07 November 2006

Namibia V: An den Ochsenpfaden

Die Bereitschaft zur Veränderung ist auch in Swakopmund zu spüren. In dem "südlichsten deutschen Seebad", in dem vor hundert Jahren noch kaiserliche Kriegsschiffe auf Reede lagen, ist von der alten und strengen Deutschtümelei kaum noch etwas zu spüren.

Es gibt den Karnevalsverein noch und die Traditionscafes, wo die blonden Bedienungen die berühmten Schwarzwälder Kirschtorten in gestärkten, blütenweissen Schürzen servieren.

Doch über der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Straße, die jetzt nach dem ersten Staatspräsidenten Namibias Sam Nujoma Avenue heisst, liegt inzwischen ein entspannten, mediteranen Flair. Die Zeiten der subtilen Apartheid sind zumindest in der Öffentlichkeit vorbei. Schwarz und Weiß bummelt ebenso ungezwungen wie die zahlreichen Touristen durch die "Swakopmunder Buchhandlung", die hippen Boutiquen, das "deutsche Antiquariat" und die modernen Shoppingcenter, die neben den architektonischen Überbleibseln der Kolonialzeit wie dem Kaidserlichen Bezirksgericht entstanden sind.

Swakop, wie die Einheimischen sagen, lebt auf und ist angesagt - nicht nur bei den Namibiern, die in den heißen Sommermonaten zwischen Dezember und März an die kühlere Küste strömen. Auch der eine oder andere Superstar hat die Küstengegend inzwischen entdeckt - rund 20 Kilometer südlich von Swakopmund liegt das (inzwischen) berühmte Langstrand, wo Angelina Jolie und Brad Pitt ihr Kind in die Welt gesetzt haben.

Nach Swakopmund und einer Stippvisite in Walvis Bay, dem wichtigsten Tiefseehafen des Landes, fuhren wir in den Süden und langsam über Helmeringhausen und Marienthal zurück in Richtung Windhoek.

Auf dem Weg dorthin rollten wir wieder langsam durch diese kargen, majestätischen Landschaften; die Scheiben des Pick-up hatten wir heruntergekurbelt, obwohl die Klimaanlage uns die Hitze erspart hätte. "Riechst du das?", fragte Christiane.

Ja, durch die offenen Fenster strömte der Geruch Namibias herein; ein ganz eigener, durchdringender Geruch in schneidend trockener Luft, mit allen blumigen Nuancen von silbernem Buschmanngras, das sich sanft im Wind wiegt. Der Geruch von verdampftem Regen auf heißem, aufgewirbeltem Staub und die schweren Ausdünstungen großer Rinderherden hingen in der Luft, durchmischt mit dem Urin keifender Pavian-Sippen, ängstlicher Straußenfamilien und flüchtender Springbock-Herden.

Es roch nach frischen Blüten und knorrigen Dornakazien, nach alten Lagerfeuern an historischen Ochsenpfaden, und nach dem Schweiß von großartigen Menschen, die in der Wüste ihr Glück gesucht, und der gewaltigen Natur eine Zukunft abgetrotzt hatten. Von ihnen haben wir in Namibia mehr als fünf getroffen.

Es folgt die Serie "Menschen in Namibia"

© Jochen Vorfelder

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