolen wie im alterwürdigen Strand-Hotel Des Bains, wo sich der Preis für die Umkleidepavillons mit gestärktem Laken auf der Liege mal locker bei 125 Euro pro Tag eingepegelt hat. Das muß heute nicht sein; hundert Meter weiter ist der öffentliche Strand, da kosten zwei Liegen mit Sonnenschirm 12 Euro, und der Sonnenbrand ist der gleiche.

Zudem hält die öffentliche Badeanstalt von Lido mit dem verblichenen Waschbeton, den schmiedeeisernen Gittern und den gewagt geschwungenen Wandelgängen, deren Stufen im sandigen Nichts enden, die Tradition der 60er Jahre hoch. Ach, was waren das für Zeiten, als Gina Lollobrigida im Damensitz auf dem Roller von Rock Hudson verbeibrauste.

Aber auch heute noch strahlt diese Stätte trotz der schreienden Bambini eine unglaublich stilvolle Langsamkeit aus, die einen augenblicklich entweder in einen erholsamen Urlaubs-Schlaf (Vorsicht, Sonnenbrand!) fallen läßt oder dem kunstfertigen Touristen ein wunderbar doofes Honigkuchenpferdgrinsen ins Gesicht treibt.

Am Lido darf man sein, wie man ist und wie man will. Keine hohe Kunst mehr, hier gibts Pommes an der Bude und Gelati satt, hier ist das kleine Venedig wieder das große Italien. Das ganz große. Wir kommen wieder.

© Jochen Vorfelder

22 September 2005

Biennale - Leistungsschau des operativen Kunstschaffens

Da können sich die Venezianer noch so bitterlich über den Feldherren und Fahrensmann Napoleon Bonaparte beklagen, dass er sie 1797 niederkartäschen ließ und sie in ihren hochfahrenden Stolz verletzt hat, doch eins wird dem Franzosen immer zu Gute gehalten: Ohne ihn und sein Edikt, den Holzeinschlag in den vom ihm verfügten Gartenanlagen einzustellen, gäbe es in der gesamten Lagunen-Stadt keine ausgedehnte Grünfläche mehr.

So müßte man heute auf die Spaziergänge in den "Giardini", den wunderbaren Gärten, verzichten, in denen seit 1903 die Kunst-Biennale stattfindet. Deren Konzept hat sich grundsätzlich seit der ersten Ausstellungssaison nicht verändert: Man hat alte und neue Gartenpavillions und Konzertsäle in Begegnungstätten der Avangarde verwandelt und stellt mehr oder weniger erfolgreich - und vom einen oder anderen Eklat begleitet - zeitgenössige Kunst in den Länderpavillions und Übersichtsschauen aus.

Dieses Jahr ging's ohne den wirklich großen Skandal ab; zu dem kleinen kommen wir gleich. Dafür gab's zu ersten Mal zwei weibliche Kuratorinnen: Maria de Corral und Rosa Martinez zeichnen für "Experience of Art" (Corral, in den Giardini, eine Retrospektive der jüngeren Moderne) und für "Always a little futher" (Martinez, Video-Schwerpunkte, eher Avangarde) in den nahegelegenen Räumen des historischen Arsenals verantwortlich. Zusätzlich gab es 73 Länderbeiträge in eigenen Pavillions oder in Ausstellungsstätten über die Stadt verstreut.

Obwohl die diesjährige Biennale noch bis 6. November zu sehen ist, sind die Preisträger schon gekürt: Der Düsseldorfer Bildhauer und Grafiker Thomas Schütte wurde schon zum Auftakt im Juni mit dem Preis für den besten Künstler ausgezeichnet. Seine großen architektonischen Skulpturen und Frauernkörper stehen im Garten vor dem italienischen Pavillion: "Expressiv, kubistisch, klassisch, archaisch: All diese Definitionen der Kunstgeschichte öffnen und vermischen sich unter einem formalen Gesichtspunkt", salbadert der offizielle Ausstellungs-katalog.

Schüttes Erfolg ging nun allerdings etwas unter in der partiellen Errregung über die Auszeichnung für den besten Nachwuchskünstler unter 35 Jahre: Regina José Galindo aus Guatemala erhielt diesen Preis für ihre überaus kontroversen und provokanten Video-Performances, in der neben einer öffentlichen Gesamtkörperrasur auch gezeigt wird, wie sich die Künstlerin ihr Jungfernhäutchen operativ wiederherstellen lässt. «Sie benutzt ihre individuellen Emotionen als artistische Quelle», heißt es über ihr Werk. Aha.

Mein persönlichen Gewinner der beiden Tage - die man definitv braucht, um sich gemächlich durch Gärten und Arsenal zu sehen - waren andere.

Kommen wir zunächst zum Sonderpreis für architektonischen Größenwahn: Wer sich bis zum österreichischen Beitrag durchgearbeitet hatte, wurde nicht wie in den früheren Jahren von einem filigranen, offenen Hoffmann-Bau mit seinen lichten Glasflächen empfangen.

Nein, an der gleichen Stelle erhebt sich nun massiven Bau aus Holz, Spanplatte und Dachpappe: Der Wiener Hans Schabus hat mit dem künstlichen Fels, der erst nach einem klaustrophobischen Aufstieg den erlösenden Blick durch eine minimalistische Dachluke zuläßt, "eine physische und psychische Neudimensionierung des Raumes" und eine "kritische Analyse des Ortes" geschaffen. Klaro, aber für mich war's eher das Abbild einer offen gelegten österreichischen Volksseele - eine düstere, bedrohlich dräuende Alpenfestung.

Und nun zum Hauptpreis: Applaus, Signore e Signori, für das unschlagbare englische Duo Gilbert & George, die aus den Untiefen ihrer offensichtlich unerschöpflichen Schaffenskraft die "Ginko Pictures" gezaubert haben. Selten so was Buntes und Schrilles gesehen. Geil.

Schade für all die, die es diesmal nicht nach Venedig geschafft haben. Aber noch ist ja noch Zeit - bis 6. November sind die Pavillons und das Arsenal noch offen; Hlx fliegt ab 99 Euro hin und zurück.

© Jochen Vorfelder

19 September 2005

Venedig - runter vom Trampelpfad

Venedig ist klein. Sehr klein sogar. Wenn man drei Tage - so wie wir - im Labyrinth der Gassen unterwegs war, trifft man fast jeden wieder.

Hey, war das nicht der Gondoliere, der uns gestern abgezockt hat? Und das nicht der dritte Laden, der Stanley Kubrick und Tom Cruise "exklusiv" mit Ledermasken für "Eyes Wide Shut" beliefert hat? Wow, das sind doch schon wieder die amerikanischen Kreuzfahrer von Bord der "Carneval Liberty", die eben über die Piazza San Marco hergefallen sind!

Die wichtigste Regel, um den Wahnsinn hinter sich zu lassen und Venedig zu geniessen, lautet also: runter von den Trampelpfaden, die in diesen steinigen Irrgarten geschlagen wurden.

Beispiel Rialto-Brücke. Wer sich von den Massen vom Markusplatz nach San Polo hat schieben lassen, sollte tunlichst direkt nach der Brücke nach rechts in die Erbaria abbiegen - die Gegend um den Gemüsemarkt. Ein Stadtviertel, in dem die Venezianer noch unter sich sind.

Mit Blick auf den Canale Grande - grandios vor allem die Farbspiele auf den alten Wasserpalästen beim Sonnenuntergang - und einem Gläschen Wein in der Hand stellt man fest: So hab ich mir's vorgestellt. Daß der Radio im Hintergrund dudelt, und die Stehbars wie die "Bancogiro" und das "Naranzeria" kleine Häppchen auf die Hand servieren. Für den größeren Hunger gibt es auch Tische schön im Schatten.

Endlich angekommen.

© Jochen Vorfelder

13 September 2005

1996: "Free Billy, das Urzeitkrebschen!"

Greenpeace Deutschland feiert diesen Monat seinen 25. Geburtstag.

Aus diesem Anlaß mal wieder in den Archiven gekramt und einen alten Artikel gefunden, den ich heute vor neun Jahren zum 25. Jahrestag von Greenpeace International online gestellt habe.

Free Billy, das Urzeitkrebschen!

Greenpeace hat Geburtstag - die Zeit der Feiern und Gratulanten, die Stunde der Analysen und Orakel, die Gelegenheit für Dissidenten und Kritikaster ist gekommen. Von VIVA bis Hessischer Rundfunk, von ZEIT bis Schwarzwälder Bote - es wird ein Greenpeace-Abend, eine Jubiläumswoche werden: mehr oder weniger bunt, da fairer, dort schlauer.

Hat diese Organisation eine Zukunft, welche Fehler wurden gemacht, welche Kampagnen sind wie erfolgreich? Was ist eigentlich Erfolg? Alle diese Fragen werden durchdekliniert und alleinseligmachende Antworten fein gedrechselt.

Inzwischen geht hinter den Kulissen, unbeachtet von den Medien und ohne spektakuläre Konfrontation, in über 30 Büros weltweit die normale Arbeit weiter. Denn: In der Regel macht sich Greenpeace die Hosen nicht im Schlauchboot naß, sondern kümmert sich um die alltäglichen Dinge des Lebens. Und muß auch da manchmal vor der Tücke des Sujets kapitulieren.

Diese Woche, in der Telefonzentrale des deutschen Büros: Eine besorgte Mutter ist am Apparat. Ihr Sohn, neun Jahre, hat Ausgabe Nr. 36 von "Micky Maus" mit nach Hause gebracht und damit eine mittlere Katastrophe heraufbeschworen. Dem Heftchen war ein Beutel mit "Urzeit-Krebschen in Perlenform" beigepackt, die nun nach der Aussetzung in einem Marmeladenglas nicht nur im Wasser wimmeln, sondern sich explosionsartig vermehren.

Das wirft ebenso explosionsartig bange Eltern-Fragen auf: Wo soll das hinführen? Kann man geborenes Leben bei steigendem kindlichem Desinteresse einfach in die Toilette spülen? Was geschieht dort mit den Tierchen?

Die Micky Maus-Auflage liegt bei über einer Million Exemplaren. Steht uns bei über einer Million Toilettenspülungen zwecks Entsorgung von Milliarden Urzeitkrebschen eine ökologische Katastrophe ins Haus? War die Beipack-Aktion zum Amüsement der Kleinen gar ein Eingriff in die Natur?

Greenpeace, hilf.

Was tun? Nach einer Viertelstunde Ferngespräch einigt man sich darauf, daß es zwei Lösungsansätze gibt: Wer in der Nähe der Nord- oder Ostsee wohnt, kann die wogende Masse am Strand einer artgerechten Existenz zuführen und das Marmeladenglas recyclen. Für Süddeutsche bleibt nur der Anruf beim Verlag, mit dem es über eine Rücknahme zu verhandeln gilt.

Eine neue Kampagne, wie damals bei Free Willy, sollte man allerdings nicht starten. Da sind sich Mutter und Telefonzentrale einig.

Schönen Dank auch, daß Sie sich Zeit für mich genommen haben.

Aufwiederhören.

Ja, Greenpeace hat 25. Geburtstag. Ist es nicht schön, daß manche Leute nicht erwachsen werden wollen und nicht alle Herzen aus Stein sind?

Siehe auch: die alte Website von Greenpeace Deutschland zum 25. Geburtstag von GPI am 13. September 1996

© Jochen Vorfelder

09 September 2005

Update: Hunter S. Thompson

Kaum haben wir den notorischen Hunter S. Thompson und seinen Hang zum Verfertigen von Motorrad-Reportagen unter Drogeneinfluß im Beitrag "The Bikeriders" erwähnt, taucht ein Abschiedsbrief des Selbstmörders auf.

Es gibt da wohl keinen Zusammenhang, aber "ein großen deutsches Nachrichtenmagazin" berichtet online darüber. Hier der SPIEGEL-Beitrag.

© Jochen Vorfelder

29 August 2005

Ein Abend mit kessen Sprüchen und flotten Bienen

Alles begann damit, daß die Klassenlehrerin der Moskauer Schule "712" den Eltern des jungen Wladimir den Erwerb eines Klaviers empfahl. Dann passierten viele mysteriöse Dinge in einer Russendisko zwischen durch und als den bisherigen Höhepunkt der Geschichte kann man durchaus den 25. August dieses Jahres erachten. Was geschah an diesem Donnerstag?

An diesem lauschigen Sommerabend versammelten sich auf Berlins Eventmeile "Unter den Linden" eine repräsentative Mischpoke der Schönen und Schlauen unserer Hauptstadt im ehemaligen Quartier der Berliner Stadtkommandanten - heute die gemeinsame Repräsentanz der Bertelsmann AG und der Bertelsmann Stiftung - und lauschten den Erzählungen einer russischen Plaudertasche.

Wladimir Kaminer, ein begnadeter russischer Schlawiner, Discjockey und Selbstvermarkter, stellte sein bisher letztes Werk, den DJ-Roman ""Karaoke", vor.

Das übliche Programm. Junge Damen mit leuchtenden Augen und schwarzen Hornbrillen himmelten, alte Literaten mit Schlips und Cordjacke neideten. Und Kaminer ging seiner Lieblingsbeschäftigung nach - der ausschweifenden Beantwortung existenzieller Fragen des Lebens:

Wieso funktioniert der Kassettenrekorder Romantiker 306, ein Wunderwerk sowjetischer Technologie gebaut aus Abfällen der Raketenindustrie, nur auf heimischem Territorium? Warum bekommt der kleine Wladi statt des Klaviers eine Sperrholzgitarre? Und wie tanzt man als Pinguin »Die Eroberung des Nordpols« im Volksballett-Kollektiv?

Nach rund einer Stunde Lesung, dem anschließenden lustigen Fragen-Anwort-Spiel und dem opulenten Buffet waren wir schlauer: Gott ist ein DJ. Die Details lesen wir im Buch. Und Lachsröllchen passen hervorragend zu gefüllten Nudeln und kaltem Chardonnay.

PS: Für Freunde des gehobenen deutschen Liedguts (Ja, für so etwas haben wir heutzutage einen Russen...) empfehlen wir Wladimir Kaminers Adaption von "Biene Maja".

© Jochen Vorfelder

17 August 2005

Die Wirklichkeit - besser als Werner Herzog

Da sitzt man nun am Gardasee im schönen Garten von Gabriele d'Annunzio und kommt zur folgenden Erkenntnis: Jeder Künstler trifft irgendwann zwangsläufig seine Nemesis.

Doch von vorne: Der französische Maler Jean-Louis-Ernest Meissonier, ein Meister von Pinsel und Palette und berühmt für historisches Schlachtengetümmel, wurde nicht nur in Ehren gehalten ob seiner ergreifenden Todesszenen, sondern auch wegen der naturgetreuen Wiedergabe von Pferden - und dabei vor allem ihres Galopps.

Im Jahr 1879 hatte Meister Meissonier in Paris schließlich die Gelegenheit, die Bilder eines gewissen Eadward Muybridge zu studieren. Der Mann aus dem fernen Kalifornien war ebenfalls ein Spezialist für Pferde; arbeitete allerdings mit einer völlig anderen Technik. Muybridge, später als Vater der modernen Fotografie gefeiert, war es 1872 als Erstem gelungen, mit extrem kurzen Verschlußzeiten seiner Kamera den Bewegungsablauf eines Galoppers in einzelne Schritte und Aufnahmen aufzuteilen.

Muybridge produzierte Bilder, die seine Zeitgenossen wie ein Droge in den Bann zogen; eine visuelle Revolution - auch für Meissonier: "Dreißig Jahre lang haben mich meine Augen getäuscht", erklärte er in schierer Verzweiflung, und erwog, nie mehr einen Pinsel anzufassen. So schlimm kam es nicht, aber der Franzose machte sich demütig daran, selbst an seinen berühmtesten Bildern die Fußstellung der gallopierenden Schlachtrösser zu korrigieren.

Mit ebenso halluzinierenden Aufnahmen hat der Regisseur Werner Herzog wiederum 1982 in seinem Werk Fitzcarraldo den Wahn des Opernliebhabers Fitzgerald (gespielt vom in Sachen Wahn auch höchst kompetenten Klaus Kinski) bebildert und die Geschichte erzählt, wie ein durchgeknallter weißer Pflanzer mit Hilfe von stoischen Indios einen Frachtdampfer durch den peruanischen Dschungel und über die Anden ziehen läßt.

Was bitte, mag sich der geneigte Leser fragen, haben nun Messonier und Muybridge mit Herzog und Kinski vor allem mit Gabriele d'Annunzios Garten am Gardasee zu tun?

Dieser Garten, ach, dieser Garten. wie er wuchert voll Grün und erblüht in italienischer Eleganz und Grandezza. Angesichts dieses Gartens würde der Visionen nicht gänzlich abholde deutsche Filmemacher seufzend in die Knie sinken und sein Haupt ebenso demütig senken wie weiland Meissonier, denn hier hat Herzog seinen persönlichen Muybridge und in Gestalt von Gabriele d'Annunzio seinen wahren Meister gefunden.

Denn besagter d'Annunzio, ein begnadeter Phantast, Hochstapler, Ehebrecher vor dem Herrn, Dandy und notorischer Querulant, hat eine monumentale Schiffsverschiebung schon im Jahr 1925, also fast fünfzig Jahre vor Herzog und Kinski, durchexerziert. Was die beiden Cineasten als Methapher für das "Scheitern des europäischen Tatmenschen in den Tropen" (Joseph Conrad) inszenierten, hat sich die multiple Persönlichkeit d'Annunzio, der sowohl als italienischer Heimatdichter, konservativer Parlamentarier und romantischer Nationalist in Erscheinung trat, zur Ehre der großen Italienischen Nation und in Realitas vor das Schlafzimmerfenster stellen lassen.

D'Annunzio's Versuch, mit dem Vittoriale das größte Freilichtmuseum der Welt zu errichtete, scheiterte kläglich an des Dichters Sprunghaftigkeit und permanenter Geldnot. Doch als er 1923 den ausgesetzten Kreuzer Puglia von der Italienischen Marine zum Geschenk erhielt, ließ er sich nicht lumpen und das Wrack von Landarbeitern auf einen Berggrat schleppen; mit dem Bug ausgerichtet hin zum Adriatischen Meer und hin zu dem zurückeroberten Dalmatien.

Erst 1955, siebzehn Jahre nach d'Annunzios Tod, wurde sein Mausoleum, ein weiteres Monument der Vittoriale-Anlage, vollendet; dort ruht der Faschist nun still über dem See in toskanischem und lombardischem Marmor.

Ach, wieder einmal hat die Realität doch das bessere Drehbuch geschrieben. Und wie gerne hätte man Klaus Kinski in der Rolle des in seinen Spätjahren heftig dilirierenden Gabriele d'Annunzio gesehen - und Werner Herzog in einer Nebenrolle: als Duce del Fascismo Benito Mussolini bei d'Annunzio's Beerdigung.

© Jochen Vorfelder

12 August 2005

Boxenstopp im Museumshop

Für Nordlichter mit quengelnden Kindern auf dem Rücksitz, Fahrer von Caravan-Gespannen und Urlauber mit ungebremstem Drang nach Süden bietet sich kurz vor der Schweizer Grenze ein idealer Boxenstopp zur Besinnung, Erholung und Abkühlung der familiären Betriebstemperatur an: das Vitra Design Museum in Weil am Rhein.

Nach einer eher unspektakulären Fahrt durch's Weiler Industriegebiet - Füttern Sie dort Ihren Nachwuchs noch kurz bei McDonalds ab und folgen Sie dann den braunen Hinweistafeln! - geht es weiter zum Produktionsitz des Schweizer Möbelfabrikanten Vitra: eine Firma, die hochwertiges Design und innovative Architektur zum zentralen Wert ihren Öffentlichkeitsarbeit gemacht hat.

Hat man sich erst einmal bei den Einheimischen durchgefragt ("Was suchet's se? D'Stuhlfabrigg?"), erreicht man eines der interessantesten zeitgenössischen Architekturensembles mit Fabrikationshallen von Frank O. Gehry (der mit dem Guggenheim-Bau in Bilbao), Alvaro Siza und Nicholas Grimshaw, der Feuerwehrstation von Zaha Hadid (heute Ort der Stuhlsammlung), einer geodätischen Kuppel von Buckminster Fuller und dem Konferenzpavillion von Tadao Ando.

Fahren Sie dort erst wieder vom Parkplatz, wenn Folgendes abgearbeitet ist:

1. Ein Rundgang im Museum, wo noch bis Januar 2006 eine Sonderausstellung "Il rumore del tempo" über das Werk von Gaetano Pesce, einer der international einflussreichsten Designern der letzten 40 Jahre, gezeigt wird.
2. Ein Eistee in der Cafeteria, bevor die Architektur-Führung beginnt.
3. Ein zweistündiger, aber kurzweiliger Gang mit Architekturvortrag über das gesamte Betriebsgelände, bei dem dem Besucher klar wird, daß der Begriff "Industrielandschaft" durchaus positive Assozationen wecken kann.
4. Ein Besuch im Museumshop, den er ist definitiv besser sortiert als Ihr Souvenirladen an der Costa Brava.
5. Die Toiletten. Sie kennen das doch: Kaum ist man auf der Autobahn, geht das Quengeln wieder los.

© Jochen Vorfelder

04 August 2005

Das Karussell von Colmar

Als sich Anfang der Neunziger Jahre Architekten von Euro-Disneyland auf die Suche nach passenden Blaupausen und Fassaden für das projektierte Fantasyland machten, wurden sie zügig fündig: in Colmar. Die Straßenzüge der Stadt im Herzen des Elsaß sind gesäumt mit den mittelalterlichen Stammhäusern und Residenzen von alteingesessenen Bourgeois.

Allesamt sind sie so kunstgerecht und zuckersüß restauriert, daß einem das Herz aufgeht in Anbetracht dieser heilen Welt und man hofft, ein Tor werde aufgestoßen und Aschenputtel flöhe barfuß durch die Hundertschaften der Touristen, die sich zu Urlaubszeiten durch die Fußgängerzone wälzen.

Auch der zentrale Place Rapp, benannt nach Napoleons's eisernen Frontgeneral Jeau Rapp, hält nicht wirklich das, was er oberflächlich vorgibt. Was mit den grauen Granitplatten und dem Springbrunnen wie ein moderne Version des Rapp'schen Exerzierfeldes wirkt, ist in Wahrheit das Dach eines versenkten Parkhauses für 1200 Fahrzeuge.

Nur an den südlichen Ausläufern des Place Rapp, unter den alten Kastanien, steht noch etwas Altes, das nicht vorgibt oder vortäuscht: das Kinderkarussell der Familie Roland Dieudonne. Gebaut vor über 100 Jahren, seit drei Generation in Familienbesitz, mit über 3000 Lampen, 50 Motivwagen und 30 Holzpferden, ruckelt und knarrt es um die eigene Achse, die sich mit einem kecken Wimpel obendrauf forsche elf Meter in den Himmel reckt.

Die Lautsprecher sind altersschwach; die Melodien auch. Da und dort blättert schon etwas die Farbe ab, doch die Augen der kleinen Madames strahlen vor Freude und die Wangen der zukünftigen Zinedine Zidanes mit den aktuellen Fußball-Trikots erröten vor Stolz beim Ritt auf dem Löwen.

Das Meisterwerk der Mechanik, bei dem zum Start noch ein schwerer Hebel umgelegt wird, betört unsere Herzen noch genauso wie vor einem Jahrhundert. Da fragt man sich spontan: Ob Euro-Disney in hundert Jahren wohl noch steht?

© Jochen Vorfelder

01 August 2005

Ratespiel: Ein Leben aus dem Koffer

Wer Ende des 18. Jahrhunderts als talentierter österreichische Autor publizistischen Erfolg erringen wollte, mußt nach Berlin. Auch unser traveller, geboren in Wien, kam 1908 in die Hauptstadt des Kaiserreiches und hospitierte zunächst beim Scherl-Verlag.

Doch erst als ihn der Assistent von Theodor Wolff, des legendären Chefredakteurs des Berliner Tageblatts, aufforderte, zukünftig "kleine Sachen" zu schreiben, kam seine bemerkenswerte Karriere in Fahrt.

Aus Gründen, die hier nicht näher erörtert werden sollen, schrieb er im Tageblatt ab 1909 nicht unter seinem richtigen Namen: Er zeichnete seine kurzen Lokalfeuilletons mit "Baptist" oder "Belial", bevor er dazu überging, einen Tiroler Bauernnamen als Pseudonym zu benutzen.

"A........ H........l" wird mit seinen kurzen Betrachtungen schnell eine Berliner Kultfigur: "Wer ist dieser A..... H.........l? fragte man sich alle Morgen, wenn man das Berliner Tageblatt aufschlug." Doch bald wurde es dem traveller in Berlin zu eng - und er muß Berlin ohnehin verlassen, weil der Erste Weltkrieg ihn nach Wien zurückzwang, wo er, so der Chronist Hermann Broch, einen "pazifistischen Kriegsberichterstatter" gab.

Ab 1923 verbringt traveller den größten Teil seines Lebens auf Reisen: London, Kalkutta, 1924 dann Ägypten, Palestina und der Amazonas, 1926 ein Ausflug über Kanada in die Südsee, Polynesien nach Neuseeland, und erstmal die USA und Hollywood. Bis 1933 folgen weitere Reisen in die Staaten, nach Schottland und schließlich die Teilnahme an einer Expedition in die libysche Wüste zusammen mit dem Fotografen Hans Casparius.

Alle seine Reisen kann traveller, der ein bemerkenswert präziser Beobachter ist, gut vermarkten: Er publiziert erfolgreich Bücher, weiter unter seinem Pseudonym, unter anderem das archivarisch hoch gehandelte "Die Mahdi-Trommel" und ein traumhaftes Werk über die Suche nach "Z............", einem verlorenen Archipel, das von seltenen Kleintieren bewohnt wird.

Nach travellers Reise nach Ägypten holte ihn die hässliche Realität in Berlin ein: Das liberale Tageblatt kündigt ihrem linksintellektuellen Mitarbeiter jüdischer Abstammung. Als der "Anschluß" Österreichs bevorsteht, steht er auf den Listen der Gestapo. Im Frühjahr 1838 gelingt traveller im letzten Moment die Flucht über die Tschechoslowakei und London in die USA. Seine letzte Reise: Im September 1939 stirbt er dort an einem Herzinfarkt.

Wer war da unterwegs?

Viel Spaß beim googlen.

© Jochen Vorfelder