03 November 2006

Namibia IV: Wem gehört das weite Land?

Die Koiimasis-Farm in den Tiras-Bergen ist einer dieser einsamen Orte in Namibia, an denen man sich fragt, wie die Menschen überleben. Die nächsten Nachbarn sind fünfzig oder mehr Kilometer entfernt; die Kinder gehen mit sechs Jahren ins Internat nach Windhoek.

Die Itzkos aus Koimassis sehen ihr Mädchen und den Jungen in den Ferien und sonst alle sechs Wochen. "Wir sind seit fünf Generationen in der Gegend, und das war schon immer so", sagte Wulff Itzko stoisch, als wir auf seiner Veranda saßen und Bier tranken. "Einfach war das Leben hier noch nie."

Mit zwanzig ging er zum Militär, als Namibia noch in südafrikanischer Hand war, und die SWAPO, die von den Ovambos dominierte Befreiungbewegung, einen Guerillakrieg führte. Itzko war an der Grenze zu Angola stationiert, wo die heftigsten Kämpfe tobten. "Fast jeder Weiße und viele von den Schwarzen hatten damals ein Gewehr in der Hand. Ex-Soldaten findet man überall, aber selten welche, die über die Zeit reden", sagt er. Dann schweigt auch er.

Auch über die drohende Landreform wollen die wenigsten Farmer reden, obwohl sich seit der Unabhängigkeit 1990 nur wenig verändert hat und der politische Druck steigt: Rund 4000 zumeist weiße Familien besitzen über fünfzig Prozent des fruchtbaren Acker- und Weidelandes, während über eine Million schwarze Namibier mehr schlecht als recht durch "Community Farming" auf dem Rest der Fläche überleben müssen.

Aufgeschlossene Farmer wie Itzko sehen das Problem, das wie eine Zeitbombe tickt, doch weder sie noch die Regierung haben eine Patentlösung parat: "Die bisherigen Vorschläge waren alle Nullsummenspiele. Mal angenommen, alle unsere Farmflächen würden in 1000-Hektar-Parzellen aufgeteilt und an etwa 50.000 schwarze Familien vergeben werden - das wären genau die 50.000 Familien, die heute bei uns auf den Farmen Arbeit finden, und dann den Neusiedlern weichen müssten."

Doch die früheren radikalen SWAPO-Kader stellen heute die Regierung und die Landreform wird unter dem Druck der unzufriedenen Massen in den schwarzen Vororten von Windhoek kommen. Dennoch läßt sich Itzko nicht beirren. Er weiß, dass sich die Farmer in Richtung Kompromiss bewegen und neue Einkommen neben der flächenintensiven Viehwirtschaft finden müssen.

Das Zauberwort heißt für viele Tourismus; auch Itzko setzt auf diese Karte. Er investiert in neue Bungalows und hat trotz der unsicheren Zeiten - wie viele andere - keinen deutschen Pass in der Hinterhand: "Ich habe vielleicht deutsche Tugenden wie eine gewisse Dickköpfigkeit, aber ich bin Namibier."

Fortsetzung folgt.

© Jochen Vorfelder

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