Habe zum Abschluß des Jahres auf einer alten Harddisk gestöbert und einen länglichen, aber passenden Text für eine Lesestunde an den Feiertagen und zum Wegträumen aus der aktuellen Wetterlage gefunden. Also: statt Schneetreiben Badespaß. Summary unterm Strich: Wer an Thailands Westküste an Land bleibt und trocken Urlaub macht, dem ist nicht zu helfen.
In Hong Yai Bay. Es ist feuchtwarm, dunkel und tropft von der Decke. Moder zieht streng in die Nase. Fledermäuse pfeifen und flattern aufgeregt durch die Höhle. Mein linker Ellbogen schrammt an einer Kante mit messerscharfen Austern vorbei. Vor mir folgt Jarearn mit seinem Kanu elegant der Röhre, die durch den Berg mäandert. Ich stochere mit dem Paddel ungeschickt hinterher. Rechts schrapp, links schrapp; das Plastik ratscht den Fels entlang. Dann spuckt die gurgelnde Tidenströmung unsere beiden Boote unvermittelt aus dem Schlund; ruhiges Brackwasser und Sonnenstrahlen nehmen uns in Empfang.
Sechs weitere Boote sollen noch zu uns stoßen; wir warten. Ein stahlblauer Eisvogel schießt vorbei, während hoch oben ein Milan kreist. Unsichtbare Makaken streiten sich lauthals; ein Leguan trollt sich zischend hinter einen Fels. Jetzt ist die ganze Truppe da. Ralf, der Fotograf, kräuselt die Nasenflügel und raunt: „Riechen tut’s wie im Affenhaus der Wilhelma.“ Willkommen in den vergessenen Welten der Hongs.
„Leise müßt ihr sein, wenn wir paddeln. Am besten gar kein Wort, sonst verscheucht ihr alles. Auch die Magie“, hatte Jarearn Chanapon beim ersten Briefing gesagt. Wir waren, sieben zahlende Gäste und acht Thais als Besatzung, mit der Urida 1 zu einer dreitägigen Kanutour durch die Phang-Nga-Bucht aufgebrochen.
Erholung war uns versprochen worden, Abstand von der Hektik Phukets in einer überrragend schönen Landschaft. Gut. Aber Magie, hatten wir das richtig verstanden? „Richtig. Hong heißt auf Thai nur Raum, aber bedeuten tut es mehr“, hatte er in seiner ernsten Art zu erklären versucht, aber keine passenden englischen Worte gefunden. Erst als wir die Insel Koh Phanak erreicht und die erste dieser verborgenen Lagunen betreten hatten, war uns aufgegangen, was unser Tourleiter gemeint haben mochte.
Seitdem bewegen wir uns so andächtig wie beim Gang durch eine gothische Kathedrale. Auch in Hong Yai sind die Eindrücke überwältigend. Die Grotte, die das offene Wasser der Phang Nga Bay mit dem Inselinnern verbindet, ist zunächst eng wie ein Kamin, aber mündet in einen gewaltigen Hof. Eine natürliche Festung; Kalksteinwände und Karstkegel ragen wie mittelalterliche Burganlagen senkrecht in den Himmel. Aus jeder Spalte wuchert Regenwald en Miniature. Von den Galerien, die der Wechsel von Ebbe und Flut aus dem Kalkstein gewaschen hat, hängen Farne und Ranken, baumeln Lianen; Orchideen haben sich eingenistet. Auf den hohen Zinnen klammert sich Krüppelgewächs fest. Das Gestein altert, verwittert und schwitzt Metalle rostig aus. Aus der Distanz wirken die mächtigen Flanken wie Aquarelle; hingehauchte grüne Tupfer auf weiß, schwarz und rötlich schraffiertem Hintergrund. Farben huschen auch durch die Luft, Schmetterlinge führen und begleiten uns. Wenige Paddelschläge weiter öffnet sich der enge Raum und wir gleiten in ein weites Mangroven-Labyrinth.
„Früher wußten nur Seeräuber und Fischer, wie man hier reinkommt. Erst vor zwanzig Jahren wurden die Hongs für Touristen entdeckt“, erzählt Jarearn, als wir wieder an Bord der Urida 1 sind und gemächlich durch die Inselwelt tuckern. Jaruek Seekaew, die Köchin, und ihre Helfer haben wieder gezaubert und den Lunch auf dem Oberdeck aufgefahren: Suppe, gebratenen Fisch, mehrere süß-saure und scharfe Gänge, alles lecker, lecker, lecker.
Ein letzter Aspekt - die Sicherheit - ist nicht zu unterschätzen: Als vor 75 Millionen Jahren die Urkontinente kollidierten, wurden im heutigen Südthailand Bruchplatten tief aus dem Erdinnern an die Oberfläche geschoben. Angehoben und entblößt wurden dabei auch Teile eines gigantischen Korallenriffs, das sich von Malaysia bis Nordvietnam erstreckt hatte. Eiszeiten und die Schwankungen des Meeresspiegels haben seitdem am Stein genagt. Doch vor allem Regen, Strömung und Gezeiten haben aus den Massiven den weicheren Kalkstein ausgewaschen, Hohlräume geschaffen, Decken zum Einsturz gebracht und in den Inseln die bizarren Hong-Lagunen und Höhlen geschaffen. Manche der Tunnel sind so niedrig, daß sie nur liegend und für wenige Minuten zu befahren sind. Bei etwas zu hohem oder zu niedrigem Wasserstand ist die Verbindung schnell blockiert oder fällt trocken. Wer die Gezeiten nicht kennt oder die Hongs auf eigene Faust erkunden will, läuft Gefahr, gefangen zu werden. Kein Tour-Veranstalter mag es bestätigen, doch es soll schon Tote gegeben haben.
Den Abend verbringen wir nicht auf der Urida 1, sondern an Land. Die Crew hat auf Koh Hong Island Schlafzelte aufgestellt und ist nach dem opulenten Dinner an Bord mit an den Strand gepaddelt: Jarearn, der Chef, und Bay, der Spaßvogel, der mit jedem Kanuten in einer wilden Mischung aus Deutsch und Englisch radebrecht und beim obligatorischen Bad am Abend die tollsten Sprünge vom Oberdeck vollführt. Auch Jaruek ist mitgekommen. Die Köchin hat es sich mit Darrell Fun, einem der Passagiere, am Strand gemütlich gemacht und studiert im Schein der Taschenlampe die Englischvokabeln, die er geduldig in ihren Block malt. Fun, der mit dem akuraten Bürstenschnitt und der Goldrandbrille als junger Banker aus Tokyo durchgehen würde, stammt aus Chicago, Illinois. Er ist auf dem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Kunsan in Südkorea stationiert und für eine Woche nach Phuket geflogen, „um sich etwas Rest & Recreation zu gönnen“.
Ob das heute noch klappt? Das Mondlicht hat sich wie Zuckerwatte über den Strand gelegt. Jaruek streckt ihren Schwanenhals und ordnet mit anmutigen Handbewegungen die langen, seidenen Haare. Sie wirft dem schmachtenden Darrell ein Lächeln zu, das sie mindestens so geheimnisvoll wie unnahbar macht. Darrell seufzt ganz tief; die laue Nacht weckt romantische Gefühle.
Jarearn hat die emotionale Kundenbindung voll im Griff. Während auf vielen anderen Kanu-Booten ein Ausländer das Wort führt, hat keinen „Farang“-Guide an Bord das Sagen. Sowohl der 3-Tages-Trip als auch die Wochentour quer durch die Phang Nga Bay werden alleine von Thais gefahren. Darauf ist Jarearn stolz. Als er vor acht Jahren von der Ostküste nach Phuket kam, konnte er nur ein paar Brocken Englisch und hat als Kellner in einem Restaurant an der Straße gejobbt. Jetzt hat er die volle Verantwortung für ein tolles Team: „Wir sind fast immer die gleiche Crew. Halb Moslems, halb Buddhisten. Außer mir kommen alle hier aus der Gegend, Bay und Jeruek sogar von der gleichen Insel. Da spricht sich vieles ganz schnell rum, was an Bord so läuft und was nicht.“ Ja, Darrell, dumm gelaufen. No Fun heute Abend.
Der letzte Tag der Tour führt uns zurück zu den Hongs, die in Reichweite der Tagesausflügler liegen. Plötzlich ist wieder Betrieb auf dem Wasser; Fischer und Seezigeuner kreuzen unseren Kurs. Touristen sind mit Longboats unterwegs, die Motoren ohne Schalldämpfer knattern und bollern. Vor jeder der Inseln, die wir anfahren, liegen fünf oder sechs Schiffe, von jedem werden ein Dutzend Kanus zu Wasser gelassen. Die UNESCO, die Kulturbehörde der Vereinten Nationen, hat die 160 Inseln zwischen Phuket, Krabi und dem berühmten James-Bond-Felsen Kao Tapoo zum Weltnationalpark erklärt. Ausgerechnet hier jetzt ein Stau; Vorsicht, Gegenverkehr! Statt sechs drängen sechzig Kanus in die enge Spalten. „Das mit dem Nationalpark war gut, aber besser noch hätte man Einbahnstraßen eingerichtet“, bemerkt Jarearn in einem Anflug von Sarkasmus, als der Hafen Ao Po wieder in Sicht kommt. Sein Herz hängt an den Hongs und den Inseln: „Hoffentlich bleibt das hier so ruhig.“
In Patong. Rund zweieinhalb Millionen Besucher pro Jahr hinterlassen auf einer Insel, die knapp fünfzig mal fünfzehn Kilometer mißt, deutliche Spuren. Im Osten zwischen den Mangrovensümpfen liegen die geschäftige Metropole Phuket Town, die schlammigen Fähr- und Fischereihäfen und die namenlosen Bauernflecken, in denen die grellen Reklametafeln und seltenen Wegweiser allesamt noch in Nudelschrift gehalten sind. Dort sind die Thais weitgehend unter ihresgleichen und die Farangs seltene Fremdkörper.
An der Westküste dagegen, wo sich lange Buchten und feine Sandstrände zur smaragdgrünen Andaman-See hin öffnen, entsteht Urlaubsland pur. Dazu wird der Flughafen ausgebaut und die vierspurige Schnellstraße erweitert. Kurz vor der Brücke zum Festland soll ein siebter Golfplatz in der Nähe der neuen Marina entstehen. Derzeit stagniert der Bauboom zwar, und die ersten Stahlbetonruinen ragen wie Mahnmale empor. Doch mit den wirschaftlichen Schwierigkeiten, die Thailand plagen, wird der Phuket-Urlauber nicht behelligt. Im Gegenteil: Er darf sich über den sensationell billigen Baht freuen und genießen, was sein Touristen-Herz begehrt.
Am Surin, am Karon oder am Kata Beach läßt es sich aufs Vortrefflichste in der Sonne schmoren. Seit die lärmenden Jet-Skis wegen zu hoher Unfallrate verboten sind, geht es wieder ruhig und ganz beschaulich zu. Eisgekühlte Limonade und saftige Ananas - natürlich mundgerecht portioniert - werden angeliefert; das Personal und die Händler am Strand lesen jeden Wunsch von den Lippen ab. Ob Fünf-Sterne-Hotel oder Bambus-Bungalows, Nouvelle Cuisine oder mobiler Suppenstand - der Westen von Phuket wird jedem Geschmack gerecht.
Der ganz schlechte wird in Patong bedient. Dort werden - spätestens, wenn es Nacht wird - auf zwei Quadratkilometern alle Vorurteile bestätigt, die man gegen ausufernden Massentourimus hegen kann. Patong: billige Absteigen, stinkende Tuk-Tuk-Taxis, räudige Hunde, lärmende Lautsprecher, trunkene Freier. Menschenmasse quillt breiig durch enge Gassen und Arkaden, über Flaniermeilen und Gehsteige; Schaulustige und Schnäppchenjäger lassen sich ziellos wie Flaschenpost durch die Märkte, Kaufhallen und Ladenstraßen entlang der Uferpromenade treiben. Heerscharen von Bordstein-Händlern und Billigheimer, die in Ray Ban, Rolex, Calvin Klein oder Adidas machen, verramschen Fälschungen von allem, was einen Markennamen trägt: Kaufen Sie, denn sie sparen!
Wer gestreßt ist vom ewigen Feilschen mit dem Thai, findet in der Fremde gerne ein Stück Heimat und Geborgenheit. Deshalb heißen Kneipen in Patong „Zum Schlawiner“, „Schnitzelwirtin“ oder „Schaustellertreff“. Sie servieren „Sauerbraten wie bei Muttern!“ und schenken Paulaner-Weißbier aus. Solcherlei gestärkt, geht’s auf einen lustigen Abend in die Bars, die Massagesalons und die Puffs. Hat man eins der trostlosen Etablissement gesehen, kennt man sie alle: nackte Haut und saurer Schweiß. Im Fernsehen läuft über Satellit die Bundesliga. Im weiteren Programm folgen Singha-Bier und Mekong-Whiskey, dazu eine kleine, süße Thai-Maus im Schwitzkasten: „Schatzi, I love you so.“
Vor Railay Beach. Die Genua und das Groß haben wir geborgen; der Wind hat am Nachmittag bereits geschwächelt und ist dann unter Land völlig eingeschlafen. Jetzt läuft der Diesel an Bord der Big A und die siebzehn Meter lange Yacht tastet sich vorsichtig in die Bucht; es gibt einige Untiefen und an Steuerbord ragt eine verschorfte Kalksteinwand fast senkrecht aus dem Wasser. Zwei Freeclimber, bunte, sehnige Gestalten mit Talkum an den Fingern, hangeln sich einen Überhang entlang. „Jetzt fallenlassen!“ Die Kletterer ignorieren das Kommando Gott sei Dank; statt dessen rasselt mit Getöse die Ankerkette in die Tiefe. Knapp hundert Meter bis zum Strand; das Beiboot tanzt auf den sanften Wellen, die im letzten gleißenden Licht vor dem Sonnenuntergang brechen. Leises Gelächter von den Terrassen der Restaurants und Musikfetzen aus den Bars locken an Land: Ein Segeltag geht zu Ende.
Railay Beach liegt auf dem Festland, nur wenige Kilometer vom Touristenzentrum Krabi entfernt, doch abgeschieden auf einer unwegsamen Halbinsel. Das ehemalige Fischerdorf ist nur mit Longtail-Booten auf dem Seeweg zu erreichen. Deshalb wird es, obwohl die Dusit Thai-Hotelkette inzwischen ein Luxusresort angelegt hat, in Backpacker- und Kletterer-Kreisen noch als Geheimtip gehandelt. Die Bucht ist auch beliebter Ankergrund, wenn die Big A auf Charterfahrt ist. Denn der Skipper verbringt die Abende gern an Land: „Was soll I mi plagen? Besser als die Thais kann I net kochen, und billiger a net. Also fahr ma rüber mit’m Dinghi. Kommt, I geb euch eine Runde Bier aus.“
Käpt’n Horst Lakits, der Skipper der Big A, ist das, was man ohne Zögern ein Original nennen würde. Ein massiger Seebär und Graubart, mit verschmitzten Äuglein und mächtigen Pranken; jovial, um keinen Spruch verlegen. Mit achtzehn hat das Fernweh den Österreicher aufs Meer verschlagen; in Cuxhaven ging er auf seinen ersten Dampfer. „59 war’s, da hat die Nordsee noch eine richtige eigene Flotte g’habt, nicht nur Fischläden. Aber rentiert sich ja heuer nicht mehr“, schwelgt er in Erinnerungen. Seine Schwänke beweisen, daß Matrosen damals noch jung, blond und dumm sein mußten, und auch sonst alles noch in Ordnung war: „Saarbrücken hieß das Schiff, mit dem sind wir bis nach Grönland hoch auf den Rotbarsch und den Kabeljau. Mein Gott, bis zum kalten Arsch sind wir in den Fischen g’schtanden, wenn das Netz aufging.“
Heuer filetiert für die Nordsee nur noch Käpt’n Iglu. Lakits dagegen hat nach Jahren auf Tankerfahrt, einigen rentablen Unternehmungen in der Karibik und zwei Weltumsegelungen eine Thai-Ehefrau und Phuket-Touristen am Haken. Für hundert Dollar pro Tag und Koje geht er mit ihnen auf Große Fahrt und zeigt ihnen, wie „die Lappen in den Wind gehängt“ werden. Für seine geliebte Swan, die er vor zwanzig Jahren in Kiel-Schilksee für billig Geld von den Hinterbliebenen eines Fabrikanten gekauft hat, dauert die Saison in der Regel sechs Monate. „Im Sommer, von Juni bis Oktober, da gibt’s zuviel Regen, und die See ist zu rauh. Zuviel Dünung aus dem Indischen Ozean. Vom Süd-West-Monsun“, doziert Käpt’n Horst, macht nach Monsun eine bedeutungsschwangere Kunstpause, und bestellt dann noch eine Runde Bier.
Ihn persönlich kann kein Wetter mehr schrecken, doch die Charter-Kunden plagen sich nicht gerne unnötig. Sie segeln lieber von Dezember bis Mai; in diesen Monaten bringt der Nord-Ost-Monsun kurze Wellen, die nicht so schnell auf den Magen schlagen, und vor allem ablandige Winde. Die füllen die bunten Spinnaker, von denen Landeier träumen, und wehen mit drei bis sechs Beaufort das kleinste Regenwölkchen fort.
Lakits und das Dutzend anderer Farang-Skipper, die ihre Schiffe in der Bucht von Ao Chalong oder vor dem Phuket Yacht Club in Nai Harn liegen haben, können Chartergästen ein abwechslungsreiches Revier bieten. Bei zwei oder drei Segeltagen - das ist die Standardtour für die kurzentschlossenen Bucher vor Ort - bleiben sie in der Regel im Dreieck zwischen Chalong, Krabi und Phi Phi Island; ist das Schiff für längere Zeit unterwegs, werden auch Koh Racha Noi im Südwesten und Koh Lanta vor der Festlandküste im Südosten angefahren. Ab einer Woche - in diesen Fällen haben die Gäste meist schon von zu Hause aus gebucht - bieten sie auch Langtörns bis nach Pulau Langkawi in Malaysia an. Für alle Charter gilt: kein billiger Spaß, aber ruhige Ankerbuchten, sandige Badestellen und Korallenriffe zum Schnorcheln gibt es umsonst.
„Für Leute, die viel Zeit haben und lange Schläge lieben, können wir natürlich auch die Similan und Surin Islands machen“, sagt Lakits. Er selbst ist auf die Tour durch die offene Andaman-See nicht sonderlich erpicht: “Langweilig. Da fährst raus über Nacht, zuckelst hoch und runter und dann rüber an die Küste, und schleichst di mit raumem Wind wieder runter bis Patong.“ Und Patong hat er ohnehin gefressen, da mag er nicht ankern: „Ja meinst, mir macht das Spaß? Da mietet die Leut dein Segelschiff und hocken nur am Strand in den Bars. I muß sie besoffen wieder an Bord schaffen. Ja, Dankschön. Da bleib I lieber auf Phi Phi Island oder am Railay Beach.“
Am nächsten Morgen ist Lakits schon früh auf den Beinen. Bezahlte Crew, Deckhand oder Koch, hat er nicht an Bord; darum köchelt er den Kaffee selbst und brutzelt die Spiegeleier, bevor er die Maschine und die Ankerwinde anwirft. Kaum ist das Schiff aus der Bucht und auf Kurs nach Laem Promthep ganz im Süden von Phuket, frischt der Wind auf. „Auf geht’s, hoch mit dem Groß, und heute ohne Reff“, sagt Käpt’n Horst. Wir legen alle Hand an die Wischen, bis es in den Segeln knarrt. Dann bringt der Skipper die Big A hoch an den Wind und schwer auf Trab. Ihr weinroter Rumpf schneidet mit zehn Knoten durch die Wellen. Käpt’n Horst hat jetzt Blut geleckt, und zupft an einer Schot. Dann hangelt er am Handlauf entlang, weil ihm die Achterliekspannung des Vorsegels nicht optimal scheinen will. Das ist heuer Segeln nach seinem Geschmack, einer von den Momenten, in denen sein alter Funke wieder lodert und überspringt. Juhee, wo liegt Kap Horn?
Wenn der Wind richtig bläst, wird auf der Big A jeder Chartergast zum Leichtmatrosen. Auch Ingrid und Hermann, das Ehepaar aus Aalen, haben nach wenigen Tagen an Bord die ersten Handgriffe gelernt, und der Schwabe gerät ins Verzücken. Den Sportbootführerschein hat Hermann schon in der Tasche, und jetzt sammelt er die ersten Seemeilen. „Das wär schon was, so ein Schiff, das hätt ich gern im Mittelmeer liegen“, tagträumt er, nachdem ihn Lakits ans Steuer gelassen hat. Breitbeinig steht der neue Rudergänger im Cockpit. Verwegen zurrt er seine Schildkappe in die Stirn und grüßt gelassen die Touristen, die von der Schnellfähre nach Phi Phi Island herüberwinken. Ingrid gefällt’s auch, doch sie hebt nicht ab. Wohl auch, weil sie permanent die Tabletten gegen die vermaledeite Seekrankheit schluckt: „Am Schönsten ist es doch abends in der Bucht.“ Ja, da nickt spontan auch unser Käpt’n Horst.
In Phuket Town. Das Geschäft mit Rausch und Sex, das Thailand mit pickligen Junggesellen und übergewichtigen Endvierzigern überschwemmte, hat seinen Höhepunkt überschritten. Auch in Phuket werden keine neuen Bar-Konzessionen mehr vergeben. Die Insel hat sich statt dessen zu einem Mekka für Aktiv-Urlauber entwickelt. In der Inselmetropole Phuket Town hat sich eine selbstbewußte neue Zunft von Reise- und Tourveranstalter etabliert, die in dieser Form vor wenigen Jahren noch nicht vorstellbar gewesen wäre: Elefanten-Safari mit Abstecher zu den Cashew-Nuß-Sammlern, Regenwald-Trekking zum Wasserfall, Abseiling von den Klippen, Unterwasser-Gruppenwanderungen am Luftschlauch oder Mountain-Biking durch die Gummiplantage - der Phantasie und den Teilnehmerzahlen sind offenbar keine Grenzen gesetzt.
Den größten Zulauf haben allerdings immer noch die traditionellen Wassersportarten: Über sechzig große und kleine Tauchschulen, teilweise fast kleine Konzerne mit Büros an allen Stränden, bedienen den Unterwasser- und Liveaboard-Markt. Mindestens fünf seriöse Anbieter konkurrieren um die Kanufahrer. Auch die Segler, bisher eher noch eine kleine Gemeinde, kommen immer besser ins Geschäft; außer der Zahl der Tagescharterer steigt auch die Zahl der Freizeitkapitäne, die ein Schiff als alternatives Domizil zum Hotelzimmer ansehen. Phuket gleich aktiv - die Rechnung geht gut auf. Die meisten Urlauber reisen inzwischen an, weil die Insel weit mehr als Müßiggang und Patong bietet kann - und mit Abstand das Beste liegt auf und unter Wasser. Wer in Phuket Urlaub macht und dabei an Land bleibt, dem ist nicht zu helfen.
Bei Koh Bida Nai. „Auf geht’s! Macht’s euch fertig, in zehn Minuten will ich euch alle im Wasser haben!“ Charly Rothmann ist einer von vier Instruktoren an Bord der Choksomboon II. Das Tauchboot von Dive Asia dümpelt im kristallklaren Wasser zwischen den beiden winzigen Inselchen Koh Biba Nok und Bida Nai, eine handvoll Seemeilen südlich von Phi Phi Island. Charly, ein drahtiger, kettenrauchender Schweizer, hat gerade sechs Schützlinge für einen Tauchgang gebrieft: Jetzt zwängt sich seine Gruppe in ihre Neopren-Anzüge, schultert die silbernen Flaschen und spuckt entschlossen in die Brillen.
Die Choksomboon II gehört zu der Flotte aus etwa zwei Dutzend Schiffen, die Tag für Tag mit etwa dreihundert Tauchern an Bord zu den faszinierenden Korallenriffen im Osten und Süden von Phuket ausschwärmen. Sie steuern Tauchplätze bei Koh Raya Yai und Raja Noi oder südlich von Phi Phi Island; die beliebtesten heißen Shark Point oder Anemone Reef, und neuerdings auch King Cruiser, seit die vollbesetzte Fähre im Mai 1997 glücklicherweise ohne Opfer im Flachwasser gesunken ist. Oft drängen sich zwei, drei Boote an einer Muring, denn drei Tauchgänge pro Tag und Taucher sind normal. Charly schätzt, daß für die Tagesfahrten rund um Phuket pro Jahr mindestens 500.000 Tanks gefüllt werden.
Noch einmal eine viertel Million kommen an Bord der „liveaboards“ zusammen. Diese schwimmenden Tauchquartieren - angeboten werden Motorjachten, schnelle Segler und geräumige Trimarane - steuern in vier oder fünf Tagen, meist jedoch auf Wochen-Trips, die in der Andaman-See gelegenen Surin- und Similan-Inseln an. Seit 1997 werden auch die ersten Touren durch das Mergui-Archipel im Süden Burmas angeboten. Wer sich zu einer Liveaboard-Fahrt entschließt, bezahlt ein kleines Vermögen, aber kann zwischen jeglichem Luxus wählen und begegnet mit hoher Wahrscheinlichkeit den seltenen Walhaien und Mantas.
Diesmal sind 19 zahlende Gäste an Bord der Choksomboon II; meist Deutsche, doch auch ein Engländer, zwei Finnen und ein estländischen Paar aus Tallin. Die Dive-Guides haben alle Hände voll zu tun. „Ganz ruhig, Elisabeth. Rechte Hand auf Mundstück und Maske und großen Schritt nach vorne. Das klappt schon, kein Problem.“ Claudia Hocher, die wie Charly, der Berliner Gilbert und der Thai Porn eine Gruppe führt, hat außer rotblonden Haaren, azurblauen Augen und verschmitzten Mundwinkeln auch eine Engelsgeduld. „Festhalten, Elisabeth!“ Das Schiff kränkt und die Wellen schlagen gegen die Badeplattform. Aber schließlich landet Elisabeth doch im Wasser, wo ihr Buddy Helmut schon länger treibe.
Letzter Check, dann schlagen die Wellen über uns zusammen. Ringsum nur noch tiefes Blau und das Geräusch der eigenen Atmung. Erster Druckausgleich, noch 200 Bar Luft im Tank, Maske sitzt, alles ok. Ich kann auf mich selber aufpassen, doch Helmut und Elisabeth machen Claudia gut zu schaffen. Beide sind schon über sechzig, aber haben erst kürzlich in einem Salzburger Hallenbad den Tauchschein gemacht. Claudia hat alle Hände und Flossen voll zu tun, um sie auf gleicher Höhe zu halten: Helmut ist überbleit und sackt durch in Richtung Grund, während seine Partnerin mit zuviel Luft in der Tarierweste gen oben entschwebt.
Es wird noch eine Weile dauern, bis die beiden die Mysterien der Unterwasserwelt völlig entspannt genießen können: Sonnenstrahlen stochern in die bodenlose Tiefe, ein Schwarm Fledermausfische steht neugierig im Licht. Rote Anemonen wiegen sich in der leichten Strömung; zwischen Fächerkorallen und gewaltigen Gorgonien geben sich Süßlippen und Papageienfische ein Stelldichein. Zwischen den Korallenstöcken jagt ein starr blickender Zackenbarsch; ein nervöser Clownfisch verteidigt sein Weibchen und sein Revier. Je kleiner die Riffbewohner, desto farbenfreudiger: gelb-blau getupfte Nacktschnecken grasen auf dem Grund; gestreifte Blennnies und violette Gupies strecken den Kopf vorsichtig aus ihren Schlupflöchern. Luft gurgelt aus dem Ventil; wir lassen uns einige Meter tiefer sinken. Claudia gibt ihren beiden Schützlingen Handzeichen: „Hierher!“ Auf einem Felsvorsprung schlafen drei Leopardenhaie; alle mindestens eineinhalb Meter lang. Sie wirken wie startklare Abfangjäger auf dem Rollfeld, sind aber völlig harmlos und scheu. Die Tiere gehen auf Beutezug, wenn es Nacht wird unter Wasser. Wenige Flossenschläge weiter huscht ein junger Blaupunktrochen über den Sand. Wir lassen uns treiben; sehen, atmen ein, atmen aus. Atmen ein, atmen aus. Daß Leben so einfach sein kann, hat meditative Wirkung. Nach 40 Minuten sind nur noch 50 Bar in der Flasche; schade drum, Zeit für den Aufstieg.
Am Abend nach dem dritten Tauchgang sitzen wir in einem Restaurant auf Phi Phi Island; von der Crew sind Claudia und Gilbert mitgekommen. Auf der 2-Tage-Tour von Dive Asia ist dort, rund fünfundzwanzig Seemeilen südöstlich von Phuket Town, eine Übernachtung an Land vorgesehen. Das Dorf auf der Sandbank, die die Halbinseln Ko Nok und Ko Nai verbindet, platzt bald aus allen Nähten: Kneipen, Coffee-Shops, Bäckereien, Tauchbasen, Andenkenläden, drei große Hotels und zahllose Reihenbungalows - in dem ehemaligen Hippie-Treff und „Garten Eden“ wird das strandnahe Bauland knapp. Doch im Vergleich zum geschäftigen Phuket Town und Patong ist der Flecken immer noch ein idyllisches Paradies. Autos gibt es keine auf Phi Phi; Vorfahrt haben nur die marodierenden Hundebanden.
Unter Wasser ist die Welt ohnehin noch in Ordnung. „Och, das ist doch total nett mit den beiden, da hat man doch das Gefühl, gebraucht zu werden“, lacht Claudia, als ich sie auf den letzten, kritischen Tauchgang mit Elisabeth und Helmut anspreche. Sie ist noch mit voller Begeisterung bei der Sache, denn freischaffende Tauchlehrerin auf täglicher Abrufbereitschaft ist sie erst seit wenigen Wochen. Bisher hat die geborene Leipzigerin als Computer-Systemberaterin gearbeitet; in ihrem letzten Job in der Kundenhotline bei Microsoft mußte sie verzweifelte Anwender durch die Untiefen des Betriebssystems führen: „Du kannst mir glauben, wenn du das Elend von Windows-Nutzer erlebt hast, können dich Tauchanfänger nicht mehr schrecken. Also hab ich mir gedacht: Was kostet die Welt, und bin auf und davon nach Phuket.“
Jetzt hält sie Verbindung nach Hause per Laptop und E-Mail, aber träumt wie ihr Kollege Gilbert von Walhaien, Liveaboards und Burma. Auch Gilbert hat seinen Job in Deutschland geschmissen. Als Vertreter für Fertigtüren und -fenster den ostdeutschen Baumarkt abzugrasen, erschien ihm mit 24 Jahren nicht die spannendste Lebensperspektive: „Det kann et doch nicht jewesen sein“, berlinert er. „Da mach ich doch lieber rüber nach Burma und zieh meinen eigenen Tauchladen auf.“ Und wenn es nicht klappt? Gilbert zuckt mit den Schultern: „Weeste, besser als ein Winter inner Hauptstadt isset allemal.“
(c) Jochen Vorfelder